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"ANGSTESTOT"

BeitragVerfasst am: 14.09.2010, 08:23
Angstestod:
der; -, Ängste, Tod [Art zu sterben].Todesangst, Beklemmung, Bedrückung, [Tod aus der Angst heraus] ... Der Begriff des psychogenen Todes (Angstestot) beschreibt Vermutungen, wie der Tod aus der „Tätigkeit der Psyche heraus“ eintreten könnte. Der psychogene Tod soll etwa in Zusammenhang mit Voodoo als Folge von Verzauberung, Verfluchung, hetztender Verfolgung, schwarzer Magie oder Beten beobachtet worden sein. Fälle von „Angstestot“ sind bekannt aus der Tierwelt (Treib- und Hetzjagd). Das Eintreten des „Angstestot“ erfolgt wie im Wortlaut durch das Erleben von massiver Todesangst ohne sonstige körperliche Einwirkung.



Es war diese schwüle Sommernacht. Christopher hetzte durch das finstere Waldstück. Er rannte über dunkle Lichtungen, sprang über Schatten, welche er als Hindernisse vermutete. Als er kurz stehenblieb und nach vorne sah, lag der Wald finster, in tiefem Schwarz vor ihm. Der leichte Wind war kaum noch zu spüren, das Ächzen und Stöhnen blieb hinter ihm zurück. Er sah hinauf zu den Wipfeln, suchte verzweifelt nach einer Öffnung welche ein wenig Mondlicht durch die erstarrt gegen den wolkenlosen Himmel stehenden Bäume werfen könnte. Als sich sein Atem ein wenig beruhigte, umgab ihn eine beeindruckende Stille. Er war schon beinahe versucht, an sich zu zweifeln.

Doch dann hörte er es wieder. Es war hinter ihm, kam aus dem Dunkeln des Waldes auf ihn zu, mit unmenschlicher Geschwindigkeit. Und dann waren sie wieder da. Urplötzlich und gewaltig. Mit einem Schlag waren die Geräusche wieder da. Oh, wie grauenvoll diese Geräusche erschienen in ihrer plötzlichen Überlegenheit. Das Rauschen und Zirpen, das Wispern und Stöhnen. In allen Tiefen des finsteren Schwarz knackte und knisterte es. Aus allen Richtungen, vor ihm und hinter ihm zugleich. Er löste sich aus seiner Starre und stolperte weiter in die Schwärze vor ihm, weiter in die Richtung in welcher er seinen Wagen vermutete.
Sein Herzschlag betäubte ihm die Ohren, die Beine trieben mit aller Kraft Schritt um Schritt nach vorne. Die plötzliche Angst war übermächtig, die Furcht ließ ihn taumeln, dass er fast gefallen wäre. Es kam näher, mit mächtigen Schritten. Er spürte nicht die Äste, die wie kleine Peitschen gegen sein Gesicht schlugen, er schmeckte nicht das Blut, welches aus kleinen Wunden über seine Wangen lief.
Sein Hemd klebte nass an seiner Brust, irgendwo vor ihm glaubte er eine Lichtung zu erkennen. Die Hoffnung, den sicheren Wagen bald zu erreichen, ließ ihn einen schnellen Blick zurück werfen. Es war hinter ihm, und es war überall. Wie eine gewaltige Mauer aus schwarzem Nichts, mit rasender Geschwindigkeit bewegte es sich auf ihn zu. Die vielen Bäume und Äste konnten keinen Widerstand bieten, ächzten qualvoll auf, selbst dem Gehölz schien es Schmerzen zu bereiten, gnadenlos war es hinter ihm her.
Das Rauschen des plötzliche aufbegehrenden Windes, das plötzliche Schwanken der schweren Akazien, ein allgegenwärtiges Aufseufzen gleich einem Heer verlorener Seelen. Es verfolgte ihn, Anfangs schleichend, fast scheu, kaum hatte er es bemerkt. Doch je näher es kam, desto weniger Rücksicht nahm es, es musste darum wissen, längst erkannt worden zu sein. Es raste hinter ihm her wie eine Walze, wehe wer sich ihm in den Weg stellte. Es war nicht erkennbar, dennoch verschluckte es sogar die Finsternis hinter ihm. Schwärzer als die Nacht, dunkler als die dunkelste Gruft, ein kalter Hauch des Grauens begleitete es bei jedem Meter, den es hinter Christopher hinterherhetzte. Er konnte die eisige Kälte des Schauderns trotz der schweren, drückenden Schwüle der Nacht in seinem Nacken spüren. Seine Brust schmerzte, die Knie zitterten, fast konnte sich Christopher nicht mehr auf den Beinen halten. Die Angst trieb ihn weiter, schob ihn schneller nach vorne, immer wieder kratzten die Äste wie spitze Fingernägel an seiner Haut. Der Schweiß lief ihm über die Stirne, seine Augen brannten.
Dann stand es vor ihm. Wie aus dem Nichts, fast wäre er dagegen gerannt. Die Kühle des Blechs vermittelte eine trügerische Sicherheit. Zittrige Finger kramten nach dem Schlüssel. Die Geräusche hinter ihm kamen immer näher, er vermochte die Nähe des Grauens in seinem Nacken zu spüren. Es war wie eine Erlösung, fast schon sprang er ins Innere des Wagens, schlug die Türe hinter sich zu, als könne er das Schaudern aussperren. Eine fahrige, hastige Bewegung, ohne noch einmal einen Blick nach draußen zu werfen drückte er den Türknopf nach unten. Dann war es plötzlich still.
Christophers Herz raste, der Schmerz ließ ihn beinahe ohnmächtig werden. Instinktiv drückte er seinen erschöpften Körper nach unten in den Sitz. Jede Faser seines Körpers quälte ihn, selbst die zahlreichen kleinen Wunden an Gesicht und Händen waren plötzlich präsent.
Die Ruhe war unnatürlich, unheimlich, grausam. Die Stille umschlich das Auto, sein eigenes Atmen war wie das Dröhnen einer Sirene. Christopher zitterte am ganzen Körper. Es war keine Kraft mehr in ihm, die letzten Minuten hatten seinen Körper ausgebrannt. Verzweifelt versuchte er sein Atmen zu beruhigen, versuchte nach draußen zu horchen. Längst musste es am Fahrzeug angekommen sein, die vermeintliche Stille war trügerisch. Er spürte seine grausige Nähe, wie gerne hätte er all seinen Schmerz hinausgeschrien. Zusammengekauert drückte er seinen zitternden Körper aus dem Blickfeld der Wagenfenster. Die Pedale schmerzten an seinen Knien, er wagte es nicht, sich zu bewegen. Es war diese plötzliche Stille, welche versuchte ihm jede Hoffnung zu rauben. Diese Stille, es war so logisch, es war so unabwendbar.
Es musste so kommen! Plötzlich war es da! Es hatte seine Zuflucht erreicht, er konnte es spüren, gleichzeitig versuchte ihn seine Furcht zu erdrücken. Mit einer unvorstellbaren Wucht trat es voller Zorn gegen seinen Wagen. Das dumpfe Geräusch sich verbiegenden Blechs drückte ihn in seiner Angst weiter hinunter, fast verkroch er sich im Fußraum des Fahrzeuges. Der Wagen schaukelte, es war ein schwerer, zornerfüllter Tritt gewesen. Christopher spürte die Anwesenheit, wagte nicht mehr seinen Kopf zu heben. Sein rasendes Herz, den Pulsschlag konnte er an seinen Schläfen spüren, sein Kopf glühte vor Entsetzen und Angst.
Es hatte ihn eingeholt, es war ihm plötzlich klar, dass es umsonst gewesen war. Seit dem ersten Augenblick, seit dem ersten Schritt in diesen verfluchten Wald, es war plötzlich klar, dass er diese Nacht nicht überleben würde.



1 Kapitel ( 6 Stunden zuvor)


Das Gebimmel mochte nicht verstummen. Unbeirrbar zog es sich durch die unberührte Landschaft wie das Aufbegehren eines einsamen Totenglöckchens. Er wartete bereits schon mehrere Minuten, das monotone Geräusch begann langsam an seinen Nerven zu zehren. Der Motor seines Wagens tuckerte in gleichmäßigen Abständen auf und nieder, die Klimaanlage werkte wie ein Schwerarbeiter.
Ungeduldig begann Christopher mit den Fingern am Lenkrad herumzutrippeln. Er versuchte sich in einer Melodie, kam aber immer wieder aus dem Rhythmus. Verärgert klatschte er in die Hände.
„Typisch ungarisch!“ Langsam kam der bekannte Zorn wieder in ihm hoch.
Schon vor Jahren hatten sie hier in diesem Land ein Häuschen gekauft. Ungarn war ihnen bekannt als beliebtes Urlaubsziel, einige male waren sie schon hier gewesen und hatten eine schöne Zeit verbracht.
Schnell doch hatte sie die Erkenntnis ereilt, dass man ein Urlaubsland nicht zwangsläufig gleich bewerten sollte mit einem Land, in dem man sich sesshaft machen wollte. Es war eine schmerzvolle Erfahrung gewesen. Nicht für das körperliche, wohl eher für das finanzielle Schmerzempfinden.
Mit dem Umbau ihres schon ein wenig heruntergekommenen Anwesens hatten sie schnell erkannt, dass die Arbeitsmoral wie auch die Qualität der Dienstleistungen mit den bekannten Vorgaben wenig zu tun hatten. Es war eben alles ein wenig ungarisch!
Sofern man sich einmal damit abgefunden hatte, sobald man das System erkannt hatte, konnte man auch damit leben. Es begann bei einem selbst, die ersten Abschläge musste man als Einwanderer bei sich selbst machen.
Noch immer riss das endlose Gebimmel Löcher in die Stille der Natur. Christopher versuchte seinen aufwallenden Zorn hinunterzuschlucken. Es hatte keinen Sinn sich über derlei Kleinigkeiten zu ärgern. Es war eben so in diesem Land. Man mochte es nicht verstehen, doch die Bevölkerung selbst hatte sich bereits gewöhnt und lebte mit diesen kleinen Missgeschicken. Sein Blick richtete sich nach rechts, nur wenige hundert Meter konnte er das schmale Gleis nachverfolgen, irgendwo verschwand es im Dunkel des dichten Waldes. Auch auf der linken Seite bot sich ihm das gleiche Bild, weit und breit kein Zug zu erkennen. Der Breite der Gleisanlage nach konnte es sich hier höchstens um eine Schmalspurbahn eines Bummelzuges oder für den Gütertransport einer Fabrik handeln.
Aus Langeweile begann sich Christopher zu interessieren, wie wohl der geschlossene Schranken hier am Bahnübergang gesteuert wurde. Nervös und schon ein wenig ungeduldig blickte er hinunter auf seine Armbanduhr. Schon fast zehn Minuten stand er hier, wartete vor dem verschlossenen Schlagbaum. Nicht einmal annähernd zeichnete sich ab, dass hier in nächster Zeit ein Zug durchfahren könnte. Mit einer fahrigen Handbewegung drehte er den Zündschlüssel herum und stellte den Motor ab. Christopher betätigte den kleinen Hebel an der Seite, um die Seitenscheibe herunterzufahren. Die schwüle Hitze drängte sich augenblicklich ins Innere des Fahrzeuges.
Vielleicht fünfzig Meter hinter ihm hatte ein schwarzer Pickup angehalten. Christopher konnte sich erinnern, vor vielleicht einer viertel Stunde hatte er ihn auf der Strecke hierher überholt. Er hatte sich im Vorbeifahren noch über den Heckaufbau amüsiert. Keine Bordwände, keine Sicherungen, lediglich aus ein paar Holzbrettern hatte sich der Besitzer eine Ladefläche zusammengebastelt. Nicht die geringste Chance, in Österreich ein solches Fahrzeug genehmigt auf die Strasse zu bringen. Auch ein wenig seltsam war ihm das Fahrzeug vorher erschienen. Als wäre die schwarze Lackierung nicht genug, selbst die Scheiben waren derart dunkel getönt, dass man im Vorbeifahren keine Möglichkeit hatte ins Innere des Wagens zu sehen. Doch etwas anderes hatte beim Überholen seine Neugierde geweckt. War es das Auto eines Jägers? Oder hatte er einen Wilderer bei seinem üblen Treiben entdeckt? Es war eben erst wenige Minuten her, Christopher sah das Blut an den Brettern der Ladefläche noch vor sich, etwas dunkles, vielleicht das Fell eines Wildschweins, war mit einem Seil niedergehängt. Eine schmutzige Axt wie auch ein rostiges, riesiges Messer, lieblos in die Bretter gesteckt, bewegten sich im Takt der Strasse hin und her.
Doch so schnell wie ihm das mysteriöse Fahrzeug begegnet war, so schnell hatte er es auch wieder vergessen. Doch nun tuckerte der schwere Motor hinter ihm, die dunklen Scheiben warfen lediglich ein Spiegelbild zu Christopher zurück. Seltsam still war es hier, nur die Motoren der Fahrzeuge und das nervenaufreibende Bimmeln der Glocke waren zu vernehmen. Christopher lauschte aus dem offenen Seitenfenster.
Er wusste nicht was er sich erhofft hatte, es war weder das Geräusch eines sich nähernden Zuges zu vernehmen, noch hatte ihm die Natur irgendetwas anderes mitzuteilen. Als wolle sie sich demonstrativ am Versagen der Bahnlinie beteiligen, hielt sie sich mit ihren gewohnten Geräuschen zurück, dass es fast schon beklemmend wirkte. War es das nicht enden wollende Schellen der Bimmel am Bahnübergang, welches die Geräusche des Waldes verdrängte?
Kein Tier, kein Knacksen von Ästen, nicht einmal das leichte Seufzen des Windes konnte man vernehmen. Es war ungewöhnlich ruhig, als würde selbst der Wald auf das Ende des lästigen Glockengeläutes warten.
Christopher schloss seine Seitenscheibe und startete den Motor neu. Sofort begann die Klimaanlage wieder zu arbeiten, nach wenigen Sekunden schon konnte er wieder die kühle Luft an der Stirne spüren.
Ja, es war eine Lernphase gewesen. Erst nach dem Erreichen dieser Erkenntnis begann er sich wohl zu fühlen in diesem fremden Land. Nun vermochte er auch für sich selbst, dem hektischen Treiben des Alltags zu entfliehen und immer wieder für die wenigen Tage seiner Freizeit das Leben mit anderen Augen zu sehen. Es war eigentlich ein Leichtes, dennoch hatte ihm das Erkennen dieser Leichtigkeit viel Nerven und Geld gekostet. Oft nun machte er es sich am Abend vor dem kleinen Häuschen bequem und beobachtete das Treiben in der Nachbarschaft. Es waren allesamt fleißige Leute, diese Ungarn. Es war eben nur so, dass sich dieser Fleiß lediglich für die eigenen Belange interessierte, und selbst dies auch nur im unbedingt notwenigen Rahmen. Die liebevoll angelegten Gärten vor den Häuschen mochten über diesen Umstand nicht hinwegtäuschen. Hier nutzte man das pannonische Klima, man konnte alles bepflanzen. Gemüse und Obst wurde nicht gekauft, für diese Ersparnis nahm man gerne die Arbeit in Kauf. Der Sekundenzeiger auf seiner Uhr schien festzukleben, die Zeit verstrich so langsam, als würde sie am Augenblick festhalten. Christopher schüttelte mit sich selbst den Kopf und zwang sich ein gequältes Lächeln ins Gesicht. Missmutig öffnete er die Wagentüre und stieg ins Freie. Die schwüle Hitze umarmte ihn und schlich sich augenblicklich an jeden Teil seines Körpers. Sein Hemd war trotz des klimatisierten Fahrzeuges schon lange schweißnass und klebte unangenehm an seinem Rücken. Er schlenderte die wenigen Schritte nach vorne, am Bahnschranken blieb er stehen.
In der Ferne versuchte Christopher zu erspähen, ob sich nicht vielleicht doch von irgendwo ein Zug nähern wollte. Leicht stieg der Bahndamm nach beiden Seiten an, die Dichte des Waldes erlaubte keinen Blick bis zum Horizont. Schon nach wenigen hundert Metern schluckten die düsteren Schatten der Bäume jegliches Licht. Die für diese Gegend typischen Mischwälder mussten wohl ein Paradies für Wildschweine sein. Selbst der Blick ins Innere des Waldstückes wurde aufgesaugt im undurchdringlichen Spiel der Schatten. Anders als erwartet konnte man hier zwischen den einzelnen Bäumen kein Ende erkennen. Kein Lichtschein, kein Sonnenstrahl ließ eine Lichtung oder den Rand des Waldes erkennen. Es war seltsam. Die Dunkelheit im Inneren des Waldes schien selbst den Blick eines Neugierigen gierig einzusaugen. Zwanzig, vielleicht dreißig Meter gab er noch Konturen seiner Bäume bekannt, dann hüllte er sein Inneres in ein Versteck aus schwarzer, endloser Finsternis. Oft schon waren ihm diese dunklen Wälder begegnet. Sie begleiteten viele der Strassen im Landesinneren. In einem für Ungarn eigenen System grenzten die Wälder an den Landesstrassen immer mit einer Unterbrechung durch tiefe Gräben, welche das Regenwasser ableiten sollten. Nur wenige Überfahrten waren hergestellt. Nicht für schweres Gerät, die Holzwirtschaft hatte scheinbar noch nicht um diese Wälder gegriffen. Kleine Überfahrten waren es, oftmals aus Holzplanken, Betonträgern, Brettern.
Seine Geduld war bereits schwer geprüft, er stand hier vorne am Schlagbaum und verspürte wieder den Zorn aufwallen. Er blickte sich kurz um, immer noch waren sie zu zweit, der Fahrer aus dem Pickup machte sich nicht die Mühe auszusteigen. Der Schranken war aus Holz, die Farbe blätterte schon an vielen Stellen ab. Christopher witterte seine Chance, er versuchte die Absperrung anzuheben. Wenn es möglich gewesen wäre, er hätte keine Skrupel, den rot weis lackierten Holzträger auszuhängen.
Seine ganze Kraft legte er in den Versuch, doch lediglich ein gequältes Quietschen entlockte er der Sperranlage. Christopher versuchte den Mechanismus zu erkennen, welcher dieses Teil bewegte. Mutlos gab er es auf, ein undurchschaubares System an Umlenkrollen, Antriebswellen und Kettenritzeln bot sich dar, dick mit schwarzem Fett verhüllt, es war ihm nicht möglich, ein System zu erkennen.
„Bimmel, Bimmel!“ Selbst die Glocke konnte er nicht direkt erkennen, sie musste sich hinter einer Blechabdeckung befinden. Christopher begann die verbleibende Öffnung an der Fahrbahn abzuschreiten. Es war nicht sein Tag, es war zu schmal, um an der Seite vorbeizufahren. Verdammt, er war ohnehin schon viel zu spät. Schon das zweite Mal heute hatte ihm das ungarische Straßensystem einen Strich durch die Rechnung gemacht. Durch eine Umleitung musste er diesen ihm unbekannten Weg nehmen, er hatte keine Ahnung, wo er sich gerade befand. Am liebsten hätte er sich selbst geohrfeigt, nicht einmal eine Straßenkarte hatte er bei sich. Die letzten Häuser hatte er in einem kleinen Dorf mit unaussprechlichem Namen vor ungefähr einer Stunde hinter sich gelassen.
Unwirsch und mit neu aufwallendem Ärger trat er gegen den Schranken, er würde wohl oder übel umdrehen und einen neuen Weg suchen müssen. Fast schon verzweifelt versuchte er erneut, in der Ferne etwas zu erkennen. Nichts, nur das gleiche, düstere Bild bot sich ihm. Er erinnerte sich an seine Jugend und musste unweigerlich mit sich selbst grinsen. In irgendeinem der vielen Western, welche er als Kind stundenlang in sich hineingesaugt hatte, hatte es eine ähnliche Szene gegeben. Es war ein Apache, welcher die Idee hatte, das Ohr an das Gleis zu legen, um das Annähern des schnaubenden Dampfrosses vorauszuhören. Christopher konnte erahnen, welch Spaß es für seinen Leidensgenossen hinter ihm im Pickup sein müsste, einen Besucher aus dem Ausland am Bahngleis kniend Indianer spielen zu sehen und verkniff sich diese Möglichkeit.
Mißmutig trat er mit dem Fuß gegen den Betonsockel, an dem der lackierte Baum fest verankert war. Ein höhnischen Quietschen war der ganze Erfolg, Christopher drehte sich verärgert zu seinem Fahrzeug um.
Fast wäre ihm das Herz stehen geblieben. Noch vor Sekunden hatte er den schwarzen Pickup hinter ihm stehen sehen, das tuckern des Motors gehört. Ungläubig und mit klopfendem Herzen eilte Christopher zu seinem Auto. Nichts, da war nichts. Der schwarze Wagen war wie vom Erdboden verschwunden. Sein Blick richtete sich zurück entlang der Strasse, auf der er hergekommen war. Wie eine endlose Allee zog sich das asphaltierte Band durch das unendliche Gehölz. Eine riesige Schneise, dennoch konnte er mehrere hunderte Meter sehen, bevor sich die Strasse in einer leichten Linkskurve hinter den dunklen Bäumen versteckte und sich auch der Horizont wieder zusammenschloss mit dem Forst an der Seite. Wie war dies möglich?
Er hätte ihn immer noch sehen müssen. Hatte er in seinem Ärger die Zeit übersehen? Ihm selbst war es erschienen wie wenige Sekunden, die er vorne am Schranken verbracht hatte. Der Pickup konnte sich nicht in Luft aufgelöst haben. Als wolle er sich überzeugen nicht geträumt zu haben, schlenderte Christopher die wenigen Meter zurück. Sein Blick richtete sich auf den Boden, deutlich konnte er frische Öltropfen erkennen, hier war das Fahrzeug gestanden. Wieder richtete sich sein Blick an der Strasse zurück. Ungläubig, zweifelnd.
Christopher bückte sich, streifte mit seinem Zeigefinger in der dunklen Flüssigkeit am Straßenboden. Nachdenklich zerrieb er die Flüssigkeit zwischen den Fingern. Es musste hier in der Nähe eine Seitenstrasse geben. Natürlich! Die Einheimischen wussten um ihre Abkürzungen. Christopher nahm sich vor, die Strasse zurückzufahren. Sicherlich war es ein Defekt am Bahnschranken, wahrscheinlich würde er noch Stunden warten müssen. Seine Uhr zeigte ihm, dass es in knapp zwei Stunden finster wurde. Er sehnte sich nach seiner Frau.
Der Blick aufs Handy zeigte ihm nichts anderes als schon vor einer Stunde. In diesem Teil des Landes gab es keinen Empfang für sein Netz. Es war ihm nichts Neues. Christopher hatte sich angewöhnt, wichtige Informationen einfach per SMS weiterzugeben. Diese verbleiben in seinem Postausgang, wenn wieder ein Netz zu empfangen war, sendeten sich dies nachrichten automatisch weiter.
„Zweimal Umleitung, werde es nicht mehr pünktlich schaffen, fangt inzwischen ohne mich an! Küsse dich, Christopher!“ SMS senden, fertig.
Er kramte ein Taschentuch hervor, seine Finger waren immer noch feucht vom Öl. Erstmals blickte er an seine linke Hand. Er konnte nicht glauben was er sah. Sofort ekelte es ihn. Ein schmutziges Rot hatte sich zwischen seinen Fingern verteilt. Er kannte die Farbe. Es war nicht das Öl eines undichten Motors, es war eine kleine Blutlache, welche er auf der Strasse entdeckt hatte.


Kapitel 2


Gerade wollte sich der alte Mann zu Tisch begeben. Das plötzlich ertönende, nahe, jugendliche Gelächter vermochte seinem Herzen eine wohlige Wärme zu schenken. Es war nicht leicht, die letzten Jahre war er viel alleine gewesen. Oft verfluchte er die Ungerechtigkeit des Lebens. Das karge Heim hatte ihnen beiden über die vielen langen Jahre genügt. Keine großen Erwartungen waren es gewesen, schnell war man mit dem zufrieden, dass man sich leisten konnte. Die Kinder waren es, welche ihn jetzt noch am Leben erhielten.
Die wenigen Jahre, als seine Frau ihn verlassen hatte, sie waren so schwer vergangen. Die Zeit schien stehen geblieben. Manchmal erschien es ihm als sei es eine Strafe. Die einsamen Tage zogen sich schleppend, die Wochen waren wie Ewigkeiten. Jede Stunde, die er seit dem plötzlichen Tod seiner Liebsten hier im Hause verbrachte, jede Stunde war durchkreuzt von Erinnerungen. Schöne Erinnerungen, und dennoch vermochten sie nicht hinwegzuhelfen über die schmerzvolle Einsamkeit. Immer wieder fiel all sein Gemüt zurück in diesen einen Tag der Vergangenheit. Dieser Eine, schmerzvolle, besser niemals geschehene Tag seines Lebens.
Sie hatten sich die Hände gehalten. Der Druck musste sie geschmerzt haben, dennoch verzog sie ihr Gesicht nicht. Sie war so stark. Ihre Stärke war es, die ihn davon abhielt laut loszuschreien. Ihre Blicke waren verheftet, als würden sie sich tief im Inneren umarmen. Ihre Liebe hatte über die lange Zeit nie begonnen, weniger zu werden. Sie hatten gar keine Zeit gehabt, sich über solch etwas Gedanken zu machen. Immer war das Haus voller Leben, ihre Eignen, die Kinder der Nachbarn, immer war Lachen und Freude in diesem Haus gewesen. Es war erst wenige Wochen her, als sie den tiefen Schmerz verspürte, weit drinnen in ihrem Brustkorb. Olga war keine Frau, die schnell zum Arzt lief. In den vielen gemeinsamen Jahren hatten sie viele Krankheiten gemeinsam überwunden. Bis zur nächsten Stadt waren es mehr als vier Autostunden, mit dem Bus ging es umso langsamer. Opa Janos, so nannten ihn die vielen Enkel liebevoll, hatte es gleich zu Anfang gespürt, diesmal war es anders. Nie hatte er dieses ungute Gefühl mit ihr besprochen, wollte sie keinesfalls beunruhigen.
Olga war vor ihm gestanden, der Bus schloss die pneumatischen Türen und setzte sich mit einem Ruck wieder in Bewegung. Die wenigen Meter bis zur Haltestelle war er ihr entgegengegangen. Zwei Tage war sie in der Stadt, sie hatte ihm so sehr gefehlt.
Janos´ hatte es gespürt, sofort als er ihr versteinertes Gesicht erblickte. Wortlos war sie auf ihren Mann zugegangen. Ihre kleinen Hände hatten sich in die seinen gegraben, eine wohlige Wärme floss durch ihre kleinen Finger. Sie blickten sich an, als hätten sie sich nichts zu erzählen. Janos versuchte in ihren Augen zu lesen. Er vermochte diesen Blick nie mehr zu vergessen. Diese tiefe Traurigkeit, eine noch nie gekannte Verzweiflung, der Ausdruck einer wilden Angst.
„Ich habe noch ein paar Wochen!“ Die Worte standen in der Luft, man hätte sie greifen und umherschieben können. Er hatte gehört, verstanden, doch in sein Gehirn vermochte das gesprochene nicht vordringen. Es war eine Erkenntnis, die wie ein Keulenschlag alles vernichtete. Im Vorhinein. Die Hoffnung, die Suche nach einem Ausweg, Alternativen, alles war vernichtete mit einem einzigen Satz. Die Endgültigkeit dieser Worte waren es, die ihm beinahe den Verstand raubten. Da war kein wenn, er fand kein aber. Ihm war bewusst, dass er nicht weiter zu hinterfragen brauchte. Olga war sehr gewissenhaft in ihren Aussagen, bestimmt hatte sie alle Möglichkeiten ausgelotet. Sie legte ihm sanft den Finger auf die Lippen, als er versuchte zu sprechen.
„Lass gut sein!“ Sanft streichelte sie ihn über die Wange.
„Opa Janos!“ Das Gebrüll der Kleinen riss ihn aus seinen Gedanken. „Komm raus, lass uns spielen!“ Das Auto hatte noch nicht einmal die gesamte Auffahrt hinter sich gelassen, da forderten die Kinder schon lauthals aus offenen Seitenfenstern. Sie hatten sich gehäuft, die Besuche der Familie. Seite dem Tod Olgas hatten sie Angst, den alten Mann alleine zu lassen. Fast jedes Wochenende reisten sie von irgendeiner Seite des Landes an, um ihren Großvater zu besuchen. Petèr und Christinà blickten sich verschmitzt in die Augen. Sie wussten, wie sehr ihr Vater diese Augenblicke genoss. Sie hatten es oft genug miterlebt, wie die kleinen Enkel den Lebensfunken im Herzen ihres Vaters wieder zum Leuchten brachten. Der alte Mann erhob sich mit einem breiten Grinsen. Er freute sich über den unerwarteten Besuch, vermochte er ihn doch aus den einsamen Zwiegesprächen mit seiner Vergangenheit zu reißen. Mit einer schwungvollen Geste schob er die Türe nach draußen.
„Na, wer wird denn hier so einen Lärm machen und den alten Opa Jano`s aufwecken!“ Seine Stimme polterte über die Einfahrt, jedem anderen wäre wahrscheinlich das Herz stehen geblieben. Er war ein Riese, dieser Mann, mehr als zwei Meter groß. Seinem wuchtigen Körper vermochte man sein Alter nicht ankennen, die riesigen Hände hielten sich an der Säule des Eingangs wie an einem Puppenhaus. Ein respekteinflössender Mann, seine polternde Stimme passte zur Erscheinung.
„Eines Tages werden sich die Nachbarn über dich beschweren! Die einzigen, welche jetzt aufgeweckt wurde, sind die Menschen in der Nachbarschaft!“
Grimmig blickte er seinen Besuchern entgegen, angsteinflößend war diese riesige Gestalt. Die breiten Schultern bedeckten vollständig den Eingangsbereich. Tief hatte der alte Mann seine Brauen heruntergezogen, seine Lippen schob er nach Vorne.
„Ach Großväterchen!“ Mit einem Satz waren sie an dem riesigen Körper hochgesprungen, klammerten sich an die Arme des Mannes. Fast schon verschwanden die kleinen Körper in Janos` riesigen Pranken, als er sie zu sich herandrückte. Das plötzlich aufschwellende Lachen donnerte wie ein Gewitter durch die Ortschaft. Noch hunderte Meter entfernt blieben die Leute stehen, verharrten in ihrer Arbeit.
Janos hat wieder Besuch bekommen. Der gute alte Janos. Wie es ihm wohl gehen würde? Seine Frau war ja erst vor kurzem gestorben. Brustkrebs, unheilbar. Wenige Tage nach dem Befund war sie nicht mehr aufgewacht am Morgen. Durch das ganze Dorf hatte man ihre Schreie gehört, so stark waren die Schmerzen gewesen. Es war eine schreckliche Nacht. Keiner hatte es gewagt, seine Hilfe anzubieten. Diese Nacht hatte sich in ihrer aller Gedanken eingeprägt. Es war die Nacht, in der Olga Kovac´, an der Seite ihres Mannes Janos, erst einige Tage nach der verhängnisvollen Fahrt in das städtische Krankenhaus, an ihren Schmerzen gestorben war.
Jano`s Lachen war wie ein Zeichen, wie eine Botschaft. Du besiegst mich nicht. Du wirst diesen alten Mann nicht so schnell ins Grab bringen. Olga würde noch warten müssen. Väterchen Tod hatte seine Chance verpasst.



Kapitel 3



Sie nannten ihn den Bluthund! Es war nichts liebevolles, nichts Verstecktes in diesem Spitznamen. Es würde auch keinen Sinn machen, den Sinn dieses Spitznamens zu verharmlosen. Es war somit alles gesagt. Der Kommissar war schon mehr als zwanzig Jahre in dieser Abteilung. Seine Einstellung, sein Ergeiz und auch seine Erfolge, gleichfalls konnte man sie gar nicht anders als mit dem gleichen Wort beschreiben. Bluthund !
Kommissar Novak war kein gebürtiger Ungar. Seine Großeltern stammten aus Tschechien, nach dem Fall des eisernen Vorhangs hatten sich die vielen Kinder überall in der Welt verteilt. Jirik konnte und wollte gar nicht mehr nachvollziehen, welcher Weg ihn damals hierher in diese Stadt verschlagen hatte. Wahrscheinlich war es ein Fall, vermutlich hatten ihn seine Ermittlungen hierher verschlagen. Selbst schmunzelte Jirik über seinen Spitznamen, er wusste mit welchem Respekt er hinter vorgehaltener Hand gemurmelt wurde. Es war seine Art zu arbeiten, welche ihm zu diesem zweifelhaften Namen verholfen hatte. Der Kommissar hatte eine ganz eigene Methode, seine Ermittlungen anzugehen. Nichts in seinem Tun entsprang den polizeilichen Lehrbüchern, er strafte alle kriminalistischen Autoren mit seinen unkonventionellen Ermittlungen und Erfolgen. Jirik war tatsächlich wie ein Bluthund, einmal an die Fährte gesetzt, verfolgte er sein Opfer bis zum Ende.
Das kleine, gemütliche Büro genügte seinen Ansprüchen, oft schon wollte man ihn hinüber ins neu gebaute Präsidium überreden. In seiner ihm eigenen Art hatte er versucht, seinen Vorgesetzten zu erklären. „Was kann man einem Mann wie mir noch Gutes tun?“ Jirik hatte sich erhoben wie er es immer tat, wenn er mit Erklärungen begann. „Hier in meinem kleinen Büro, was können sie hier erkennen, was mir fehlen sollte?“ Er klopfte mit seinen Händen gegen die Wände. „Haben sie eine Ahnung, aus welchem Material diese Wände gebaut sind?“ Er verblüffte immer wieder, ratlos standen sie da, die Männer in ihren Anzügen.
„Guter alter roter Ziegel!“ Novak wandte sich wieder um. „Hier ist das Nachdenken noch nicht behindert durch Beton und Stahl.“ Mit einem schmunzeln blickte er in die entsetzten Gesichter, er genoss es, die Menschen zu beobachten. „Ich habe täglich mit ihnen zu tun, mit den Menschen aus diesen Stahlbauten. Je größer die Gebäude, desto kleiner scheint mir dessen Geist!“ Der Kommissar legte den Kopf nach vorne wie eine Schlange vor dem zuschnappen. Er beobachtete mit genugtun die Reaktion. Er sah die Gedanken in den Köpfen derer, welche sich eben fragen mussten, wen der Bluthund da eigentlich gemeint hatte.
Mit der Überzeugung, dass Kommissar Novak niemals seine Vorgesetzten beleidigen würde, beschloss man in sich, den schrulligen Ermittler weiterhin in seinem alten Büro zu belassen und zur Kenntnis zu nehmen, dass Novak in irgendwelchen Stahlbauten wahrscheinlich irgendwelche Leute kennen musste, welche scheinbar nicht mit großem Wissen gesegnet waren.
Es genügte seinen Ansprüchen, es war ohnehin sehr ruhig geworden. Ein kleiner Computer versteckte sich unter dem Schreibtisch, die modernste Errungenschaft im Raum war der Flachbildmonitor. Lange hatte er sich gegen diesen neuzeitlichen unnötigen Kram gewehrt, die Platzersparnis auf seinem Schreibtisch hatte ihn dann doch noch überzeugen können.
Ein vorsintflutlich wirkendes Faxgerät mit einem gekoppelten Telefon erinnerte mit seiner Wählscheibe an die gute alte Zeit. Es war nicht seine Art, etwas zu erneuern solange es noch funktionierte. Seine Sparsamkeit war ebenso bekannt wie die Ausdauer in seinen Ermittlungen.
Er genoss es, sich in seinem Bürosessel zurückzulehnen. Ja es war ruhig geworden, er hatte seine Stadt in Griff. Es gab keine ungelösten Fälle in den letzten vier Jahren. Solche Statistiken schreckten auch das Verbrechen ab.
Es war einer jener ruhigen Tage, die Mittagssonne hatte sich für ein paar Minuten hinter einer grauen Wolke versteckt. Obwohl es für den Moment den Anschein hatte dass es bald zu regnen beginnen würde, konnte die einzelne Wolke wohl nicht die Kraft der Sonnenstrahlen auf Dauer zurückhalten. Es würde nichts werden mit einer Abkühlung, die schwüle Hitze staute sich in seinem kleinen Büro. Jirik erhob sich und betätigte einen Schalter an der Wand. Mit einem leichten Surren setze sich der riesige Ventilator an der Zimmerdecke in Bewegung. Der Kommissar legte den Kopf zurück und genoss für einen kurzen Moment die vorgetäuschte Kühle der bewegten Luft. Er fühlte die leichte Brise und wünschte sich an einen schneeweisen Sandstrand.
Ein unwirsches, forderndes Klopfen holte ihn ungewollt zurück. Fast ein bisschen verärgert über die unerwartete Störung drehte er sich zur Türe. „Herein!“ Er wollte sehen, wer ihn aus seinem Tagtraum gerissen hatte.
Zögernd, fast ängstlich, als könne er erahnen was er gerade angerichtet hatte, trat einer der vielen Sergeanten durch die Türe, welche in diesem Distrikt ihre Arbeit verrichteten. „Kommissar Novak?“ Jirik versuchte erst gar nicht, seinen Missmut zu verbergen. „Stellen sie sich vor, und so heiße ich schon seit meiner Geburt!“ Der Kommissar konnte an den ratlosen, ängstlichen Augen des jungen Mannes erkennen, dass dieser die Pointe nicht verstanden hatte. Er verzichtete darauf, den Jungen aufzuklären und ignorierte einfach die Situation. „Was gibt es?“
Sofort hellte sich das Gesicht des Sergeanten, aufgeregt begann er hervorzustottern. „Wir haben…, man hat heute…, drüben in Gosztola…!“
„Fassen sie sich!“ Jirik unterbrach das aufgeregte Geplapper. „Wie soll ich denn auch nur ein Wort verstehen?“ Er ging auf den jungen Mann zu und versuchte ihn zu beruhigen, indem er seine Hand auf die Schulter des Sergeanten legte. Die fast schon väterliche Geste hatte nicht die erhoffte Wirkung. Der Junge verdrehte die Augen, als würde er auf der Stelle ohnmächtig werden. Augenblicklich begann der Sergeant am ganzen Körper zu zittern, erschrocken wich die Hand des Kommissars wieder zurück.
„Es ist mir…, ich bewundere sie schon so lange…, Herr Kommissar, dass ich hier bei ihnen sein darf..!“
Das Beben des jungen Körpers hatte sich in dessen Stimme wiedergefunden. Novak hatte Angst, sein kleiner Verehrer könnte aus den Schuhen kippen. Tief in seinem Inneren musste er schmunzeln. Nun den, er war wohl schon eine kleine Berühmtheit, viele junge Polizeibeamte hatten sich den Bluthund zum Vorbild gemacht.
„Nehmen sie gefälligst Haltung an, wenn sie einem Vorgesetzten gegenüber stehen!“, polterte er nun los, irgendwie musste er Aufregung des Sergeanten umkehren. In einem Sekundenbruchteil wechselte der junge Mann die Farbe, puterrot vor Scham richtete er sich auf, drückte seine Brust hervor und stammelte eine Entschuldigung. Ein kurzer Blick noch in Jiriks Richtung, mit gesenktem Kopf stand er nun da, die Knie immer noch leicht zitternd. Novak musste sich zusammennehmen, um nicht lauthals aufzulachen. Mit gespieltem Ernst polterte er weiter. „Und nun möchte ich eine ordentliche Meldung hören, Sergeant…..?“
„La…La…László Balasz, Sergeant László Balasz, Herr Kommissar!“, stotterte er erneut aufgeregt hervor. Wieder versuchte er seinen schlacksigen Körper in die Höhe zu richten, kaum konnte er den Stoff der Uniform füllen. Nervös versuchte er seine Augen geradeaus zu richten, beide Hände nestelten seitlich an seiner Hose.
„Sergeant Balasz, woher kommen sie? Sie haben einen seltsamen Akzent!“ Der Kommissar hatte längst an der Stimme die Nähe zur nachbarlichen rumänischen Grenze erkannt, versuchte aber immer noch den jungen Mann in ein ruhiges Gespräch zu verwickeln.
„Szeged, Herr Kommissar. Ein kleines Dorf ganz im Osten!“ Die dünne Stimme schien sich langsam zu festigen, die Psychologie des Bluthundes hatte scheinbar Erfolg.
„So, László“, mit Absicht nannte er ihn beim Vornamen. „Nun sagen sie mir ganz ruhig, was es in Gosztola denn neues gibt.“ Er überzeugte mit seiner ruhigen, tiefen Stimme, der junge Polizist fasste sich langsam.
„Wir haben eine Vermisstenanzeige. Die Tochter der Zsófia Szabo, eine alte Schneiderfamilie, sie ist bereits seit drei Tagen abgängig.“ László hatte sich nun zum Kommissar hinübergedreht, seine stramme Haltung bereits wieder vergessen. Jirik blickte darüber hinweg, er wollte den Sergeanten nicht erneut aus der Fassung bringen. „Wie alt ist das Mädchen?“ Der Kommissar legte nachdenklich den Kopf zur Seite. Etwa 50 Kilometer entfernt befand sich das kleine Dörfchen, irgendwie glaubte er sich an einen Fall zu erinnern. „Gosztola, Gosztola?“, er wusste, dass er in diesem Dörfchen bereits vor Jahren ermittelt hatte.
Es sollte in einer guten Stunde zu schaffen sein, mit der Familie persönlich zu sprechen.
„Gerade erst 17 Jahre, Herr Kommissar. Die Eltern machen sich große Sorgen.“ Ein Telefon war in dieser Gegend noch keine Selbstverständlichkeit, Jirik fragte weiter nach. „Und wer der ehrenwerten Familie Szabo hat uns diese Botschaft überbracht?“
Augenblicklich und unaufgefordert machte László auf dem Absatz kehrt und riss mit einem Ruck die Türe nach innen auf. „Kommen sie herein, der Kommissar hat jetzt Zeit für sie!“ Man konnte die Freude erkennen, das Gesicht des jungen Sergeanten strahlte plötzlich in einem selbstherrlichen Stolz. Er, er selbst hatte jemanden zu Kommissar Bluthund in den Raum gebeten, László fühlte sich wie ein Star.
Ein junger Bursche war eingetreten, blickte sich zögernd um. Man konnte unschwer an der dunklen Hautfarbe die Zigeunerabstammung erkennen. Es passte nicht zum ursprünglichen, ungarischen Namen, Jirik legte den Gedanken beiseite, er hatte dafür im Moment keine Zeit. „Treten sie ruhig ein!“ Es sollte sarkastisch klingen, der junge Mann stand schon mitten im Raum. Offenbar hatte heute niemand Zeit für die herben Scherze des Kommissars, László begann den Neuankömmling von der Seite anzustupsen.
„Nun, erzählen sie dem Kommissar!“ Mit einem Grinsen, welches an den Ohren schmerzen musste, zeigte er mit seiner rechten Hand in Novaks Richtung. Der Eingetretene blieb um einiges ruhiger, man konnte ehrliche Sorgen in seinem Gesicht erkennen.
„Es tut mir leid, wenn ich hier so hereinplatze, Herr Kommissar!“ Den Kopf hielt er gesenkt, als wolle er sich entschuldigen.
„Ein Zigeuner mit Manieren?“, schoss es Jirik durch den Kopf. Er freute sich schon, mehr über diese Familie zu erfahren.
„Kommen sie ruhig näher, Herr…?“ Novak legte absichtlich die Stirne in Falten. „Stevan, mein Herr. Stevan Szabo!“ Der Junge hob den Kopf, ängstliche Augen blickten ihn an.
„Ihre Schwester?“ Mit einem kurzen Nicken bestätigte Stevan, sein Kopf senkte sich augenblicklich, als wäre er geschlagen worden. „Beruhigen sie sich, Stevan!“ Einen Schritt ging er auf den wie angewurzelt stehengebliebenen Mann zu. „In meinem Komitat verschwinden keinen Leute!“ Der Kommissar erkannte den schweißnassen Rücken des Jungen. Wahrscheinlich war der junge Mann mit einem Fahrrad in die Stadt gekommen, er musste sich wirklich um seine Schwester sorgen.
„Seit drei Tagen, sagen sie?“ Novak begann erneut zu fragen. „Ist vor drei Tagen irgendetwas Besonderes losgewesen in der Nähe? Ein Fest, eine Veranstaltung?“
Stevan schüttelte leicht den Kopf. Seine Fäuste ballten sich, als müsse er sich ärgern. Der Kommissar begann den Mann näher zu mustern. Vielleicht 23 Jahre, ein junger, sportlich wirkender Mann, nichts war ungewöhnlich. Dennoch war da etwas seltsames, Novak hatte es noch nicht entdeckt. „Ist ihre Schwester schon öfter ausgebüchst?“ Die Augen blitzen kurz auf, als der Bruder der vermissten in die Richtung des Kommissars blickte. Wie eine Schlange hatte er den Kopf hochgerissen. „Wie können sie das behaupten?“ Stevan nagte an seiner Unterlippe, er wirkte gereizt. „Herr Kommissar, meine Schwester ist seit drei Tagen nicht nach Hause gekommen, ohne Nachricht, ohne Rückruf. Ich hatte gehofft, sie könnten uns helfen!“ Der Sergeant stand immer noch mitten im Raum, hatte das Gespräch mitverfolgt. Das kreideweise Gesicht verriet, dass er nicht der Meinung war, man sollte in diesem Ton mit Kommissar Novak sprechen. Man konnte an seiner Mimik erkennen, dass er jetzt lieber weit weg in einem anderen Raum gewesen wäre.
Stevan machte Anstalten, sich umzudrehen und den Raum zu verlassen, er spielte scheinbar den Beleidigten. „Herr Szabo!“, die Stimme des Kommissars hatte sich geändert. Nichts war mehr zu erkennen das an ein väterliches Gespräch erinnert. „Ich bin noch nicht fertig!“ Stevan verhielt in der Bewegung, der Sergeant daneben machte den Eindruck, augenblicklich ohnmächtig zu werden. Novak wandte sich an den knieschlotternden Polizisten. „Warten sie draußen!“
Die Blicke der beiden trafen sich, während Sergeant László Balasz die Situation nutze und das Weite suchte. Das leichte Klicken der Türe war wie eine Drohung, irgendetwas erschien dem Bluthund seltsam.
„Beschreiben sie mir ihre Schwester!“ Wieder senkte sich der Blick des Mannes. „Wie soll ich Irén beschreiben? Sie ist unser aller Liebling, ein junges Ding eben, mit ihren 17 Jahren.“
„Das will ich nicht hören!“ Der Ton schien Stevan nervös zu machen, Novak sah ihn mit den Fingernägeln an seinen Fingerkuppen kratzen. „Ich verstehe nicht?“
Lauter, fordernder, noch eine Spur unfreundlicher polterte der Kommissar. „Beschreiben sie mir ihre Schwester! Wie sieht sie aus? Groß oder klein? Dünn oder Dick?
„Was sollte dies zur Sache tun?“ Stevan blickte sein gegenüber verärgert an.
„Beschreiben sie mir ihre Schwester!“ Der kleine Raum warf nunmehr bereits ein Echo zurück, laut war er geworden. „Wie sieht sie aus? Eine junge Frau, siebzehn Jahre. Wie sind ihre Brüste? Groß und rund wie reife Äpfel? Zart und zierlich wie eine Aprikose? Beschreiben sie mir ihre Schwester!“
Das Blut war ihm ins Gesicht gestiegen, er konnte seinen Zorn nicht mehr verbergen. „Hören sie auf!“ Was erlauben sie sich!“ Stevan spuckte förmlich die Worte heraus, zu leicht war er in Rage zu bringen. „Und ihr Hintern? Ist er einladend, lockend? Oder ist er fett wie das Hinterteil eines alten Esels?“
Der junge Mann sah sich um als suche er nach einem Gegenstand, um ihn nach dem Kommissar zu werfen.
„Sie sind verrückt! Das brauche ich mir nicht zu bieten lassen!“
„Stevan, sie können mir nichts vormachen!“ Novaks Stimme wurde wieder ruhiger, klang hypnotisch. „In ihrem Herzen brennt mehr als die Sorge um den Verbleib ihrer Schwester.“ Verwundert blickte der junge Mann den Kommissar an. Als wäre er eben bei einem Streich ertappt worden, überrascht, ungläubig. Sein Kopfschütteln war nunmehr weit weniger energisch als zuvor. „Wer ist es?“ Novaks Stimme hatte nun wieder etwas vertrautes, väterliches. In den Augen des Jungen konnte er die Verwunderung erkennen, der Zorn hatte sich bereits wieder gelegt. „Woher wissen sie…?“, stotterte er nach Worten ringend.
„Kommen wir zurück zu meiner Frage. Ist ihre Schwester schon öfters ausgebüchst?“ Stevan lies sich resignierend in eine Sessel neben ihm fallen.
„Ich kenne seinen Namen nicht! Als wir es zum ersten mal bemerkten, haben wir Irén tagelang beobachtet. Es ist einfach viel zu früh. Meine kleine Schwester.“ Novak setze sich neben den jungen Mann. „Es passiert immer wieder, sie hat sich auch die Pille verschreiben lassen. Doch noch nie ist sie länger als eine Nacht fort gewesen.“ Stevan kämpfte mit seiner Fassung.
„Was würden sie denn machen, wenn ihre kleine Schwester herumstreunt wie eine läufige Katze und sich hinter Obstbäumen oder in heruntergekommenen Stallungen von jedem dahergelaufenen Kerl den Rock heben lässt?
Der Kommissar hatte die tiefe Eifersucht richtig erkannt, ihm tat der Mann leid. „Wir können es nicht verstehen. Je mehr wir auf sie einreden, desto öfter schleicht sie sich aus dem Haus. Wir sind alle verzweifelt, es ist als wolle sie uns für etwas bestrafen.“ Stevan war wieder aufgestanden. „Herr Kommissar. Es ist als wolle sie uns verhöhnen. Als wäre ein böser Geist in ihrem Herzen, der sie das alles tun lässt!“
Novak hatte genug gehört, sein Instinkt hatte wieder einmal eine Fährte aufgenommen. „Kommen sie, lassen sie uns nach Gosztola fahren. Ihr Fahrrad könne wir im Kofferraum transportieren.“
Stevan torkelte hinter dem Kommissar her. Woher hatte der Mann dies alles gewusst? Die Eskapaden seiner Schwester? Das Fahrrad? Es lief an dem jungen Mann vorbei, als bewege er sich in einem Traum. Zu schnell war dies nun alles passiert, viel zu schnell um es zu realisieren. Stevan hatte Bekanntschaft gemacht. Bekanntschaft mit einem speziellen, mit ungewöhnlichen Mitteln arbeitenden, hervorragenden Polizisten und Ermittler. Der Bluthund hatte begonnen, seine Untersuchungen aufzunehmen.



Kapitel 4


Kurz hielt er inne. Die Einfahrt in dieses Waldstück war alles andere als einladend. Eine seltsame, unwirkliche Stimmung verbreitetes sich zwischen den zahllosen Akazienbäumen. Nur wenige Meter konnte man ins Innere sehen, sofort schluckte die dichte Baumkette jedes Licht. Zwanzig, vielleicht dreißig Meter noch konnte man das durch Baumwipfel durchdringende Sonnenlicht wie kleine helle Inseln am Waldboden erkennen, dort und da beleuchteten diese letzten Reste noch einen Baumstamm, ungewöhnlich sauber bot sich der Waldboden dem Betrachter dar. Keinerlei Unterholz, keine verrotteten oder umgestürzten Stämme, keine Sträucher. Schnell hatte das Spiel von Licht und Schatten ein Ende, je weiter man in die Baumgruppen hineinblickte, desto finsterer, schwarzer wurde der Hintergrund. Das viele übliche Gehölz eines Waldbodens schien keinerlei Überlebensmöglichkeit in diesem finsteren Ort.
Der Weg selbst war nach ungarischen Verhältnissen unbefestigt. Teilweise zogen sich tiefe Spurrinnen durch den erstarrten Lehmboden. Die letzten Regenfälle waren schon einige Zeit her. Christopher kannte diese Nebenstraßen. Mit ein wenig Glück konnten es ideale Abkürzungen sein, jedoch hielt sich das Zuständigkeitsgefühl der Benutzer über die Erhaltung dieser Wege in Grenzen. Üblicherweise wurden Spurrinnen erst wieder geebnet, wenn tatsächlich auch mit einem Allrad-Fahrzeug kein Durchkommen mehr war.
Christopher blickte zurück auf die sonnenumflutete Landstraße. Fast blendete ihn der Blick zurück, seine Augen hatten sich mittlerweile schon beinahe an die Dunkelheit gewohnt. Seine Gedanken haderten miteinander, der Weg zurück würde ihn mindestens noch zwei weitere Stunden kosten. Erneut griff er zu seinem Handy. „Verdammt!“, verfluchte er diese Gegend. Kein Empfang, gerne hätte er seinem Schatz Bescheid gesagt. Mit einer unwirschen Bewegung drehte er den Zündschlüssel zurück, das Fahrzeug tuckerte noch ein letztes mal, die Klimaanlage lief auch Hochtouren weiter. Christopfer öffnete die Türe und stieg aus seinem Auto. Eine unerwartete Kühle umarmte ihn, fast angenehm, lockend, erfrischend. Die Finsternis dieses dichten Waldstücks hatte scheinbar auch seine Vorteile. In der Ferne konnte er noch das Bimmeln des Bahnschrankens vernehmen, früher wurden mit einem ähnlichen Gebimmel Katastrophen, Gewitter und Hagelstürme angekündigt. Er fühlte sich nicht wohl, in seinem Inneren sträubte sich etwas gegen diese seltsamen Umstände.
„Ich werde eine Abkürzung versuchen, hoffe, daß ich nirgends hängenbleibe.“ Auch die erste SMS befand sich noch im Postausgang, Christopher gab die Hoffnung nicht auf, irgendwann wieder genug Empfang mit dem Handy zu haben, daß die Nachrichten an seine Frau weitergesendet werden. Er fühlte sich schlecht, wußte er doch darum, wie schnell sie sich Sorgen machte, wenn er sich verspätete. Noch einmal zweifelte er hin und her. Tief drinnen in seinem Unterbewußtsein hoffte er immer noch, das Bimmel würde plötzlich verstummen, der Bahnschranken den Weg wieder frei geben. Er mußte eine Entscheidung treffen. Der Pickup, welcher noch vorhin am Bahnschranken hinter ihm geparkt hatte, er mußte ebendiesen Weg gewählt haben, die Zeit hätte nicht gereicht, sich weiter zu entfernen. Christopher wußte wohl, daß diese Fahrzeuge über ein Allradsystem verfügten.
„Verdammt, was soll`s!“ Mit einem tiefen Seufzer ließ er sich zurück ins Fahrzeug fallen. Erst jetzt fiel ihm der betörende Geruch der blühenden Akazien auf. Er benebelte, behinderte fast beim Atmen, dick und schwer lag er in der Luft, fühlte sich durch die frische Kühle jedoch trotzdem angenehm an. Es war, als wolle ihn der Wald mit seinen süßesten Düften dazu überreden, die Schwelle ins Innere zu übertreten. War es Leichtsinn, war es die angenehme Kühle, der Zeitdruck? Christopher legte seine Zweifel beiseite. „Was sollte schon passieren? Schlimmstenfalls würde er noch einmal umdrehen müssen und der Weg war umsonst!“ Er versuchte sich Mut zuzureden, das unangenehme, unheimliche Gefühl blieb trotzdem. Die Situation erinnerte ihn ein wenig an seinen ersten Ausflug ans Meer. Seine Liebste an der Seite, vor Jahren schon, bewaffnet mit Schnorchel und Taucherbrille hatte er sich sofort nach der Ankunft aufgemacht, die Korallenriffe abzuschnorcheln. Viele seiner Freunde hatten ihm von diesen einzigartigen Erlebnissen erzählt, er brannte förmlich darauf, selbst der Natur so Nahe zu sein. Sie hatten ihm keinesfalls zuviel versprochen, Christopher war begeistert von der Vielzahl der verschiedenen Fische, das millionenfache Leben in den Riffen, die Vielfalt der Pflanzen, er ließ sich treiben in einem Taumel von Gefühlen. Christopher glaubte Gott sehr nahe zu sein in diesem Augenblick, die Schönheit überwältigte ihn. Zuerst war es nur eine seltsame Kühle, welche ihn wieder zurückholte aus seinem Gefühlstaumel. Noch ehe er darüber nachrätseln konnte, was nun plötzlich anders war, konnte er unter sich den steilen Felssturz erkennen. Innerhalb weniger Meter sackte der Meeresboden ab in eine schwindelnde Tiefe. Tiefes schwarz leuchtete zu ihm herauf, undurchdringlich, unheimlich, als wolle es nach ihm greifen. Sie war plötzlich da, diese Angst. Angst, keinen Boden mehr unter sich zu sehen, Angst, dieses bißchen Sicherheit zu verlieren. Die plötzliche Kälte des Wassers tat ihren Rest, sein Herz schlug ihm plötzlich bis zum Hals. Überstürzt und unkontrolliert, wild um sich schlagend hatte er den Rückweg angetreten. Wie ein Ertrinkender, tief schnaubend, erst wieder ruhiger werdend, als Christopher erneut den weißen Sand unter sich erkennen konnte. Es war ein schlimmes Erlebnis, unerwartet, überraschend, tiefgreifend.
Mit einer ähnlichen Situation war er erneut konfrontiert. Die unwirkliche Schwärze, dieses finstere Nichts tief drinnen im Wald, es beunruhigte ihn, machte ihm Angst. Doch diesmal war er nicht schutzlos und alleine im Meer, er brauchte eigentlich nur sein Fahrzeug durch den Wald bewegen. Noch einmal blickte er auf das Display seines Mobiltelefons. Zu fromm war der Gedanke, zu weit hergeholt die Hoffnung, er hätte diese Entscheidung mit seiner Frau besprechen können. Die Anzeige der Signalstärke verhöhnte ihn, fand es nicht einmal wert, zu existieren.
Christopher nahm sich vor, das Risiko so weit wie möglich zu reduzieren. Auf keinen Fall wollte er hier in diesem Wald mit dem Auto hängenbleiben. Er versprach sich selbst, beim geringsten Risiko, beim ersten Anzeichen von tiefen Spurrinnen, umzudrehen und zurück bis zur letzten Ortschaft zu fahren. Dieses Selbstversprechen beruhigte ihn ein wenig, mit einem kurzen Dreh ließ er den Motor wieder anlaufen. Christopher öffnete die Seitenscheibe und drehte die Ventilation zurück. Ein letztes Mal hörte er hinter sich. Das entfernte Bimmeln war wie ein Abschied. Er setzte das Fahrzeug in Bewegung, schon nach wenigen Sekunden mußte er die Scheinwerfer einschalten. Aufmerksam beobachtete er den Weg, keinesfalls wollte er ein Schlagloch oder eine rutschige Stelle übersehen. Mit jedem Meter wurde es finsterer, eine düstere, abendliche Stimmung verbreitete sich, obwohl es noch hellichter Tag war. Der unbefestigte Weg schien noch ganz in Ordnung. Wenige Meter vor ihm hatte sich in einer leichten Spurrinne das Wasser eines vergangenen Gewitters gesammelt. Christopher kannte diese schmierigen, rutschigen Lehmfallen. Aufgeweichter ungarischer Lehm war wie Schmieröl. Einmal in den Profilen eines Reifens abgesetzt, konnte man sich unter Umständen selbst auf der Stelle nicht mehr fortbewegen. Doch die frischen Profilabdrücke am Rande der länglichen Pfütze beruhigten ihn. Er glaubte nunmehr bestätigt, daß auch das Fahrzeug von vorhin diesen Weg gewählt haben mußte. Die Spur war noch ganz frisch, der aufgeworfenen Lehm noch dunkel und kein wenig ausgetrocknet. Ein Lächeln vermochte wieder über die angespannten Lippen des Mannes zu huschen. Es wäre wohl sofort dem Ärger gewichen, könnte er noch zurücksehen hinter sich. Mit einem letzten „Kling“ verstummte plötzlich der Bimmelton am Schranken, mit einem Ächzen zog sich das verrostete Eisengestänge nach oben. Kein Zug, kein Werksverkehr hatte die Geleise passiert. Wie zum Hohn schaukelte der hochgezogene Schlagbaum noch ein wenig nach. Keine weiteren Autos hatten angehalten, niemand weiters hatte diesen Unsinn bemerkt. Die Natur übernahm wieder die Geräuschkulisse am Bahnübergang. Ein Wispern und Seufzen, tief aus dem Inneren des Waldes, ein Knistern und Summen, die Äste am Waldrand bewegten sich hypnotisch schaukelnd, einen Windhauch vermochte man nicht zu verspüren. Es war wie ein letztes Winken, das schwingen der grünen Äste erinnerte an einen Abschied.








Kapitel 5



Er war eben wie alle Jungen in seinem Alter. Es interessierte ihn nicht mehr im Geringsten, mit seinen Eltern und den zwei kleinen Geschwistern die Verwandten zu besuchen. Immerhin war er bereits schon zwanzig Jahre, die Mädchen begannen sich schon lange für ihn zu interessieren. Seine Kumpels saßen zu dieser Zeit zu Hause, surften im Internet oder versteckten sich mit einer Flasche Bier und einem Joint im Wald.
Mißmutig, seinen Zorn nicht versteckend, schälte er sich vom Rücksitz. Die beiden Kleinen waren schon vorrausgelaufen, tollten sich mit Großvater Janos´. Ein strafender Blick seines Vaters erinnerte ihn, sich zusammenzunehmen. Wenigsten eine kleine Berühmtheit war er, sein Großvater. Als könne dieser Gedanke seinen Ärger überspielen, kam ihm augenblicklich die Geschichte in Erinnerung.
Nur mit vorgehaltener Hand tuschelte man über seinen Großvater. Zu riesig, zu stark und zu unkontrollierbar war er, viele hatten heute noch Angst vor dem alten Mann.
Es war eine makabre, unsaubere Arbeit, welcher er viele Jahrzehnte nachgegangen war. Nie hatte er sich geschämt dafür, es war eine notwendige, sinnvolle Aufgabe. Tibor konnte sich nicht dagegen wehren. Immer wenn er sich die Geschichte in seinen Gedanken zurückholte, war da auch so etwas wie stolz. Stolz darauf, einen Großvater wie Opa Janos´zu haben. Stolz darauf, in seiner Familie eine echte Geschichte zu haben.
Jahrelang war er mit seinem Wagen unterwegs gewesen, es war keine schöne Aufgabe. Er hatte sich aus seiner Umgebung zurückgezogen, nicht, weil er die Menschen meiden wollte. Nein, es war der Geruch des Todes, der stinkende Atem der Verwesung, welchen er nicht mehr von seinem Körper entfernen konnte. Seine Olga hatte sich daran gewöhnt, niemandem anders wollte er dies zumuten. Janos` war stolz darauf, wenn er über seine Strassen fuhr. Es waren täglich mindesten vier, manches mal bis zu fünfzehn Tiere, welche er vom Straßenrand kratzten mußte. Selten war es, daß ein Tier noch lebte, es war seine Pflicht es zu erlösen. Oft schon hatten sich die Füchse darüber hergemacht, oft lagen die Kadaver bereits Stunden in der Sonne, dampften mit herausgerissenen Eingeweiden.
Es war eine einmalige Geschichte, wie eine Sage aus früherer Zeit. Niemals hatten je gewagt nachzufragen, ob sie auch tatsächlich der Wahrheit entsprach.
Es waren seine Freunde welche ihn immer wieder von Neuem stichelten. Lange schon hatte er es ihnen zugesagt, heute wollte er tatsächlich abends aus dem Nachtlager in den Schuppen schleichen. Ein flaues Gefühl machte sich in seinem Magen breit, alleine der Gedanke sorgte für ein Unwohlsein.
Es soll vor etwa zehn Jahren gewesen sein. Janos` machte seine Runde. Es gab eine Markierung an dieser Stelle der Straße. Irgend jemand hatte ein großes „MEDVE!“ in den Baum geritzt. Oft schon war Tibor an dieser Stelle vorbeigefahren, er konnte sich nicht gegen die Ehrfurcht erwehren welche ihn augenblicklich an dieser Stelle erfüllte.
Er soll tot am Straßenrand gelegen haben, ein Prachtexemplar von einem Bären, selten schon waren sie in dieser Gegend, fast schon ein Wunder. Diese edle Tier verreckt vor ihm liegen zu sehen, mußte ihn geschmerzt haben. Die Schönheit, die Kraft, man mußte sich klein fühlen neben diesem Tier, selbst wenn es, von irgendeinem Fahrzeug angefahren, hier vor ihm lag. Janos´ hatte bereits begonnen, die Scherben und Fahrzeugteile von der Strasse zu entfernen und machte sich Gedanken, wie er den schweren Kadaver auf die Ladefläche seines Wagens hieven sollte. Die wenigen vorbeikommenden Fahrzeuge hatten angehalten und schauderten vor dem riesigen Körper am Straßenrand.
Sie erzählten sich, daß Janos´ keine Zeit hatte sich vorzubereiten. Der Hieb der riesigen Pranken soll ihn wie eine Puppe über den Wagen geschleudert haben. Das verletzte Tier hatte sich erhoben und war sofort auf den Mann losgegangen. Die Menschen in ihren Fahrzeugen waren wie versteinert, wie hätten sie auch helfen können?
Der riesige Bär jagte mit einem gewaltigen Satz dem hinter dem Geländewagen verschwundenen Mannes nach, die Federn des Fahrzeuges ächzten unter dem Gewicht. Für einen Sekundenbruchteil verschwanden die beiden aus dem Gesichtsfeld der unfreiwilligen Beobachter. Entsetzt, erstarrt überlegten sie, ihnen fehlte die Idee, dem angegriffenen Mann zu helfen. Der Wagen schaukelte, doch hinter ihm bewegte sich nichts mehr. Jede Sekunde mochte man das Auftauchen des Bären erwarten, verschmiert mit dem Blut seines Opfers.
Einer der Passanten faßte sich nach schier endlosen Sekunden, versuchte seinem Mobiltelefon die Nummer des Notrufs zu vermitteln. Den Blick konnte er nicht vom Geschehen ablassen, sie hatten Angst, daß das verletzte Tier auch sie angreifen würde.
Es war wie eine Erscheinung. Unwirklich, irreal. Da erhob er sich plötzlich, dieser Mann, schälte sich hinter dem Fahrzeug hervor. Sein Hemd war zerfetzt, an der linken Schulter konnte man schon von weitem eine tiefe Fleischwunde erkennen. Dieser Mann, er kam hinter dem Auto hervor, als wäre nichts besonderes Geschehen. In der linken hielt er spielerisch einen Baseballschläger, bei genauem Hinsehen konnte man das viele Blut erkennen, welches das edle, harte Holz bekleckerte. Eine reine Vorsichtsmaßnahme, immer schon hatte er dieses Holz hinten auf seinem Wagen, schon öfter hatten ihn die Mütter der verendeten Wildschweinjungen angegriffen.
Er mußte sich kurz stützen, räumte den Schläger zurück in seine Halterung, als wäre es Teil einer Tagesordnung. Es dauerte einige Zeit, bis sich auch die Passanten aus den Fahrzeugen ins Freie wagten. Janos` torkelte, die Verletzung war schwer und schmerzhaft.
Ungläubig richtete sich ihr Blick nach hinten, während sie zu dritt den Mann stützten, der nun umzukippen drohte. Er war ein Riese, dieser Janos`, doch was die Helfer hinter dem Fahrzeug erblickten war so unwirklich, so unmöglich, daß sie es kaum zu glauben vermochten.
Das riesige Tier lag auf dem Rücken, als hätte jemand es zu Boden geworfen. Der Kopf des Bären, er war mit einem unmenschlichen, unsagbaren Hieb eingeschlagen, war nur mehr ein unförmiges Teil, schwer erkennbar. Janos` hatte mit bloßen Händen, lediglich mit einem Baseballschläger aus Holz, dem riesigen Tier den Schädel eingeschlagen.
Heute war der Tag, so hatte es sich der junge Tibor vorgenommen. Lange schon nervten sie ihn damit, ewig schon versprach er es seinen Freunden. Heute wollte er im alten Schuppen nach dem Beweis suchen, der diese Geschichte bestätigen konnte. Der Baseballschläger, er soll wie ein Relikt im Schuppen seines Großvaters aufbewahrt sein, versperrt in einer Vitrine, wie ein Zeichen, ein Mahnmal.
Heute war der Tag, heute wollte er den Beweis sehen. Heute wollte er den Schläger aus dem Schrank entfernen und seinen Freunden als Beweis mitnehmen. Sein Magen schmerzte ihn bei dem Gedanken. Tibor hatte Angst.


Kapitel 6



Vor ihm, im halbdunkel der Scheinwerfer, konnte er an der Seite den abgestellten schweren Geländewagen erkennen. Unheimlich wirkte das Fahrzeug, in seinem glänzenden Schwarz, mit den getönten Scheiben. Christopher hielt seinen Wagen an. Ohne auszusteigen versuchte er im Wald hinter dem abgestellten Fahrzeug jemanden zu erkennen. Es sollte einen Grund geben, warum der Wagen hier stand. Wenn es das Fahrzeug eines Jägers war, so konnte er seine Hoffnung, bei dem Weg könne es sich um eine Abkürzung handeln, wohl begraben. Ein Jäger würde nur so weit in den Wald einfahren, wie es für seine Belange notwendig war.
Das nach vorne gerichtete Licht der Scheinwerfer trübten den Blick zur Seite, blendeten seinen Schein von den Bäumen wider. Er kniff die Augen zusammen. War dort hinten ein altes, verfallenes Haus, für einen Moment glaubte er solche Umrisse zu erkennen. Nein, unmöglich war es, genaueres zu sehen, vielleicht spielten ihn die Augen bereits einen Streich?
Christopher schaltete die Beleuchtung zurück. Die Krone der Bäume hatte sich längst über den Eindringlingen geschlossen, nur vereinzelt traf noch ein Sonnenstrahl wie eine verirrte Girlande auf den Waldboden, tänzelte um die eigenen Achse, als wolle er den seltenen Moment für die Ewigkeit genießen. Es war verwirrend, Christopher wußte um die Tageszeit, die verirrten, einzelnen Sonnenstrahlen wirkten in der Finsternis wie das silberne Kräuseln des Mondes.
Irgendwo hinter dem abgestellten Fahrzeug glaubte er eine Bewegung zu erkennen. Er haderte mit sich selbst im Gedanken, ob er aussteigen und den unbekannten Fahrer suchen und nach dem Weg fragen sollte. Die Situation war unheimlich, wie würde der Mann reagieren. Immerhin befand er sich hier im Ausland, die Einheimischen hatten nicht immer Freude mit den Fremden im eigenen Land. Hier, abseits des großen Tourismus der Seen und Thermengegenden, hier war der Mensch noch ursprünglich, einfach. Gerade dies jedoch weckte das Unbehagen in Christopher. Wen auch mitten in Europa, fühlte er sich dennoch manchmal ein wenig abseits der Zivilisation. Nicht immer verspürte er die Gastfreundschaft der Einheimischen.
Sein Blick war weiter ins Dunkel an seiner Seite gerichtet. Die Augen mußten sich erst umstellen, dennoch glaubte er erneut eine huschende Bewegung zu erkennen.
Wenn jemand im Wald herumschleichen sollte, so hätte er sein Fahrzeug mit dem eingeschalteten Standlicht längst erkennen müssen. Wenn also jemand Interesse hatte, mit ihm ins Gespräch zu kommen so sollte es demjenigen ein leichtes sein. Christopher fühlte sich bestätigt. Wenn der Fahrer des seltsamen schwarzen Geländewagens im Wald herumschleichen sollte, so würde es seine Gründe dafür geben, er drängte nicht danach, dem auf den Grund zu gehen.
Mit einem letzten Blick zur Seite legte er den Gang ein und setzte das Fahrzeug wieder nach Vorne. Gebannt blieb sein Blick am Seitenspiegel hängen, zu unwirklich, unheimlich war die Situation gewesen. Schon nach wenigen Metern jedoch schluckte die Dunkelheit das hinter ihm abgestellte Fahrzeug, nur manchmal, wenn er die Bremse betätigte, warfen die Bremslichter ein verabschiedendes Licht zurück und suchten nach dem Geländewagen. Christopher zwang sich nach vorne zu blicken, der Weg wurde zweifellos schlechter.
Die Spurrinnen wurden tiefer, hier hatte schweres Gerät gearbeitet. Noch konnte er den Weg nach verfolgen, konnte genau vorausplanen, wie er das Fahrzeug über den Weg steuern mußte, um nicht seitlich in eine der tiefen Rillen zu rutschen. Der letzte Punkt, an welchem er das Fahrzeug bisher hätte wenden können, war mit dem schwarzen Pickup verstellt, der Fahrer hatte scheinbar keine Lust gehabt, dem Ausländer zu helfen. Unangenehm begann sich die Frontscheibe von innen zu beschlagen. Erst jetzt merkte Christopher, wie sehr ihm der Schweiß auf der Stirne stand. Er schaltete die Lüftung nach Vorne und wischte sich mit einer fahrigen Bewegung den Ärmel über die Stirne.
„Scheiße!“, verfluchte er innerlich die verfahrene Situation. Seine Gedanken richteten sich an seine Liebste, das Bewußtsein, daß sie sich Sorgen machen würde, zwang ihn weiter.
Im Radio war nur mehr entfernt Musik zu vernehmen, ein krachendes Rauschen hatte längst die Überhand gewonnen. Christopher drehte den Knopf herum, das Geräusch machte ihn nervös. Gerade wollte er sein Fahrzeug durch die nächste Bodenmulde setzten, da vernahm er ein vertrautes Geräusch. Augenblicklich hielt er an, sein Herz schlug ihm bis zu Hals. Das zweifache Piepsen zeigte ihm den Empfang einer SMS an. Die Freude konnte er schwer verbergen, seine Hände zitterten, als Christopher sein Moblitelefon aus der Seitentasche kramte.
„Dich kann man auch nicht alleine fahren lassen!“ Laß dir Zeit, melde dich wenn’s geht! Hab dich lieb!“
Warm wurde es um sein Herz, die Anspannung der letzten halben Stunde legte sich für einen Moment. Scheinbar konnte er hier wieder eine Netzverbindung herstellen. Seine Textnachrichten im Postausgang waren gesendet, selbst die Nachricht seiner Frau war ohne Probleme hereingekommen. Schnell, als wäre der Empfang zeitlich begrenzt, wählte er die Telefonnummer. Das Gespräch mit seiner Liebsten würde ihn beruhigen, ihn von der verfahrenen Situation ablenken, seine Ärger vergessen machen. Das Telefon fest ans Ohr gedrückt, lehnte er sich bereits erschöpft zurück in seinen Sitz. Sein Blick richtete sich wie beiläufig zurück über den Rückspiegel.
Wie ein Szenario aus der Hölle, der Wald hinter ihm war schwach erleuchtet im Rot der Bremslichter. Als wäre es der Widerschein eines Höllenfeuers, ein unheimliches, irreales Bild.
In der Leitung

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Das Leben ist wie eine Droge, einmal davon gekostet, kann man kaum mehr die Finger davon lassen....
 
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