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Aufgewachsen im Schatten

BeitragVerfasst am: 18.02.2009, 22:12
Titel: Aufgewachsen im Schatten
Autor: Detlef Bass

Verlag: Noch keine Ahnung
Seiten: ca. 400


Der Autor über das Buch:

Lulu ist ein Zigeunerjunge, der im Alter von 15 Jahren zusammen mit seiner Familie und weiteren 3-4000 ostpreußischen Zigeunern nach Polen deportiert wird. Ins Zuchthaus von Bialystok gesperrt, beginnt nach einigen Wochen das qualvolle Sterben. Er hat Glück im Unglück und ist einer der ganz wenigen der ausgesondert wird und eine Arbeit in einer Feldjägerkaserne außerhalb des Zuchthauses bekommt. Er schuftet in der Küche und darf die Essensreste einsammeln und mit ins Zuchthaus nehmen. Das bewahrt seine Familie vor den drohenden Hungertod. Leider zu spät für fünf seiner Geschwister, die bereits gestorben sind. Nach acht Monaten Bialystok werden die etwa 2000 noch lebenden Zigeuner nach Brest-Litowsk gebracht und müssen dort fast zwei Jahre lang für die Organisation Todt schuften. Im März 1944 die Russen rücken auf Brest-Litowsk zu. Die Letzten etwas über 800 Überlebenden Zigeuner werden abtransportiert und kommen in das KZ Auschwitz. Lulu überlebt eine tödliche Injektion und wird zusammen mit einem seiner Cousins ins KZ Flossenbürg gebracht. Seine Mutter und Geschwister sterben wenig später in den Gaskammern von Auschwitz. Lulu arbeitet in Steinbruch und anschließend im Flügelbau bei Messerschmitt. Im April 1945 werden Lulu und sein Cousin Paule auf den Todesmarsch von Flossenbürg nach Dachau von den Amerikanern befreit.



Inhalt:

Eine kleine Leseprobe

Am Morgen des 22. Dezember 1941, zwei Tage vor Heiligabend-dem Fest der Freude, bekamen die Gerüchte von einer etwaigen Umsiedlung, die schon seit langen nicht nur im Kreis Schloßberg, sondern in ganz Ostpreußen kursierten und bisher nur als Gerüchte abgehandelt wurden, einen erstmals bitteren Beigeschmack und entpuppten sich von einem Tag auf den anderen Tag als grausame Realität. Lulu saß auf einem Hocker in der Nähe des Fensters und schaute gedankenverloren hinaus in die eisige Unwirklichkeit. Ein Schatten, hinter dem sich ein Winzling verbarg, huschte kurz durch die eisige Stille im Hof und verschwand im Stall. Die ganze Nacht über hatte es orkanartig gestürmt und geschneit. Nun lagen die unendlich ausgedehnten Weiten, die in ihren weißen Anzug aus Frost und Schnee gebettet waren, friedlich dar. Kurz geschüttelt zog Lulu den Kopf ein und schlich gekrümmt mit einem Katzenbuckel zum Ofen. In der Stube war es lautlos. Mama saß in der Ecke und fütterte die Zwillinge. Edith kniete hinterm Ofen und spielte mit Horstchen. Langsam sank Lulu nieder und machte es sich direkt neben den Ofen gemütlich. Der Kopf auf den Ellbogen gestützt, verfiel er in seinen Gedanken. Plötzlich klopfte es an der Tür.
„Lulu, schau doch mal, wer da ist“, rief Duve und sah zu ihrem Sohn, der zusammen gekauert am Ofen vor sich hinduselte.
„Ja Mama.“ , entgegnete Lulu. Langsam dehnend erhob er sich, ging zum Fenster und blickte hinaus in das unwirklich scheinende Wetter. Zwei Gestalten standen vorm Eingang. Eingepackt in warmer Winterkleidung, die Mützen über die Ohren gezogen und den Schal tief ins Gesicht geschwungen, waren die Männer auf dem ersten Blick nicht zu definieren. Lulu hob die Achseln an und ging zur Tür.
„Wer ist das?“ rief Duve hinter ihm her.
„Weiß ich nicht, aber der eine, sieht aus wie Herr Schüßler, er trägt eine Gendarmenuniform“, rief Lulu Duve zu.
„Herr Schüßler“, säuselte Duve überrascht und schaute zur Tür.
Einen Spaltbreit die Tür geöffnet, blinzelte Lulu neugierig hinaus.
„Guten Morgen Herr Schüßler, guten Morgen Herr...“ er schaute genauer hin und erkannte nun den, der sich hinter seiner winterlichen Fassade, die starr wie ein Eisblock an der Tür verharrte, verbarg. „…guten Morgen Herr Bürgermeister.“
„Morgen Junge, ist Hermann da?“
Lulu nickte und verneinte gleichzeitig: „Er ist im Stall.“ Sein Blick fiel auf die Stalltür, die in selben Moment aufging. „Da ist er, er kommt gerade“, hastete es aus Lulu heraus. Sein ausgestreckter Arm wies zwischen den Männern hindurch zum Stall hin. Unter den schweren Pelzmantel trug Bürgermeister Schneider seine prachtvolle Uniform und die blank polierten Stiefel, die heller glänzten, als die Sonne im Sommer strahlte. Lulu konnte Bürgermeister Schneider nicht ausstehen, er war arrogant und zudem eine Wetterfahne. Schneider war einer der Ersten, wenn nicht sogar der Erste, der sich in die eng geknüpften Maschen des fein gewebten national sozialistischen Geflechts gewollt oder ungewollt, verfing. Kaum in den Genuss uneingeschränkter Macht gekommen, zeigte er sein zweites, sein wahres Gesicht. Schüßler war nicht besser, er verfiel ebenfalls der Seuche des Nationalsozialismus, die stetig um sich griff und beinahe alle Leute in Blumenfeld angesteckt hatte. Einmal dem Wahn verfallen, gab es kein zurück. Warum auch sollten die Menschen in eine trostlose Vergangenheit zurückfallen, wenn sich ihnen eine glanzvolle Zukunft offenbarte. Der Kerl war ein SA-Funktionär. In ganz Blumenfeld flüsterte man hinter vorgehaltener Hand, das Schüßler sich vor dem Wehrdienst gedrückt hatte und daher zur Polizei überwechselte. Obwohl dieser Kerl Gendarm in Schloßberg war, tyrannisierte er die Bewohner in Blumenfeld. Er war ein gemeiner Geselle mit dem nicht Gut-Kirschen-Essen war.
„Guten Morgen, die Herren“ Zulli streckte ihnen die Hand zum Gruß entgegen. Sein feuchter Atem, der in der Kälte gefror, löste eine Reihe eisiger Atemwolken, die sich wie feiner Nebel über den Herren ausbreitete. „Was verschafft uns die Ehre?“
„Hermann?!“, rief er nochmals. Kurz pausierend nickte der Bürgermeister und sah Zulli entschlossen fest an. „Ich habe direkte Anweisungen aus Königsberg.“ Er griff in die Manteltasche und zog ein Blatt Papier hervor. Sein Blick, der Zulli kurz streifte, fiel auf das Blatt, das er auseinander faltete. „Ihr habt euch bereit zu machen!“ sagte der Bürgermeister dann.
„Wozu?“ klang es aus einer anderen Ecke. Duve trat aus der Wohnstube heran, schob Lulu zur Seite und warf den Herrschaften einen bissigen Blick zu. „Wozu, fertig machen?“ , fragte Duve nochmals mit etwas erhobener Stimme. Missbilligend zog sie die Augenbrauen hoch und schnaufte wie ein Ross. Aus dem Takt gebracht, faltete Bürgermeister Schneider das Blatt Papier wieder zusammen und steckte es zurück in die Manteltasche.
„Ihr habt euch reisefertig zu machen!“, sagte Schneider. „In Kürze werdet ihr nach Polen übersiedeln“, fügte Schüßler noch hinzu und nickte.
„Guten Morgen…“ rief jemand. Rudolph erschien von der Seite her und trat in Schüßlers Augenwinkel.
„Gut, das du da bist“, meinte Schüßler. „Schließlich betrifft es euch alle! Ihr habt eure Sachen zu packen und euch bereitzuhalten!“ Nickend blickte Schüßler um sich. „Es kann jeden Tag so weit sein.“, fügte er mit einem fixierendem Blick hinzu.
„Wie bitte?“ Mit kräftig-bebener Stimme, trat Duve vorbei an ihren Sohn und bäumte sich vor den Herren auf.
„Frau, geh´ zurück ins Haus“, fuhr Zulli sie ziemlich verärgert von der Seite her an, nahm seine Frau in den Arm und führte sie vorsichtig aber dennoch energisch gegen ihren Willen zurück in die Stube. Es war schließlich nichts Neues, sie müssen über kurz oder lang, die Heimat verlassen, um in Polen - das wirtschaftlich am Boden lag, einen Neuanfang zu starten. Gemeinsam mit den Volksdeutschen aus den Ostgebieten waren sie ausgewählt worden, Polen neu aufzubauen. Die Umsiedlung nach Polen war eine längst beschlossene Sache, ein Befehl von ganz oben, vielleicht vom Führer Adolf Hitler höchstpersönlich. Man wusste es nicht. Es war Krieg und im Krieg hatte nun mal jeder seinen Beitrag für Volk und sein Vaterland zu leisten. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, schoben die Zwei ihre Schals über den Mund und wandten sich ab. Sie gingen zurück in die Kälte, aus der sie kamen. Gedankenverloren trottelte Zulli in die Stube, rutschte den Stuhl zur die Seite und setzte sich an den Tisch. Den Kopf tief herabhängend, starrte er zur Tür. Mutter setzte sich aufs Bett, hob die Zwillinge auf ihren Schoß und schaute teilnahmslos an Zulli vorbei zu ihren Kindern. Langsam umherwandernd streichelte ihr trauriger Blick die zarten Gesichter ihrer unschuldigen Kinder. Seufzend und traurig senkte sie den Kopf, in der Hoffnung, die Sorgen, die auf ihren schmalen Schultern lastete, vor den Kleinen verbergen zu können.
Zulli sprang auf, warf einen Blick zur Rechten und dann zur linken Seite, leicht suchend, schüttelte den Kopf und setzte sich sogleich wieder hin. Innerlich aufgewühlt biss er auf seine Unterlippe, erhob sich erneut, stieß gegen den Stuhl… dieser wackelte auf den Beinen hin und her, pendelte ein wenig bis er schließlich langsam wieder auf den vier Beinen zur Ruhe kam. Nervös lief Zulli auf und ab.
Fassungslos polterte Fritz herein. „Jetzt ist es soweit“, rief er atemlos. „Die wollen, dass wir losziehen!“
„Ich weiß“, hauchte Zulli leise, traurig, ohne den nachdenklichen Blick, der zu Boden gerichtet war, zu erheben.
„Die sind ja völlig übergeschnappt!“, fauchte Mutter, sprang auf und trug die Kleinen in die Ecke des Raumes und legte sie aufs Bett. „Bei dem Wetter…,schimpfte sie, „…die Kinder holen sich den Tod…“, fügte sie laut hinzu. Zeternd kehrte sie zum Tisch zurück. Rasch füllten sich ihre Augen mit Tränen. Seufzend fuhr sie mit dem Ärmel durchs Gesicht, ehe die Tränen über die Wangen rollten. Sie wollte sich ihre Angst nicht anmerken lassen, schon gar nicht vor ihren Kindern. Obwohl Fritz, Zulli und all die anderen Erwachsenen irgendwo Erleichterung verspürten, lag ziemliche Unruhe, die alle zu erdrücken drohte, in der Luft. Veto einlegen, sich quer stellen, gar verweigern… - dazu fehlte ihnen die Entschlossenheit. Bei der angespannten Stimmung, bei der nicht einmal die deutschesten der Deutschen sicher waren, geschweige denn SIE als Zigeuner, war es von Vorteil den Mund zu halten.
Bereits am darauf folgenden Morgen, den 23 Dezember 1941, ein Tag vor Heiligabend, zwei Tage vor Zullis Geburtstag, bog gegen Mittag eine Kutsche um die Ecke. Oben auf dem Bock saßen Gendarm Ipach, der diskrepante Gendarm Schüßler sowie ein weiterer Gendarm aus Schloßberg.
„Was die wohl wollen?“, flüsterte Lulu und stellte die Schneeschaufel zur Seite.
Zulli hörte den Schlitten ebenfalls kommen und kam vor die Tür. Mit steif gefrorenen Ohren und einer feuerroten Nase blinzelte Ipach an Zulli vorbei.
„Hermann!“, er pausierte kurz und stieg schwerfällig vom Bock. Schüßler sprang ebenfalls vom Bock und baute sich breitbeinig neben Ipach auf.
„Hermann, es tut mir leid, aber ich muss dein Motorrad konfiszieren.“, sagte Ipach.
Langsam streifte er die mit Pelz versetzten Fausthandschuhe von den Händen, griff in die Innentasche seines Mantels und zog ein amtliches Dokument hervor. Mit angehobenen Schultern und einem selbstbewusstem Auftreten überreichte er Zulli das Dokument.
„Du musst dort unterschreiben.“, deutete er. „Ich kann lesen!“, zischte Zulli bösartig.
Seine tief liegenden Augen, die irgendwo am Ende der Augenhöhlen vergraben lagen, legten einen finsteren Schatten über sein Antlitz. Sein Motorrad, seine über alles geliebte NSU wollten sie ihm nehmen.
„Ja aber geht das denn so einfach?“ , fragte Zulli verzweifelnd.
Ein letzter Versuch, ein letztes Aufbegehren, um vielleicht... Ipach nickte energielos. „Hermann, da kannst du...“, er brach den Satz ab und schüttelte unmissverständlich den Kopf. Widerwillig, voller Zorn und Traurigkeit nahm Zulli das Dokument, sowie den Federhalter entgegen und unterschrieb wehmütig. Während er seinen Namen unter dem Dokument verewigte, stampfte Schüßler in Begleitung des Gendarmen aus Schloßberg an Lulu vorbei zum Schuppen. Traurig senkte Zulli den Kopf, als der Kerl sich an seinem Eigentum vergriff und sein „BABY“ hinaus ins Freie schob.
„Komm Junge“, brüllte der uniformierte Schüßler herrisch „fass mal mit an!“ Lulu folgte ängstlich. Gemeinsam schoben er und die Gendarmen Zullis Motorrad durch den knirschenden Schnee hin zum Pferdefuhrwerk. Zulli, Richard sowie Rudolph, waren bärenstarke Kerle und schauten tatenlos zu, wie Ipach, Schüßler und der dritte Gendarm das schwere Motorrad mit vereinten Kräften hinauf auf die Ladefläche des Fuhrwerks hievten. Ipachs starrer Blick streifte kurz die mies gelaunten Gesichter der Dambrowskis. Ohne dass sich die Blicke der Männer trafen, hielt Ipach Finger und Zeigefinger an die Mütze und nickte. Schüßler stieß einen grellen Pfiff in die Kälte und schlug gleichzeitig die Peitsche. Erschreckt warfen die Pferde sich ins Geschirr und schlugen mit den schweren Hufen in den eisenharten Boden. Eis und Schnee wirbelten auf, ehe die Hufe im eisigen Boden griffen und das Gefährt in Bewegung kam. Ruckartig zog der Schlitten an und sie verließen auf leisen Kufen und sanftem Hufschlag den Hof.
Da gingen sie hin, die Verbrecher, diejenigen, die Zulli das nahmen, was er stets hegte und pflegte, wie sein Augapfel hütete: sein Motorrad!
Wutschnaubend ballte er die Fäuste, die er zitternd in den Hosentaschen vergrub, und starrte Lulu giftig an. Lulu erwiderte Zullis wütenden Blick, indem jegliche Emotionen fehlten, mit einem zynischen Lächeln auf seinen schmalen Lippen. Wie gern hätte Zulli seine maßlose Wut, die in ihm hoch kochte, an den Jungen ausgelassen und ihn halb tot geprügelt. Die Zeiten jedoch waren, Gott sei Dank, vorbei. Obwohl die Familien am Heiligen Abend, sowie auch den ersten und zweiten Weihnachtstag von unangenehmen Besuchern verschont blieben, kam keinerlei Weihnachtsstimmung auf.
Gegen Mittag des 28.Dezember 1941 kamen sie erneut: Herr Ipach, Schüßler, der Gendarm aus Schloßberg, Bauer Hirth und Adolf der Knecht. „Guten Tag die Herren, was verschafft uns die Ehre?“ Richard stand vorm Haus und begrüßte die Herren deutlich scharfzüngig. Stillschweigend zog Ipach, wie Tage zuvor, ein Dokument hervor und übergab es Richard. „Wir haben Anweisung die Tiere abzuholen!“ , befahl er herrisch.
Richard schluckte schwerfällig und blinzelte unkontrolliert mit den Augen, die nervös kreisten. Deutlich war ihm der Schock anzusehen. Es fehlten ihm die Worte. Er kratzte sich am Kinn und sah sich Hilfe suchend um. Sein Schwager Fritz, der hinzu geeilt kam, sah Richard fest an und zuckte fragend die Achseln. Wortlos, mit offenem Mund vor sich hinstarrend, schüttelte Richard den Kopf und überreichte Fritz das Dokument. Zitternd hielt Fritz den Fetzen Papier zwischen den Fingern und las mit verwirrtem Blick. Innerlich aufgewühlt knirschten die Zähne und sein Antlitz verfinsterte sich zunehmend.
„Ja aber…“, er pausierte und holte tief Luft. „…was ist mit der Bezahlung? Ihr könnt nicht einfach kommen und uns unsere Tiere fortnehmen!?“, „Nein, nicht mit mir!“, schnaubte er wütend und hielt Ipach das Dokument unter die Nase.
„Freunde!“, Schüßler schob sich ins Geschehen. „Wer will euch denn etwas wegnehmen?“, lachte er und schüttelte sanft den Kopf. „Wollt ihr etwa die Tiere mit nach Polen nehmen?“ Zynisch grinsend fasste er sich an die Stirn. „Fritz!-Du kannst doch lesen?“
Sichtlich gereizt warf Fritz den Kopf herum und blickte Schüßler tief in die blaugrünen Augen. Solange man Fritz in Frieden ließ, war er für jedermann zugänglich, eine Seele von Mensch. Nun aber ging es ans Eingemachte und da war mit Fritz nicht Gut-Kirschen-Essen. Ipach roch dicke Luft und schritt ein, bevor die Situation eskalierte.
„Männer, in dem Schreiben steht, dass ihr in Polen für all euer Hab und Gut entschädigt werdet. Ihr bekommt Land und natürlich auch euer eigenes Vieh.“ Sein Blick wanderte von rechts nach links und wieder zurück.
„Also lasst uns in aller Freundschaft unseren Auftrag erledigen.“ Richard rückte zur Seite, Fritz senkte zähneknirschend den Kopf und wandte sich seitwärts ab.
Unbehelligt schritten Schüßler, Adolf und der Gendarm aus Schloßberg an die Familienmitglieder vorbei und gingen in die Ställe. Der Stolz der Dambrowski, ihre Trakehner sowie die schweren Arbeitspferde und die Kühe stampften unruhig aus den angenehm warmen Ställen heraus in die unbarmherzige Kälte hinein. Lulu war todtraurig als die alte gute Lotte und Rosa, die laut muhend protestierten, an ihm vorbeigetrieben wurden. Wie oft waren Lotte und Rosa die einzigen Lebewesen, die immer ein offenes Ohr für ihn und seinen Kummer hatten. Wie oft spendeten die alten treuen Kühe ihm Trost!? Sichtlich getrübt trauerte er um die gefleckten alten Damen. Wird er seine lieb gewonnenen Freundinnen wohl wiedersehen? Diesem Gedanken konnte er leider keine Hoffnung entgegenbringen.
Kurz danach kamen die Kerle zurück und holten den Rest der Tiere aus den Boxen und Ställen. Schweine, Enten, Gänse und Hühner…alles, was auf dem Hof kreuchte und fleuchte, wurde hinaus in die Kälte und vom Hof fortgetrieben. Der gesamte Viehbestand wechselte seltsamerweise hinüber zu Bauer Schüßler. Die Herren besaßen die bodenlose Frechheit und erschienen ein drittes Mal auf dem Hof und machten sich über die Vorratskammern her.
Das war einfach zu viel für Marie, die sich ihnen wagemutig in den Weg stellte. Sie war keinesfalls damit einverstanden, dass man ihnen die Lebensgrundlage entzog.
„Wovon sollen wir und die Kinder leben und wie sollen wir über den Winter kommen?“ Sie schrie Schüßler, der sich scheinheilig hinter dem Pferdefuhrwerk verbarg, lauthals an.
„Sollen wir etwa verhungern?“ Wütend riss sie die Arme hoch und ballte die Fäuste gen Himmel. Duve trat neben Marie, legte ihren Arm um ihre Schultern und zog sie fest an sich heran und versuchte sie zu beruhigen: „Lass sie, das sind doch keine Menschen mehr!“ Sie winkte voller Verachtung ab. „Komm“, sagte sie und schob Marie vor sich her, fort von den herzlosen Menschen. Seufzend wischte Marie die Tränen aus den Augen.
„Ja…“, hauchte sie leise, „…mir wird sonst speiübel!“
Schüßler, herzlos, wie er sich gab, genoss er es Gendarm zu sein. Er ließ sich weder von den Sprüchen, noch von den Wutausbrüchen der hirnlosen Weiber beirren und führte seinen Auftrag, die Vorratskammern zu plündern, gewissenhaft aus. Marie konnte sich wohl ein wenig mehr herausnehmen als all die anderen Familienmitglieder, ohne dabei ins offene Messer zu laufen. Sie verfügte über einen besonders guten Draht zum Dorf Gendarmen Ipach. Marie war kinderlos und arbeitete seit vielen Jahren als Haushälterin im Hause Ipach. Als die Nachricht von der Umsiedlung der Dambrowskis in Blumenfeld die Runde machte, war Ipach mit der Verfügung alles andere als einverstanden. Er setzte Himmel und Hölle in Bewegung, setzte all seine guten Beziehungen zu hochgestellten Persönlichkeiten ein und gewann schließlich. Marie durfte in Blumenfeld und in seinem Haushalt verbleiben. Ihr Bleiberecht war fürs Erste gesichert. Stolz präsentierte Ipach Marie das von höchster Stelle beglaubigte Schriftstück. Marie hätte jedoch ihren Mann Fritz Habedank, sowie ihre Geschwister und deren Familien, nie alleine ziehen lassen. Ihr Herz und ihre Zukunft, so düster die auch sein mochten, gehörten der Familie, die sie um nichts in der Welt verlassen würde. Der Gendarm Ipach akzeptierte und respektierte ihren Entschluss mit trauriger Miene. Er selbst hätte wohl nicht anders gehandelt.
 
  katsche 
 
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BeitragVerfasst am: 18.02.2009, 22:41
Hallo,

ein immer wieder aufwühlendes und fesselndes Thema, dessen Drama man sich nicht entziehen kann. Mich hat es jedenfalls gefesselt. thumb up
 
  Mac 
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BeitragVerfasst am: 19.02.2009, 19:21
Hallo Mac
Danke für deine Meinung. So wie es aber ausschaut, ist das Thema nicht mehr so aktuell, was ich auch irgendwo verstehe. Ich kann auch manchmal nichts mehr von dem ewigen Holocaust hören. Wir leben halt in einer anderen Zeit.
Gruß Katsche
 
  katsche 
 
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BeitragVerfasst am: 19.02.2009, 20:01
katsche hat Folgendes geschrieben:
... So wie es aber ausschaut, ist das Thema nicht mehr so aktuell, was ich auch irgendwo verstehe. Ich kann auch manchmal nichts mehr von dem ewigen Holocaust hören. Wir leben halt in einer anderen Zeit.

Mir hat Dein Text auch gefallen und Du hast das sehr spannend und authentisch erzählt. thumb up
Das Thema muss "aktuell" bleiben, denn solche Dinge passieren bis heute immer wieder, wenn auch (zum Glück!) nicht in dieser fürchterlichen Dimension.

Ich denke, bei derartigen Lebensgeschichten kommt es sehr darauf an, wie sie aufbereitet werden. Wenn Du es schaffst, dass nicht der Nationalsozialismus und die Anklage der Täter im Vordergrund stehen, sondern die Menschen, die sich mit diesem Irrsinn auseinandersetzen mussten, dann hast Du gute Chancen Erfolg damit zu haben.
Aus solchen Geschichten kann man viel lernen, vor allem, dass man nicht bei jedem Scheiß die Flinte ins Korn werfen darf.

LG,
Julia

PS. Nett fand ich den Namen Deines Protagonisten, denn Lulu ist ja auch ein BOD-Anbieter aus den USA

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  julia07 
 
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BeitragVerfasst am: 19.02.2009, 20:17
Hallo Julia
Genau das habe ich vermieden. Nicht das System steht am Pranger, sondern der einzelne Mensch, der sich zum Täter machte. Wobei ich sagen, muss das es auch nicht um die Täter bei der Geschichte geht, denn es gaben Täter die sich als Wohltäter entpuppten. Allein das Überleben steht im Vordergrund und das dreieinhalb Jahre lang.
Gruß Katsche
 
  katsche 
 
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BeitragVerfasst am: 19.02.2009, 20:22
Ich habe noch vergessen anzumerken, dass durch die vielen Einzelschicksale, die ja im Roman beschrieben sind, sowieso die Täter mit beleuchtet werden ...

Viel Erfolg mit dem Projekt!

LG,
Julia

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BeitragVerfasst am: 20.02.2009, 11:38
Hallo Katsche,

Du hast da wirklich einen sehr berührenden und wichtigen Stoff gefunden. Es liest sich wirklich gut. Trotzdem solltest Du den Text noch etwas bearbeiten. Ein Lektor wäre auch nicht schlecht.

Gruß

Speedy
 
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BeitragVerfasst am: 20.02.2009, 12:11
Ich finde es auch lebendig erzählt.

Viel Erfolg wünsche ich dir - ob bei BoD oder wonanders .. ,-)

herzlichst, Barbara

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BeitragVerfasst am: 20.02.2009, 12:45
Hallo Namensvetter. Dein Vorhaben verspricht Erfolg, so es als Buch veröffentlicht ist. Dein Schreibstil gefällt mir. Er ist leicht zu lesen und schafft genaue Vorstellungen. Vor allem ist er frei von intellektueller Wortschwulst, wie sie manche junge Autoren zur Hervorhebung ihrer "Intelligenz" dem Leser aufzwingen.
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Herzlichst, der andere Detlef
 
  Detlef Schumacher 
 
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BeitragVerfasst am: 20.02.2009, 21:27
Hallo miteinander

Es freut mich natürlich das meine Geschichte euch einigermaßen gut gefällt. Mir ist es auch klar das der Text etwas für einen Lektor ist. Leider sind professionelle Lektoren ziemlich teuer, da müssen sich Leute wie wir erst einmal selbst helfen oder auf einen rettenden Engel warten. Und warten. Und warten. Na ja. Umsonst ist nur der Tot und der kommt uns auch teuer zu stehen. Mir ging es hauptsächlich darum, ob meine Geschichte überhaupt ankommt. Aber so wie ich sehe, sind meine Chancen vielleicht irgendwann Glück zu haben ganz gut.

Ich bedanke mich jedenfalls bei all die die mir Glück wünschen

Es grüßt euch Karsche
 
  katsche 
 
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Ein Hallo an alle Mitautoren

BeitragVerfasst am: 06.01.2010, 01:04
Katsche wünscht euch allen ein erfolgreiches neues Jahr. Zudem grüße ich ganz besonders die Frau die mir weiter geholfen hat.

Schöne Grüße und viel Glück euch allen.

Katsche thumb up thumb up
 
  katsche 
 
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BeitragVerfasst am: 06.01.2010, 09:47
da muss ich mich mal melden - weil dir vieleicht meine erfahrung weiter hilft.


es gibt bezahlbare Lektoren für Hobby-Schreiber, wie uns! Es lohnt sich! Ein Buch ohne Lektor trägt nur zum schlechten Ruf der BOD Produkte bei (für den Satz werde ich gleich im Forum gelyncht, aber ist meine Meinung!)

zu dir, wenn dir an dem Buch was liegt, such dir einen Lektor.

meine 1t Fassung war kompletter Müll - ich habe dann über den Verband freier Lektoren eine super Lektorin gefunden, die mir verdamt viel geholfen hat. Jetzt mus sich das Buch zwar überarbeiten, aber hätte ich es ohne Lektorat rausgebracht, wäre es nur gut als Briefbeschwerer gewesen.

mein Tip: http://www.lektoren.de/index.php
gib eine Annouce auf, die folgendes Enthält: Umfang des Buches, Inhalt und wieviel du bereit bist zu investieren!

nach 1-4 Tagen hatte ich 15 Angebote - dann hab ich mit 3en telefoniert und mich nach einer Woche entschieden.

das Geldliche hat jemand im Forum gut beschrieben: wenn schreiben dein Hobby ist dann überleg mal, ob du nicht bereit bist ein paar hundert Euro im Jahr dafür zurückzulegen - wieviel Geld gibts du für andere Hobbys aus? (Sportschuhe, Autotuning, Wanderausrüstung?)


lass dir das mal durch den Kopf gehen - für mich war das Lektorat eine positive und wichtige Erfahrung und deinem Buch kann es nur zu Gute kommen!

glück auf,

der Bender
 
  Bender 
 
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Hallo lieber Mitautor

BeitragVerfasst am: 06.01.2010, 13:47
Vielen Dank für deinen Tipp.

Ich weiß dass die Geschichte noch etwas überarbeitet werden sollte, was ich auch getan habe. Nun liest sie sich bedeutend besser.

Wir dürfen nicht vergessen - aller Anfang ist schwer- book


Gruß Katsche thumb up
 
  katsche 
 
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Hallo katsche

BeitragVerfasst am: 03.02.2010, 15:52
Ich bin zwar neu hier im Autorenforum, aber besuche dieses Forum schon seit Jahren als Gast. Deine Leseprobe, die mir sehr gut gefällt und neugierig gemacht hat, kenne ich daher schon lange. Meine Verwandtschaft kommt auch aus Ostpreußen und hat auch so etwas Schreckliches erlebt. Du hast zuletzt geschrieben, das du die Geschichte überarbeitest hast. Wo kann ich zum Beispiel mehr von der Geschichte lesen???

Danke und einen schönen Gruß von Schnatter
 
  schnatter 
 
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Hallo Schnatter

BeitragVerfasst am: 07.02.2010, 21:32
Erst einmal freue ich mich dass du für mein Buch Interesse zeigst. Laughing Die Leseprobe, die ich eingestellt habe, sollte ursprünglich der zweite Teil der Geschichte sein und beginnt im Dezember 1941. Die Geschichte fängt aber 1934 mit Lulus Kindheit an, die ich auf - ca. 200 Seiten – zusammengefast habe. Er hatte einen Stiefvater, musste schon als kleines Kind von früh bis spät schuften, sein Essen bekam er wie ein Hund auf dem nackten Fußboden (serviert) und schlafen musste er auch auf dem Boden. Lulu wurde beinahe täglich verprügelt. Seine Kindheit war die Hölle, die später in der NS Zeit ihren zweiten Höhepunkt bekam. Sad

So wie es aussieht Schnatter, musst du dich leider noch ein wenig gedulden. Besser gesagt bis Ende des Jahres, dann kommt mein Buch - Aufgewachsen im Schatten - auf den deutschen Büchermarkt. In der Zwischenzeit werde ich noch 4 von meinen MS, die ich momentan noch ein wenig überarbeite und dieses Jahr herausbringen möchte, hier mit Leseprobe vorstellen.

Gruß Katsche

Es kommt nicht darauf an was man schreibt, sondern wer es schreibt.
 
  katsche 
 
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Aufgewachsen im Schatten
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