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Baukasten für einen Dichterkreis

BeitragVerfasst am: 16.05.2009, 13:13
Ich bitte hier nicht um Hilfe, sondern gebe unaufgefordert einen Ratschlag, was aber am besten in diese Rubrik passt.

Jahrelang war ich Mitglied im Düsseldorfer "Club Neuer Literaten", so eine Art Dichterkreis, der sich zum größten Teil aus jungen, studentischen Autoren zusammensetzte. Zweck des Clubs war es, durch regelmäßiges Feedback anderer Autoren die eigenen Fähigkeiten zu verbessern.
Ich bin von Mitgliedern des Clubs, denen ich damals an der Uni und bei Poetry Slams über den Weg gelaufen bin, zu Treffen eingeladen worden und jahrelang Mitglied geblieben. Erst als ich die Arbeit an "Prometheus' Tod" begonnen habe, bin ich nicht mehr zu den Treffen gegangen, weil ich nicht ständig neue Auszüge aus dem Roman präsentieren wollte und nicht damit rechnete nebenbei viel anderes zu schreiben. Mittlerweile ist der Club aufgelöst.

Gerade jungen Autoren kann ich nur raten sich solchen Gruppen anzuschließen oder bei vorhandenem Organisationstalent selbst solch eine Gruppe zu gründen.
Nun passierte es in der ersten Zeit allzu häufig (allerdings bei weitem nicht immer), dass zu wenige Autoren zu den Treffen erschienen, zu wenige oder gar keine Texte mitgebracht wurden und nur den ganzen Abend über die Simpsons philosophiert wurde, weil die Treffen keine Struktur hatten.
Es hat sich irgendwann bewährt, sich deshalb an gewisse Regeln zu halten, die ich hier mal weitergeben möchte und die jeder für so eine Gruppe gebrauchen kann, falls er eine gründen möchte.
Durch die Regeln ging keinesfalls der Spaß an der Sache flöten, die Treffen wurden sogar besser.

Die Treffen fanden einmal im Monat zu einem festgelegten Termin statt, immer an einem Wochentag, an dem möglichst viele Mitglieder normalerweise Zeit hatten. Anfangs wurde für die Treffen jedesmal ein bestimmter Tisch in einer bestimmten Kneipe reserviert. Geld spart man mit der Alternative, die sich später bei uns einbürgerte, die Treffen rotierend, sprich abwechselnd bei den einzelnen Mitgliedern zuhause abzuhalten. Für Getränke und jeweilige Verpflegung hatte dann jeder selbst zu sorgen.
Nun zur eigentlichen Struktur der Treffen:
Jeder sollte mindestens zu jedem zweiten Treffen einen selbstgeschriebenen Text, oder einen Fremdtext (mal ein Gedicht von Hesse, mal eine bemerkenswerte Glosse etc.), den er vorstellen möchte, mitbringen.
Wenn ich mich recht erinnere, sollten nach Möglichkeit für jeden Kopien des Textes angefertigt werden, bin mir aber nicht mehr ganz sicher.
Jeder Autor, der einen Text mitgebracht hat, kommt an die Reihe mit der Vorstellung seines Textes. Er liest ihn vor, soll aber nicht davor oder unmittelbar danach etwas über den Text sagen.
Unmittelbar nach dem Vortrag wird der Text von den anderen Autoren bewertet. Daumen hoch signalisiert: Gut, Daumen waagerecht: Mittelmäßig, Daumen nach unten: schlecht. Damit die Mitglieder sich nicht von den Urteilen der anderen beeinflussen lassen, geben alle ihr Handzeichen zeitgleich auf Drei.
Danach begründet jedes Mitglied der Reihe nach seine Bewertung und gibt Komentare zum gehörten Text ab.
Erst dann darf der jeweilige Autor selbst etwas zu seinem Text sagen, wenn er möchte und es ergibt sich ein weiteres Gespräch über den Text.

Beim nächsten Text dann wieder genauso.

Das hört sich vielleicht trocken an, aber ich versichere euch, trotz der Regeln waren gerade die späteren Treffen mit dieser Struktur jedesmal lustig, intellektuell herausfordernd und ausgesprochen aufschlussreich für die Autoren. Im Grunde waren wir alle auch einfach Freunde, obwohl wir doch eigentlich recht unterschiedliche Personen sind.

Man bemerkt ja, wie wenig Feedback es hier im Forum meist für vorgestellte Texte gibt. Wer wirklich an Feedback wachsen möchte, dem empfehle ich so einen Club.
Die Regeln könnt ihr übernehmen, nur denkt euch bitte einen eigenen Namen aus und nennt euch nicht ebenfalls "Club Neuer Literaten".
 
  Zeitl0ch 
 
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Wohnort Neuss
 
 
   
   

BeitragVerfasst am: 16.05.2009, 13:25
Dein Vorschlag einschließlich Regelwerk - das ja schließlich auch Ergebnis von Erfahrung ist - scheint mir sowohl sinn- als auch reizvoll. Ehrlich gesagt fand ich bisher auch die Einwort-Kommentare inklusive Smiley als Antwort auf einen Thread ziemlich mager.

_________________
Das Gedicht ist wahrscheinlich das einzige kulturelle Produkt, das zur Profitmaximierung völlig ungeeignet ist. Das ist Freiheit. Wunderbar.

Hans-Magnus Enzensberger
 
  Mac Bach 
 
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Baukasten für einen Dichterkreis
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