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Der Betreute Bewohner / Archiv 'Hein Daddel'

BeitragVerfasst am: 31.08.2010, 21:20
Hein Daddel in memoriam
Der B.B. möchte heute an ‚Hein Daddel’ erinnern. Hein Daddel war an Bord die Bezeichnung für den Durchschnittsseemann, das Gegenstück zu ‚Otto Normalverbraucher’ für den Durchschnittsbürger an Land.
Auf den alten Frachtern wohnte Hein Daddel im Heck unter Deck über der Schiffsschraube, genannt ‚Hotel Schraube’. In dem darüber liegenden Deckshaus waren in der Regel die Messe und die Pantry untergebracht. Auf der Transgermania ex Welheim, zum Beispiel, gebaut bei Flender 1949 in Flensburg, lebte außerdem der Zimmermann im Deckshaus zwischen Luke 4 und 5. Das war bei Schlechtwetter ein zweifelhaftes Vergnügen.

Hein Daddel hatte so einige Eigenheiten.
So war er in der Regel ledig, an Deck zu Hause, als Matrose oder Decksmann – allerdings gehörten Schmierer und Reiniger auch dazu, aber nicht so ganz...
Er legte sich gern mal mit dem Scheich (Bootsmann) oder dem Storekeeper in der Maschine an, trank gern einen über den Durst und ließ in Kanakeranien die Puppen tanzen.
Hein Daddel hatte einen Heidenrespekt vor dem Alten (Kapitän). auch bekannt als ‚Master next god’. Mancher hatte einige Strafanträge gesammelt, beantragt vom Kapitän beim Seemannsamt, für irgendwelche Untaten an Bord.
In der Regel fuhr er lange Zeit an Bord, ein Jahr galt als gute Fahrtzeit. 18 Monate waren keine Seltenheit. An Land hielt er es nie lange aus, meist drei Wochen über einer Kneipe auf dem Kiez, im Seemannsheim oder im Stammhotel waren in der Regel genug.
Hein Daddel war immer stolz auf den ältesten ‚Dampfern’, bei der verrufensten Reederei gefahren zu haben. Bei der Annäherung an einen deutschen Hafen hatte er gern Schulden beim Funker, die beste Absicherung gegen einen ‚Sack’ (Kündigung). Der Funker war für die Verwaltung zuständig, unter anderem zahlte er die Vorschüsse aus.
Zum Koch hatte Hein Daddel in der Regel ein gutes Verhältnis, denn der Koch hatte den Schlüssel zum Kühlraum – praktisch, wenn man sein Bier nicht warm trinken wollte.
Seine Schiffe holte sich Hein Daddel in der Regel bei ‚Max’ auf dem Heuerstall - heute Hotel Hafen, oberhalb der U-Bahnstation ‚Landungsbrücken’. Mitunter machte er auch einen diskreten Besuch auf der ‚Tripperburg’ neben dem Heuerstall.
Bei den großen Linienreedreien wie Hapag, genannt ‚Gottes eigene Reederei’ oder Hamburg-Süd war er in der Regel nur auf den älteren Schiffen anzutreffen, denn die Seeleute, die etwas auf sich hielten, wollten immer die neuesten Schiffe fahren. Da war das Leben leichter, man hatte unter Umständen sogar eine Einzelkammer und Aircondition.
Da wurde ‚Style gefahren’, das heißt, man hielt etwas auf Disziplin und es herrschte ein gewisser Dünkel gegenüber anderen Companies. Man war in der Regel stolz, nie bei einer anderen Reederei gefahren zu haben.
Über Egon Reith, einen Trampreeder, war Hein Daddel natürlich begeistert, als er 1970 zu der Zeit, als der Container sich langsam durchsetzte, in einer Zeitung erklärte: „Was dem Seemann fehlt ist nicht eine bessere Kammer und eine höhere Heuer, nein, was dem deutschen Seemann fehlt, ist Disziplin....“
Das war was für Hein Daddel. Die Töne waren ihm vertraut – und dann noch vom Chef einer der verrufensten Tramp-Reedereien, ahh die hatten immer die interessantesten Tripps und die ältesten ‚Gurken’ (Schiffe).

Vertrieben hat ihn der Container und der technische Fortschritt. Mit dem Wegfall des Ladegeschirrs und der konventionellen Ladung, der Verminderung der Besatzungsstärke und last but not least, der Abschaffung des Matrosen und sein Ersatz durch den Schiffsmechaniker, war ihm seine vertraute Welt abhanden gekommen.
Wo steckt er heute? Wo ist er abgeblieben? Ganz sicher hat er, wenn er noch lebt, eine Rente, war vielleicht noch einige Jahre im Hafen beschäftigt. So mancher sitzt heute knatterig und einsam im Seemannsheim oder in irgendeinem Altenheim und jubelt den Mitbewohnern Stories unter, von damals auf den schönen, alten Frachtern mit den tollen Tripps, verrückten Gangs und tyrannischen Kaptänen.


Viele Seeleute, die sich als ‚Hein Daddel‘ begriffen, hatten mit knapper Not den 2.Weltkrieg als Jugendliche / Kinder überlebt, hatten ihre Familien verloren und waren irgendwie entwurzelt. In den frühen Fünfziger Jahren fuhren sie auf Schiffen unter englischer oder griechischer Flagge, so mancher schlug sich auch als Schmuggler auf dem Kietz durch. (Schmuggelgut hauptsächlich Kaffee, aber auch andere Güter wie Lebensmittel – ein geflügeltes Wort aus der Zeit war: ‚Tanz der Käserollen auf St.Pauli).
 
  Hermann Ays 
 
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Wohnort Hamburg
 
 
   
   
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