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Der flotte Otto - Aphrodite (4)

BeitragVerfasst am: 01.08.2010, 12:47
Im Speisesaal herrschte Hochbetrieb, begleitet von lautem Stimmengewirr. Das verursachten die, die heute angekommen waren. Sie befanden sich auf der Suche nach einem günstigen Sitzplatz.
Mitten hinein in diesen Trubel ertönte die knallharte Stimme Aphrodites, die dazu aufforderte, sofort den Mund zu halten und den ausgeschilderten Platz einzunehmen. Mein Begleiter steuerte auf einen Tisch zu, an dem vier Stühle standen. Zwei waren bereits besetzt. Ich musste mich nicht wundern, dass er so zielorientiert den richtigen Tisch gefunden hatte. Auf ihm standen zwei Pappschilder mit den Nummern 333 und 666.
Während ich mich auf einem Stuhl niederließ, verbeugte sich Otto vor den beiden am Tisch sitzenden Damen, gab jeder einen Handkuss und flötete: „Es freut mich, in so reizender Gesellschaft meine Mahlzeiten einnehmen zu dürfen. Darf mich vorstellen“, er knallte seine Hacken zusammen, „Otto Hoppsassa!“
„Wie verheißungsvoll“, gurrte die eine.
Beide hatten ihr Gesicht, wie das bei Frauen dieses Alters üblich ist, reichlich coloriert. Sie verzogen ihre tizianroten Lippen zu einem verkrampften Lächeln, als fürchteten sie, die Gesichtsfarbe könne abblättern.
Weil ich nicht als Flegel gelten wollte, erhob ich mich kurz von meinem Stuhl, verbeugte mich noch kürzer und verriet meinen Namen.
„Oh“, entgegneten die beiden Spinatwachteln im Chor, „Otto Sauseschritt! Wie ist denn ihre Höchstgeschwindigkeit?“
‚Wenn ihr vierzig Jahre jünger wäret, würde ich euch mein Tempo schon zeigen’, dachte ich ergrimmt, weil sie meinem Namen nicht den gebotenen Ernst entgegengebracht hatten. Weil ich im Zustand höchster Erregung immer die Zunge zeige, tat ich das auch jetzt.
„Wie verlockend“, schnurrte die eine, „wir bewohnen das Zimmer 666. Dreimal Sechs, wenn Sie verstehen, was ich meine.“
„Na klar“, entgegnete ich gespielt naiv, „vorne eine Sechs, hinten eine Sechs und in der Mitte auch eine Sechs. Wir wohnen“, dabei deutete ich auf unser Pappschild, „in vorne eine Drei, in hinten eine Drei und in der Mitte eine Drei.“
Das Lächeln der beiden Dämlichkeiten gefror. Sie neigten die Köpfe zueinander und tuschelten, dass ich wahrscheinlich nicht ganz dicht sei. Weil ältere Menschen lauter als gewollt sind, hatte ich ihre Einschätzung verstanden. Da sie mir höchst unsympathisch waren, entschloss ich mich, den Blödian zu spielen.
Ich zog eine Grimasse und fragte mit dümmlicher Stimme: „Wann kriege ich mein Frühstück? Vor der Fahrt mit der Tuff-Tuff-Bahn hat meine Mami gesagt, dass ich immer schön aufessen soll. Wer nicht aufisst, hat sie noch gesagt, wird gaaanz dünn und muss sterben. Ich will aber nicht dünn sein.“
Die Wirkung meines albernen Benehmens war frappant. Die beiden Frauen guckten mich an, als fragten sie sich, wie ich mit diesem Geisteszustand hierher gefunden hatte. Otto Hoppsassa guckte nicht geistreicher. Da ich nicht wollte, dass er mir diese Tour vermasselt, fasste ich ihn bei den Haaren, zog ihn an mich heran und flüsterte ihm ins Ohr: „Nur Show! Ich will meinen Spaß haben. Du auch?“
Ich ließ seine Haare los. Sein Kopf schnellte zurück, doch er nickte.
„Hat er Ihnen sehr wehgetan?“ bekundete die eine Alte ihr Mitgefühl.
„Ich habe mich daran gewöhnt“, reagierte Otto überraschend rasch. „Ich bin sein Begleiter und habe ihn im Auftrag seiner Mutter hierher gebracht. Er ist zwar ein bisschen meschugge, doch gewalttätig zeigt er sich nur, wenn man ihm widerspricht oder nicht tut, was er will.“
„Klasse! Große Klasse!’, jubelte ich innerlich, fasste Otto erneut beim Schopf, zog ihn wieder an mich und gab ihm einen herzhaften Kuss auf die Stirn.
„So herzlich kann er sein“, erklärte er den beiden Damen, „wenn ihm etwas gefällt. Wenn ihm eine Frau gefällt, ist er zu ganz anderen Dingen fähig. Man mag es kaum glauben, aber er wird dann zu einem liebestollen Draufgänger.“
Ich stutzte. Woher wusste er das? Er sah meine Verwunderung und gab mir die Antwort, indem er zu den beiden Alten sprach: „Ich besuche mit ihm regelmäßig ein Fitness-Studio, dessen attraktive Besitzerin auch von seinen anderen Qualitäten begeistert ist.“
Die Augen der Tischdamen wurden groß und meine noch größer, weil ich fürchtete, er würde mich den beiden Schachteln nun begehrlich machen.
Wieder griff ich ihn bei den Haaren, zerrte ihn an meinen Mund und flüsterte hastig: „Bis hierher und nicht weiter! Die beiden Zicken überlasse ich dir!“
„Schon gut, schon gut“, beruhigte er mich und streichelte meine Wangen. „Die Tanten sind nicht böse. Du musst sie nicht beißen.“
Beiden wich die Farbe aus dem Gesicht.
„Er ist wohl bissig?“ fragte eine mit zitternden Lippen.
„Nur, wenn er sehr hungrig ist.“
„Onkel Rudi“, fragte ich Otto, „wann gibt es was zu fressen?“
„Sie sagten doch, sie heißen Otto“, erinnerte sich die andere.
Otto tippte sich an die Stirn und bemerkte mit einem viel sagenden Blick in meine Richtung: „Oftmals verwechselt er mich auch mit Marlene Dietrich.“
„Woher kennt er die denn?“
„Vom Film. Seine Unzurechnungsfähigkeit begann, als er Zwanzig war. Er hatte sich in die Dietrich unsterblich verliebt – platonisch, versteht sich. Den Film ‚Der blaue Engel’ hatte er sich dreißig Mal angesehen. Als er immer öfter auf die Filmleinwand zulief und versuchte, Marlene zu küssen, stellte man fest, dass sie ihm den Verstand geraubt hatte.“
Ich war begeistert und erstaunt zugleich, mit welcher Raffinesse Otto Lügen erfand, die nicht mal mir eingefallen wären. Ein Münchhausen-Talent ohne Zweifel. Weil ich meine Blödheit noch glaubhafter gestalten wollte, begann ich zu sabbern.
Angewidert guckten die beiden Tischdamen auf meine Mundwinkel, an denen sich Speichelblasen bildete. Der einen entrang sich die Frage: „Und der soll Qualitäten in der Liebe zeigen?“
„Er stellt sie ja nicht mit dem Mund unter Beweis“, grinste Otto Hoppsassa.
Während wir plauderten, war es an den anderen Tischen längst still geworden. Als Otto erklärte, dass auch ein Bulle sein Draufgängertum nicht mit dem Maul beweise, peitschte Aphrodites Stimme durch den Speisesaal: „Wer quatscht hier noch?!“
 
  Detlef Schumacher 
 
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Der flotte Otto - Aphrodite (4)
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