 | Der Preisträger Bernhard Milbe | Verfasst am: 18.09.2009, 11:01 |
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Und einer wie Bernhard Milbe heimst jetzt Preise und Stipendien ein, sieht seine rasch hingeworfenen Essays in großen und kleinen Blättern gedruckt. Es sind Versuche im ursprünglichen Sinn, schülerhafte Bekenntnisse, die nur auf einem einzigen unüberprüften Geistes- oder Gedankenblitz beruhen. Man sieht gewissermaßen beim Lesen etwas kurz aufleuchten, schwach genug, man zählt, um zu ermitteln, wie weit entfernt der Einschlag erfolgt ist: einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig … Nichts, der Donner bleibt aus. Vielleicht nur Wetterleuchten? Aber der Blitz kommt zurück, mehrmals, wie herbeizitiert. Es ist immer der gleiche, man erkennt ihn daran, dass Milbe seinen einzigen Gedanken nie neu einkleidet. Alles Messbare kommt mir irgendwie minderwertig vor, sagt er am Anfang, und dann liest man vom Minderwert des Messbaren, vom Unsinn des Messens und auch von der messbaren Verdummung der Menschheit. Messen ist also dumm: blitzartige Erkenntnis, irgendwie einleuchtend. Aber wo bleibt die Analyse? Und: Kann Wetterleuchten aus Faulgas entstehen?
Gewöhnlich produziert Milbe Kunstprosa von hochprozentiger Banalität. Seine Geschichten sind vorgeblich die hinter den Balken der Schlagzeilen. Tatsächlich sind seine Figuren selbst nur fette Überschriften, die er allerdings einer speziellen Diät unterworfen hat. Seine Methode besteht darin, die aufgeblasene Geschichte durch eine bis aufs Skelett abgemagerte Sprache auf ihren dürftigen Kern zu reduzieren. Das heißt dann, dickes Eigenlob, authentisch.
Die Methode Milbe ist darin besonders erfolgreich, der Realität bei deren Widerspiegelung den letzten Rest an Komik auszutreiben. Das Authentische ist nie komisch, ist auch nie tragisch. Es ist banal, monoton, so kunstvoll wie eine millionenfach hergestellte preiswerte Dosensuppe. Dies klar zu erkennen und konsequent anzuwenden, ist nicht nur Milbes Kunst - es ist eine, die heutzutage ankommt.
Eine Schauspielerin vergaß auf dem Weg ins Theater ihr Vampirgebiss in einem Taxi. Durchsagen im Radio brachten es ihr nicht zurück. Eine Abendvorstellung fiel deshalb aus. Das Massenblatt brachte anderntags Fotos der Schauspielerin (mit der Hand vor dem Mund) und der inzwischen ermittelten Taxifahrerin. GEBT IHR DIE ZÄHNE ZURÜCK!
In der gleichen Stadt betrat am Erscheinungstag als eine moderne Epiphanie eine junge Frau mit jenem Vampirgebiss die Schalterhalle einer Bank und verlangte mit gezogenem Revolver Geld vom Kassierer. Dieser hielt ihr (instinktiv, wie es später hieß) das Blatt mit der Schlagzeile und den Fotos zweier Frauen entgegen. Zumindest stellte es das Massenblatt einen Tag später so dar. Es titelte: SO SCHLUG ICH DEN GELDVAMPIR IN DIE FLUCHT und deutete ein intimes Verhältnis zwischen der Räuberin und der Taxifahrerin an. Dazu ein unscharfes, unsympathisch berührendes Foto des Geldvampirs, von der Überwachungskamera aufgenommen. Die Wahrheit wird man trotzdem nie erfahren.
Bei Milbe beginnt die Geschichte damit, dass die Räuberin bis drei zählt, ehe sie den Revolver zieht; sehr berechnend von ihr, um nicht zu sagen kaltschnäuzig. Und wir täten es vielleicht auch so. Der Kassierer lacht erst, dann vergeht es ihm wie uns, er wird noch ärgerlich und hat dann ein bisschen Angst, nicht zu viel. Dann Rückblende: Sie hat das Gebiss am Vortag per Zufall in einer Taxe gefunden. Nun hat sie diesen Mittwoch ohnehin eine Bank überfallen wollen, der Fund passt ihr in den Kram. Als sie das Gebiss an sich nimmt, empfindet sie – nichts. Warum sollte sie etwas empfinden? Im Übrigen liest sie das Massenblatt nie. Sie bricht den Überfall ab, da sie nicht auch noch in die Zeitung kommen will. Das ist so verständlich wie das Ganze von Milbe vollkommen reizlos erzählt. Aber preiswürdig.
(Auszug aus einem unveröffentlichten Roman) |
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 | | Verfasst am: 18.09.2009, 11:17 |
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Mit Interesse gelesen - der Auszug macht mich
aufs Buch neugierig.
Soll ich daraus schließen, dass es sich um eine
"Abrechnung" mit einem bestimmten Autor handelt?
Gruß Hans |
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 | | Verfasst am: 18.09.2009, 11:56 |
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Danke, Hans. Es ist zzt. völlig offen, ob der sehr umfangreiche Roman jemals erscheinen wird.
Zu Deiner Frage: Ja, es gibt ein reales Vorbild für Milbe. Allerdings sind alle Details hier erfunden - mit Ausnahme des verlorenen Vampirgebisses. Bisher scheint niemand auf den Namen des erfolgreichen zeitgenössischen Autors gekommen zu sein.
Arno Abendschön |
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 | | Verfasst am: 18.09.2009, 12:02 |
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Es wird sich dabei doch nicht um einen Nobelpreisträger handeln?  |
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 | | Verfasst am: 18.09.2009, 12:09 |
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Nein, Hans, gewiss nicht. Er wird den Nobelpreis auch nie bekommen. Übrigens dürfte ich den richtig geratenen Namen nicht einmal bestätigen ...
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