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Die schwarze Witwe

BeitragVerfasst am: 08.12.2011, 11:48
Die schwarze Witwe
Clarissa Dorn betrat unternehmungslustig das große Kaufhaus in Hamburgs Innenstadt und peilte gleich die Rolltreppe an. Sie wollte sich nämlich schon einmal nach passender Trauerkleidung umsehen. - Sie entdeckte wirklich aufreizende „kleine Schwarze“. Mit einem passenden Jäckchen würde so ein Ding bei der Beerdigung einer trauernden Witwe gut zu Gesicht stehen.
Sie drehte sich vor dem großen Spiegel. Auf ihre kurvenreiche Figur und die langen Beine durfte sie sich ruhig etwas einbilden. Ihre braunen Haare fielen ihr in Wellen bis über die Schultern. Nur ein paar feine Falten in den Mundwinkeln und die Krähenfüße um die Augen verrieten, dass sie die Vierzig längst hinter sich gelassen hatte.
Sie kaufte heute aber nur eine schwarze Lackledertasche. Danach eilte sie noch durch den Supermarkt und dann zum Parkdeck. Dort stieg sie in ihren Kleinwagen.
Als sie die Haustür aufschloss, schlug ihre gute Laune ins Gegenteil um. Egons mürrische Stimme glich einem kaputten Getriebe: „Wo warst du so lange? Wann gibt es endlich was zu essen?"
Clarissa ließ die Tüten fallen, ging in die Stube und zu seinem Sessel. Sie strich über seine Stirn und küsste ihn auf die Stoppeln seiner Wange. „Du weißt doch, wie gerne ich durch die Kaufhäuser bummel. Ich bestelle uns heute schnell eine Pizza."
Ihr Mann brummte und widmete sich wieder dem Sportprogramm im Fernsehen. Seine struppigen grauen Haare brauchten dringend die Hand eines Friseurs. Seine kleinen grauen Augen und die schlaffen Bäckchen machten ihn auch nicht gerade anziehender. Natür-lich trug er auch wieder diese abgewetzte, speckige Jacke. Wie oft hatte Clarissa das alte Ding schon entsorgen wollen. Doch es gelang Egon immer wieder, das geliebte Stück zu retten.
Es klingelte an der Wohnungstür. Der Arzt kam, um wie jede Woche nach Egon zu sehen. Er mahnte nachdrücklich: „Also Frau Dorn, so kriegt ihr Mann seine Herzbeschwerden nie in den Griff. Er braucht Bewegung. Darauf müssen Sie achten."
Dann untersuchte er den Patienten und verschrieb ihm ein neues Medikament.
Egon sah dem Arzt böse nach. „Alles Halunken und Besserwisser, diese Ärzte. Die wollen doch nur Kasse machen. – Diesen Viehdoktor überleb ich noch - trotz seiner Pillen.”
Clarissa war da nicht so sicher. Herzpatienten starben manchmal ganz plötzlich.
Nach dem Essen setzte sie sich auf den Balkon. Der Mai ließ sich gut an. Sie genoss die ersten warmen Sonnenstrahlen und träumte von einer Kreuzfahrt - aber ohne Egon. Der träge Sack 1ieß sich doch nicht einmal zu einem Wochenendtrip überreden. Abgesehen davon, dass seine kleine Rente für so etwas kaum reichte. Clarissa musste endlich handeln. Sonst vergammelte sie noch in dieser Ehe und wurde alt und schrumpelig. Wozu kannte sie dieses wirkungsvolle Rezept?
Am nächsten Tag deckte sie den Tisch besonders sorgfältig. Sie rief ihren Mann beinahe zu freundlich. „Komm essen Schatz, heute gibt es etwas Gutes, ein ganz neues Rezept, „Chili con Carne“. Das trifft genau deinen Geschmack - scharf wie Müllers Kampfhund."
Egon zeigte dem Sportkanal nur ungern die rote Karte.
„Was du schon zusammen kochst."
Clarissa füllte schnell die Teller voll und rührte sein Essen noch einmal sorgfältig um. Munter rief sie. „Nun komm schon! Guten Appetit, mein Schatz. Du wirst dich wundern, wie toll das schmeckt."
Er nahm Platz und stocherte misstrauisch mit der Gabel im Essen herum. Er sah erst einmal zu, wie es Clarissa schmeckte. Ihre zufriedene Miene ließ ihn auch zulangen.
Zuerst aß er richtig mit Genuss. Doch plötzlich begann sein Körper zu zucken. Die Gabel polterte zu Boden. Sein Gesicht lief blaurot an. Er rang nach Luft, stieß krächzend einen gemeinen Fluch aus und sah Clarissa hasserfüllt an. Sie sprang auf und hielt ihn fest, ehe er zu Boden fallen konnte. Besorgt fragte sie: „Geht es dir nicht gut? Macht dir dein Herz zu schaffen?"
Sie zerrte ihn hoch und ins Schlafzimmer. Dort ließ sie ihn auf das Bett fallen. Er röchelte jetzt stark, Speichel lief ihm aus dem Mund und seine Augen quollen aus den Höhlen.
Clarissa steckte den Kopf durch die Tür. Sie wurde ungeduldig. „Wo sind deine Tabletten? Ich rufe sofort den Arzt."
Doch bevor sie den Arzt anrief, brachte sie das Geschirr in die Küche und wusch es sorgfältig ab. Der Arzt fand Egon schon bewusstlos vor. – Und als der Krankenwagen eintraf, war Egon bereits tot. Mit gutem Gewissen bescheinigte der Arzt eine tödliche Herzattacke.
Clarissas Freundinnen und die Frauen aus der Nachbarschaft kamen, um die Witwe zu trösten. Denn sie weinte viel und jammerte, wie hilflos sie wäre.
Bei der Beerdigung trug Clarissa ein elegantes Kostüm mit Kappe und Schleier. Während der anschließenden kleinen Kaffeetafel versiegten allmählich ihre Tränen.
Die Sache mit der Witwenrente zog sich hin. Irgendwann fand Clarissa unter den Papieren die Police für Egons Lebensversicherung – immerhin schlappe 100 Mille.
Sie genoss diesen neuen Reichtum, kaufte Unmengen von Klamotten, fuhr ein paar Tage nach Paris und mehrere Monate nach Mallorca.
Als sie ein halbes Jahr später ihre Kontoauszüge studierte, wurde ihr direkt schwarz vor Augen. Entsetzt musste sie feststellen, dass sie die viele Kohle so gut wie verfeuert hatte. Das bisschen Asche würde nicht mehr lange reichen.
Clarissa besah sich kritisch im Spiegel. Noch konnte sie sich sehen lassen. Und die vielen teuren Fummel machten wirklich etwas her. Das langte, um noch einmal einen Köder auszuwerfen. Sie musste nur aufpassen, dass nachher auch ein dicker Fisch am Haken zappelte.
Auf einen knackigen Po und auch sonst gutes Aussehen bei ihrem Freier wollte sie gern verzichten. Dahinter verbargen sich nur Machos der übelsten Sorte. Für diese Kerle ließ sich auch schwer ein unauffälliger Abgang inszenieren - wenn es denn sein musste.
Da hielt sie sich lieber an ältere Jahrgänge mit Pension. Solche Typen, möglichst mit einem Herzkasper, lagen ihr mehr. Damit hatte sie gute Erfahrungen gemacht. Bloß wo sollte sie fündig werden? Es kostete ja schon Anstrengung genug, überhaupt einen Kerl auf sich aufmerksam zu machen. In einem Café oder bei einer Veranstaltung zog man doch so viele Nieten wie bei einer Lotterie.
Nein, sie brauchte eine Ausgangsbasis, wo diese Halbtoten ihr direkt vor die Füße liefen. - Das fand man nur auf einem richtigen Tummelplatz für so Abgetakelte - nämlich in einem Kurbad.
Mit ihrem Geld konnte sie gerade noch eine Kur finanzieren. Sie entwickelte also reges Interesse für Bäder, die sich auf ganz bestimmte Krankheiten spezialisiert hatten. Der Ort sollte nicht zu nobel sein, aber auch nicht nur Sozialfälle beherbergen. Sie landete schließlich in Bad Driburg.
Zwischen Gesundheits-Drinks aus Mineralquellen und anderen Strapazen sondierte sie die frustrierten, männlichen Kur-Singles. Die Verheirateten verrieten sich gleich durch besonders forsches Auftreten. Übrig blieben nur wenige, ängstliche Leisetreter oder angebliche Weiberfeinde.
Unter der letzten Gruppe reizte Clarissa ein besonders auffälliges Exemplar. Der Mann gab sich wie ein ehemaliger Offizier, zackig, polterig und überheblich. Sie musste schon ziemlich massiv werden, um ihn zum Sprechen zu bewegen. Beim Abendessen setzte sie sich zu ihm an den Tisch und tat besonders zart und hilflos. „Verzeihen Sie bitte meine Aufdringlichkeit. Aber ich fühle mich als Witwe so schutzlos. Bestimmt gehören Sie nicht zu der Sorte Männer, die eine Frau belästigen."
Eigentlich störte diese Frau seine Ruhe. Doch ihre Bewunderung tat ihm gut. Er brummte unfreundlich: "Gut, bleiben Sie. Aber ich hasse Geschwätz. Richten Sie sich danach."
Damit saß er schon in der Falle. Denn Clarissa hielt sich an seine Worte und schwieg. Jetzt ließ sie sich beim Essen immer häufiger an seinem Tisch nieder. Oder sie traf ihn ganz zufällig bei Spaziergängen durch den Kurpark. Schließlich brach er selbst das Schweigen und erzählte von seinem Leben als Beamter bis zur Pensionierung. Er hieß Herbert Nielsen und lebte schon viele Jahre allein. Mit seiner Gesundheit stand es leider nicht zum Besten. Er hatte schon zwei Herzinfarkte hinter sich. Sein breites Gesicht rötete sich und er stützte sich schwer auf seinen Stock. „Kleine Frau, ich fahre bald nach Hause. Wollen Sie mich nicht einmal besuchen?"

Ein paar Wochen später tauchte Clarissa in seinem Haus in Itzehoe auf. Es gefiel ihr nicht schlecht. Alles war besser, als ihre muffige Mietwohnung, die so viel Geld verschlang. Als er sie nach einer Art Probezeit bat, seine Frau zu werden, meinte sie verschämt, sie müsste sich das überlegen. Doch vor dem Standesbeamten sagte sie natürlich ja. Seine Pension war doppelt so hoch, wie Egons Rente.
Die Ehe lief zuerst ganz passabel. Der gute Herbert bemühte sich sogar eifrig im Bett. Sie ließ ihn gewähren. Es waren schon prominentere Personen bei dieser Tätigkeit zu Tode gekommen. - Doch seinem Herzen gab der Sex direkt neuen Schwung. Der Kerl wirkte fitter denn je zuvor!
Mit der Zeit packte Herbert seine unangenehmen Eigenschaften wieder aus. Was Clarissa am meisten nervte, war sein ekelhafter Geiz. Er verbot ihr die geliebten Einkaufsbummel durch die Kaufhäuser und die ihr so wichtigen Besuche beim Friseur. Dadurch verkam sie allmählich zu einem unansehnlichen Puttchen. Die gute Partie erwies sich als Flop.
Doch das schien noch nicht genug. Plötzlich tauchte aus der Versenkung ein Neffe auf. Wo Herbert doch angeblich keine direkten Erben besaß. Tom studierte irgendetwas mit Computern. Er fraß sich bei ihnen durch und ging seinem Onkel um den Bart. Clarissa hörte was von Innovation und Fördermitteln. Aber ihm fehlte natürlich das Eigenkapital.
Eines Tages bemerkte Clarissa gerade noch, wie Tom einen Scheck einsteckte. Als Herbert im Bad war, schlich sie zu seinem Schreibtisch und kontrollierte das Scheckbuch. Zehn Mille! Und ihr gönnte er nicht den Friseur! Sie zwang sich zur Ruhe. Irgendwie musste sie raus kriegen, was Herbert noch plante.
Als sie traulich beim Kaffee auf der Terrasse saßen, meinte sie scheinheilig: „Ach Herbert, Schatz, Tom ist doch so ein netter Junge. Meinst du nicht, wir sollten ihn unterstützen?"
Herbert betrachtete seine Frau überrascht. Sollte er sich geirrt haben? Vielleicht war sie gar nicht so selbstsüchtig?
"Gut, dass du davon anfängst. Diese Sache beschäftigt mich schon einige Zeit. Tom bekam auch schon Geld von mir. Da du einverstanden bist, wollen wir uns überlegen, wie wir ihn bedenken können. Du wirst ja mit dem Haus und der Pension gut zurecht kommen. Dann bleiben für Tom die Aktien. Die Lebensversicherung könnte ich auch auf ihn überschreiben lassen.”
Clarissa ließ sich nichts anmerken. „Gewiss mein Schatz. Das ist eine gute Idee." Sie stand auf und trug das Geschirr ins Haus.
Es wurde wirklich höchste Zeit, für ihn ‘Chili con Carne’ zu kochen.

Gisela Seeger-Ays
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Herzlich willkommen
 
  Gisela Seeger-Ays 
 
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Beiträge 44
Wohnort Hamburg
 
 
   
   
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