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Dosthöhl (2)

BeitragVerfasst am: 22.07.2010, 19:25
Als er nach fast zweistündiger Fahrt die Gebietsstadt erreicht hatte, wurde ihm flau im Magen. Ihn beschlichen böse Ahnungen, die allesamt noch aus Kindheitstagen stammten.
Ein Auto überholte ihn, und die Frau, die am Steuer saß, rief böse: „Schon mal die Straßenverkehrsordnung gelesen, du Nachtwächter? In Schrunzhausen wird immer noch rechts gefahren!“
Das Auto sauste abgasend weiter, und Bruno bekam einen Hustenanfall. Fast wäre er vom Fahrrad gefallen. Sicherheitshalber stieg er ab.
Als sich seine Atemwege beruhigt hatten, entschied er, das Rad zu schieben.
Über diesen Entschluss war er froh, denn gleich darauf fuhr erneut ein Auto an ihm vorüber. Weil aus ihm keine schimpfende Frau sah, war das für ihn Beweis, dass er sich nun richtig im Straßenverkehr verhielt.
In Dosthöhl ist es egal, auf welcher Straßenseite man fährt. Ärger gibt es nur, wenn man Enten, Gänse oder Hühner gefährdet.
Bruno wunderte, dass hier kein Getier die Straße bevölkerte. Nur zwei Spatzen stritten auf dem Bürgersteig um Semmelkrümel, die ihnen ein älterer Mann zuwarf. Nebenbei aß er eine Bockwurst. Bruno verspürte Hunger und war geneigt, den Esser zu fragen, ob er ihm ein Wurstzipfelchen ablasse.
Hinter dem Mann rief plötzlich ein anderer Mann: „Heiße Würstchen! Heiße Würstchen!“
Bruno lehnte sein Fahrrad an einen Baum, eilte zum Rufer und sprach: „Angenehm! Ich heiße Buscheck!“
Der Bockwurstesser lachte und verschluckte sich dabei. Er hustete und prustete so heftig, dass sein Kopf rot anlief.
Bruno, der vor Jahren an einem Erste-Hilfe-Lehrgang teilgenommen hatte, wusste, was zu tun war. Mit kräftigen Schlägen der rechten Hand traktierte er den Rücken des Husters. Dem flog das kleine Übel schließlich aus dem Mund.
Erschöpft sank der auf eine Bank, die neben der Bockwurstbude stand.
Als er wieder sprechen konnte, dankte er Bruno mit der Zusatzbemerkung, dass er ihm das Leben gerettet habe. Buscheck wehrte bescheiden ab, doch der Mann sagte: „Keine falsche Bescheidenheit, mein Lieber. Vor zehn Jahren ist eine Cousine an einem Apfelsinenstück erstickt.“
Entsetzlich, dachte Bruno und, dass in Dosthöhl noch kein Mensch an einem Apfelsinenstück erstickt war. Ihm wurde bewusst, dass das Leben in einer Stadt nicht ungefährlich ist.
Er nahm sein Fahrrad und wollte weiter. Der gerettete Bockwurstesser hielt ihn zurück und sagte zum Würstchenmann: „Otto, gib dem guten Menschen eine Wurst auf meine Rechnung!“
Bruno bedankte sich, und während er kaute, stellte er fest, dass in Schrunzhausen auch nette Menschen wohnen.
Als er einigermaßen gesättigt war, erkundigte er sich bei beiden Männern nach dem Standort des Kreisverwaltungsamtes. Als er gefragt wurde, was er da wolle, gab er bereitwillig Auskunft.
Bockwurst-Otto und den Huster wunderte, dass ein Bürgermeister mit dem Fahrrad zu einer wichtigen Zusammenkunft fährt. Noch mehr wunderte sie, dass Bruno zum ersten Mal in seinem Leben eine Stadt sah.
Kopfschüttelnd entließen sie ihn aus ihrer Gegenwart.
Wie bereits erwähnt, durchkämmte Bruno Buscheck nach Ende der Beratung die kleine Kreisstadt. Vieles gefiel ihm, einiges nicht so sehr.
So zum Beispiel, als ihn an einer Hausecke eine Frau fragte, ob er mit ihr schlafen wolle. Bruno guckte nach der Nachmittagssonne und antwortete, dass es zum Schlafen noch zu früh sei. Außerdem schlafe er nur mit seiner Frau, weil der Herr Pfarrer immer wieder mahne, ein anderes Weib nicht zu begehren.
Bruno sah sich scheu um und flüsterte der Dame ins Ohr, dass der Herr Pastor es abwechselnd mit seiner Köchin und dem Stubenmädchen treibe.
Buscheck kicherte und radelte weiter.
Die Strichdame wollte noch fragen, wo der Herr Pfarrer wohne, aber da war Bruno schon auf und davon.
Weniger harmlos erging es ihm in einem Schmuckladen.
An dessen Schaufensterscheibe war in großen weißen Lettern zu lesen: Zugreifen und mitnehmen!
Bruno tat danach. Als er mit einer silbernen Halskette das Geschäft verlassen wollte, wurde er vom Ladenbesitzer und dessen Gehilfen festgehalten.
Beide bezichtigten ihn des Diebstahls und sagten böse, dass sie ihn der Polizei übergeben werden.
Bruno verstand nicht recht und sagte das den Männern auch.
Im folgenden Verhör erfuhren die Beiden, dass Bruno die Kette seiner Gattin schenken wolle, weil sie so schön funkle. Beate trage seit Kindheitstagen eine bunte Perlenkette, die sie selbst gefädelt hatte.
Die Schmuckmänner erstaunte die naive Ehrlichkeit des Schmuckdiebes, und sie schenkten ihm eine silbern glänzende Halskette, die eine Aluminiumkette war.
Von nun an war Brunos Stadt-Skepsis beseitigt und der Vorsatz gefestigt, Dosthöhl zur Stadt zu machen.
Während des Heimradelns überdachte er die dazugehörigen Notwendigkeiten, vor allem die, den Dosthöhlern sein Ansinnen bewusst zu machen. Schon morgen Abend sollten die Einwohner zu einer Versammlung geladen sein, in der Bruno die Grundgedanken seiner Stadtidee erläutern wollte.
Dass dieser Vorgang auf fruchtbaren Boden fallen könnte, erfuhr Buscheck bereits in den eigenen vier Wänden. Gemahlin Beate überschüttete er mit seinen Stadterlebnissen. Als er die Frau erwähnte, die mit ihm schlafen wollte, wurde Beate unfreundlich. Sie meinte, dass er das Angebot hätte annehmen sollen, denn die Radreise hätte ihn sicherlich sehr müde gemacht, was die Frau wohl gesehen habe.
Bruno solle in den nächsten Tagen noch einmal in die Stadt radeln, erkunden, wo die Frau wohne und sie zu Buschecks einladen. Eine so edle und hilfsbereite Frau könne Beates gute Freundin werden.
Bruno versprach das zu tun.
Dann zauberte er als Überraschung die Aluminiumhalskette aus seiner Aktentasche.
Beate war sprachlos, und Bruno nahm sich vor, vom nächsten Stadtbesuch noch mehr Ketten mitzubringen.
 
  Detlef Schumacher 
 
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Dosthöhl (2)
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