 | Ecosphere | Verfasst am: 01.06.2010, 13:15 |
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Hallo,
als kleine Fingerübung zwischendurch habe ich eine Geschichte über eine Ecosphere - ein geschlossenes biologisches System - geschrieben. Mein Hauptanliegen: Habe ich so selbsterklärend geschrieben, dass man alles versteht, besonders die Denkweise meiner Prota?
Ecosphere
Marlene Geselle
Du bist zu schön, um einfach nur auf meinen Schreibkram aufzupassen. Ich habe Dich deshalb auf das edle Podest aus Kirschholz gesetzt, das im Geschenkset enthalten war. Auf dem Papierstapel würdest Du nur ins Rollen und Rutschen geraten, womöglich auf dem Laminatboden aufschlagen. Glück und Glas wollen behütet sein.
Jetzt stehst Du auf meinem Schreibtisch, Westseite, angenehm warm, nicht zu hell oder zu dunkel. Fehlerfrei erschaffen und immer ein wenig gepflegt, genügst Du Dir selbst. Von mir kann man das nicht behaupten, ich bin ein pflegeintensives Mängelexemplar.
Stört Dich die tickende Uhr? Tut mir leid, aber das Ding portioniert mein Leben. Gerade sagt es mir, dass es höchste Zeit ist, wieder in die Tasten zu hauen. Schau doch ein wenig zum Fenster hinaus. Es ist Montagmorgen, wir haben den Wochenmarkt direkt vor der Haustür: Menschen, Tiere, bunte Waren.
Tick, tack, klapper, klapper. Offene Systeme sind das Thema, und in welchen Punkten sie sich von ihren geschlossenen Vettern unterscheiden. Wenn ich Dich so anschaue, komme ich ins Grübeln. Wie offen oder geschlossen bin ich eigentlich? Ich verdiene mein Geld mit Telearbeit. Die Anweisungen kommen direkt rein in den Computer, dann bin ich dran, das Resultat geht per Email an den Chef im Angestelltensilo, hundertsiebenunddreißig Kilometer weit weg. Geldausgeben funktioniert ähnlich: online wird bestellt, geliefert ins Haus, gezahlt wieder online. Büromaterial, Kleidung, Lebensmittel. Das ist sehr zu empfehlen, wenn man trotz verstauchtem Fuß seine Termine halten muss. Falle ich krankheitsbedingt aus, fällt der Honorarscheck weg. Werde ich oft krank, bekomme ich keine neuen Aufträge mehr.
Und die sonstigen stofflichen Kreisläufe? Strom, Wasser, Wärme und Kanalisation kommen von außen und gehen auch wieder raus, wie sich das gehört. Durch meine Gedanken schwirrt gerade ein irres Bild: Alles geht rein, nichts raus. Das Zimmer füllt sich mit den unschönsten Dingen, der Dreck steigt hoch, die Wände dehnen sich, alles platzt. Und unten auf dem Wochenmarkt landet dann die ganze Sauerei! Ob ich das als Beispiel nehmen soll für meinen Text? Systemüberlastung durch zu hohen Input bei gleichzeitiger Unmöglichkeit eines Outputs ist schließlich ein Thema, bei dem auch wache und aufmerksame Leser schnell wegnicken.
Ich schaue Dir zu. Ein bisschen Neid ist dabei, das gebe ich zu. Du bist so schön, Du bist so einfach – Du hast es so einfach. Luft, Salzwasser, Grünalgen, Bakterien und Garnelen in einer Kugel aus Glas. Kleine Steine, eine Koralle und einige Schneckenhäuser sind die Wohnung. Garnele frisst Alge, die Ausscheidungen werden von den Bakterien gefressen. Die ausgeschiedenen Nährsalze der Bakterien sind der Algen Futter. Und schon ist die Garnele wieder dran. Nichts kommt hinzu, nichts geht wieder fort – kein Wachstum, nur Umwandlung. All dies wird angetrieben von dem Sonnenlicht, das ich sorgsam dosieren muss. Kein Zweifel, im Hier und Jetzt bist Du bist ein geschlossenes System.
Tick, tack, klapper, klapper. Das Morgenprogramm ist fertig, nur noch mit der Rechtschreib-Prüfung über den Text, dann ab damit zum Chef im Angestelltensilo fernab. Meine Kaffeepause habe ich mir verdient.
Die Lebensmittelecke in der Abstellkammer ist praktisch leer, auch im Kühlschrank schaut es karg aus. Nun, wenigstens ist noch genug auf dem Konto. Was für Dich die Sonnenenergie, das ist für mich das Geld. Wir sind beide kein Perpetuum mobile.
Die Post ist schon da: zwei Grußkarten mit kitschigem Urlaubsmotiv, Reklame und ein amtlich ausschauendes Schreiben. Was drin ist im Umschlag, kann ich mir denken. Es ist nicht das erste Mal, dass ich als Schöffin dran bin. Dieses Mal habe ich Glück. Mein Mitschöffe hat es nicht nötig, sich aufzuplustern, und der Richter legt auch keinen Wert darauf, sich auf Kosten eines mehrfach vorbestraften Kleinkriminellen höheren Ortes zu profilieren. Ich muss also keinen zweiten Sitzungsnachmittag einkalkulieren, der mir einen Haufen Zeitverlust und als Folge davon eine Nachtschicht am PC beschert. Der nächste Brief trifft mich dagegen wie ein Hammer. Meine Mietwohnung soll in eine Eigentumswohnung umgewandelt werden. Kaufe ich nicht selber, muss ich mit mich mit einem neuen Vermieter auseinandersetzen. Stinkt schon jetzt nach Eigenbedarfskündigung!
Meine Augen haben genug von Tastatur und Papier. Ich nehme Dich in die Hand und betrachte Dich zum ersten Mal ganz genau. Die Garnelen sind noch klein, fressen tüchtig und krabbeln zwischen den Muscheln herum wie Dreijährige auf einem Klettergerüst. Sie wollen leben, sie wollen wachsen, wollen mehr Platz haben.
Tick, tack. Rumsitzen und Nichtstun kann ich mir nur minutenweise leisten. Zuerst meine Mutter anrufen. Ja, ich kann das alte Aquarium aus dem Keller haben, versichert mir Mama am Telefon. Der nächste Anruf gilt meinem Mitschöffen. Zuerst hält er mich für durchgeknallt, danach lacht er schallend und verspricht mir schnelle Hilfe. Glaser wissen, wie man mit Glas umgehen muss, ohne einen Scherbensalat zu fabrizieren.
Du fragst Dich, was all das soll? Ganz einfach: Ich habe gerade einen Teil unserer Probleme gelöst. Der Mann wird sein Know-how dazu verwenden, die Garnelen aus Ecosphere zu befreien. Im Aquarium ist Platz für alle. Es wird Frischluft geben, Pflanzen und sogar ein paar Fische, damit Bewegung ins Wasser kommt. Das bisschen Fischfutter kann ich mir leisten.
Du wirst dann kein geschlossenes System mehr sein, kein Geschenkartikel, aber Du wirst wachsen dürfen.
Und die anderen Probleme, fragst Du mich. Nun, ich werde mich schon jetzt, rein propylaktisch, nach einer neuen Wohnung umsehen. Möchtest Du Deinen Platz wieder an der Westseite haben? |
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MarleneGeselle |
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 | | Verfasst am: 05.06.2010, 15:47 |
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Manu |
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 | | Verfasst am: 07.06.2010, 11:11 |
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Danke, Manu!
Eine Frage noch: Kanntest Du die Ecospheren schon vorher? In einem anderen Forum kamen die Leser gut mit dem Text zurecht, die sich mit dem Thema bereits auskannten, während diejenigen, die zum ersten Mal von den Kugeln hörten, doch ihre Probleme hatten.
Liebe Grüße
Marlene |
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MarleneGeselle |
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 | | Verfasst am: 09.06.2010, 13:39 |
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Manu |
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 | | Verfasst am: 09.06.2010, 14:04 |
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Hallo Marlene,
eine atmende, lebendige Beschreibung und eine interessante Allegorie!
Auch ohne bisher von Ecospheren gehört zu haben, vermittelt mir Dein Text hinlänglich, worum es geht.
Liebe Grüße,
Anke |
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Anke Höhl-Kayser |
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 | | Verfasst am: 10.06.2010, 08:51 |
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MarleneGeselle |
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 | | Verfasst am: 10.06.2010, 09:14 |
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SandraR |
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 | | Verfasst am: 10.06.2010, 09:56 |
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Hallo Marlene,
die Ecosphären kannte ich noch nicht. Zum Glück gibts aber Wikipedia. Mein erster Gedanke war: da gabs doch mal so ein Projekt mit ein paar im Glashaus eingesperrten Freiwilligen, ob sie das meint? Wie hieß das doch gleich?
Aber davon mal abgesehen (und nach Klärung des Begriffs): schöner Text, gefällt mir.
Viele Grüße
Torsten |
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Torsten Buchheit |
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 | | Verfasst am: 10.06.2010, 10:37 |
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Torsten Buchheit |
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 | | Verfasst am: 10.06.2010, 10:57 |
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| Torsten Buchheit hat Folgendes geschrieben: |
| Alzheimer läßt grüßen... |
Wusstest Du, dass es noch nicht so schlimm ist, solange man sich an den Namen der Krankheit erinnert?  |
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Anke Höhl-Kayser |
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 | | Verfasst am: 10.06.2010, 11:06 |
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Torsten Buchheit |
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 | | Verfasst am: 10.06.2010, 13:11 |
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hallo, marlene,
als ich vor einiger zeit in einem "lifestyle"-werbegeschenke-fuzzy-katalog über diese ecospheres gestolpert bin, dachte ich mir: wie pervers muss man sein.
inzwischen weiß ich, dass dieses geschlossene system (also das aus der Kugel) in freier wildbahn gar nicht überleben kann.
aber das nur nebenbei ...
dein text gefällt mir - von ein paar formalen kritikpunkten abgesehen - ausnehmend gut. du hast eine bemerkenswerte stimmung geschaffen. die protagonistin hat so was von "endzeitstimmung", die aber durch das "projekt ecosphere" hoffnung erhält.
lieber gruß
ursula |
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Dem Ruf der Drachen folgen! - Fasanthiola 3, Dez 2010
Die Felsenstadt Semal Rethis - Fasanthiola 2, Dez 2009
Keine Zeit für Drachen - Fasanthiola 1, 2. Auflage Sept 2010
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 | | Verfasst am: 14.06.2010, 08:08 |
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Nochmals allen Danke.  |
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MarleneGeselle |
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