 | Eine kleine Idee | Verfasst am: 11.03.2010, 17:38 |
|  |
Brauche nur ein paar ehrliche Meinungen =).
Schon in meiner frühesten Erinnerung sehe ich Julie vor mir. Sie war immer da. In jedem Bild, in jeder Szene, die ich mir vor Augen rufe, sehe ich sie. Julie war immer ein Bestandteil meines Lebens, eigentlich war sie mein Leben.
Ich erinnere mich, dass sie eines Tages erklärt hatte, dass grün jetzt ihre Lieblingsfarbe sei. Da war sie etwa vier. Und von diesem Tag an war sie für mich die grüne Julie. In meinen Erinnerungen hat sie immer etwas Grünes an, auch ihr Duft und ihre Worte waren grün.
Ich weiss nicht, ob sie immer noch die grüne Julie ist. Vielleicht trägt sie mittleiweile orange, was ich mir allerdings nur sehr schwer vorstellen kann. Vielleicht gibt es jemand anderen, der sie jetzt „die grüne Julie“ nennen darf, ich weiss es nicht. Ich weiss nur, dass Julie irgendwann aus meinem Leben verschwunden ist und eine Lücke, eine noch immer blutende Wunde in meinem Herzen hinterlassen hat.
Ich kannte Julie mein ganzes Leben lang, und doch könnte ich sie nicht beschreiben. Sie hatte eine faszinierende Persönlichkeit, viele Facetten, die ich bis jetzt nicht kenne.
Julie hatte oft gesagt, dass sie den November hasste. Sie hasste ihn, weil er kalt und garstig war, weil er keine Sonne und keinen Schnee brachte. Sie hasste ihn, weil er sie innehalten liess, sie zum Nachdenken zwang. Sie wollte nicht nachdenken. Sie musste sich ablenken, um sich nicht eingestehen zu müssen, dass sie Fehler hatte. Dass sie nicht perfekt war. Denn sie hatte sich geschworen, perfekt zu sein. Und Fehler zu haben bedeutete für sie, zu verlieren.
Ich habe Julie immer bewundert. Ihre Art, zu gehen und zu schreiben, ihre fliessenden, feinen Bewegungen, die trotzdem so viel Kraft versprühten. Julie war für mich immer eine vollkommene Persönlichkeit. Als ich älter wurde, merkte ich, dass sie bei weitem nicht fehlerlos war.
Julie war ein lebensfroher Mensch, von allen bewundert. In den Jahren bemerkte ich an ihr eine merkwürdige Entwicklung. Eigentlich war ein nicht mal eine Entwicklung, sondern ein Kreislauf.
Als kleines Kind von etwa drei, vier Jahren war sie ein lustiges kleines Mädchen, das stets lachte und redete. Irgendwann, ich weiss nicht mehr genau, wann, wurde sie schüchtern und leise. „Eine vorübergehende Phase, machen Sie sich keine Sorgen“, hatte die Kindergärtnerin gesagt. Sie hatte Recht behalten; vom Tag ihrer Einschulung an war Julie wieder das aufgeweckte Kind von früher, das Gleichaltrige und Lehrer gleichermassen zum Schmunzeln brachte.
Der nächste Umschwung kam im November 2004. Damals zog ihre Familie in die Stadt, Julie wurde aus ihrem ländlichen Umfeld gerissen, aus ihrer Klasse mit nur 10 Schülern, aus ihrem Leben. Die nächste Klasse war gross. Die Jungs waren Schläger, die Mädchen eingebildete Ziegen. Julie, die sich Aufmerksamkeit gewohnt war, ging völlig unter. Sie liess vier Jahre über sich ergehen, fast ohne Freunde, ohne Lebensfreude. Aber sie war stark. Als sie dreizehn war, fasste sie im Sommer eine Entscheidung: Sie wollte einen Neuanfang. Sie ging als einzige der Klasse ins Gymnasium, wurde dort Klassensprecherin und wurde wieder froh, beliebt und lustig. Der Kreislauf war geschlossen.
Ich dachte, jetzt sei sie eine gefestigte Persönlichkeit, stark im Geist und selbstbewusst. Und ich wusste, dass sie das ebenfalls von sich dachte.
Es muss im Februar gewesen sein; ich erinnere mich, dass es kalt war, Schneematsch lag auf den Strassen, die Busse waren voller Leute, die fast ausschliesslich schwarze Kleider trugen und sich mit ausdruckslosen Mienen an den Stangen über ihren Köpfen festhielten. Julie hatte sich wie jeden Morgen einen Platz in diesem überfüllten Bus ergattert und war in ihre Zeitung vertieft. Sie stieg wie jeden Morgen aus, wartete auf den nächsten Bus, hielt sich ebenfalls drei Stationen lang an einer grauen Stange fest und lief dann mit beschwingten Schritten in die Schule.
Aber an diesem scheinbar so gewöhnlichen Morgen veränderte sich etwas in Julies Leben.
Sie bemerkte die Veränderung aber erst dann, als es zu spät war, sie noch aufzuhalten.
Denn an diesem Morgen stand plötzlich eine neue Schülerin im Türrahmen und blickte mit ihren ruhigen blauen Augen direkt zu Julie.
Sie hiess Melissa.
Melissa sah Julie nur einen kurzen Augenblick an, doch dieser Augenblick reichte, um Julie klar zu machen, dass sie ihre Seelenverwandte gefunden hatte.
Ich höre bis heute den Klang von Melissas engelhafter Stimme, sehe ihre tiefen blauen Augen vor mir, umrandet von langen Wimpern, ich rieche noch ihr Parfüm, zitronig und frisch.
Melissa hatte schulterlanges blondes Haar, das jeden Tag aussah, als hätte sie vergessen, sich zu kämmen. Diese wilden, unberechenbaren Haare waren ein krasser Kontrast zu ihren Augen, in denen Julie und ich stets versunken sind.
Ich glaube, Julie hat Melissa den ganzen Tag beobachtet, bis sie sich getraut hat, sie anzusprechen.
Ein schüchternes „Hallo“ war der Beginn einer Freundschaft, die man mit Worten nicht beschreiben kann.
Viele meinten, Melissa habe Julie gezähmt, denn in ihrer Gegenwart war sogar Julie die Ruhe selbst.
Zumindest eine Zeit lang.
In der darauffolgenden Zeit habe ich Julie immer wieder dabei ertappt, wie sie in allen Unterrichtsstunden sehnsüchtig auf die Uhr gestarrt hatte, das erlösende Klingeln erwartet hatte, bis sie endlich wieder mit Melissa zusammen sein durfte. Ich sah die Sehnsucht in ihrem Blick, aber auch in ihren Gesten. Nervöses Fingernagelkauen und Haaredrehen gehörten dazu.
Sie assen zusammen ihr Mittagessen, verbrachten jede Pause zusammen und waren auch sonst unzertrennlich. Aber irgendwann merkte ich, dass das Band ihrer Freundschaft in Wirklichkeit nur ein dünner Faden war, den man ständig beschützen musste, damit er nicht zerriss.
Melissa war oft bei Julie zu Besuch. Sie liebte die hohen Räume von Julies Wohnung, die knarrenden Böden und die weichen Teppiche. Oft sassen sie stundenlang zusammen auf Julies Couch und redeten über alles, was ihnen in den Sinn kam. Aber die Gespräche konzentrierten sich nicht unbedingt auf die üblichen Themen wie Jungs, Schule, Aussehen und Geld.
„Kennst du dieses Gefühl, wenn du ein Déjà-vu hattest und dich nachher beinahe vollkommen fühlst?“
Melissa nickte.
„Und wenn du an einem ganz normalen Tag aufwachst und spürst, dass du etwas besonderes bist?“
Lächelnd nickte Melissa wieder.
„Und wenn du bei einem bestimmten Gedanken plötzlich mit Glück erfüllt wirst?“
Melissa kannte auch dieses Gefühl.
Für Julie fühlte es sich an, als würde sie diesen Menschen schon immer kennen. Melissa konnte tief in ihre Seele blicken, sie wusste, was Julie fühlte, und umgekehrt war es dasselbe.
Keine von beiden konnte sich ein Leben ohne die andere vorstellen. Seelenverwandtschaft ist schwer zu definieren, schwer zu erklären, aber ich denke, wenn sich zwei Leute, die sich zuvor noch nie gesehen haben, ohne Worte verstehen, sind sie so etwas wie seelenverwandt. Und das war bei Julie und Melissa der Fall.
Ich merkte, wie Julie in Melissas Gegenwart aufblühte. Dann lächelte sie pausenlos und ihre dunklen Augen waren gross und glänzend. Sie waren schon nach dieser kurzen Zeit ein eingespieltes Team.
Eines Tages verspürte ich in meiner Brust einen unbekannten Schmerz. Es stach in meinem Herzen und es zog, bis mir die Tränen in die Augen stiegen. Ich hatte diesen Schmerz nicht gekannt; später hatte mir jemand gesagt, er hiesse „Eifersucht“.
Die Eifersucht wurde immer stärker, ich war eifersüchtig auf Melissa, die Julie nun völlig für sich alleine hatte. Sie lachten und weinten zusammen, sie redeten und schwiegen, sie kannten sich. Aber ich redete mir ein, Julie besser als alle anderen zu kennen. Sie war meine grüne Julie und Melissa sollte sie nicht bekommen.
Mein Herz schnürte sich zu, meine Gedanken wurden von dem einen Wunsch verdrängt, Julie zurückzugewinnen. Ich konnte mich auf nichts mehr konzentrieren, alles war weg. Nicht nur meine Gedanken wurden von der Eifersucht gelenkt, auch meine Glieder, mein ganzer Körper. Dieses Gefühl der Eifersucht wurde ein Teil von mir, der nicht mehr wegzudenken war.
Aber ich war nicht stark. Stark genug um mir einzugestehen, dass Julie Melissa mehr brauchte als mich. Und so überliess ich Julie Melissa.
Mir wurde klar, dass das die richtige Entscheidung gewesen war. Melissa tat Julie gut, sie half ihr, sich zu entwickeln.
Im Grunde genommen kann man den Begriff „Entwicklung“ bei Julie wörtlich nehmen; sie ent-wickelte sich tatsächlich. Sie lernte, sich selbst zu lieben. Ab und zu hatte sie sogar einige philosophische Momente.
Das begann damit, dass sie eines Morgens im Bus eine zugleich erschreckende und absolut banale Feststellung machte. Sie dachte über die Zeit nach. Der Bus fuhr schnell, die Häuser und Bäume zogen schnell an ihr vorbei und wurden verwischt. Und da merkte sie, dass jede einzelne Sekunde wahnsinnig schnell vorbei war und nicht etwa hinter dem Bus „weiterlebte“, sondern für immer verloren war. Und das führte sie dazu, bewusster zu leben. Sie genoss jeden Moment, liebte das Leben, sie lebte.
Sie dachte nun viel nach. Über die Welt, die Menschheit, das Leben. Seit sie klein war, hatte sie eine bestimmte Vorstellung von einem Jahr; Es war eine Ellipse, an einem „Ende“ der Frühling, am anderen der Herbst. Jetzt, im Frühling, befand sie sich eher links an der Ellipse, deren Verlauf sie leicht nach rechts, in den Sommer führte. Wenn der Sommer dann mal da war, befand sie sich auf der Mitte der langen Seite und blickte nach vorne, in den Herbst. So nahm das Jahr seinen Lauf, stets gleich, und doch aus anderen Blickwinkeln.
Auch Tage hatten ihre Besonderheiten. Der Montag war dunkelblau, ebenso die 4, die 4. Klasse und das Wort „prunkvoll“. Der Freitag hingegen war gelb, genau wie die 3, die 3. Klasse und das Wort „plötzlich“. Montag und Mittwoch waren grün, der Donnerstag braun. Das Wochenende bestand aus pastelligen, verwischten Farben, ruhig. |
|
Zuletzt bearbeitet von Formiga am 15.03.2010, 19:00, insgesamt 5-mal bearbeitet |
|
| |
|
Formiga |
| |
| Anmeldedatum | 11.03.2010 | | Beiträge | 11 | |
|
|
| |
|
| |
|
| |
|
|
|
 | Re: Eine kleine Idee | Verfasst am: 11.03.2010, 17:51 |
|  |
| Formiga hat Folgendes geschrieben: |
Bitte keine allzu harte Kritik;
[...]
Brauche nur ein paar ehrliche Meinungen =).
|
Wenn du dich entschieden hast, was du wirklich willst, melde dich!
Bis dahin gilt meine kuschelweiche Standardkritik:
"Genialer Text. Das Beste, was ich hier seit langem gelesen habe. Unbedingt so, wie der Text ist, veröffentlichen. Du kannst schreiben - lass dir nichts anderes von möglichen Spielverderbern einreden. Inhaltlich wie sprachlich ein Genuss!"
Grüße
Siegfried |
|
Zuletzt bearbeitet von Siegfried am 11.03.2010, 18:00, insgesamt einmal bearbeitet _________________ Grüße
Siegfried
***
Hartmut Dühr - Ergebung ohne Widerstand
ISBN 978-3-8423-3030-6
***
»Wer aufhört, besser zu werden, hat aufgehört, gut zu sein« (Hans Rosenthal) |
|
| |
|
Siegfried |
| |
| Anmeldedatum | 09.07.2008 | | Beiträge | 3521 | | Wohnort | Hannover | |
|
|
| |
|
| |
|
| |
|
|
|
 | Re: Eine kleine Idee | Verfasst am: 11.03.2010, 17:55 |
|  |
| Siegfried hat Folgendes geschrieben: |
| Formiga hat Folgendes geschrieben: |
Bitte keine allzu harte Kritik;
[...]
Brauche nur ein paar ehrliche Meinungen =).
|
Wenn du dich entschieden hast, was du wirkklich willst, melde dich!
Bis dahin gilt meine kuschelweiche Standardkritik:
"Genialer Text. Das Beste, was ich hier seit langem gelesen habe. Unbedingt so, wie der Text ist, veröffentlichen. Du kannst schreiben - lass dir nichts anderes von möglichen Spielverderbern einreden. Inhaltlich wie sprachlich ein Genuss!"
Grüße
Siegfried |
Hach, das klingt wie Musik in meine Ohren!
Hm, stimmt; ich sollte mich wirklich entscheiden.
Naja; nachdem ich jetzt den Honig ums Mäulchen geschmiert gekriegt habe, erwarte ich nun knüppelharte Kritik! =) |
|
|
|
| |
|
Formiga |
| |
| Anmeldedatum | 11.03.2010 | | Beiträge | 11 | |
|
|
| |
|
| |
|
| |
|
|
|
 | | Verfasst am: 14.03.2010, 16:20 |
|  |
wow
ich war total versunken, als ich deinen Text gelesen habe.
Du solltest einen Roman über die drei draus machen
wirklich total schön |
|
|
|
| |
| |
maybe:) |
| |
| Anmeldedatum | 14.03.2010 | | Beiträge | 6 | | Wohnort | Bayern | |
|
|
| |
|
| |
|
| |
|
|
|
 | | Verfasst am: 15.03.2010, 06:15 |
|  |
| maybe:) hat Folgendes geschrieben: |
wow
ich war total versunken, als ich deinen Text gelesen habe.
Du solltest einen Roman über die drei draus machen
wirklich total schön |
danköö!
Ja, schreibe ab & zu weiter; hab nicht so viel Zeit (Schule etc...) =) |
|
|
|
| |
| |
Pepita |
| |
| Anmeldedatum | 02.02.2010 | | Beiträge | 6 | |
|
|
| |
|
| |
|
| |
|
|
|
 | | Verfasst am: 15.03.2010, 18:59 |
|  |
Oops!
Ja, habe meinen ersten Account-Namen (Pepita) vergessen; jetzt hab ich mich wieder erinnert & prompt unter dem "falschen" Namen gschrieben...Sorry! Also ich bin Pepita & Formiga, falls es irgendwann mal Verwirrung geben sollte...=)
ciao
| Pepita hat Folgendes geschrieben: |
| maybe:) hat Folgendes geschrieben: |
wow
ich war total versunken, als ich deinen Text gelesen habe.
Du solltest einen Roman über die drei draus machen
wirklich total schön |
danköö!
Ja, schreibe ab & zu weiter; hab nicht so viel Zeit (Schule etc...) =) |
|
|
_________________ Wer nicht überzeugen kann, sollte wenigstens Verwirrung stiften. |
|
| |
|
Formiga |
| |
| Anmeldedatum | 11.03.2010 | | Beiträge | 11 | |
|
|
| |
|
| |
|
| |
|
|
|
 | | Verfasst am: 15.03.2010, 20:31 |
|  |
| Spannend zu lesen. Hat mich neugierig gemacht, wie es weiter geht. Es sollte selbstverständlich eine Geschichte mit tieferem Sinn sein. Das ist dann nicht so leicht. |
|
_________________ Trugschlüsse der Volkswirtschaftslehre
Warum die Geldpolitik 1929-33 die Weltwirtschaftskrise verursacht hat
Der preußische Regierungsagent Karl Marx |
|
| |
|
W.Waldner |
| |
| Anmeldedatum | 26.08.2009 | | Beiträge | 174 | | Wohnort | Kempten | |
|
|
| |
|
| |
|
| |
|
|
|
 | | Verfasst am: 15.03.2010, 21:05 |
|  |
| W.Waldner hat Folgendes geschrieben: |
| Spannend zu lesen. Hat mich neugierig gemacht, wie es weiter geht. Es sollte selbstverständlich eine Geschichte mit tieferem Sinn sein. Das ist dann nicht so leicht. |
Dessen bin ich mir bewusst...=)
Aber leider habe ich ab & zu ziemliche lyrische "Ergüsse", die meistens nicht wahnsinnig gut zum Thema passen...
Aber ich versuche mein Bestes.
Danke für's Lob! |
|
_________________ Wer nicht überzeugen kann, sollte wenigstens Verwirrung stiften. |
|
| |
|
Formiga |
| |
| Anmeldedatum | 11.03.2010 | | Beiträge | 11 | |
|
|
| |
|
| |
|
| |
|
|
|
Forum für Books-on-Demand-Autoren » Geschichten -> Jungautoren (bis 18 Jahre)
Du kannst keine Beiträge in dieses Forum schreiben. Du kannst auf Beiträge in diesem Forum nicht antworten. Du kannst deine Beiträge in diesem Forum nicht bearbeiten. Du kannst deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen. Du kannst an Umfragen in diesem Forum nicht mitmachen. Du kannst Dateien in diesem Forum nicht posten Du kannst Dateien in diesem Forum nicht herunterladen
|
Alle Zeiten sind GMT + 1 Stunde
Seite 1 von 1
|
|
|
|
| |