 | Einmal Eivissa und zurück - zu Fuß rund um Ibiza | Verfasst am: 19.01.2011, 14:49 |
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Hi,
mit „Einmal Aachen und zurück – mit dem Rad rund um Nordrhein-Westfalen“ habe ich meine Deutschland-Reiseberichte begonnen (siehe unter Buchvorstellungen hier im Forum. http://www.amazon.de/Einmal-Aachen-zur%C3%BCck-rund-Nordrhein-Westfalen/dp/3839189330). Meine Mittelmeer-Inselreiseberichte beginne ich mit „Einmal Eivissa und zurück – zu Fuß rund um Ibiza“: Anbei stelle ich Euch die ersten Seiten vor. Kommentierte Bilder findet Ihr auf meiner Autorenhomepage unter
http://www.outdoor-reiseberichte.info/Rund-um-Ibiza/1,000000127337,8,1
Liebe Grüße
Guido
Eivissa
Pink Floyd trifft auf Karthago
„Parking Hippie-Market 3 Euro“. Ibiza, Insel der Partys und Discos, der Drogen und sexuellen Freizügigkeit, der Hippies und Happenings – das steht in den Reiseführern: Hier, vor dem berühmtesten Hippiemarkt im Universum; hinter dem ‚Las Dalias’ in Sant Carles, kommt die Insel ziemlich piefig daher. So what? Parkgebührenfreiheit haben die Hippies nie gefordert. Drei alte Männer mit wettergegerbten Gesichtern, vermutlich Bauern mit magerer Rente, sitzen um einen Klapptisch, der im spärlichen Schatten eines knorrigen Olivenbaumes steht. Sie holen sich ihren mageren Anteil am Mythos ‚Hippie-Insel’.
Die Hippies kamen in den 1960ern hier an. Einige blieben. Auch, weil die Ibizenkos das ewige Kommen und Gehen gewohnt waren und daher die Langhaarigen nicht - wie auf Sardinien - mit Steinen empfingen. In Massen floh die deutsche Jugend vor Muff und Spießigkeit im Wirtschaftswunderland, wo ihre lässige Präsenz (‚Gammler’) die noch nationalsozialistisch geprägte Wiederaufbaugeneration provozierte. "Solange ich regiere, werde ich alles tun, um dieses Unwesen zu zerstören", versprach Bundeskanzler Ludwig Erhard im Juni 1966 und die NPD forderte in ihrem Parteiblatt, "das ganze Problem radikal und im Sinne des gesunden Volksempfindens zu lösen".
Wenn das keine handfesten Argumente für ein besseres Leben in der Ferne waren! Also machte sich die Generation der heute 70jährigen auf die Suche nach spiritueller Erleuchtung und einem ursprünglichen Leben. Spätestens die Magical-Mystery-Tour der Beatles 1967 stimmte die Jugend ein auf Patschouli, Sitar und Shillum. Die Zahl der Beatle-Fans wurde damals auf 360 Millionen weltweit geschätzt. "Der Beat trennte uns von den Eltern, er gab uns Identität, er gab uns Ausdrucksmittel – er machte das UNS. In aller Vereinzelung schaffte der Beat die Gemeinsamkeit, den Zusammenhang, das Wir-Gefühl derer, die die gleiche Musik liebten, die Haare lang trugen, das gleiche feeling hatten, unter der gleichen Verachtung litten.“ wird später einer von DENEN zu Protokoll geben.
Mitte der sechziger Jahre befuhren sie den legendären Hippie Trail. Die Ferne galt als Versprechen. Unterwegs trafen sich die Aussteiger aus der westlichen Leistungsgesellschaft im Souk von Marrakech, in Anitas Bar in Sant Carles und den Stränden Ibizas, im Pudding-Shop Istanbuls, auf Kabuls Chickenstreet, an Goas Stränden und im legendären Katmandu Guesthouse – unter ihnen auch spätere ‚Leistungsträger’. So sollen Bill Clinton und Joschka Fischer im Pudding-Shop gesehen worden sein.
Die Veteranen der Backpacker-Szene wollten ’High sein, frei sein’ – und Spaß musste dabei sein! Oder in den Worten von Jack Kerouac (The Dharma Bums, 1958): “…see the whole thing is a world full of rucksack wanderers, Dharma Bums refusing to subscribe to the general demand that they consume production and therefore have to work for the privilege of consuming, all that crap they didn’t really want anyway such as refrigerators, TV sets, cars, …all of them imprisoned in a system of work, produce, consume, work, produce, consume, I see a vision of a great rucksack revolution thousands or even millions of young Americans wandering around with rucksacks, going up to mountains to pray, making children laugh and old men glad, making young girls happy and old girls happier, all of ‘em Zen Lunatics who go about writing poems that happen to appear in their heads for no reason and also by being kind and also by strange unexpected acts keep giving visions of eternal freedom to everybody and to all living creatures.”
Das Mittel der Hippies gegen die kalte Logik der Leistungs- und Warengesellschaft war spirituelle Intensität. "Protest und Leben der Hippies waren optimistisch, bunt, gewaltfrei, fröhlich. Ihre Ablehnung der westlichen Industriekultur total. So wurden auch Logik, Rationalität, Systematik und Zweckbestimmheit der westlichen Kultur abgelehnt, der Protest war intuitiv, gefühlsbetont, unsystematisch, hedonistisch. Nicht Analyse, nicht Marx und Marcuse waren interessant, sondern Intuition, Spontaneität, unvermittelte Theorie und Praxis, direkte Erfahrung. Kreativität, Gemeinschaft und Freunde bestimmten die Hippies, sie versuchten zu lernen, sich wieder über kleine Dinge zu freuen: Tautropfen, Sonnenstrahlen, eine Perle, Blumen, Farben – und sie veräußerlichten ihre Haltung in ihrer bunten Kleidung, in ihrem Lächeln, ihren Blumen." schrieb später ein Soziologe.
Damals vom Mainstream geächtet, sind mache Hippierentner heute Marketingzugpferde. Reiner Langhans verhilft aktuell einer Sadistensendung auf RTL zu traumhaften Einschaltquoten und gibt die Blaupause für den Werbespot eines Pumpsportals her. Und auf Ibiza nennen sich die Krämermärkte ‚Hippiemarket’, um unter dieser Marke allerlei reichlich Überflüssiges an die Touristen zu bringen. Ohnehin geht auf Ibiza nix ohne den Zusatz. Der Reisejournalist Frank Tophoven hat vor einiger Zeit geschrieben, Ibiza ohne Hippies sei „wie Karl May ohne Indianer“.
Dass einige Hippies auf der Insel hängenblieben, ist sicher kein Zufall. Cees Noteboom, der sie vor dreißig Jahren besuchte, schrieb kürzlich: „In meinem Lexikon der Symbole ist die Insel eine Welt im Kleinen, ein Abbild des Kosmos, komplett und vollkommen, ein heiliger Ort inmitten der Erregtheit der profanen Welt und als solcher ein Refugium.“
Ein weiterer Grund: Ibiza pflegte schon in der Antike eine große kulturelle Vielfalt - deutlich mehr Multikulti als heute auf den Höhen des Hunsrücks oder den Ebenen Mecklenburg-Vorpommerns. Die Inselbewohner - vermutlich iberische Hirtenvölker, die vor viertausend Jahren hier ankamen - haben die Griechen kommen und gehen sehen, auch die Karthager, Vandalen, Mauren, Katalanen. Letztere blieben., weshalb sich die Ibizenkos bis heute mit ihnen sehr verbunden fühlen - gerade auch im Kampf um mehr Autonomierechte gegen die Zentralregierung in Madrid.
In diesem Frühjahr müssen die Inselbewohner keine weitere Okkupation befürchten. Mit mir landet – auf einem Flughafen exakt so alt wie ich – ein spätberufener Narurfreundehippie, wenn auch kein “natural born Hippie”. Die Insel, ihr Mythos und ich haben erst jetzt zueinandergefunden.
Wo zum Teufel liegt Eivissa, fragte mein Freund Wolfgang, als ich ihm von meinem Plan erzählte. Ibes bzw. Ibosim (phönizisch), Ebesus (römisch), Yabissa (arabisch), Eivissa (katalanisch), Ibiza (kastilianisch) – die kleine Schwester Mallorcas trug viele Namen. Sie barg noch in den 1930er Jahren die Verheißungen und Geheimnisse der terra incognita. Walter Benjamin schrieb 1933 in einem Brief an eine Freundin, dass Ibiza im Unterschied zu Mallorca „eine ungleich verschlossenere und geheimnisvollere Landschaft“ habe. Jedenfalls hat sie nicht deren Weite der Landschaft. Um die zu erleben, muß man schon ziemlich hoch kraxeln – etwa auf den sa Tailassa, der den Südwesten der hügeligen und pinienbedeckten Insel überragt.
Reset. Nun der Reihe nach. Die Landebahn ist noch regennass. Ich wanke schlaftrunken aus dem Flugzeug. Den Betonklotz vor mir identifiziere ich mangels Alternative als Empfangsgebäude. Irgendwie schaffe ich es, als Letzter am Gepäckband zu erscheinen. Hätte ich die Nacht durchgesoffen, ginge es mir nur unbedeutend schlechter - Halbschlaf über den Wolken ist nicht wirklich erholsam Ich irre über das Vorfeld. Das stößt auf wenig Gegenliebe beim Bodenpersonal. Ich verstoße gegen klare Betretungsregeln Harsch werde ich eingenordet. Hippiemässiges ‚lassaiz faire’ ist hier nicht angesagt. Hier herrscht Ordnung.
Wenig später sitzt neben mir auf dem stillgelegten Gepäckband eine offensichtlich mindestens so erschöpfte Frau im Alter meiner Mutter. Sie hat es in ihrem gerade angesagten Wildkatzen-Look nicht darauf angelegt, in der grauen Masse unterzugehen. Ihr eher unauffälliger Begleiter – verwaschenes Polohemd mit obligatorischem Kroko - ist nicht zu beneiden. Ohne Punkt und Komma beschwert sie sich bei ihm wortreich und schier endlos über den irischen Billigflieger, der ihr zumute, einen Teil ihres Gepäcks unter ihrem voluminösen Umhang zu transportieren, weil nur ein Kabinengepäckstück erlaubt ist. Als mein Rucksack kommt, bin ich nicht unfroh, mich dem Lamento entziehen zu können. Nebenbei: in perfektem Spanisch gibt sie ihrem Hauspersonal über Handy Anweisungen. Der Tonfall ist so, dass ich nicht mit ihnen tauschen möchte. Vielleicht wünscht sich so mancher Ibizenko inzwischen die Mauren zurück. |
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Guido Block-Künzler |
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 | | Verfasst am: 19.01.2011, 15:13 |
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Hallo Guido,
interessant und gut geschrieben. Ich komme bei manchen hier eingestellten Leseproben nicht über die Anfangssätze hinaus, aber deine habe ich mit Freude bis zum Ende gelesen.
LG, Anke |
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Anke Höhl-Kayser |
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 | | Verfasst am: 19.01.2011, 15:45 |
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Schade, das gibts ja noch gar nicht. Wollte es mir nämlich gerade bestellen. Hört sich sehr interessant an.
Auf deiner Homepage steht bei Erscheinungstermin: voraussichtlich November 2010, vielleicht solltest du das ändern.
Ja, ja, die Hessen, die schreiben einfach die besten Reiseabenteuer-Bücher
PS: bin gebürtiger Schwälmer |
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_________________ Viele Grüße von Adriatic
Adria-Express, ein unterhaltsamer, amüsanter und manchmal nachdenklicher Roman über die Träume und Realitäten des Lebens.
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Adriatic |
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 | Re: Rund um Ibiza | Verfasst am: 28.01.2011, 22:04 |
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Hi,
danke für Eure Blumen. Ihr kennt das ja: wie man sich beim Texten quält und irgendwann einmal wissen will, ob man - auch jenseits des eigenen immer wieder mit Entwürfen belästigten Millieus - auf der halbwegs richtigen Spur ist.
Insofern finde ich es zum toll, das es dieses Forum gibt.
Meine Page habe ich inzwischen hinsichtlich des Erscheinungstermins bereinigt. Bin auf der Zielgeraden mit "Eivissa und zurück": Nächste Woche geht das Manuskript an einen Anwaltsfreund, der mir die Korrektur für eine wirklich gute Flasche Roten machen wird - also für lau, aber nicht schlechter, als ich es für viel Geld von BoD oder anderweiitig bekäme.
Anfang März sollte das grandiose Werk über die Hippie-Insel bei Euch im Postfach liegen können, während ich dann schon einige Kilometer weiter meine nächste Tour mache: rund um Fuerte - mit Zwischenaufenthalt bei FreundInnen auf Lanzarote.
LG
Euer Guido
DER HESSE (ERBARME, DIE HESSE KOMME...) |
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Guido Block-Künzler |
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 | ibiza | Verfasst am: 22.04.2011, 22:19 |
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| Gefaellt, obwohl ich, der ich selber viel Zeit auf Ibiza, vor allem in Sant Carles, verbracht habe vieler Klisches muede bin, ist die Aufarbeitung der Thematik "Hippies" begleitet durch gut ausgewaehlte Zitate gelungen. Gut geschrieben! |
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Tim Reher |
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