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Empathie

BeitragVerfasst am: 24.02.2010, 13:23
Empathie

Wie eine Aufeinanderfolge gnädiger Träume
an die sich nachher niemand erinnern kann
denn schon längst ist der Kopf zum Bersten
gefüllt und will doch zuweilen nur leer sein.

Impulslos, kommt es mir vor, bar jedweder
Beziehung dringt ein vertrauter Geschmack
ein bestimmter Geruch durch jene Membran
abgelaufener Jahre, meinem Sein überhand.

Könnte ich doch die wüsten Gedanken abstellen
das Infragestellen und das Welt-Durchleuchten
um nicht länger jedem Verlust gewahr zu sein
nachzuspüren, was unergründlich sein soll.

Herrscht nicht eine verächtliche Überlegenheit
oder hat die Gewöhnung dein Gespür betäubt
erkennt den Verrat erst wenn er sich ins Herz
ergießt - dem randvollen Hirn zu entweichen?


Peter Pitsch, Übelungen

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BeitragVerfasst am: 26.02.2010, 11:40
Hallo Peter!

Warum finde ich mich in deinen Texten wieder?

Du schreibst das, was ich empfinde, in dem Moment in dem ich es empfinde.

Ich weiß, kompliziert, aber ist so. dozey

Danke dafür.


Bela

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BeitragVerfasst am: 26.02.2010, 13:35
Hallo Peter-Pitsch,


im Großen und Ganzen gefällt mir der Text. Über gewisse Feinheiten allerdings ließe sich diskutieren:

1. Von der Sprachmelodie her ist mir der Text zuwenig lyrisch und zu episch. Hier ist das Layout fast lyrischer als die Sprache. Ein Gedicht ist mehr als ein Satz, der untereinander geschrieben wurde (und wenn dieser noch so klug, tiefgründig, originell oder was immer ist).

2. Zudem ist der Inhalt abstrakt bzw. intellektuell, was auch nicht sonderlich lyrisch ist.

3. "Gewahr sein" verlangt den Genetiv:

"um nicht länger jeden Verlustes gewahr zu sein"

4. Dass sich das Gedicht erst in der letzten Strophe an ein "Du" wendet, finde ich nicht glücklich. Du kommst die ersten drei ohne aus und ich würde das "Du" in der letzten nicht vermissen, die entsprechende textliche Adaption vorausgesetzt.

Aber das sind im Grunde alles nur Geschmackspräferenzen.

LG


ricochet

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BeitragVerfasst am: 26.02.2010, 14:29
Danke Bela und ricochet, ich freue mich über eure Reaktionen.

Richtig, ricochet, den Text hätte ich andererseits - bestenfalls - innerhalb der Rubrik ´Prosa´ vorstellen können, als Prosaminiatur.

"um nicht länger jeden Verlust gewahr zu sein"


Weiterhin viel Schaffenskraft

Peter

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BeitragVerfasst am: 26.02.2010, 14:50
Lieber Peter,


Peter-Pitsch hat Folgendes geschrieben:
den Text hätte ich andererseits - bestenfalls - innerhalb der Rubrik ´Prosa´ vorstellen können, als Prosaminiatur.


Es gibt ja auch den Begriff "lyrische Prosa" (welcher in keiner Weise eine Bewertung beinhaltet, sondern rein formal zu verstehen ist).
Ich selbst habe genug in dieser Richtung geschrieben.


ricochet

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BeitragVerfasst am: 26.02.2010, 15:20
Lieber ricochet

Zitat:
Ich selbst habe genug in dieser Richtung geschrieben.


Dein unter Veröffentlichungen ´Lyrik´ vorgestelltes Werk Auf dem Fels scheint wohl einiges aus dieser Richtung zu beinhalten. Oder täusche ich mich?

´73, lang ist´s her.

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BeitragVerfasst am: 26.02.2010, 17:40
Lieber Peter,


Du täuschst Dich ganz und gar nicht. Da finden sich jede Menge Texte, die als Grenzgänger einzustufen sind. Den "Hymnus" (siehe Leseprobe) qualifiziere ich persönlich als Lyrik im ureigensten Sinne.
Besonders extrem ist mein "Gedicht, das nie geschrieben wurde". Auf dieser Seite steht nämlich nichts - außer dem Titel (Wie auch? Es wurde ja nie geschrieben).
Ich habe das "Gedicht" damals in vier oder fünf verschiedenen Foren eingestellt. In einem wurde es überhaupt nichts zur Kenntnis genommen, in einem anderen kamen Kommentare, wie: "Der Kommentar, der nie geschrieben wurde ..." und die Leute haben echt intellektuelle Witze gemacht (die haben es natürlich verstanden).
In einem Forum allerdings fühlten sich die Mods verarscht. Zuerst löschten sie meinen Beitrag, dann stellten sie ihn in die Plauderecke, mit der Begründung, es handle sich ja um kein Gedicht. Es wurde derart heftig diskutiert, dass einzelne Mitglieder sogar das Forum verließen.
Wie auch immer - heute schreibe ich nur noch selten ein Gedicht, hauptsächlich, wenn es in den Haupttext passt. So z.B. in "Haikiki", einer Sciencefiction-Geschichte. Da sitzen ein Schauspieler und ein Außerirdischer am Rand des Stadtparks. Der Schauspieler fiel soeben bei einem casting für eine Shakespearerolle durch, der Außerirdische (A7K) muss seine Materialisation als menschlicher Körper nachjustieren.

Zitat Anfang

Dann richtete er sich auf, nahm eine Haltung an, als stünde er auf einer Bühne vor großem Publikum und spiele Shakespeare: „Und so findet uns das Schicksal, durchgebeutelt und gerüttelt von unseligen Kräften, deren Herr wir nicht sind.“
Dabei sah er auf A7K nieder, den es gerade am heftigsten hin- und herschüttelte. Es war ein Zucken und Beben, dass sogar die Stufen wackelten. Es erweckte den Anschein, als litte A7K an einem üblen Nervenleiden im Endstadium. Ungerührt deklamierte der junge Mann inzwischen weiter:

„Es ist den Göttern nur ein eitles Spiel.
Ein einziger Gedanke stimmt uns heiter
So sieh auf unser Leben stets herab
und denkst und fragst du noch so viel
hinterm Horizont, da geht es weiter
doch am End‘ liegst einsam du im Grab.
Was ist die Zeit, wenn nicht Schleier fürs Vergessen
und so dein Herz durch Ewigkeiten schweift
denn wahrlich, dunkel bleibt des Lebens Sinn
und den nennen wir besessen
der frevelnd nach den Sternen greift
ihn rafft früh der Götter Rache hin.“

Soeben ging eine Mutter mit einem kleinen Mädchen vorbei. Sie waren auf dem Weg zum Kindergarten. Mit großen Augen beobachteten sie einen Alten, der irgendeinen schlimmen Anfall hatte und einen Schauspieler. Dieser schmetterte mit dröhnender Stimme Verse in altertümlicher Sprache in den Park als stünde er auf den Brettern, die die Welt bedeuten.
Hastig zog die Frau ihre Tochter fort: „Schnell, hoffentlich ist das nicht ansteckend.“

Zitat Ende

Aber sonst schreibe ich keine Gedichte mehr. cheezy grin

LG

ricochet

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BeitragVerfasst am: 27.02.2010, 00:32
Lieber Ricochet,

ein Forum nach dem anderen hast du mit deinem spätpubertären ungeschriebenen Gedicht malträtiert - nichts als ein unerklärliches Gefühl von absoluter Leere bereitend? Kein Wunder dass es seinerzeit die Nicks reihenweise in die Flucht geschlagen hat.

Da gefallen mir deine shakespearischen Verse und dieser Satz aus deinem Haikiki schon wesentlich besser (unter der Nachjustierung des Außerirdischen):

Zitat:
„Und so findet uns das Schicksal, durchgebeutelt und gerüttelt von unseligen Kräften, deren Herr wir nicht sind.“
Dabei sah er auf A7K nieder, den es gerade am heftigsten hin- und herschüttelte.


Aber zurück zu "Empathie" bezogen auf die stilistische Form und die Umsetzung der grundlegenden Botschaft: ein Gedicht - je nach Empfinden - kann unendlich weniger sein als (Zitat) ein Satz, der untereinander geschrieben wurde.
Beizeiten dünkt sogar ein leeres Blatt, ein nicht vorhandenes Gedicht interessanter als die Verse eines gefühligen Poeten mit sich im Zentrum einer entrückten Befindlichkeit.

Gruß
Peter

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BeitragVerfasst am: 28.02.2010, 08:44
Lieber Peter

Peter-Pitsch hat Folgendes geschrieben:

Beizeiten dünkt sogar ein leeres Blatt, ein nicht vorhandenes Gedicht interessanter als die Verse eines gefühligen Poeten mit sich im Zentrum einer entrückten Befindlichkeit.


Wow, das hast du sehr schön gesagt ... Äh, ... was ist ein gefühliger Poet?

ricochet

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Oberservation

BeitragVerfasst am: 28.02.2010, 13:45
Oberservation

Die Romantiker beten die gestirnte Unendlichkeit an
mit sich im Zentrum einer entrückten Befindlichkeit
einer lotet in den Niederungen seiner Psyche eine
sternenlose Dunkelheit aus, die an Umnachtung grenzt
geisterhafte Welt - von niemand anderen observiert.


Peter Pitsch, Übelungen

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