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Erste Versuche: Mein neues Werk

BeitragVerfasst am: 24.03.2009, 12:34
Hallo zusammen,

da mir zwei Filmprojekte nicht ausreichen und mein aktueller Roman fertiggestellt ist (und bald veröffentlicht wird Very Happy ), arbeite ich seit einiger zeit gleich an drei neuen Romanen.

Während ich zu zweien gerade noch das Konzept entwickel bzw. recherschiere, habe ich zu dem dritten bereits ein Probekapitel geschrieben. Ich will jetzt gar nicht weiter verraten, worum es geht.

Mir geht es hier vor allem darum, wie der Lesefluss ist, ob der Sprachstil wirkt, ob man Lust hat weiterzulesen oder schon nach wenigen zeilen aufhört. Der Text ist definitiv noch nicht in der endgültigen Fassung und erst einmal mehr als Experiment zu verstehen.

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13 Uhr. Noch sieben Stunden. Ich habe keine Lust mehr. In einer Hand das Telefon haltend flitze ich durch den Markt und versuche dabei, der Kundin möglichst tief in den Arsch zu kriechen. Die Dame ist mindestens 90 Jahre alt. Ich kenne sie gut, habe sie schon oft beliefert. Berlinerstraße 13. Ich hasse diese Frau.
„Ja, Frau Roth. Einen Moment bitte.“
Die Dame will Apfelsaft. Ich düse in die Saftabteilung.
„Welchen hätten sie denn gerne, Frau Roth?“
„Wat ham‘se denn da?“
Ich mustere das Saftregal. Wir führen 63 verschiedene Apfelsaftsorten.
„Ähem…“
„Ham se den einen da?“
„Ähem…“
„Sie wissen schon.“
Ich weiß nicht.
„Vielleicht der von Niederrheingold. Der ist sehr günstig und beliebt bei den Kunden.“, frage ich.
„Nä.“
„…“
„Ham se keinen anderen?“
Doch. Haben wir. Dieses Gespräch wird noch dauern.
Ich schaue auf die Uhr. 13.04 Uhr. Ich soll um 13 Uhr bei Herrn Neumeier sein. Er feiert heut Abend einen kleinen Umtrunk und hatte, als er bei mir die Bestellung aufgab, extra betont, das alles bis 13 Uhr bei ihm sein soll. Er will verständlicher Weise keinen Stress haben mit den Getränken. Ich hatte ihm versprochen, dass er keinen Stress haben wird, dass wir pünktlich liefern werden. Ich bin schon ganz begeistert, wenn ich daran denke, ihn gleich wiederzusehen.
„Doch, wir haben zum Beispiel den von Gut und Günstig.“
„Nä.“
Eine Sekunde lang kämpfe ich mit mir, einfach aufzulegen. Es ist 13.05 Uhr. Krampfhaft versuche ich mich daran zu erinnern, welchen Apfelsaft ich schon einmal an sie geliefert habe.
Frau Roth gehört zu den schwierigen Kunden. Sie will jedes Mal etwas anderes haben, nur leider weiß sie nie, was. Die meisten unserer Stammkunden bestellen immer dasselbe, sie brauchen dann nur noch anrufen und einen Liefertermin vereinbaren, dann weiß ich sofort Bescheid, komme vorbei und alle sind glücklich. Ich werde es wohl nie verstehen, wieso Frau Roth es sich nicht wie alle anderen Rentner auch zur Lebensaufgabe gemacht hat, den heutigen Tag genauso zu gestalten wie den gestrigen Tag. Dieselben Fernsehsendungen zur selben Zeit, eine halbe Stunde Werbeprospekte durchblättern am Morgen, eine halbe Stunde schlafen am Nachmittag und gottverdammt den gleichen Apfelsaft bestellen wie beim letzten Mal.
„Wie wäre es mit…“
„Nä. Ich will den mit, wo dat gelbe auf die Packung druff is.“
„Niederrheingold?“
„Ja, den, junger Mann.“
Ja, ich hasse diese Frau. 13.06 Uhr. Ich habe offiziell seit einer Stunde und sechs Minuten Mittagspause. Dass ich weder eine Pause hatte noch etwas gegessen habe, interessiert in diesem Betrieb niemanden. Der Chef ist um Punkt zwölf nach Hause abgehauen und kommt vor 16 Uhr nicht wieder. Er muss ja schließlich ordentlich zu Mittag essen. Mittag ist eine wichtige Mahlzeit, das kann ich verstehen.

Ich arbeite in einem Getränkemarkt. Wir bieten einen umfangreichen Lieferservice für Privatleute und Gaststätten sowie einen Partyservice mit Bierzeltgarnituren, Zapfanlagen und allem drum und dran an. Ich bin der Dumme dieses Getränkemarktes. Denn da die Personallage bei uns so schlecht ist wie die abgelaufenen Malzbierflaschen, die ich letztens unter die frischen Flaschen mischen musste, gibt es sonst niemanden, der mir heute hätte unter die Arme greifen können.
Ware kommt heute auch noch. Und ich bin alleine im Markt, d.h. eine Kassiererin sitzt vorne an der Kasse, doch die darf diesen Bereich nicht verlassen. Der Konzern muss sparen. Unter der Woche reicht ein Mann für Lager und Lieferservice, sagt die Zentrale. Ein Beweis dafür, dass die geschätzte Obrigkeit fernab jeder Realität leben muss. Dass ich den Kunden heute gerecht werde, kann ich ganz sicher nicht behaupten.
13.10 Uhr. Ich flitze in die Weinabteilung direkt neben dem Kassenbereich, Frau Roth hätte gerne noch eine Flasche Wein. An der Kasse meiner Kollegin hat sich bereits eine lange Schlange gebildet, eine Person für Leergut und Kasse ist ebenfalls zu wenig. Genervt werde ich von einem älteren Ehepaar verfolgt, die schon vor einer guten halben Stunde ein Anliegen angemeldet habe. Ich, Frau Roth an einem Ohr, mit einer Hand einen Kassenzettel stornierend, musste sie vor besagter halben Stunde um ein paar Minuten vertrösten.

13.17 Uhr. Es ist geschafft. Die Bestellung für Frau Roth steht, sie ist glücklich, freut sich auf die Lieferung um 17 Uhr und legt auf. Ich lege das Telefon bei Seite und blicke erwartungsvoll das Ehepaar an, das mir seit mittlerweile 40 Minuten an den Versen klebt. Ich schwöre mir in diesem Moment, dass ich beide umbringen werde, wenn…
„Wir bräuchte mal ne umfangreiche Beratung für die Getränke, weil nämlich die Sabine am Wochenende ne Party feiern tut und wir dat organisieren tun.“
Das Telefon klingelt. Ich vertröste das Ehepaar ein weiteres Mal und nehme ab. Mit gereiztem Ton meldet sich am anderen Ende eine raue Männerstimme:
„Neumeier hier.“

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Danke schonmal.

Liebe Grüße
Weasel
 
  Weasel 
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BeitragVerfasst am: 24.03.2009, 13:01
Hi Weasel,

cheezy grin

ich finde: Genialer Einstieg. Schon in den ersten - obwohl kurzen Sätzen - wird direkt Atmosphäre und Tempo vermittelt. Und gleichzeitig fühlt man mit dem Prot mit. Jeder kennt solche Tage. Wirklich, ich musste direkt grinsen. Ich mag sowas.
Und auch der weitere Rest. Das Wechselspiel zwischen Dialog und Geschehen und dem Denken des Prots ist ausgesprochen unterhaltsam. Trotz verdergründigem Tempo und den verwendeten Klischees ist immer noch Zeit, sich kurz zurückzunehmen und Gedanken über den Alltag einfließen zu lassen.
Das alles ist garniert mit ziemlich "knallendem" Sarkasmus. Liegt vielleicht an den extrem kurzen Sätzen, die der Prot denkt.

Finde ich gut. Prima Mischung.

Gruß
Hakket

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BeitragVerfasst am: 24.03.2009, 13:04
Danke, danke.

Ich hoffe du bist auch an weiterer Zusammenarbeit zwischen uns interessiert? Very Happy
 
  Weasel 
Gast 
 
 
   
   

BeitragVerfasst am: 24.03.2009, 13:14
Wenn du so weiter schreibst.

Ich hoffe aber genauso, dass auch du Interesse an einer weiteren Zusammenarbeit mit mir hast. cheezy grin

Gruß
Hakket

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BeitragVerfasst am: 24.03.2009, 13:37
klaro Smile
 
  Weasel 
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Re: Erste Versuche: Mein neues Werk

BeitragVerfasst am: 24.03.2009, 13:40
Zitat:
Ich soll um 13 Uhr bei Herrn Neumeier sein. Er feiert heut Abend einen kleinen Umtrunk und hatte, als er bei mir die Bestellung aufgab, extra betont, das alles bis 13 Uhr bei ihm sein soll. Er will verständlicher Weise keinen Stress haben mit den Getränken. Ich hatte ihm versprochen, dass er keinen Stress haben wird, dass wir pünktlich liefern werden. Ich bin schon ganz begeistert, wenn ich daran denke, ihn gleich wiederzusehen.

Den letzten Satz verstehe ich in diesem Zusammenhang nicht. Ich würde ihn einfach weglassen.
Die Begründung, dass die Getränke um 13.00 Uhr bei dem Herren sein müssen, weil er sie am Abend braucht, finde ich etwas mager. Warum überhaupt eine Begründung? Wenn der Lieferservice für diese Uhrzeit bestellt ist, dann reicht das doch.


Zitat:
13.06 Uhr. Ich habe offiziell seit einer Stunde und sechs Minuten Mittagspause.


Um 12.00 Uhr hätte er Mittag gehabt, wird ab 13.00 Uhr aber noch sieben Stunden arbeiten. Das sind irgendwie zu viele.

Zitat:
Der Konzern muss sparen. Unter der Woche reicht ein Mann für Lager und Lieferservice, sagt die Zentrale.

Aber der Chef ist doch auch noch da.

Zitat:
... blicke erwartungsvoll das Ehepaar an, das mir seit mittlerweile 40 Minuten an den Versen klebt.

Das halte ich für unglaubwürdig. So lange wird niemand in einem Getränkemarkt auf Service warten.
Übrigens: Die Verse, die man nicht schmiedet, sondern darauf läuft, schreibt man mit F. Wink

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Liebe Grüße
Christel

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BeitragVerfasst am: 24.03.2009, 13:51
@ Bärentante:

Danke für die Kritik. Ich werde die entsprechenden Stellen nochmal überarbeiten. Nur deinen Kritikpunkt, dass sieben Stunden angeblich zu viele sein sollen, verstehe ich nicht.

Gruß
Weasel
 
  Weasel 
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BeitragVerfasst am: 24.03.2009, 13:57
Das ist generell keine Kritik, das sind nur Sachen, die mir aufgefallen sind. Wink

Weasel hat Folgendes geschrieben:
Nur deinen Kritikpunkt, dass sieben Stunden angeblich zu viele sein sollen, verstehe ich nicht.


Wenn er um 12.00 Uhr Mittag hat, hat er ja bereits am Morgen angefangen zu arbeiten. Wenn er bis 20.00 Uhr arbeiten muss, sind das dann insgesamt zu viele Arbeitsstunden. Nun klar? Laughing

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BeitragVerfasst am: 24.03.2009, 14:09
Achso, ja das soll auch so sein. Man kann das ganze fast einen Tatsachenbericht nennen, hatte selbst mal für so einen Sauladen gearbeitet. Da waren Schichten von 8-20 Uhr schonmal drin, wem das zuviel war, der konnte sich beim Arbeitsamt melden.
 
  Weasel 
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BeitragVerfasst am: 24.03.2009, 14:18
Zitat:
Wenn er um 12.00 Uhr Mittag hat, hat er ja bereits am Morgen angefangen zu arbeiten. Wenn er bis 20.00 Uhr arbeiten muss, sind das dann insgesamt zu viele Arbeitsstunden. Nun klar? Laughing


Leider nicht unbedingt. In meiner Zeit in der Augenklinik war Schichtbeginn 8:00, um 13:00 eine halbe Stunde Mittag und dann Nachmittagssprechstunde bis offiziell 18:00 - die nie vor 19:00 endete, man also zw. 19-20h letzten Endes wieder raus war.
Jaah, ich weiß, das "darf" man gar nicht und die 30 Minuten Pause sind auch gesetzeswidrig, aber es war so. Da musste man still halten oder man flog.
Also es ist durchaus möglich so lange zu arbeiten. Confused
 
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BeitragVerfasst am: 24.03.2009, 14:25
Das "Arbeitszeitproblem" könnte man elegant umgehen, wenn man im Text genau das kurz anspricht. Der Prot meckert ja eh. Dann könnte er über die Arbeitszeit auch meckern. Dazu reicht ja ein Satz - ein Gedanke.

Im Übrige kenne ich das auch:
"Du musst morgen arbeiten kommen!"
"Morgen ist Sonntag!"
"Willst du Arbeit oder Freizeit?"

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BeitragVerfasst am: 24.03.2009, 14:55
Das ist ein guter Gedanke, Hakket.
 
  Weasel 
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BeitragVerfasst am: 24.03.2009, 15:06
Hallo Weasel,

deinen Text habe ich mit viel Vergnügen gelesen. Er war eine richtige Wohltat, im Lektorat mal einen so gut durchgearbeiteten und fehlerarmen Text zu lesen.

Kritik fällt schwer, weil in den nicht abgedruckten Passagen vieles erklärt sein kann. Dass man über solche Arbeitszeiten stolpern kann, hat mich überrascht. Üblich sind sie zwar nicht, aber wirklich selten ebenso wenig.

Erläuternde Gedankeneinschübe finde ich jedenfalls die schlechteste Möglichkeit. Diese Szene wird doch vermutlich nicht die einzige aus diesem Laden sein. Also sollte der Leser doch auch so mitbekommen, wie der Hase läuft. Für mich sind diese erläuternden Einschübe jedenfalls schnell ein Grund, ein Buch zur Seite zu legen. Wenn ein Autor meint, ich sei zu blöde, meine eigenen Erkenntnisse aus einer Geschichte zu gewinnen, darf er seinen Text gerne für sich behalten.

Beste Grüße,

Heinz.

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BeitragVerfasst am: 24.03.2009, 15:14
@ Heinz:
Es allen recht machen kann man eh nicht. cheezy grin

Der eine wills erklärt haben, der andere nicht.
cheezy grin
Vielleicht sollte man in einer Fußnote erklären, warum man etwas erklärt - oder nicht. cheezy grin

Gruß
Hakket

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BeitragVerfasst am: 24.03.2009, 15:15
Naja, ich bin da wohl etwas zu sehr der Filmemacher. Der Filmemacher geht nämlich grundsätzlich davon aus, dass der Zuschauer blöd ist. Aber mal spaß beiseite. Danke für die Kritik.

Es handelt sich bei dieser Szene zumindest um die erste Szene im Laden, daher sind einige Erläuterungen vielleicht gar nicht sooo schelcht.

Gruß
Weasel
 
  Weasel 
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Erste Versuche: Mein neues Werk
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