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Gegenwart und Vergangenheit

BeitragVerfasst am: 25.08.2011, 15:09
Da ich mich zum ersten Mal an einen Roman wage, achte ich bei den Büchern die ich lese verstärkt auf kleinere Details.
Beim schreiben muss ich immer höllisch auf die Zeitform achten. Obschon sich meine Geschichte in der Vergangenheit abspielt, gibt es immer wieder Sätze die in der Gegenwart geschrieben werden.
Jedoch, und nun komme ich zu meiner eigentlichen Frage, kann in einer Situation nicht zwei verschiedene Zeitformen angewandt werden, oder?
Kleines Beispiel von Richard Montonari (Geschichte spielt ebenfalls in der Vergangenheit)
"Nigel Butler wohnt in einem schmucken Reihenhaus in der 42. Strasse. (Gegenw)
Von aussen sah es so aus, wie die meisten Häuser in Philadelphia. (Vergang.)
Vor den beiden Fenstern zur Strasse, Blumenkästen, eine rote Tür, einen Messingbriefkasten. (Gegenw)

Müsste der zweite Satz nicht so lauten: Von aussen SIEHT es so aus wie die....

Oder bin ich da auf dem Holzweg?

Gruss

Dani
 
  veritas 
 
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Re: Gegenwart und Vergangenheit

BeitragVerfasst am: 25.08.2011, 17:26
veritas hat Folgendes geschrieben:

Jedoch, und nun komme ich zu meiner eigentlichen Frage, kann in einer Situation nicht zwei verschiedene Zeitformen angewandt werden, oder?
Kleines Beispiel von Richard Montonari (Geschichte spielt ebenfalls in der Vergangenheit)
"Nigel Butler wohnt in einem schmucken Reihenhaus in der 42. Strasse. (Gegenw)
Von aussen sah es so aus, wie die meisten Häuser in Philadelphia. (Vergang.)
Vor den beiden Fenstern zur Strasse, Blumenkästen, eine rote Tür, einen Messingbriefkasten. (Gegenw)

Müsste der zweite Satz nicht so lauten: Von aussen SIEHT es so aus wie die....


Prinzipiell hast du Recht. In einem Text sollte die Haupt-Zeitform durchgehalten werden. Es gibt aber einige dramaturgische Kniffe, wo der Autor in der Zeit wechseln kann - und es gibt auch gewisse inhaltliche Probleme, wo ein Wechsel der Zeit in Frage kommt.

Fangen wir mit Letzterem an:

Wenn der Text in der Vergangenheitsform (Präteritum) geschrieben ist, gibt es immer wieder den Konflikt, wie dauerhaft gültige Sachverhalte sprachlich korrekt abgebildet werden. Eine Aussage wie:

    "Nigel Butler wohnt in einem schmucken Reihenhaus in der 42. Strasse."


impliziert, dass Nigel Butler zum Erzähl-Zeitpunkt noch in dem genannten Haus wohnt. Eine Vergangenheitsform kann darauf hindeuten, dass der beschriebene Zustand nicht mehr gegeben ist - insbesondere, wenn der Rest des Textes im Präsens geschrieben steht.

Problematisch wird es bei dauerhaft gültigen Erkenntnissen, wie etwa:

    "Kein Mensch weiß, wie die Grenze des Universums aussieht."


Das dürfte eine dauerhafte Aussage sein (oder zumindest für einen sehr langen Zeitraum. Setzt man diesen Satz ins Präteritum ...

    "Kein Mensch wusste, wie die Grenze des Universums aussah."


... könnte dies zum Schluss führen, dass man inzwischen weiß, wie es dort aussieht. Hier ist der Autor gefordert.

Zu den dramaturgischen Tricks:

Manche Autoren, die ihre Texte im Präteritum schreiben, wechseln bei Action-Szenen ins Präsens, um die geschilderten Aktionen dem Leser direkt vermitteln zu können. Dieser Trick ermöglich es dem Leser, einen Kampf als gerade jetzt in diesem Moment geschehend zu erleben. Nach der Action-Szene fällt der Text zurück ins Präteritum.

Der zweite Zeiten-Wechsel erfolgt bei Rückblenden, wenn als Erzählzeit das Präteritum gewählt wurde. Um in einem Text, der in der Vergangenheitsform erzählt wird, vorangegangene Ereignisse zu schildern, braucht man im Deutschen das Plusquamperfekt. Dieses Plusquamperfekt hat aber die unschöne Eigenart, das Satzprädikat um os etwas Hässliches wie "hatte" zu erweitern.

Der Trick ist hier, die Rückblende tatsächlich mit einem Plusquamperfekt einzuleiten, dann ins Präteritum zu wechseln und am Ende der Rückblende wieder das Plusquamperfekt heranzuziehen, um dem Leser den Abschluss der Rückblende aufzuzeigen.

    Werner saß im Café und rührte gedankenverloren seinen Cappuccino um. Sein Blick wanderte ziellos über den Bahnhofsvorplatz, passierte die drei Denkmäler, ohne sie bewusst wahrzunehmen, folgte einzelnen Passanten, ohne sie zu registrieren.

    Gestern hatte er auch so in diesem Café gesessen. Er hatte die Tageszeitung aufgeschlagen und dort jene Anzeige gefunden, die ihn so aus dem Gleichgewicht gebracht hatte: Die Todesanzeige seiner geschiedenen Frau! Werner hatte sofort zum Handy gegriffen und nach der Nummer gesucht [...]


Der gleiche Text noch einmal, jetzt mit dem Tempuswechsel ...

    Werner saß im Café und rührte gedankenverloren seinen Cappuccino um. Sein Blick wanderte ziellos über den Bahnhofsvorplatz, passierte die drei Denkmäler, ohne sie bewusst wahrzunehmen, folgte einzelnen Passanten, ohne sie zu registrieren.

    Gestern hatte er auch so in diesem Café gesessen. Er schlug die Tageszeitung auf und fand dort jene Anzeige, die ihn sofort aus dem Gleichgewicht brachte: Die Todesanzeige seiner geschiedenen Frau! Er griff sofort zum Handy und suchte nach der Nummer [...]


Die Haupthandlung (Werner gedankenverloren im Café) wird im Präteritum erzählt, daher müssen davor liegende Ereignisse ins Plusquamperfekt gesetzt werden (rein grammatisch). Um Leben in die Rückblende zu bekommen, beginnt sie korrekterweise mit dem Plusquamperfekt, setzt sich dann aber mit dem Präteritum fort. Am Ende der Rückblende (fehlt hier im Beispiel) muss wieder das Plusquamperfekt auftauchen, damit der Leser den Sprung zurück in die Haupthandlung nachvollziehen kann.



Tempuswechsel in einem Text sind also durchaus möglich. Natürlich gibt es unter Autoren auch Künstler, die solche Brüche in der Zeit ganz bewusst als "Kunstform" einsetzen - und damit nicht wenige Leser irritieren. cheezy grin

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Grüße
Siegfried

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BeitragVerfasst am: 25.08.2011, 17:44
Herzlichen Dank für die Antwort. Deine Beispiele sind super. thumb up
Werde Deine Erklärungen für mein Buch gut gebrauchen können.

Gruss Dani
 
  veritas 
 
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BeitragVerfasst am: 30.09.2011, 17:54
Bei Siegfrieds Beitrag musste ich schon gehörig meine Hirnzellen anstrengen, um mitzukommen. Ich habe da glatt meinen Deutschlehrer (lang, lang ist's her) wieder vor mir gesehen.

Das Forum hat doch mehr zu bieten, als ich mir erträumen liess.

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Gegenwart - Vergagenheit

BeitragVerfasst am: 30.09.2011, 20:49
Hi Dani,

du hast etwas angesprochen, was vielfach zu Fragen Anlass gibt. Denn es gibt, je nach Region, durchaus Unterschiede in der gesprochenen und in der geschriebenen Sprache.

Will ich ein Geschehen, das lange zurückliegt, in einem entsprechende Form bringen, wähle ich die zeitliche Form des Präteritums. Damit bringe ich das besagte Geschehen in eine "ablaufende Gegenwartsform". Der Volksmund nennt das "erste Vergangenheit".

Da du einen Roman schreiben willst, wählts du das Präteritum. Bei einem Roman gibt es nicht nur die Form des Erzählens, sondern auch die wörtliche Rede. Ein Beispiel:

Karl und Otto kannten sich seit ihrer Bundeswehrzeit. Inzwischen sind Jahre vergangen. Zufällig trafen sie sich wieder. Nach dem allgemeinen Hallo haben sie ihren Werdegang ausgetauscht:

Karl sagte zu Otto: "Ich habe mich seit Jahren mit der Zauberei beschäftigt und verdiende damit mein Geld." Otto, jetzt neugierig geworden, fragte: "Na, dann zeig mal deine Kunststücke!"

Karl holte den Zauberstab heraus...


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