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Grabmal für einen Eisenbahnkönigssohn

BeitragVerfasst am: 25.06.2012, 21:10
Wer in Berlin auf dem Städtischen Friedhof Reinickendorf spazieren geht, kann eine kunsthistorische Entdeckung machen. Kommt er zum Beispiel von Süden, vom Eingang an der Gotthardstraße, und folgt einer der nordwärts führenden Alleen, dann erblickt er nach einiger Zeit einen nach links abzweigenden Pfad, der an einer offenen Pfeilerhalle aus roten Klinkern endet. Der Besucher nähert sich und findet in ihrem Innern ein neobarockes Grabmal von großer Wirkung vor, merkwürdigerweise jedoch keinerlei Hinweise auf einen Toten oder den Künstler. Dabei handelt es sich bei dem Bronzeguss um ein Werk des großen Reinhold Begas (1831 – 1911), des führenden Bildhauers in wilhelminischer Zeit. (Zumindest sein Neptunbrunnen nahe Rotem Rathaus und Fernsehturm dürfte allgemein bekannt sein.)

Der dargestellte Tote liegt lang ausgestreckt auf seinem Sarkophag. Am Fußende machen sich zwei Putti mit Kränzen zu schaffen. Eine junge Frau – es ist die Gattin des Verblichenen – steht leicht vorgeneigt neben ihm, hält mit der Linken sein Haupt und mit der Rechten seine rechte Hand. Der Tote ist ein noch sehr junger Mann. Es war Arthur Strousberg (1850 – 1873), Sohn des Großindustriellen und Eisenbahnkönigs Bethel Henry Strousberg (1832 – 1884). Seine Überreste liegen heute im Mausoleum der Familie Strousberg auf dem Schöneberger Alten St. Matthäus-Kirchhof.

Strousberg junior war damals an Lungentuberkulose gestorben und sein vermögender Vater hatte das aufwändige Grabmal beim schon bekannten Begas in Auftrag gegeben. Bevor das Modell fertig war, war Strousberg insolvent. Das fertige Werk verblieb beim Künstler und wurde nach dessen Tod von der Stadt Berlin aus dem Nachlass erworben. Seit 1913 steht es auf dem Reinickendorfer Friedhof und erhielt 1928 die offene Halle, es war nun als Gefallenendenkmal gedacht. In jüngerer Zeit hat das beeindruckende Grabmal wiederholt im Schrifttum über Begas und über die Grabkultur allgemein sowie auch auf Ausstellungen die ihm gebührende Beachtung gefunden.

Jüngst hat ein Witzbold Arthur Strousberg eine unangerauchte Zigarette zwischen die Finger der rechten Totenhand gesteckt. Und, merkwürdig, dieser Akt frechen Mutterwitzes vermindert die pathetische Wirkung nicht, er erhöht sie eher noch.

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  Arno Abendschön 
 
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