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Guter Deutsch hilft nix

BeitragVerfasst am: 31.07.2010, 11:35
Neulich las ich in einem Autoren-Forum einen interessanten Beitrag. Aus einer ernsthaften Anfrage nach der grammatikalisch richtigen Konjugation des Verbs »abwinken« – heißt es nun »abgewinkt« oder »abgewunken«? – entspann sich ein Disput über die Notwendigkeit der richtigen Verwendung der deutschen Sprache. Eine Forumsteilnehmerin, die sich bislang nur in der Theorie über ihre noch zu schreibenden Bücher ergangen hatte, verstieg sich zu folgender Formulierung:

»Unter 100 von meinen Lesern gibt es vermutlich nur 2 die perfekt in Wort und Schrift sind. Für die anderen muß ich es schreiben wie man spricht.«

Lassen wir mal die mangelnde Zeichensetzung, die fehlenden grammatikalischen Grundkenntnisse, die sicherlich steigerungsfähige Fabulierkunst sowie die vernachlässigten Vorgaben über die Schreibweise von Ziffern und Zahlen außen vor und widmen uns ausschließlich dem Neuigkeitsgehalt dieser Botschaft: Was lernen wir? Es gibt einen Unterschied zwischen Autor und Leser.

Ich höre schon die zukünftigen Stoßseufzer aller Rezensenten, die sich über zwischen Buchdeckel gepresstes schlechtes Deutsch ärgern: »Hier wurde wieder mal ein Leser zum Autor gemacht.« Bock und Gärtner haben ausgedient; Koch und Kellner sind wieder in die Gastronomie zurückgekehrt. Leser und Autoren sind das neue, unheilvolle Gespann des gesellschaftlichen Disputes.

Dort der Leser – unfähig, auch nur ein Gran guter deutscher Sprache oder korrekter Rechtschreibung, derer sich ein Autor befleißigen könnte, zu goutieren; hier der Autor – gefangen im viel zu engen Korsett des mangelnden Sprach- und Wissenshorizonts des zukünftigen Lesers. Will der Autor auch nur den Hauch eines Erfolges haben, muss er sich auf die anzunehmenden sprachlichen Defizite seiner potenziellen Zielgruppe einlassen. Der Leser ist also schuld, dass der Autor seine Sprache – oder zumindest die korrekte Verwendung derselben – verloren hat.

Dunkle Wolken zeichnen sich am Horizont ab. Wenn Leser nicht mehr die geeignete Zielgruppe für ambitionierte Autoren sind, müssen diese zukünftig eben für andere Autoren schreiben; kein Autor darf dann aber noch lesen – weder ein fremdes noch ein eigenes Werk – weil er sich auf diese Weise als Teil der inkriminierten Zielgruppe zu erkennen gäbe. So leicht und so schnell wird man zur »persona non grata«, zu einem im unteren gesellschaftlichen Bereich angesiedelten unsozialisierbaren Wesen. Das sind fürwahr keine schönen Aussichten; aber das Leben wird eben nicht einfacher ...

Bleibt uns also das Fernsehen. Gut, dass wir es haben.

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BeitragVerfasst am: 31.07.2010, 11:47
Hallo Matthias,

sehr gut beobachtet und kommentiert thumb up

In einem Punkt muss ich dir allerdings widersprechen: Bist du dir wirklich sicher, dass alle Autoren lesen (können)? Für die Forumsteilnehmer würde ich da meine Hand nicht ins Feuer legen. Eher gehe ich da die Wette ein, dass mancher seit seiner lange zurückliegenden Schulzeit kein anderes Buch außer seinem eigenen mehr gelesen hat Twisted Evil

Beste Grüße

Heinz

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BeitragVerfasst am: 31.07.2010, 11:48
@ Matthias

Ich denke noch darüber nach, was aus deinen Sätzen spricht:
Sarkasmus, Zynismus oder schlicht die blanke Wahrheit.

Ist es nicht eher die Aufgabe und das Ziel eines Autors, seinen Lesern wenigstens ein Stückchen Wissen, Bildung, Rechtschreibung und Grammatik nahe zu bringen? Das funktioniert nicht, wenn man sich auf die sprachliche Ebene der breiten Masse begibt. Schlechtes Deutsch verdrängt die gute Ausdrucksweise so lange, bis die schlechten Formulierungen plötzlich die guten sind. Dann beginnt das Spiel von vorne, rückwärtsgewandte Evolution der Sprache. Crying or Very sad

Aber, wie du bereits so treffend sagtest: es bleibt das Fernsehen - in der Masse Bildungsschrott vom Feinsten. Mir kommen die Tränen.


@ Heinz

Die Wette würde ich nur eingehen, wenn mir zum Verlieren zumute wäre.

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BeitragVerfasst am: 31.07.2010, 11:53
Hallo Nicolas,

es ist (leider) die blanke Wahrheit. Mein Text bezieht sich auf einen in vollem Ernst in diesem Forum abgesonderten Satz – das Zitat ist echt. Ich versuche, nur mal weiterzudenken. Und da wird's dann sarkastisch ...

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BeitragVerfasst am: 31.07.2010, 11:58
Hallo Matthias,

ich kenne den Satz - er hat mir die Schuhe ausgezogen, im übertragenen Sinne.

Wenn die Einstellung der Satzschöpferin die Zukunft ist, dann wird es dunkel in der Literatenwelt.


Edit:
Ein wenig Humor muß auch sein. Gerade erhalte ich eine Promotionmail von amazon.
Titel: Kommasetzung von Ch. Stang aus der Duden-Reihe.
Zufälle gibts. Very Happy

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BeitragVerfasst am: 31.07.2010, 12:11
Hallo Nicolas,

mit ausgezogenen Schuhen barfuß durch die Hölle - ist das nicht ein hübsches Beispiel für einen unhübschen Satz, der inhaltlich der Realität sehr nahe kommt?

Ich frage mich nun allen Ernstes, ob Angelinas Hinweis bedeutet, dass sich "outdoormäßig" nur schreibunkundiger Pöbel herumtreibt (während die frischlufallergischen Sesselpuper hier einfach nicht kapieren, wie man schreiben muss, damit die breiten Massen ihre Werke auch lesen - können -)

So, jetzt geh ich outdoor, zünde mein Lagerfeuer an und ... winke ab!

Haifischfrau

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BeitragVerfasst am: 31.07.2010, 12:14
Haifischfrau hat Folgendes geschrieben:
mit ausgezogenen Schuhen barfuß durch die Hölle - ist das nicht ein hübsches Beispiel für einen unhübschen Satz, der inhaltlich der Realität sehr nahe kommt?

Ein ähnlich hübsches Konstrukt, diesmal aus der Feder eines Schlagertexters:

Dich erkenn ich mit verbund'nen Augen, ohne Licht und in der Dunkelheit.

Na bitte, geht doch ...

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BeitragVerfasst am: 31.07.2010, 13:18
Yeah Matthias, zu dieser Schnulze finde ich gleich die Melodie wieder,
und im konkreten Fall trifft dieser Satz natürlich zu Laughing

Haifischfrau

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BeitragVerfasst am: 31.07.2010, 13:32
Zitat:
»Unter 100 von meinen Lesern gibt es vermutlich nur 2 die perfekt in Wort und Schrift sind. Für die anderen muß ich es schreiben wie man spricht.«

Das ist entweder extrem überheblich, oder die ehrliche Einschätzung der angestrebten Zielgruppe.

Julia

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BeitragVerfasst am: 31.07.2010, 13:50
»Unter 100 von meinen Lesern gibt es vermutlich nur 2 die perfekt in Wort und Schrift sind. Für die anderen muss ich es schreiben wie man spricht.«

Danke für die Rücksichtnahme, aber nicht alle Leser sind so beschränkt wie die Zitatschöpferin annimmt.

Gruß Hanibal, selber einen (Leser) book

PS: Ob man mit dieser Einstellung die 17 Bücher (durchschnittliche Verkaufszahl über die an anderer Stelle hier im Forum gesprochen wurde) auch erreichen kann? Ich befürchte es fast. Twisted Evil
 
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BeitragVerfasst am: 31.07.2010, 14:23
Hanibal hat Folgendes geschrieben:

PS: Ob man mit dieser Einstellung die 17 Bücher (durchschnittliche Verkaufszahl über die an anderer Stelle hier im Forum gesprochen wurde) auch erreichen kann? Ich befürchte es fast. Twisted Evil


Wenn man in schlechten Deutsch über Sex schreibt, vielleicht schafft man es ja sogar auf die Bestsellerliste in Bod. Twisted Evil
 
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BeitragVerfasst am: 31.07.2010, 14:39
Ereschkigal hat Folgendes geschrieben:
Wenn man in schlechten Deutsch über Sex schreibt, vielleicht schafft man es ja sogar auf die Bestsellerliste in Bod. Twisted Evil

Lieber schlechtes Deutsch als schlechter Sex? Twisted Evil Twisted Evil Twisted Evil

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BeitragVerfasst am: 31.07.2010, 14:44
Matthias, verstehst du nicht???
Schlechtes Deutsch gleich guter Sex Twisted Evil

(Ausnahmen bestätigen die Regel, von den Orthographie- und Grammatikregeln mal abgesehen).


Haifischfrau

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BeitragVerfasst am: 31.07.2010, 21:07
Jetzt driftet es aber ab ... Smile

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BeitragVerfasst am: 31.07.2010, 22:15
Aha, wir geben uns Altklug Very Happy Wenn alles so eindeutig ist, frage ich mich weshalb es überhaupt zur Diskussion bezüglich "abgewinkt" und "abgewunken" kam?

smart smart smart thumb up

Der, dessen Buch frei ist von Fehlern, werfe den ersten Stein Wink
 
  Angelina 
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