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Hartmut - Prolog im Himmel (1)

BeitragVerfasst am: 06.07.2010, 16:24
Prolog im Himmel
Das Gipfeltreffen der Götter gipfelte auch diesmal wieder im Streit darum, welche Religion die begehrteste, glaubwürdigste und verbreitetste sei. Begleiterscheinung dieser Auseinandersetzungen waren weltweite Wetterkapriolen. Vulkanausbrüche, Sturmfluten, Taifune usw. versetzten die Menschen in Angst und Schrecken. Sie flehten den für ihren Glauben zuständigen Gott an, er möge das Unheil abwenden. Doch der erhörte sie nicht, da er Wichtigeres zu tun hatte.
Weil der himmlische Religionsstreit nicht selten in Handgreiflichkeiten ausartete, kam es auch jetzt wieder zu einem Handgemenge, in dessen Verlauf dem dicken Buddha beinahe ein Ohr abgerissen worden wäre. Der holte wütend zum Gegenschlag aus und hieb dem himmlischen Vater der Christenheit den Heiligenschein vom Haupt.
Hartmut reagierte blitzschnell und bekam den güldenen Haarreifen zu fassen, bevor er in der Tiefe verschwand.
Sein beherztes Zugreifen ließ die Streitenden innehalten, denn es erstaunte sie, einen Sterblichen hier zu sehen.
„Wer bist du?“ fragte ihn der Christengott und setzte sich den Heiligenschein über die dunkelbraunen Haare, die gefärbt waren, denn hie und da lugten graue Haarsträhnen hervor.
„Ich bin ein Organspender“, erwiderte Hartmut, „und eben erst hier oben eingetroffen.“
Mit dem Begriff Organspender wussten die heiligen Herren nichts anzufangen, und so erklärte ihnen der junge Mann, dass er das Ergebnis eines Motorradunfalls sei, der sich in aller Herrgottsfrühe ereignet habe.
„Du hast dich früh mit einem Motorrad dem Herrgott geopfert“, verdrehte der Christengott Hartmuts Aussage und war von dessen Opferbereitschaft beeindruckt. Seine Fehlinterpretation nutzte er, die anderen Götter glauben zu machen, der Mensch sei aus Hingabe zu ihm gegen einen Baum gefahren.
Nun konzentrierte sich das Interesse der himmlischen Hoheiten auf den Verunglückten und dessen Unverschämtheit, in den göttlichen Sperrkreis vorgedrungen zu sein. Erbost grummelten sie unanständige Worte. Wirsch waren sie aber deshalb, weil der Herrgott Hartmuts Unfalltod schamlos für sich in Anspruch nahm. Der theoretische Meinungsstreit bekam nun einen praktischen Akzent.
Weil Götter in punkto Religionsvorherrschaft sehr eigensinnig sind, wurde die unterbrochene Fehde fortgesetzt. Um den Eindringling als irdischen Beweis für Glaubensstärke zu gewinnen, ging das Gerangel nun um dessen Person. Man zog an ihm, man riss an ihm. Dass man ihm nicht die Haare ausriss, verhinderte der Sturzhelm, den er noch trug.
Der Kampf tobte so ungestüm, dass H. (so wird Hartmut im weiteren auch genannt sein) zwischen zwei Wolken rutschte und unweigerlich zur Erde geplumpst wäre, hätte Zeus ihn nicht mit seinen Teleskoparmen aufgefangen. Flugs drückte er ihn wie einen eigenen Sohn an die behaarte Brust und grollte mit tiefer Stimme: „Der gehört mir!“
Damit waren die anderen nicht einverstanden. Weil sie aber wussten, dass Zeus über beachtliche Kräfte verfügt, zogen sie sich hinter eine entfernt segelnde Wolke zurück, steckten die Köpfe zusammen und tuschelten miteinander.
Zeus wurde misstrauisch. Er flüsterte H. ins Ohr, er solle zwischen den Wolken in die Nähe der Heimtückischen schleichen und erkunden, was sie vorhaben. H. gab zu bedenken, dass er zwischen den Wolken zur Erde fallen werde.
Der Griechengott versicherte, dass H. nicht fallen werde. Er solle sich bedenkenlos den scheinheiligen Typen nähern. Er ließ H. von seiner Brust, und der fasste wieder sicheren Fuß.
Weil man auch im Himmel von irdischen Gewohnheiten nicht lassen kann, fragte Hartmut den Gott Zeus, welchen Lohn er für diesen Spitzeldienst empfangen werde. Zeus überlegte, wobei er in Hartmuts verformte Visage sah und meinte dann, dass er ihn nach erfolgreicher Mission zu einem hinreißend schönen Jüngling machen werde, der auf der Insel Kreta hübsche Touristinnen nach Lust und Laune schwängern dürfe.
Sollte H. aber erfolglos bleiben, werde er ihm die Hammelbeine lang ziehen. Er übersah, dass der Irdische nur noch über ein Bein verfügte. Das andere lag irgendwo da drunten in einem Straßengraben.
Da H. nicht daran zweifelte, dass Zeus seine Drohung wahrmachen werde, kroch er einbeinig los, getrieben vom Verlangen, auf Kreta hübsche Touristinnen zur Mutter zu machen. Während seines Erdendaseins hatte er nur einmal Gelegenheit, auf dieser griechischen Insel seinen Urlaub zu verbringen. An Touristinnen verging er sich nicht, da seine Freundin mitgereist war.
Vorsichtig schlängelte sich H. von Wolke zu Wolke und war erfreut, zwischen ihnen nicht nach unten zu fallen. Bei wolkenlosem Himmel wäre seine Annäherung bald entdeckt worden.
Hinter der Wolke, vor der die Götter tuschelten, verhielt H. und hielt den Atem an. Hier oben konnte er wieder atmen. Eine Fähigkeit, von der die meisten Menschen – vornehmlich die gottlosen – keine Ahnung haben.
Weil H. nicht hören konnte, was die Götter flüsterten, zog er sich an der Wolke hoch, um von oben her besser Ohr zu sein. Die Wolke war flauschig weich. Zu gern hätte er sich auf ihr ein bisschen ausgeruht, doch Zeus, zu dem er zurückblickte, trieb ihn mit heftiger Handbewegung zur Eile an.
Kaum hatte Hartmut seine Lauscher auf Empfang gestellt, fühlte er sich am Nacken gepackt und in die Wolke gedrückt.
„Was soll das?“ flüsterte H. aufgebracht und spuckte einige Wolkenfetzen aus, die ihm in den Mund geraten waren.
„Das wirst du gleich erfahren, Elender“, zürnte eine Stimme neben ihm.
Aus dem milchigen Wolkendunst schälte sich die Gestalt eines pausbackigen Jungen, der wissen wollte, was H. hier zu suchen habe.
In seiner Verwirrung glaubte H., in einem himmlischen Kindergarten zu sein. Weil er deshalb zu keiner Erwiderung fähig war, nahm der Junge erneut das Wort.
„Wer bist du? Woher kommst du?“ fragte er.
„Das werde ich dir nicht auf die Nase binden“, ließ ihn Hartmut wissen. Ich bin doch nicht doof und verrate einem Minderjährigen meine Abmachung mit Zeus, entschied er.
Der Pausbäckige hatte diese Gedanken wohl erraten, denn er klatschte mit einem Vogelflügel an Hartmuts Sturzhelm. Jetzt erkannte H. in dem Bengel einen Engel.
„Du solltest in der Wahl deiner Worte vorsichtiger sein“, rügte der Engel und klatschte auch mit dem anderen Flügel.
„Nun beantworte vernünftig beide Fragen“, verlangte er.
„Darauf kannst du lange warten“, schnob Hartmut, „mit einem Engel unterhalte ich mich nicht. Ich bin Atheist.“
„Auch das noch“, erregte sich der Geflügelte. „Deine Aussagen werden immer ketzerischer. Daran erkenne ich, dass du ein Mensch bist.“
„Tolle Erkenntnis. Und du bist sicherlich ein himmlischer Greifvogel“, frotzelte Hartmut.
„Wie kommst du zu dieser frechen Behauptung?“
„Weil du mich noch immer in die Wolke drückst.“
Der Engel löste seine Hand von Hartmuts Nacken.
„Du hättest eine härtere Strafe verdient“, rechtfertigte er sein Tun. „Sei froh, dass du an mich, den Schutzengel Stanislaus, geraten bist. Ein anderer hätte dir übler mitgespielt.“
„Wie ein Schutzengel hast du dich nicht verhalten“, meinte H., „als solcher hättest du meinen Motorradunfall verhindern müssen.“
Stanislaus lachte verhalten und sagte, dass Schutzengel einem Atheisten keinen Schutz gewähren. Für irdische Missgeschicke sei er auch nicht zuständig, da er der himmlischen Wach- und Schließ-gesellschaft angehöre. In dieser Eigenschaft sichere er das Göttergipfeltreffen.
„Der gleiche Schwachsinn wie bei uns“, verlieh H. dem Gespräch eine heitere Note.
„Schwachsinn?!“ brauste Stanislaus auf, und zwar so heftig, dass sich eine Feder aus seinem rechten Flügel löste. Das war jedoch das geringere Übel. Schlimmer war, dass die tuschelnden Götter aufmerksam wurden und ihre Blicke auf die Wolke richteten, aus der Stanislaus’ Flügelfeder schwebte.
„Wer da?!“ stieß der Christengott aus, und Buddha ergänzte: „Parole?!“
„Friede, Freude, Eierkuchen!“ antwortete Stanislaus stramm.
Gleich darauf flatterte er vor die Götter hin und meldete, dass er ein spionierendes Erdenwesen gefasst habe und weiter: „Sicherlich ein Spitzel, der im Auftrag Luzifers den Rat der Götter belauschen soll.“
Die Götter guckten verdattert. Assur, der mesopotamische Nationalgott, fand zuerst gefasste Worte.
„Wo befindet sich dieser Erdenwurm?“ fragte er zornig.
Stanislaus zeigte auf die Wolke, aus der Hartmut guckte.
Erleichterung bei den Göttern, da sie ihn an seinem Sturzhelm wiedererkannten.
„Was tust du hier?“ wollte Isis, die ägyptische Himmelsgöttin, wissen.
 
  Detlef Schumacher 
 
Anmeldedatum 01.09.2008
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Hartmut - Prolog im Himmel (1)
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