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Ich lasse durch ein Lektorat mein Werk nicht verbiegen!

BeitragVerfasst am: 29.11.2011, 12:00
Der Lektor - des Autors natürlicher Feind?

Liest man diverse Beiträge hier im Forum, könnte man meinen, dies sei eine grundlegende Wahrheit: Der Lektor ist der persönliche Feind eines jeden Autors. Ein Lektor ist grundsätzlich böse, will dem Autor - oder dessen Werk - ganz bewusst an die Karre fahren und alles »verschlimmbessern«. Ein Lektor ist nichts weiter als ein gescheiterter Schreiberling, der es selbst nie zu Veröffentlichungsehren gebracht hat und deshalb seinen Frust an anderen Autoren auslässt. Oder er ist nichts weiter als ein Büttel des Kommerzes, den Qualität nicht schert, sondern nur Verkaufbarkeit.

Was aber prüft ein Lektor denn nun wirklich? Wie bewertet ein Lektor einen Text? Hier eine kleine Aufstellung, was ein Lektor bei einem belletristischem Werk unter die Lupe nimmt:


Hat der Text bereits einen Titel?
Welchem Genre kann der Text zugeordnet werden?
An welche Zielgruppe richtet sich der Text?

Wurde ein interessantes Thema gewählt?
Hat das Thema Relevanz?
Ist das Thema getroffen?
Wurde es originell umgesetzt?
Gibt es zu viele Rückblenden?
Zu viele Nebenhandlungen?
Zu viele Figuren im Text?
Wurden die Namen der Figuren und das Setting der Handlung gut gewählt?

Überschrift
treffend, Interesse weckend, nicht zu viel vorwegnehmend?

Eröffnung
Zieht sie den Leser in die Geschichte hinein (guter Hook)?

Konflikt
Gibt es einen Protagonisten und einen Antagonisten? Sind beide glaubwürdig und etwa gleich stark? Oder gibt es einen emotionalen Konflikt im Inneren der Hauptfigur?

Ende
Wie wurde der Konflikt gelöst? Auflösung oder offenes Ende? Befriedigend? Schlüssig? Überraschend? Zum Weiterdenken anregend?

Plot (Handlungsablauf)
glaubwürdig, plausibel; innere Logik, keine Lücken oder Brüche?

Aufbau
Gibt es einen Spannungsbogen? Treiben die einzelnen Textabschnitte die Geschichte voran? Klare Struktur / Gliederung?

Nebenhandlungen
Sind sie der Geschichte dienlich? Wurden sie sinnvoll eingefügt?

Tempo
fesselnd; angemessen; keine Längen oder Durchhänger; zielgerichtet auf den Schluss zusteuernd?

Verständlichkeit
klarer Satzbau; ausführlich und genau genug; keine ungenauen Formulierungen?

Setting (Umfeld der Handlung)
Werden geschilderte Umgebung und erzählte Zeit lebendig?

Charakterisierung
Sind die Charaktere dreidimensional, plastisch, gebrochen oder flach und klischeehaft? Kann ich mir die Figuren vorstellen? Wirken sie lebendig? Glaubhaft? Sind ihre Motive nachvollziehbar? Sind sie auf irgendeine Art faszinierend? Beschränkung auf für die Handlung wichtige Merkmale? Oder wird über eine Figur zu viel erzählt und meine Fantasie eingeschränkt?

Dialoge
interessant, lebensnah, sinnvoll platziert (an entscheidenden Stellen), nicht zu lang? Hat jede Figur ihre individuelle Sprechweise? Passt der Sprachduktus zur jeweiligen Figur?

Perspektive
Wird die gewählte Perspektive durchgehalten – z.B. Kameraperspektive; auktorialer oder eingeschränkt auktorialer Erzähler; personale Perspektive aus der Sicht einer Figur?

Zeigen und Erzählen
Werden Sachverhalte gezeigt und nicht behauptet? Werden Adjektive, Adverbien und Partizipien sparsam eingesetzt? Entstehen Bilder vor dem inneren Auge des Lesers? Werden die Sinne angesprochen?

Entwicklung
Befindet sich der Protagonist am Ende des Textes räumlich, geistig oder emotional woanders?

Aussage
Hat der Autor etwas zu sagen? Welche Prämisse liegt zugrunde? Weist der Text über die eigentliche Handlung hinaus? Hat er eine Metaebene, über die sich nachzudenken lohnt?

Textformat
übersichtliche Gliederung, z.B. an Wendepunkten neue Abschnitte, in Dialogen bei jedem Sprecherwechsel eine neue Zeile?

Schreibstil
flüssig, gut lesbar, verständlich; abwechslungsreicher Satzbau; treffende Wortwahl; keine Wortwiederholungen; keine Klischees; keine unnötigen Füllwörter; Entsprechung von Inhalt und Sprache; sinnvoller Einsatz von Stilmitteln; originelle Bilder / Metaphern; Schaffung von Atmosphäre? Ggf.: Kreativer Umgang mit Sprache gelungen?

Grammatik, Rechtschreibung, Zeichensetzung fehlerfrei?

Ein Lektor wird mit dem Autor Rücksprache halten und die Punkte ansprechen, die ihm aufgefallen sind. Er wird viele Fragen stellen, ohne Antworten parat zu haben (über die sollte der Autor verfügen). Vor allem wird er aber den Finger auf die Stellen legen, wo es im Text knirscht. Vermutlich ist deshalb der Lektor Todfeind einiger Autoren hier - weil er Antworten verlangt und Arbeit bringt. Zumindest Letzteres scheuen viele Autoren, wenn sie unter ihren Roman das Wort »Ende« gschrieben haben. Das Schreiben eines Buches, einer einzelnen Szene ist nicht zwangsläufig ein einmaliger linearer Prozess, sondern iterative Arbeit. Manche Stellen im Roman müssen wieder und wieder überarbeitet werden, mit allen Folgen für andere Szenen davor und danach. Daher erscheint es nur allzu logisch, den Lektor als Feind zu sehen. Wer lässt sich schon gerne darauf hinweisen, dass der geniale Erstwurf eines Romanes allenfalls Mittelmaß ist und noch viel Arbeit erfordert?

Dies fasst der Autor dann im Satz zusammen, sich bzw. sein Werk nicht durch den Lektor verbiegen zu lassen. Es geht also um die Notwendigkeit zu leistender Arbeit. Deshalb: Tod dem Lektor! Twisted Evil

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Grüße
Siegfried

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BeitragVerfasst am: 29.11.2011, 12:07
Hallo Siegfried,

vielen Dank für die strukturierte Auflistung. Solche Zusammenfssungen kann ich sehr gut gebrauchen!

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lg
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BeitragVerfasst am: 29.11.2011, 12:29
Schöne Zusammenstellung.

Damit dürfte klar sein, daß so ein Lektorat viel Arbeit ist und dementsprechend auch ein paar Euros kostet.

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BeitragVerfasst am: 29.11.2011, 12:50
... und das »Lektorat« nichts mit »verbiegen« zu tun hat.

Danke Siegfried! thumb up

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LG - matthias

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BeitragVerfasst am: 29.11.2011, 13:45
Ich finde das Kriterium »Hat das Thema Relevanz?« schon problematisch. Wer soll denn das entscheiden? Wenn es danach geht, kommen nur populäre Themen als Buch raus und kritische Bücher werden beiseitegeschoben mit dem Verweis: Keine Relevanz!

Die Frage der Relevanz ist auch immer eine Ansichtssache, und Ansichtssachen sind keine objektiven Kriterien.

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BeitragVerfasst am: 29.11.2011, 13:46
Lektor sein heißt irgendwie auch Regisseur sein. Die Frage ist; wie gut ist der Lektor als Regisseur? Fassbinder würde ich an Hexenänneken nicht ranlassen, Fritz Umgelter sofort! Der dürfte auch alles verbiegen.
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BeitragVerfasst am: 29.11.2011, 14:24
Thomas Becks hat Folgendes geschrieben:
PS: Datt Änneken is fettich. *Schweißcry abwisch*


Hey! Glückwunsch, Thomas!!! thumb up
(Wie sieht das Cover denn jetzt aus?)

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BeitragVerfasst am: 29.11.2011, 14:25
@ Siegfried: Vielen Dank für diese Auflistung. - Auch wenn ich jedes Mal, wenn du so eine Liste postest und ich mich bemühe, sie auf meine Geschichte anzuwenden, feststelle, daß ich tatsächlich auf viele Fragen keine Antwort finde.
Die Zusammenarbeit mit einem Lektor stelle ich mir zumindest sehr spannend vor.

@ Thomas: Herzlichen Glückwunsch!

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BeitragVerfasst am: 29.11.2011, 14:34
Du sprichst mir aus der Seele, Siegfried. Nichts könnte wahrer sein.

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Seid gegrüßt,

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BeitragVerfasst am: 29.11.2011, 14:49
OT:
Danke Euch beiden, sobald die rotbraune Schrift bei Amazon (lieferbar in 500 Wochen) weg ist, stelle ich mein Baby vor.
Zurück zum Thema: Ja, die Liste ist brauchbar, Siegfried thumb up

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BeitragVerfasst am: 29.11.2011, 15:01
Richard Bercanay hat Folgendes geschrieben:
Ich finde das Kriterium »Hat das Thema Relevanz?« schon problematisch. Wer soll denn das entscheiden? Wenn es danach geht, kommen nur populäre Themen als Buch raus und kritische Bücher werden beiseitegeschoben mit dem Verweis: Keine Relevanz!

Die Frage der Relevanz ist auch immer eine Ansichtssache, und Ansichtssachen sind keine objektiven Kriterien.


Ich denke mal, dass der Lektor entscheiden muss, ob das Buch ins Verlagsprogramm passt und ob es sich gut verkaufen lässt. Für kritische Bücher gibt es vielleicht noch Kleinverlage, die bestimmte Nischen abdecken, aber auch dort wird man die Relevanz auf Verkaufszahlen legen. Kurz: Die Relevanz bestimmt der Verlag, der ja schliesslich auch in Vorschuss geht.

Hier noch ein Radiointerview mit dem Cheflektor des KiWi-Verlags: Klick mich sanft Es ist etwas lang, aber lohnenswert. Da kann jeder selbst entscheiden, wie unsympatisch und feindlich der Herr ist. Das Interview ist etwa mittig rechts wo "Beitrag hören" steht.

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BeitragVerfasst am: 29.11.2011, 15:06
@ Siegfried: Herzlichen Dank für deine Zusammenfassung. Auch diese ist, wie deine anderen, wieder sehr hilfreich. Ich werde sie mir wie gewohnt kopieren, damit ich sie stets zur Hand habe.

Inzwischen haben sechs meiner Arbeiten (drei Romane und drei Kurzgeschichten) den Lektoratsprozess durchlaufen. Zweifellos bin ich damit noch keine Expertin auf diesem Gebiet, aber ich kann sagen, dass ich das Lektorat begrüße und nicht gern ohne veröffentliche. Es gibt Sicherheit zu wissen, dass ein Experte den Text begutachtet und überarbeitet hat. Lektorat empfinde ich nicht als "Verbiegen", sondern als "letzten Schliff". Es ist in meinem Interesse, denn ich möchte eine optimale Lesbarkeit meiner Texte erreichen.

@ Thomas - jetzt bist du mir mit deinem Posting zuvorgekommen, ich wollte gerade fragen, wann die Buchvorstellung kommt. Bin schon sehr gespannt!
Jedenfalls gratuliere ich schonmal zur Geburt des literarischen Babys, du bist sicher ein ganz stolzer Vater - und die Geburtswehen haben sich ja nun eine gehörige Zeit hingezogen! thumb up

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BeitragVerfasst am: 29.11.2011, 15:56
Gratulation Thomas! Jetzt stehen dir entspannte Feiertage bevor!

haifischfrau

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BeitragVerfasst am: 29.11.2011, 16:44
Vielen Dank,
ich hab mal einen anderen Thread aufgemacht.
Sorry for OT.
redface

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BeitragVerfasst am: 29.11.2011, 18:28
Na, dann gebe Gott, dass ich mal an einen Lektor gerate, der diese Liste kennt. Bislang sind mir keine solchen begegnet.

Vielmehr hatten die beiden bisherigen Lektoren in allen Fällen etwas von "Ich schreibe das mal eben um" und "Wir nehmen das, obwohl es Schrott ist, wenn Du folgende Worte nutzt".

Insofern bin ich offen für Neues. Und weiterhin kritisch.

Schließlich scheint sich nicht jeder Schuster an seine Leisten zu halten.

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* Rezensionen von BoD-Büchern unter http://www.erbsenprinz.de
 
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