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Junger Wein

BeitragVerfasst am: 28.10.2008, 21:33
Titel: Junger Wein
Autor: Diverse

Verlag: Shaker Media
ISBN: ISBN 978-3-86858-122-5
Seiten: 200
Preis: 14,00 EUR

Klappentext:

In diesem Gedichtband wird, um mit dem bekannten Gleichnis zu sprechen, neuer Wein in gute alte Schläuche gegossen. Acht junge Leute zwischen 17 und 28 Jahren, verbunden durch die zeitlose Leidenschaft für Lyrik, haben sich über das Internet zusammengefunden und legen hier eine Auswahl aus Ihren Gedichten vor. Dabei sind es traditionelle, jahrhundertealte Formen wie Sonett und Strophenform, Ghasel, Distichon, Tanka u. a., welche die jungen Künstler mit Eindrücken aus ihrer Lebenswelt gefüllt haben. Die Themen, die sie bewegen, sind vielfältig: Großstadtleben und Umweltzerstörung, Technik und Medien, politisches Zeitgeschehen, psychische Erkrankungen und natürlich die zeitlosen Sujets Lebenssinn, Gewalt und Liebe. Auch die Musik, die der Lyrik in vielerlei Hinsicht nahesteht, kommt immer wieder zur Sprache. Schenken Sie sich ein Glas Wein ein, lehnen Sie sich bequem zurück und genießen Sie die abwechslungsreichen Bouquets heuriger Poesie - die für diesen Band ausgewählten Texte stammen mit vereinzelten Ausnahmen aus den Jahren 2007 und 2008.

Inhalt:

Um Euch einen Eindruck davon zu vermitteln, wie das Prinzip funktioniert, gebe ich Euch zwei Beispiele für moderne Gedanken in altehrwürdigen Formen. Es handelt sich um ein Strophengedicht und ein japanisches Tanka. Weitere Leseproben (auch mit Reimen!) befinden sich auf der Seite im Online-Katalog des Verlages.



gebraucht.wagen?

tausende!kilometer
hast du schon zurück-
gelegt; und rollst
und rollst.

mittelklasse–wertarbeit!
präzis konstruiert;
elektronik
noch gut.

schwer lenkbar,bremsen haben
immer gegriffen;
am auspuff-„rohr“
schon rost.

klare sicht durch neues glas;
leuchten nach jeder
seite:helle *
scheint es.

werkstatt war…oft zu teuer;
zum wagenwaschen
war auch (selten)
die Zeit.

der lack ist ab!zwei kratzer,
da!vom letzten zu-
sammenstoß wohl…
lack*stift!

wer wagt es?na?probefahrt?
du bist zu/haben –
wie wird „man“=dich
(bloß) los?



Öltanka


Flüssiges trägst du,
weniger dicht als Wasser,
über das Meer hin.

Taucht die Brücke darunter,
löscht schwarze Ladung Leben.


Außer den Gedichten gehört zum Inhalt des Buches auch ein umfangreicher Anhang mit interessanten Informationen zu den Texten und ihren Formen. Ich äußere mich weiter unten ausführlich dazu.


Zuletzt bearbeitet von Amator Artium am 28.10.2008, 23:11, insgesamt 2-mal bearbeitet

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BeitragVerfasst am: 28.10.2008, 22:36
Hallo,

ich äußere mich im Forum ja fast nie zu literarischen Texten, aber das sind zwei Gedichte, bei denen ich meinen Grrundsätzen (gerne) untreu werde.

Vor allem gebraucht.wagen spricht mich sehr an. Was mich an diesem Gedicht fasziniert, sind seine vielen Facetten, die sich erst bei wiederholtem Lesen erschließen. Kaum habe ich gedacht, jetzt die endgültige Interpretation gefunden zu haben, denke ich schon, dass es noch andere Möglichkeiten bietet.

Dagegen ist Öltanka eindimensional. Einmal gelesen und verstanden. Das Bild (oder sind es Bilder?) ist sehr ungewöhnlich gemalt, aber es verbirgt nichts, das es erst langsam zu entdecken gilt.

Was allerdings beides zum Gedicht macht? Okay, das verraten die Begleittexte, die es zusätzlich lohnen, den Band zu lesen.

Beste Grüße,

Heinz.

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BeitragVerfasst am: 28.10.2008, 23:08
Guten Abend, Heinz!

Na, wir hatten ja schon am Telephon kurz über moderne und konventionelle Dichtung gesprochen. Ich freue mich, wenn aus "gebraucht.wagen?" ein genießbares Exemplar zeitgenössischer Dichtung geworden ist.

Wie die Leseproben auf der Verlagshomepage zeigen, gibt es aber auch zahlreiche Gedichte mit Metrum und Reim, darunter viele Strophenformen und Sonette. Es ist also für jeden Geschmack etwas dabei.

Weitere Rückmeldungen auch zu den Texten sind ausdrücklich erwünscht!


Herzliche Grüße,
Sigmar



P.S.

Deine Anmerkungen zu dem Tanka erinnern mich daran, hier auch den zweiten Teil des Buches hervorzuheben, nämlich den

Kommentar

Jedem der 42 Gedichte ist ein Kommentar von 1-3 Seiten Umfang beigefügt, in dem die verwendeten Formen, die dichterischen Gestaltungsmittel und die inhaltlichen Hintergründe und Andeutungen erläutert sind. Auf diese Weise hoffen wir, auch solchen Lesern einen Zugang zu den Texten zu ermöglichen, die nicht Literaturwissenschaft studiert oder sich in sonstiger Weise jahrelang mit Lyrik beschäftigt haben.
Im Gegenteil kann dieser Kommentar sogar eine Einführung für Gedichtemuffel sein, die eine breite Basis an Kenntnissen vermittelt und an den Beispielen der Anthologie anschaulich macht.

Ich ergänze deswegen die Leseprobe durch meine Einführung in das Kapitel mit japanischen Formen sowie den Artikel, den unsere Mitstreiterin Claudia zu "Öltanka" geschrieben hat


Tanka und Senryū

Seit Jahrzehnten erfreuen sich die alten Formen japanischer Kurzlyrik in europäischen Sprachgemeinschaften großer Beliebtheit. Kurzgedicht heißt auf japanisch Tanka, und dies ist auch der Name der primären Form in dieser mindestens 1.300 Jahre alten Tradition. Sie baut auf dem silbenzählenden Prinzip auf: In einem (deutschsprachigen) Tanka werden 31 Silben nach einem festgelegten Schema angeordnet (in japanischer Dichtung sind es 31 Moren, eine anders definierte Lauteinheit, was zu erläutern hier jedoch zu weit führen würde), und zwar in fünf Versen zu 5-7-5-7-7 Silben. Die ersten drei Verse bilden die S. 1 (den Oberstollen), die letzten beiden die S. 2 (Unterstollen). Meist ist S. 1 rein beschreibend, in S. 2 werden neue Blickwinkel auf den Gegenstand eröffnet. Reime und Wortwiederholungen sind konventionsgemäß zu vermeiden.

Im Laufe der weiteren Entwicklung verselbständigte sich der Oberstollen des Tanka zu einer eigenen Form, die heute wohl die bekannteste Ausprägung japanischer Kurzdichtung darstellt: das Haiku. Er beschränkt sich auf die drei Verse mit 5-7-5 Silben. Zwischen dem zweiten und dem dritten Vers soll eine Zäsur eintreten, z. B. durch ein Komma oder das Ende eines Teilsatzes.

Ein echtes Haiku hat ausschließlich eine Naturbeobachtung mit Jahreszeitenbezug zum Inhalt. Kommen menschliche oder emotionale Elemente vor, so handelt es sich um ein Senryū. Dieses hat im Übrigen die gleiche Form wie ein Haiku.

S. E.


Öltanka

Japanische Kurzformen bestechen durch ihre inhaltlich relativ einfache Struktur; sie setzen nicht auf verschlüsselte Metaphern, sondern auf Betrachtungen, die sich dem Leser leicht erschließen und dann nachhallen sollen. So verhält es sich auch bei diesem Tanka, dessen Hauptaussage schon auf den ersten Blick erkennbar ist: Sinkt ein Öltanker, zieht das meist katastrophale Folgen nach sich. Da die Aussage unmissverständlich hervortritt, steht weniger die Frage im Vordergrund, was, sondern vielmehr, auf welche Weise dem Leser diese vermittelt wird.

Im ersten Vers fällt sofort auf, dass jemand oder etwas direkt angesprochen wird. Dass es sich hierbei um einen Öltanker handelt, wird durch den Titel des Gedichts erklärt. Flüssiges, nämlich Öl, befindet sich im Inneren des Tankers, der damit über das Meer fährt (V. 3). Besonders interessant dabei ist der Inhalt des zweiten Verses, da er sich sowohl auf „Flüssiges“, als auch auf „du“, also den Tanker, beziehen lässt. Öl hat eine geringere Dichte als Wasser, besagt die eine Lesart. Die andere deutet die Katastrophe schon an: Der Tanker ist auch nicht absolut „dicht“, er kann auslaufen. Der Oberstollen ist also ausdrücklich nur eine Beschreibung der Aufgabe eines Öltankers. Zwischen den Zeilen enthält er aber auch schon Andeutungen, die im zweiten Stollen konkretisiert werden.

In den Versen vier und fünf wird eine Wenn-dann-Beziehung aufgebaut. Wenn der Tanker untergeht, wenn er also wirklich „weniger dicht“ war, tritt die Katastrophe mit tödlichen Folgen ein. Auffallend ist, dass der zweite Stollen nicht nur inhaltlich die Bedrohung genauer schildert, sondern sich auch die Form mit dem Inhalt deckt: So wie der untere Stollen sozusagen unter den oberen taucht, geht die Brücke des Schiffes im Meer unter. Dem entspricht im Detail die antithetische Verwendung von „über“ (V. 3) und „darunter“ (V. 4). Eine kleine Ironie liegt in der Verwendung des Wortes „Brücke“ für die erhöht liegende Kommandozentrale des Schiffes; eine Brücke im allgemeinsprachlichen Sinne des Wortes ist nämlich dazu gedacht, über ein Gewässer hinwegzuführen und nicht darin einzutauchen.

Es erweist sich auch, dass das in den ersten drei Versen dominante Wortfeld „Wasser“ (Flüssiges, Wasser, Meer) in den letzten beiden nicht mehr aufgegriffen wird. Unter Wasser fällt das Meer nicht mehr ins Auge, sondern das auslaufende Öl. Beinahe sarkastisch ist in diesem Zusammenhang die Wortwahl des letzten Verses, denn Löschen bedeutet in der Seemannssprache das reguläre Entladen des Schiffes im Hafen. Auch ist es sprachlich paradox, dass ein Brennstoff wie Öl etwas löscht.
Ölkatastrophen sind vom Menschen verschuldet, weil ein Öltanker nie ganz sicher sein kann. Doch in diesem Gedicht findet sich keine Anklage gegen die Menschen. Vielmehr wird der Tanker selbst angesprochen, und sogar dies verliert sich in den folgenden Versen, in denen die Katastrophe beschrieben wird.

Die Sprache ist insgesamt eher unpersönlich und sachlich. Es wird nicht klischeehaft mit erschreckenden Bildern gearbeitet, man liest nichts von sterbenden Fischen und ölverklebten Vögeln, sondern allgemein von ausgelöschtem Leben. Daran zeigt sich, wie schwer es für einen Einzelnen ist, in Umstände einzugreifen, die von mächtigen Wirtschaftsinteressen bestimmt werden (die „schwarze Ladung“ ist das ‚schwarze Gold’). Auch deutet das Allgemeine auf die Globalität des Problems hin, die in konkreten Bildern kaum zu erfassen ist.

C. H.

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BeitragVerfasst am: 14.12.2008, 13:53
Hallo,

gestern ist der Junge Wein gekommen und ich bin begeistert.

Abgesehen davon, dass mir die meisten Gedichte wirklich gefallen, lohnt sich der Band auch besonders wegen seiner guten Erklärungen. Ich denke, dass der Band deshalb auch für Leser interessant ist, die bislang nur wenig mit Gedichten anfangen können.

Jedenfalls wünsche ich dem Jungen Wein viel Erfolg.

Beste Grüße,

Heinz.

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BeitragVerfasst am: 14.12.2008, 15:11
Ich kann mich Heinz nur anschließen!
Auch halte den "jungen Wein" in Händen und habe bereits gekostet. Nicht alles ist ganz mein Geschmack, aber gerade diese Facettenhaftigkeit und wirklich - die Erklärungen - machen das Buch zu einem Genuss für Lyrikfreunde! Viel Erfolg wünscht,

Barbara

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BeitragVerfasst am: 15.12.2008, 15:49
Liebe Leute,

vielen Dank für Eure ermutigenden Worte.

Ja, wir haben bewußt darauf geachtet, möglichst viele verschiedene Stile in dem Buch zu vereinen, getreu dem Goethe-Wort "Wer vieles bringt, wird allen etwas bringen". Nur aus diesem Grund habe ich auch hauptsächlich modernistische Experimente von mir beigetragen, weil da noch eine gewisse Lücke klaffte. Ansonsten schreibe ich ja auch mehr auf Schönheit. Gleichviel: Jeder wird in diesem Band etwas für sich entdecken können, aber das bringt es unweigerlich mit sich, daß jedem auch irgendetwas weniger sagt. Vielleicht helfen die Kommentare dabei, einen Zugang zu Ungewohntem zu finden.

Falls übrigens jemand einen Tippfehler o.a. findet: bitte nicht behalten, sondern mir per PN mitteilen. Ich sammle soetwas, und irgendwann machen wir dann eine "zweite korrigierte Auflage"... cheezy grin


Herzliche Grüße,
Sigmar

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