Kreuzstiche
Der Sekundenzeiger der großen Wanduhr gab ein klickendes Geräusch von sich, als er ein weiteres Stückchen in Richtung der Zehn wanderte. Der penetrante Laut schien in dem Flur wider zu hallen. Sie konnte ihn förmlich sehen, wie er sich in Form von Schallwellen über den nach Desinfektionsmittel riechenden Boden wälzte. Ähnlich den Bewegungen eines Rochens am Meeresgrund, dachte sie und scharrte mit den Füßen auf dem knisternden Papier, bevor sie abermals auf die Uhr starrte.
Nun wartete sie bereits seit über zwanzig Minuten. Und sie begann sich zu langweilen. Den Blick von der Uhr abwendend wandte sie sich nun den Kacheln zu, mit denen die Wände des Raumes bedeckt waren.
Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn, elf, zwölf, dreizehn, vierzehn, fünfzehn, sechzehn, siebzehn, achtzehn, neunzehn, zwanzig, einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig… Dann konnte sie nicht mehr sehen, wie es weiterging. Selbst durch Verdrehen des speckigen, kurzen Halses erweiterte sich ihr momentanes Sichtfeld kaum. Die Lehne der Liege war im Weg. Und Aufstehen war keine Option.
„War der Herr Doktor noch immer nicht bei Ihnen?“, riss sie eine Stimme aus ihren Bemühungen. Der trillernde Sopran gehörte zu einer kleinen Krankenschwester mit knallrot gefärbten Haaren an deren linkem Nasenflügel sich ein filigraner Silberring schmiegte.
„Nein.“
„Ich werde ihm nochmal Bescheid sagen.“ Dann war sie auch schon wieder verschwunden. In diesem Gang, der von Kabinen gesäumt war und über dessen Boden eine Uhr ihr Klagen schickte.
Irgendwo von dort kamen aufgeregte Worte. Teilweise in einer anderen Sprache. Doch einige Begriffe waren Verständlich. CT. Schädeltrauma. Doppelsehen.
Wahrscheinlich hatte es eine körperliche Auseinandersetzung gegeben. Zwei Betrunkene, die am Wochenende vor oder in einer Kneipe aufeinander treffen. Ein Wort gibt das andere, und schon konnte man das Geräusch splitternder Knochen hören.
Sie ließ sich wieder zurück sinken. Das ging sie nichts an.
Aufgrund der unbequemen Position, die sie bereits seit fast einer Stunde einhalten musste, tat ihr die Schulter weh. Behutsam bewegte sie sich, woraufhin es verhalten in ihren Gelenken knackte. Aber der leichte Schmerz ließ nicht nach.
Sie seufzte.
Dann Schritte auf dem Gang. Schlurfend, gemächlich, beinahe apathisch. Und ein junger Arzt bog um die Ecke. Er sah müde aus. Und missbilligend. Wahrscheinlich wäre es ihm lieber gewesen, wenn er keine Patienten und stattdessen etwas Zeit zum schlafen gehabt hätte.
Ohne sie als Person zu beachten lüftete er die Kompresse, die die Innenseite ihres ausgestreckten Unterarms bedeckte, der auf einem kleinen Metalltisch aufgestützt war und sah sich die Ursache ihres Kommens an.
„Geschah es in suizidaler Absicht?“, fragte er ohne auch nur einen Hauch von Emotionen in der Stimme.
„Nein.“, antwortete sie an die Decke starrend, während er bereits Handschuhe überstreifte und die präparierte Spritze aufzog.
„Haben Sie irgendwas genommen?“ Der dünne Latex schnalzte aufdringlich.
„Nur ein Ibuprofen.“, antwortete sie ruhig.
„Das wird genäht werden müssen.“
„Schon okay.“ Ein Zucken durch fuhr ihren Körper als die dünne Nadel der Spritze unvermutet zum ersten Mal in ihre Haut drang um die betäubende Flüssigkeit im Gewebe zu verteilen. Noch zwei Mal wurde die Prozedur wiederholt, dann massierte der Mediziner die Einstichstellen.
„Das muss jetzt kurz einwirken“, erklärte er ihr. Sie nickte nur. „Sie haben da ja schon eine recht beeindruckende Narbenmatte.“ Er deutete mit einer vagen Bewegung in Richtung ihres Armes. Es wirkte beinahe ungeschickt. Als hätte er das Gefühl irgendetwas sagen zu müssen. Um wach zu bleiben. Um ihr die Angst zu nehmen. Um einfach nicht Nichts zu sagen.
„Ich weiß…“
Die rothaarige Schwester kam herein und stellte eine Schale mit sterilem Besteck und Verbandsmaterial auf einen zweiten Rolltisch. Die junge Patientin konnte Klammern, Pinzetten, Scheren und sehr viele eingepackte Gegenstände erkennen.
Ein weiteres Mal drückte der Arzt auf die nun angeschwollenen Stellen.
„Spüren Sie noch etwas?“
„Nein.“
„Sehr gut.“ Indem er sich mit seinem Fuß an einem Rollbein einhängte, zog er den Hocker, zu sich heran, nahm Platz und griff in die Schale um ein kleines Päckchen hervor zu ziehen. Als er es auspackte konnte seine Patientin sehen, dass es sich um eine halbmondförmige Nadel handelte, an der bereits ein synthetischer Faden befestigt war. „Es könnte ein klein wenig ziepen.“
„Schon okay.“, lautete ihre gemurmelte Antwort. „Aber warten Sie kurz.“
Sie rollte sich so elegant wie es möglich war und ohne den Arm zu bewegen auf die Seite, so dass ihre Hüfte sich, in einem weichen Bogen, wie eine Düne, gen Himmel reckte und sie ihre Augen auf die Hände des Nachtarztes richten konnte.
Er hob skeptisch eine Augenbraue, als er bemerkte, dass er beobachtet wurde und sah sie an. Als sie kaum reagierte und er sich sicher sein konnte, dass sie ihm weder ohnmächtig werden, noch ihn stören würde, wies er die noch anwesende Krankenschwester mit einem Kopfnicken an, ein Tuch über die ausgestreckte Extremität zu legen, das nur die verletzte Stelle offen ließ.
Dann berührte die Nadel zum ersten Mal die Haut. Langsam drang sie ein, bis die glitzernde Spitze in der Mitte des Schnittes wieder auftauchte, ähnlich eines Meeresbewohners, der beim Springen die Wellen durchteilt.
Die junge Patientin beobachtete alles aufmerksam. Aufgrund der örtlichen Betäubung spürte Sie keine Schmerzen. Ein kleiner Teil von ihr vergaß sogar, dass es sich um ihren Arm handelte. Die sonnen verschmähte Haut hob und senkte sich, passte sich an den Druck und Zug des Fadens an, der bereits ein paar Millimeter weiter gewandert war. Wie zwei Filets wurden die beiden Ufer des Schnittes zusammengefügt, aneinander gepresst durch die Zugkraft des medizinischen Garns. Zwischen den verbundenen Hälften klafften kleine Krater, sofern sich das Gewebe nicht überlappte.
„Wie lange machen Sie das schon?“, fragte der Arzt ohne seine Arbeit zu unterbrechen.
„Ein paar Jahre.“
„Sind Sie in Therapie?“
„Seit einem Jahr nicht mehr.“
„Warum?“ warf die Krankenschwester ein, die in den letzten Minuten neben der Liege gestanden und ebenfalls zugeschaut hatte. Anders als die junge Patientin mit beruflichen nicht mit privatem Interesse.
„Es ging nicht mehr weiter. Irgendwann kommt man an den Punkt, an dem man nicht mehr weiter kommt. Nicht in diesem Moment.“
Der Arzt nickte wissend. Doch sie war sich sicher, dass er nicht wirklich verstand wovon sie redete. Anders als die Schwester, welche nur sanft lächelte. Mit diesem Gesichtsausdruck erinnerte sie an ein Madonnengemälde. Ganz ruhig und irgendwie von innen leuchtend.
Die Haut um den Schnitt war noch weiter angeschwollen und es hatten sich kleine Hämatome gebildet, die an dunkelblaue Sommersprossen erinnerten. Am nächsten Tag würden sie gut doppelt so groß sein. Und am Tag darauf noch einmal größer. So lange, bis der gesamte Unterarm in grün, violett und einem seltsam senfgelben Ton leuchten würde.
Ihr Blick war noch immer auf die behandschuhten Hände des Arztes gerichtet, als die junge Frau zu lächeln begann. Es war nicht nötig gewesen hierher zu kommen. Die Wunde hatte genäht werden müssen. Natürlich. Sie hatte geklafft und geblutet. Doch es war kein Gefäß verletzt worden. Ein Druckverband wäre ausreichend gewesen.
Doch sie hatte sich einsam gefühlt.
So furchtbar einsam.
Und überfordert.
Alles was sie wollte, war etwas Aufmerksamkeit. Menschen die sich um SIE kümmerten. Ohne, dass sie etwas dafür tun musste. Endlich mal keine Mutter sein. Sich nicht um alles und jeden sorgen und auf die Bedürfnisse ihres Umfeldes achten müssen. Einfach nur daliegen. Entspannen. Beachtet werden.
„Gibt es etwas Bestimmtes, über das Sie sich amüsieren?“, nuschelte der Arzt, abgelenkt durch seine Arbeit.
„Nein.“, Entgegnete die Patientin ohne das Lächeln von ihren Lippen zu zwingen, „Mir geht es einfach gut.“
Fin |
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Menschenfresser |
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| Anmeldedatum | 29.08.2008 | | Beiträge | 58 | |
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