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Kurze Anmerkung zur zeitgenössischen Lyrik

BeitragVerfasst am: 28.10.2010, 22:43
Anke Höhl-Kayser schrieb:
Zitat:
Ich zitiere mein Lyrikhandbuch:

"Durch den völligen Verzicht auf die Regeln der Metrik nähert sich der freie Vers der Prosa an."



Das ist ein Grundproblem aller modernen, zeitgenössischen Lyrik.
Durch weitgehenden Verzicht auf Reim und Metrik bleiben nur noch Metaphorik, Zeilensprung sowie "Sprachdichte" als wesentliche Stilmerkmale übrig.

Daher nähert sich die zeitgenössische Lyrik eigentlich immer mehr einer früheren Spezialform, nämlich dem Prosagedicht an, weshalb manche Lyriker zur deutlicheren Unterscheidung doch wieder auf Reim und Metrik als Mittel zurückgreifen. Diesen
Rückgriff auf Reim und Metrik halte ich allerdings für überholt, gerade auch weil
die visuelle Poesie (z.B. in "Fisches Nachtgesang" und "Die Trichter" von Christian Morgenstern) diese als satirisches Mittel einsetzt, so dass ein steter Reim, häufig
nur noch mit einer besonders humorigen Aussage assoziiert wird (z.B. bei dem "Volksdichter" Wilhelm Busch). Gewollte, also nicht gekonnte, Reime, geraten so schnell zu Formen des unfreiwilligen Humors.

Ganz besonders stark sieht man die durchaus zeitgenössische Tendenz zum Prosagedicht im Werk von Erich Fried, aber auch bei Hans-Magnus Enzensberger
sowie last but not least auch bei Günter Bruno Fuchs.

Auch ich selbst neige zum freien Vers, mithin also zum Prosagedicht.

Dennoch greife ich gelegentlich - wenn es inhaltlich passt - auch zu
versteckten - also indirekten - Reimformen und auch zu Verswiederholungen,
um das lyrisch ausgesagte besser zur Geltung zu bringen.

Dennoch teile ich insgesamt die Auffassung, dass sich in der Postmoderne
die Lyrik der Prosa teilweise annähern muss, um weiterhin ein adäquates - also verstandenes - Mittel des literarischen Ausdrucks, sein zu können.

Beste Grüße

MichaelHA

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  MichaelHA 
 
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Ein Beispiel für die Zeilenwiederholung:

BeitragVerfasst am: 29.10.2010, 08:52
Als ein Beispiel für die Zeilenwiederholung:

Rondel

Wolke auf Wolke entschwebt
nächtens, Alles und Nichts
zugleich, doch traumtänzerisch
spiele ich Räuber und Gendarm.

Wolke auf Wolke entschwebt
ins Zwischenreich, da wo
Tag und Nacht sich mischen,
wohl wissend: Es geht voran.

Wolke auf Wolke entschwebt:
verloren, gefunden, wieder verloren,
schnell wie der Tag
und hurtig wie die hastige Nacht.

(Michael Heinen-Anders)

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Als ein Beispiel für den versteckten Reim:

BeitragVerfasst am: 29.10.2010, 09:29
Als ein Beispiel für den versteckten Reim:

KÖLN IM TAUBENDRECK

Wohin man sich
auch wendet
etwa in Richtung
Dom
erleichtert sich
die Taube
der Tourist
filmt es mit Zoom.

(Michael Heinen-Anders)

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Re: Kurze Anmerkung zur zeitgenössischen Lyrik

BeitragVerfasst am: 29.10.2010, 11:35
MichaelHA hat Folgendes geschrieben:
Dennoch teile ich insgesamt die Auffassung, dass sich in der Postmoderne die Lyrik der Prosa teilweise annähern muss, um weiterhin ein adäquates - also verstandenes - Mittel des literarischen Ausdrucks, sein zu können.
Das ist das Problem - dem Betrachter stellt sich diese Art der Lyrik allzu oft als "Prosa mit willkürlicher Zeilenschaltung" dar.

Deshalb fasse ich für mich zusammen:
Gute Lyrik ist, wenn es funktioniert. Wink

_________________
LG, Valerie

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  Valerie J. Long 
 
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Re: Kurze Anmerkung zur zeitgenössischen Lyrik

BeitragVerfasst am: 29.10.2010, 12:53
Valerie J. Long hat Folgendes geschrieben:
Das ist das Problem - dem Betrachter stellt sich diese Art der Lyrik allzu oft als "Prosa mit willkürlicher Zeilenschaltung" dar.

Deshalb fasse ich für mich zusammen:
Gute Lyrik ist, wenn es funktioniert. Wink


Die kleinen Jungen waren
die ersten, die zum Richtplatz kamen.
Es war noch dunkel, als
sie aus ihren Verschlägen
schlüpften.

Lautlos wie Katzen
huschten sie
in ihren Filzstiefeln
über den jungfräulichen Schnee,
der sich
wie Linnen
über die kleine Stadt
gebreitet hatte,
und entweihten
ihn mit ihren Schritten.


Ein Gedicht? Lyrik?

Nein ... die ersten drei Sätze aus Ken Folletts Roman "Die Säulen der Erde" - nur mit anderer Zeilenschaltung.

Es ist eben alles - Ansichtssache. cheezy grin

Grüße
Siegfried

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Grüße
Siegfried

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...

BeitragVerfasst am: 29.10.2010, 13:16
Siegfried zitierte:
Zitat:
Die kleinen Jungen waren
die ersten, die zum Richtplatz kamen.
Es war noch dunkel, als
sie aus ihren Verschlägen
schlüpften. (...)


Der Beginn des Textes ist prosatypisch. Alleine daran läßt sich
feststellen, dass dieser Text Ken Follet's weder von der Intention her
noch erkenntnispraktisch als Gedicht anzusehen ist...

Beste Grüße

MichaelHA

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Re: Kurze Anmerkung zur zeitgenössischen Lyrik

BeitragVerfasst am: 29.10.2010, 13:36
Hallo Siegfried,

Siegfried hat Folgendes geschrieben:

Nein ... die ersten drei Sätze aus Ken Folletts Roman "Die Säulen der Erde" - nur mit anderer Zeilenschaltung.

Es ist eben alles - Ansichtssache.


das hättest du erst später auflösen sollen! Dann hätten hier sicherlich einige den von dir eingestellten Text als moderne Lyrik verstanden. Wink

Gruß, David.

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BeitragVerfasst am: 29.10.2010, 13:56
richtplatz

ins dunkel noch
schlüpfen die jungen.
wie katzen
huschen ihre stiefel,
entweihen
den schnee.


---


siehe auch diesen Beitrag von leselust
http://www.nexusboard.net/showthread.php?siteid=3961&threadid=300717
 
  holz 
Gast 
 
 
   
   

...

BeitragVerfasst am: 29.10.2010, 14:41
Valerie J. Long schrieb:
Zitat:
Gute Lyrik ist, wenn es funktioniert.


In gewisser Weise ist das schon richtig. Nur - wie so oft - liegt auch bei der zeitgenössischen Lyrik der Fehler-Teufel im Detail...

Beste Grüße

MichaelHA

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Lyrik oder Prosa?

BeitragVerfasst am: 29.10.2010, 15:11
Zitat:

...

Schlafen.
Im Bett
zwischen
den
ewig gleichen Wänden.

Aufwachen!
Was?
Schon so spät?
Dann Beeilung!
Das Gummibrötchen
mit der
nach Chemie
schmeckenden
Konfitüre
hinunterwürgen.

Ein neuer Tag
steht vor der Tür
und
gleich darauf
an der Haltestelle.




Lyrik oder Prosa???


Beste Grüße

MichaelHA

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Re: Lyrik oder Prosa?

BeitragVerfasst am: 29.10.2010, 15:57
MichaelHA hat Folgendes geschrieben:
Lyrik oder Prosa???
Auf jeden Fall willkürliche Zeilenschaltung. Und bei mir funktioniert es nicht. cool

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Zufallsgenerator

BeitragVerfasst am: 29.10.2010, 17:09
Valerie J. Long schrieb:
Zitat:
Auf jeden Fall willkürliche Zeilenschaltung. Und bei mir funktioniert es nicht.


Vielleicht hilft Dir ein Zufallsgenerator? cool


Beste Grüße

MichaelHA


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...

BeitragVerfasst am: 17.07.2011, 21:38
Aus gegebenem Anlass - hier die Wiederbelebung dieses Threads.

@Siegfried: Hier kannst Du nachlesen, was Du offenbar zum Thema suchst.


Beste Grüße book

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...

BeitragVerfasst am: 17.07.2011, 21:53
Ergänzend noch der Hinweis auf zwei youtube-Videos:

www.youtube.com/watch?v=U8t2ZsnCC-U

www.youtube.com/watch?v=s2eWq61qYmU

Beste Grüße

MichaelHA

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...

BeitragVerfasst am: 17.07.2011, 22:50
Zitat:

Einige kurze Bemerkungen zur zeitgenössischen Lyrik

Ich zitiere ein Lyrikhandbuch:
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den Reim) nähert sich der freie Vers der Prosa an."

Das ist ein Grundproblem aller modernen, zeitgenössischen Lyrik.
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bringen.

Dennoch teile ich insgesamt die Auffassung, dass sich in der
Postmoderne die Lyrik der Prosa teilweise annähern muss, um
weiterhin ein adäquates - also verstandenes - Mittel des literarischen
Ausdrucks, sein zu können.


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