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Leseprobe

BeitragVerfasst am: 01.09.2010, 02:59
Hallo zusammen,

bin neu hier und würde mich über konstruktive Kritik freuen. Ich komme gleich zur Sache:

Ich bin da gerade an etwas dran. Die Story soll Romanformat erhalten, ist aber noch lange nicht fertig: Es geht um mehrere Schülerinnen und Schüler verschiedener Jahrgangsstufen, deren Alltagserlebnisse ich per Montagetechnik miteinander verbinde. Es gibt also keinen einzelnen Protagonisten oder so. In klar voneinander getrennten Sequenzen wechseln die Perspektiven von Person zu Person. Falls jemand von euch „Tauben im Gras“ von Wolfgang Koeppen kennt, weiß der- oder diejenige, was ich damit meine.

Dabei gibt es bei mir einige Besonderheiten. Zum einen gibt es einen allwissenden Erzähler, der bei jeder Sequenz auftritt. Trotzdem treten auch die einzelnen Personen zwischendurch immer wieder als Erzähler auf. Ihre Gedanken sind durch ‚einfache Anführungszeichen‘ gekennzeichnet.
Zum andern gibt es hin und wieder collage-artige Einwürfe, die durch kursivschrift gekennzeichnet sind. Es handelt sich hierbei um alles Sprachliche, was die entsprechende Person sehen oder hören kann - Werbeplakate, Aufschriften, Radio-/Zeitungsmeldungen etc., insgesamt also Zitate und sowas, was nicht von mir stammt.
Was selten vorkommt: Hintergrundgespräche, die nichts mit der Handlung zu tun haben, aber von den agierenden Personen unterbewusst/unweigerlich mitgehört werden - auch ne Art von Collage. Sie sind klein geschrieben.

Also mich interessiert, was ihr so zum Stil, der Konzeption und so weiter sagt, auch weil ich neben den genannten Techniken passagenweise sehr informations-komprimiert schreibe - wobei sich manchmal die Sequenzen in ihrer Stilistik je nach Person ziemlich unterscheiden.
(Achja: Wenn jemand irgendeinen Werk kennt, was meinem Stil sehr ähnelt, würde mich das sehr interessieren. Ich kenne nämlich nur sehr wenig in der Art.)

Ich bin dankbar für jede Antwort.

LG
Thomas

(Die Leseprobe befindet sich im Anhang als pdf und zeigt Ausschnitte aus einigen Sequenzen)
 
  Thomas20 
 
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BeitragVerfasst am: 01.09.2010, 05:32
Interessant anders.

Es ist sehr anstrengend zu lesen. Sehr viel Hirnarbeit während des Lesens könnte manche Leser dazu verführen, das Buch einfach zu zuklappen.

Für mich ist es zu wild, zu durcheinander, ohne deutlichen Faden. Dieser ist zwar in der Leseprobe durch die Handlung der Kiana enthalten, dennoch irgendwie "faserig".

Doch immerhin ein interessantes Konstrukt, das mir zeigt, was alles möglich sein kann.

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Re: Leseprobe

BeitragVerfasst am: 01.09.2010, 06:59
Hallo Thomas,

Thomas20 hat Folgendes geschrieben:
Es geht um mehrere Schülerinnen und Schüler verschiedener Jahrgangsstufen, deren Alltagserlebnisse ich per Montagetechnik miteinander verbinde. Es gibt also keinen einzelnen Protagonisten oder so. In klar voneinander getrennten Sequenzen wechseln die Perspektiven von Person zu Person.


Soweit okay. Halte ich für einen interessanten Ansatz, der allerdings hohe Anforderungen nicht nur an den Leser, sondern auch an den Autor stellt. Wenn er gut geschrieben ist, würde ich den Roman sofort lesen.

Zitat:
Dabei gibt es bei mir einige Besonderheiten. Zum einen gibt es einen allwissenden Erzähler, der bei jeder Sequenz auftritt.


Ach so, dann doch nicht. Wenn es ohne allwissenden Erzähler nicht geht, machst du gravierende Fehler. Den Part des Erzählers müssen die einzelnen Protagonisten übernehmen. Wenn etwas aus ihren Handlungen und Aussagen sowie der Montage der einzelnen Sequenzen nicht hervorgeht, überlege dir, was du dort ändern musst, aber bemühe nicht den erhobenen Zeigefinger eines allwissenden Erzählers.

Zitat:
Ihre Gedanken sind durch ‚einfache Anführungszeichen‘ gekennzeichnet.


Öffnende Anführungszeichen sehen wie eine 9, schließende wie eine 6 aus. Wenn du dir vor allem deine schließenden Anführungszeichen anschaust, siehst du, dass sie vieles sind, aber keine Anführungszeichen.

Zitat:
also Zitate und sowas, was nicht von mir stammt.


Hast du dir schon mal Gedanken über das Urheberrecht gemacht?

Zitat:
Also mich interessiert, was ihr so zum Stil, der Konzeption und so weiter sagt, auch weil ich neben den genannten Techniken passagenweise sehr informations-komprimiert schreibe - wobei sich manchmal die Sequenzen in ihrer Stilistik je nach Person ziemlich unterscheiden.


Idee ist gut, eine klare Linie aber bislang nicht zu erkennen. Vor allem aber stimmt die Umsetzung bislang vorne und hinten nicht. Kein Protagonist entfaltet auch nur eine Spur von Persönlichkeit. Sie sind ausnahmslos Sprachrohre. Lese dir mal die Dialoge vor. Bei vielen wirst du dann merken, dass so kein Mensch redet. Außerdem wissen sie Sachen, die sie gar nicht wissen können. Du hast nicht nur einen, sondern viele allwissende Erzähler.

Beste Grüße

Heinz

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BeitragVerfasst am: 01.09.2010, 08:17
Thomas20 hat Folgendes geschrieben:

(Achja: Wenn jemand irgendeinen Werk kennt, was meinem Stil sehr ähnelt, würde mich das sehr interessieren. Ich kenne nämlich nur sehr wenig in der Art.)


(vermutlich auch diesen)

John Dos Passos nutzte diese Montagetechnik u.a. in "Manhattan Transfer" und umfassender in der Trilogie "USA".
In der Trilogie verwendete er vier Ebenen (formal getrennt, aber inhaltlich verflochten): Erzählungen aus dem Leben der dreizehn Hauptfiguren, die Weltwochenschau (Zitate, Schlagzeilen Nachrichten), eine Serie von Kurzbiographien (Politiker, Magnaten, Stars) und das Kamera-Auge (Erinnerungen und Kommentare des Autors).
 
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BeitragVerfasst am: 01.09.2010, 18:19
Hey Leute, ich danke euch für die Antworten. Das ging ja echt schnell.

@CeKaDo:
Ich kann mir gut vorstellen, dass es anstrengend zu lesen ist. Die Hirnarbeit ist auch beim Schreiben notwendig - Ich brauche jedenfalls sehr lange bis ich mal eine Sequenz fertig habe. Wie du schon sagst, es ist alles „konstruiert“. Ich mag Schriften, in denen man wirklich jeden Satz einzeln lesen kann (und muss) und nicht einfach bloß alles mal eben so zu überfliegen braucht um mitzubekommen, was darin enthalten ist.

Das Durcheinander und die Wildheit, die du angesprochen hast, ist unter andren ein Merkmal der Sequenzen von Kiana. Bei ihr ist alles so, wie wir es aus dem Fernsehen kennen: bunt, überladen, fetzig, poppig, ständig wechselnde Ansichten, Eindrücke Schlag auf Schlag, es bleiben nur Millisekunden, um einen Eindruck wahrzunehmen, dann folgt der nächste. Kiana ist mit ihren Aktivitäten immer am Limit. Ihr Charakter und Charisma beruht auf einem Bukett von Einfällen, Unternehmungsgeist und Ausstrahlung.

Ich gebe dir teilweise auch in der Behauptung recht, alles sei „faserig“ - ohne deutlichen Handlungsfaden. Im ganzen Roman gibt es kein zentrales Ereignis, kein Ziel, um das sich alles dreht. Die Figuren nehmen ihren Alltag auf sehr persönliche Weise war und leben so gesehen beinah in verschiedenen Welten. Das reicht von Unternehmungsgeistern wie Kiana bis hin zu in der Cyberwelt herum-irrlichternden Individuen, die in der Realität kaum Präsenz zeigen. Ich habe für alle Personen gravierende Veränderungen in ihrem Leben eingeplant - das lässt sich auch ohne Weiteres darstellen. Das Problem wird dann noch sein, trotz ihrer Unterschiede, inhaltliche Verbindung zwischen ihnen herzustellen (also nicht nur auf sprachlicher Ebene, wie das bisher bei den Sequenzübergängen der Fall ist).

@hawepe:
„Den Part des Erzählers müssen die einzelnen Protagonisten übernehmen.“ Finde ich ziemlich krass, dass du das so drastisch formulierst. Aber wie du sicher festgestellt hast, ist der allwissende Erzähler nie mit dem „erhobenen Zeigefinger“, wie du es befürchtest, unterwegs, es wird nicht moralisiert oder gepredigt.
Ich kann auf einen allwissenden Erzähler nicht verzichten, da ich sonst passagenweise die Sprache gar nicht so avanciert verwenden könnte. Dann wäre wirklich unglaubwürdig, dass es die Erzählungen der Schüler wären. Wenn die Schüler denken und sprechen, verwende ich (zugegeben je nach Alter des Schülers) eine andere Ausdrucksweise als die des allwissenden Erzählers. Allerdings sind die Ausschnitte, die ich hochgeladen habe, nämlich die Sequenzen von Kiana auch ein Extrem. In ihnen ist der allw. Erzähler so präsent wie sonst bei keiner meiner Personen. Deshalb kommt es dir auch so vor, als wären die Personen nur „Sprachrohre“ und würden keine Persönlichkeit entfalten. Aus dem Grunde habe ich mal ein paar andere Ausschnitte hochgeladen. Es handelt sich hierbei um andere Personen, die selber als Erzähler um einiges mehr in den Vordergrund treten. Bei denen geht es im Gegensatz zu den Sequenzen von Kiana eigentlich nur um ihren Bewusstseinszustand (siehe Download unten)

„Lese dir mal die Dialoge vor. Bei vielen wirst du dann merken, dass so kein Mensch redet. Außerdem wissen sie Sachen, die sie gar nicht wissen können.“ - Bitte nenne mir Beispiele, insbesondere für das, was du im letzten Satz behauptest.

Du hast Recht, meine einfachen, schließenden Anführungszeichen sehen wirklich nicht wie eine 6 aus. Ich weiß allerdings auch nicht, wie ich sie anders hinbekommen soll. Aber ist das wirklich so wichtig?

Bei den Zitaten handelt es sich entweder um Pressemeldungen, auf denen ja kein Urherberrecht liegt, oder um Werbeslogans, Produktnamen etc. Ist letzteres so ein großes Problem? Ich meine, wenn man sogar den Markennamen dazu nennt, ist das ja sogar fast sowas wie Werbung für die. Ich kenne mich damit nicht aus, aber es gibt doch auch andere Romane, in denen sowas vorkommt. Zum Beispiel „Neununddreißigneunzig“ von Frédéric Beigbeder, oder Helene Hegemanns „Axolotl Roadkill“, in dem an einer Stelle „Pro7 - We love to Entertain you“ zitiert wird. Und das hatte ja nichts mit den sonstigen Plagiatsvorwürfen bei AR zu tun...

@holz:
Danke für den Tipp. Autor und Werk kenne ich noch nicht. Bin jetzt aber neugierig. Werde ich demnächst mal sichten.

Also wie gesagt, hier noch mal Ausschnitte, in denen es mehr um das Innenleben der Personen geht:
 
  Thomas20 
 
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