Suche Sekretärin
Nachdem ich der Gattin meines Chefs den Marsch geblasen hatte, war ich für sie der perfekte Charakterwandler. Sie vertraute sich nun ausschließlich mir an. Bei Kaffee und Kuchen ließ sie mich wissen, dass ihr Gemahl einen Knall habe. Seit Tagen spreche er vor Verlassen des Hauses nur von seinem nahen Tod. Abends kehre er jedoch lebendigen Leibes zurück. Völlig falsche Versprechungen also. Seine Todesvorstellungen seien sonderbar und verschiedenartig. So glaubt er, die Erde werde plötzlich stehen bleiben. Da sich Deutschland zu diesem Zeitpunkt an der unteren Hälfte der Erdkugel befinde, werde er herabfallen. Irgendwohin. Wahrscheinlich in die Hölle. Die Gattin seufzte: „An mich denkt er dabei überhaupt nicht.“
Eine andere Todesart vermute er durch einen elektrischen Schlag beim Zähneputzen mit der elektrischen Zahnbürste. Weniger abwegig sei seine Ahnung, in der Badewanne ohnmächtig zu werden und dann zu ertrinken.
Saskia Sülz, die Chefgattin, goss frisch gebrühten Kaffee nach. Die in meiner Tasse badende Fliege kam dabei zu Tode.
Ob ich die Todesahnungen ihres Mannes lindern könne, fragte mich Saskia. Sein Gejammer gehe ihr auf die Nerven. Ich versprach, mich seiner anzunehmen. Zunächst nahm ich mich der toten Fliege an. Ich fischte sie aus der Tasse und trank dann den Kaffee. Ich wollte Frau Sülz nicht beleidigen. Mit einem Handkuss verabschiedete ich mich von ihr. Zuvor musste ich ihr versprechen, bald wieder ihr Gast zu sein. Meine Anwesenheit belebe die Eintönigkeit ihres Tagesablaufs.
Als ich vor meinen Chef hintrat, fragte er mit zynischem Unterton, ob mir der Besuch bei seiner Gattin ein geistiges Erlebnis gewesen sei. Mehr als das, erwiderte ich. Sie habe dauernd von der innigen Liebe zu ihrem Gatten gesprochen, weshalb ihr sein fortwährendes Todesgewimmer die Stimmung verderbe. Sie möchte wieder einmal richtig fröhlich und unbeschwert sein, log ich. Und weiter, dass sie mal wieder in seinen Armen liegen wolle oder zärtlich auf seinem Schoß sitzen. Weiter trieb ich die Kontaktlüge nicht; sie hätte den Chef in Zweifel gebracht.
Nicht gänzlich frei von diesen fragte er, ob ich ihm einen Bären aufbinden wolle. Das liege mir fern, sagte ich, denn die tägliche Last, die er zu tragen habe, sei schwer genug.
„Das ist wohl wahr“, gestand er und zielte schnurstracks auf die geringe Lebenszeit, die ihm noch bleibe, um alle wichtigen Dinge zu tätigen. Vor allem sei es ihm um den anhaltenden Erfolg der ‚Leseratte’ getan. Ich knüpfte daran an und bat ihn, nicht mehr an sein nahes Ende zu denken. Sein ganzes Sinnen solle darauf gerichtet sein, die Anzahl der Leserinnen und Leser zu mehren.
„Je mehr Leser, desto mehr Trauernde, wenn Sie von uns gegangen sind“, rührte ich an seiner dünnsten Stelle.
Seine Augen füllten sich mit Tränen, und ich wusste, seinem Schmerz einen weiteren hinzugefügt zu haben. Sein von Kümmernissen durchsetzter Alltag bedürfe unbedingt einer seelischen Generalreinigung, wollte ich ihn wieder auf die Sprünge bringen.
Er sprang nicht, sondern weinte. Das erschütterte mich. Weinende Männer machen auch mir das Herz so schwer. Deshalb weinte ich mit. Nach ca. zwei Minuten gemeinsamen Tränenflusses hielt ich inne, trocknete meine Augen und sagte mit aufhellendem Gesicht: „Wie wär’s, Chef, wenn Sie mit ihrer liebenswerten Gemahlin einmal Urlaub machen. In der Südsee, im Spreewald oder in einem nahe liegenden Hotel.“
„Wer soll den Quatsch bezahlen?“ fragte er spontan.
„Na gut“, lenkte ich ein, „dann täte es auch ein Kuraufenthalt. Mit oder ohne Gattin, ganz nach Belieben.“
„Du bildest dir doch nicht etwa ein“, wurde er grob, „dass ich mich inmitten alter Schachteln bewegen will. Nee, nee, mein Lieber, das Gruseln kann ich auch hier bekommen.“
Diese Aussage verhalf ihm plötzlich zu einem Einfall, der seine Stimmung radikal wandelte. Er gebärdete sich übermütig und meinte heiter, dass ihn der Tod am Arsch lecken könne. Er denke gar nicht daran, ihm vor der Zeit die Hand zu reichen.
„Meine Lebenslust ist zurückgekehrt“, jauchzte er vergnügt, „und weißt du auch weshalb?“
Ich guckte nichtwissend. Das freute ihn. Er befahl mir, Papier und Bleistift zu nehmen und Folgendes zu notieren: Liebe Leserinnen und Leser der ‚Leseratte’. Ihr wachsendes Interesse an dieser literarischen Monatsschrift soll einmal belohnt werden, und zwar mit einem Artikel der besonderen Art. Der von Ihnen allen hoch geschätzte Journalist Erhart Hartmann wird Sie in der nächsten Ausgabe mit einem wissenschaftlich fundierten Beitrag überraschen. Der Titel: ‚Wie bleibe ich lebenslang hübsch und begehrenswert?’ Versäumen Sie also nicht, auch diejenigen für die ‚Leseratte’ zu begeistern, die unbeleckt in den Tag hinein leben.
Mit besten Wünschen, Ihr Alfred Sülz (Redakteur)
Eben noch hatte ich mich um die seelische Aufrichtung meines Chefs bemüht, nun hatte ich sie selbst nötig. An meiner Verdatterung fand er Gefallen. Da er sich nicht weiter erklärte, stellte ich die Frage, was das zu bedeuten habe. Das sei mit den eben notierten Zeilen ausreichend erklärt, meinte er mitleidlos.
„Das können Sie nicht machen, Chef, ohne meine Einwilligung einen Artikelinhalt festlegen.“
„Das habe ich bisher oft so getan“, rechtfertigte er sich.
"Aber nicht zu einer Thematik, die an meine geistigen Grenzen stößt“, wehrte ich mich.
Er grinste unverschämt. „Das sagt einer, der mit hübschen Frauen sehr oft die Schlafstatt teilt.“
Ohne mir Gelegenheit zu einer Erwiderung zu geben, legte er fest, dass ich mir baldigst einen Artikel zu genannter Thematik aus den Fingern saugen solle. Dessen Formulierung müsse einer wissenschaftlichen Abhandlung ähnlich sein. Praktische Schönheitstipps könnte ich mir von meinen zahlreichen Freundinnen geben lassen.
„Was hat Sie auf diese ausgeflippte Idee gebracht, Herr Sülz?“ fragte ich distanziert.
Er rieb sich vergnügt die Hände und antwortete: „Dein Artikel wird uns eine enorme Fülle an Leserbriefen bescheren, die natürlich beantwortet werden müssen. Um diesen Arbeitsaufwand zu bewältigen, macht sich die Anstellung einer Sekretärin notwendig. Nicht irgendeiner, versteht sich, sondern einer hübschen und sehr jungen. Im Zuge deiner Schönheitserkundungsgänge wirst du eine attraktive Bürohilfe ausfindig machen. Mit welchen Attributen sie noch versehen sein muss, wirst du wohl wissen.“
Damit entließ er mich aus seiner Gegenwart. Ich ging, geistig zwar überfordert, doch froh, ihn wieder in Schwung gebracht zu haben.
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Detlef Schumacher |
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