 | Meine Berliner Kindheit | Verfasst am: 07.01.2009, 17:37 |
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Titel: Meine Berliner Kindheit
Autor: Barbara Schilling
Verlag: BoD Norderstedt
ISBN: 9783837089035
Seiten: 180
Preis: 12,90
Der Autor über das Buch:
Mein erster Roman: Nach 4 Jahren Interviews, Recherche, Schreiben und Optimieren ist mein Debutroman nun fertig!
(Nachdem die erste Version über ein Jahr bei einem tollen Verlag lag, der sich aber in dieser Zeit leider nicht entschließen konnte, das Buch zu veröffentlichen, wird es nun hier herausgegeben
(Vor-)Bestellung sind ab sofort direkt bei mir möglich!
Klappentext:
Meine Berliner Kindheit.
Zwischen ‘Himmel und Hölle’, ‘Brennholz und Kartoffelschalen’ ...
Kurz vor Beginn des zweiten Weltkrieges, am 30. Mai 1939, geboren wächst die kleine ‘Hinterhof-Göre’ Helene vaterlos in Berlin auf. Mit viel Humor, liebevollen Menschen an ihrer Seite und einer gehörigen Portion Glück überstehen Helene und ihre junge Mutter die nicht enden wollenden Bombennächte – sowie die letzten Kriegstage und den Einmarsch der Roten Armee im Frühjahr 1945.
Doch auch nach Kriegsende haben es Helene und ihre Mutter nicht einfach: Die Stadt liegt in Trümmern; Hunger und Not sind geblieben. Ihr Leben scheint endlich leichter zu werden, als Helenes Mutter einen Alliierten heiratet, doch als Älteste von sechs Geschwistern muss Helene schließlich viel zu früh erwachsen werden.
Der größtenteils auf einer wahren Geschichte basierende Roman beschreibt eine entbehrungsreiche Kindheit im Berlin der Kriegs- und Nachkriegsjahre. Eine schwierige Zeit, in der es dennoch gelingt, Menschlichkeit und Hoffnung zu bewahren ...
Inhalt:
Der eigentlich knapp 300 Seiten starke Roman beschreibt traurig-schöne Kinder- und Jugendjahre - wie sie Tausende im Berlin der 40er und 50er Jahre erlebt haben.
Aus der Ich-Perspektive schildert die Hauptfigur, Helene, oft in kindlich-naivem Habitus ihre Sicht auf die Dinge - sowohl auf die Schrecklichen als auch auf die Angenehmen. Um das "Hinterhof-Milieu" authentisch zu schildern, sind viele Dialoge im Berliner Dialekt (aber gut verständlich) geschrieben.
Leseprobe
Prolog
Am 30. Mai ist der Weltuntergang, wir leben nicht mehr lang …“
Golgowski-Quartett 1954.
Am 30. Mai 1939 wurde ich in Berlin geboren. Am 1. September 1939 marschierten deutsche Truppen in Polen ein und begannen den Zweiten Weltkrieg.
Meine Mutter kam aus so genannten einfachen Verhältnissen, meinen Vater sollte ich niemals kennenlernen.
Der 30. Mai war ein milder Vorsommertag, doch meine damals 16-jährige Mutter litt Höllenqualen. Sie wäre beinahe gestorben, zumindest kam es ihr so vor, bei meiner, nein, unserer Geburt. Denn ich hatte eine Zwillingsschwester. Sabine. Sie kam wenige Minuten vor mir zur Welt. Ein paar Tage lang schliefen wir in der Wiege nebeneinander, hörten die gleichen Stimmen, atmeten den gleichen vertrauten Duft nach Kohlsuppe und feuchten Tapeten. Wir wurden von denselben Händen gestreichelt und steckten in den gleichen leinenen Windeltüchern. Wir teilten die Mutterbrust am Tage und das lauwarme Badewasser in der Zinnwanne am Abend.
Eines Morgens jedoch, als uns unsere Mutter aus dem Bettchen nehmen wollte, schrie sie entsetzt auf. Sie stolperte zurück und blieb mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt stehen. Dann trat sie wieder an die Wiege heran und griff hinein. Fassungslos starrte sie auf das Baby, das steif in ihren Armen lag. Sabine war in der Nacht neben mir gestorben.
...
Immer wieder rissen mich die Sirenen, deren durchdringendes Heulen ich mein Leben lang nicht vergessen können würde, aus dem Schlaf. In dieser Nacht hob mich Inge aus dem Bett und zerrte mich hastig zur Tür. Ich wollte nicht weggehen, ich war so furchtbar müde und die Nachtluft war eiskalt.
„Wo ist Mama?“ fragte ich verwundert.
„Sie is´ noch nich´ von Tante Hertha zurück. Komm schnell“, rief Inge und klemmte sich mein Köfferchen mit den wenigen Habseligkeiten darin unter den Arm. Es war stockdunkel; die Verdunklungsrollos ließen nicht einmal das Mondlicht hinein.
Schlaftrunken stolperte ich in meinem kratzigen Wollmantel über dem Nachthemd an Inges Hand über den Hof und dann die steile enge Treppe zum Luftschutzkeller hinunter. Doch plötzlich blieb ich stehen, mein Herz schien einen Schlag auszusetzen. Die Leute drängten weiter, doch ich stemmte mich entschlossen mit aller Kraft gegen die schweren Körper.
„Amelie! Ich habe Amelie vergessen“, rief ich entsetzt. Sie musste in meinem noch warmen Bett liegen.
Inge sah mich ernst an. Sie ahnte, wie sehr ich meine Puppe Amelie, das letzte Geschenk meiner Großmutter, liebte. Die Leute wurden ungeduldig, schoben und stießen.
„Es ist zu spät. Du kannst ´se jetzt nicht mehr holen.“
Sie zog mich entschlossen weiter. Das konnte ich nicht glauben, ich schrie und strampelte, und um ein Haar wäre ich zwischen den Beinen eines großen Mannes entkommen. Doch Inge erwischte mich in letzter Sekunde am Ärmel. Sie griff so fest nach mir, dass ihr Fingernagel splitterte, doch sie bemerkte es nicht. Mit bleichem Gesicht trug sie mich die letzten Stufen hinunter. Die Tür schloss sich, und wieder hörte ich das tiefe Brummen der Flugzeuge, die wie riesige Bienen den Himmel über Berlin durchzogen.
Wir saßen auf einer harten Holzbank neben ängstlichen Nachbarn, bekannten und unbekannten Gesichtern. Sonst saß ich immer mit meiner Mutter auf diesem Platz. Anders als die vielen anderen Nächte senkte sich nicht gnädig der Schlaf über mich. Zu deutlich fühlte ich die Lücke in meinen Armen - Amelie fehlte. Stattdessen saß ich steif auf meinem Platz und zählte wieder und wieder die Mauersteine der grauen Kellerwände. Längliche Backsteine, einer neben dem anderen, endlose Reihen, die sich im Dunkel verloren. Ich zitterte. Die Hand, die mir Inge auf die Schulter gelegt hatte, spendete nur wenig Trost. In einer Ecke gleich neben dem Stützbalken stand ein Akkuradio, das immer wieder schrecklich krächzende Laute von sich gab. Der Mann im Radio kündigte einen schweren Luftangriff der Amerikaner an. Eine Viertelstunde später hörten wir dumpfe Einschläge. Die Decke über meinem Kopf schien zu wackeln. Doch das sei nur Einbildung, versuchte Inge mich zu trösten. Die da draußen seien viel zu weit weg. Aber nah genug, sagte mir mein Kopf, und ich machte mich ganz klein an Inges Seite.
„Amelie“, dachte ich immer nur. „Amelie“, was, wenn ihr etwas zustößt? In meinen Gedanken fielen schwarze Bomben auf unser Haus. Ich sah vor mir, wie Amelies Körper von umherfliegenden Splittern zerfetzt wurde und ihre blonden Haare qualmend verbrannten. Sie würde nicht einmal bluten, nur ihre Füllung würde herausquellen. Ich starrte mit aufgerissenen Augen auf die gegenüberliegende Wand, unfähig mich zu rühren.
„Hallo du.“
Unter meinem Blick nahm der Umriss mir gegenüber langsam eine menschliche Gestalt an.
Ein alter Mann beugte sich zu mir hinüber und fragte: „Hast du Angst, meine Kleene?“
Ich schaute ihn nur stumm an.
„Das brauchst du nicht.“
Er senkte die Stimme fast unmerklich: „Bald ist es vorbei, alles wird gut, du wirst sehen.“
Seine warmen braunen Augen schienen zu leuchten, als er dies sagte. Ich reagierte nicht. Er ließ die Hand in seinen schmutzigen Hosen verschwinden und holte einen kleinen Gegenstand hervor. Er schloss beide Hände und hielt sie hinter seinen krummen Rücken.
„Na, willst du raten?“
Ich brauchte eine Weile, bis ich ihn verstand. Doch ich blieb stumm.
„Gut, in welcher Hand habe ich das Geschenk für dich versteckt?“
Ein Geschenk? Ich schaute ratlos. Dann kam mir der Gedanke, dass es vielleicht etwas zu essen sein könnte. Ich könnte es mit Inge und meiner Mutter teilen, wenn sie zurückkommen würde.
Der Mann mit dem zerknitterten Jackett kniff die Augen zusammen und flüsterte mit verschwörerischer Stimme: „Nun, was meinst du - ist es rechts oder links?“
Ich überlegte kurz, neigte langsam den Kopf und zeigte dann auf seine rechte Hand.
„Kluges Kind“, lachte er leise.
Er hielt mir seine geschlossene Hand entgegen.
„Sieh nach.“
Ich zögerte, doch meine Neugier war stärker.
Ich stand auf und ging zwei Schritte auf den grauhaarigen Unbekannten zu. Vorsichtig bog ich seine Finger zurück. Doch die Hand war leer. Enttäuscht wollte ich schnell wieder auf meinen Platz gehen. Aber der Mann sagte bestimmt:
„Halt, es gibt immer mindestens zwei Möglichkeiten. Du musst doch noch in der anderen Hand nachsehen.“
Ich drehte mich um und lief zurück. Gespannt öffnete ich seine linke Hand. Dieses Mal hatte ich Glück. Ich musterte den kleinen, holzgeschnitzten Käfer. Er hatte sechs schwarze Punkte auf seinem roten Rücken und sechs kurze Beinchen an der Unterseite. Ich drehte ihn hin und her.
„Ich habe ihn selbst gemacht - für jemanden ganz Besonderen …“
...
Am Abend des 24. Dezembers 1944 leuchteten „Christbäume“ über den Häusern; die Lichter der Bomberstaffeln zeichneten sich gegen den dunklen Stadthimmel ab. „Von oben“ wurden Staniolschnipsel abgeworfen, wie glänzende Lamettafäden. Sie sollten das Radar stören. Inge lief trotz der Angst meiner Mutter hinaus, klaubte einige zusammen. Wir hingen sie an unseren improvisierten Weihnachtsbaum als Christschmuck. Meiner Mutter muss diese, die sechste Kriegsweihnacht seltsam vorgekommen sein, alles deutete auf die baldige Niederlage hin, was auch keine „Wunderwaffen“-Versprechen Hitlers und seiner Helfer, mehr wirklich übertönen konnten, doch für mich war alles ziemlich normal, schließlich hatte ich nie einen Heiligabend im Frieden erlebt.
[...]
Ich drehte mich gespannt zu ihr um. Meine Mutter nahm einen Karton mit der verblichenen Aufschrift „Anton Feigenbaum - Wäsche, Handschuhe, Kurzwaren“ vom ehemals weißen Küchenschrank. Sie klappte die Deckel auseinander und nahm das saubere Geschirrtuch zur Seite. Ich bekam eine rosige Gesichtsfarbe vor Freude; sie hatte mir tatsächlich meinen sehnlichsten Wunsch erfüllt. Stolz erklärte sie:
„Ick hab Himmel und Hölle in Bewejung jesetzt, bin rumjerannt - und nu schenk ick dir …“ Sie hielt inne. „Na ja, Liebe jeht halt durch den Magen“, schloss sie.
Sie hatte einige der seltenen Lachfältchen um die Augen. Feierlich hängte sie mir - an einer dicken Schnur befestigt - einen ganzen Laib Brot mit einer zerknitterten roten Schleife geschmückt um den Hals. Dieses gewaltige Graubrot war nur für mich allein bestimmt, ich konnte endlich so viel essen, wie ich wollte! Ich machte große Augen und schaute auf meinen Schatz, der vor meinem Bauch baumelte.
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Zuletzt bearbeitet von skipteuse am 15.01.2009, 10:55, insgesamt 2-mal bearbeitet _________________ www.angenehme-vorstellung.de
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 | | Verfasst am: 07.01.2009, 17:57 |
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Glückwunsch liebe Babs! Du bist ja soooo fleißig. Das Buch möchte ich - natürlich - haben. Vielleicht hast du deine Kleinauflage ja, wenn ich demnächst nach Potsdam komme.
Alles Liebe und viel Erfolg
maryanne |
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 | | Verfasst am: 07.01.2009, 18:18 |
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 | | Verfasst am: 07.01.2009, 18:29 |
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| skipteuse hat Folgendes geschrieben: |
Vielen Dank liebe Maryanne!
Ich bin auch total happy - sicher, du bekommst das ein druckfrisches Exemplar; ich hoffe BoD ist immer noch so schnell ...!
Barbara |
Glückwunsch, Barbara...
Wo hast du nur das erstklassige Coverfoto her? Ein Altes auf Neu gemacht? Auf jeden Fall super. Wünsche viel Erfolg mit dem Buch. Wundert mich, dass du keinen Verlag gefunden hast. In Sachen Biographie so aus Kriegszeiten findet man eigentlich viele Verlagsseiten. Aber no jo... |
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 | | Verfasst am: 07.01.2009, 18:57 |
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 | | Verfasst am: 07.01.2009, 19:57 |
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 | | Verfasst am: 07.01.2009, 22:05 |
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Jupp, bin schon sehr gespannt; eine Anfrage hatte ich auch schon über unsere Website, obwohl es da nur als Projekt vorgestellt war ...
Vor allem freu ich mich natürlich, wenn es meine Ma endlich gedruckt in den Händen hält (Maryanne, Heinz und Matthias haben sie ja schon kennengelernt ... !!
So, also morgen wird wieder ein aufregender Tag  |
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 | Re: Meine Berliner Kindheit | Verfasst am: 08.01.2009, 00:10 |
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Eifrig, Barbara!
Wenn es noch nicht im Druck ist, dann kann man ja vielleicht noch Verbesserungsvorschläge machen.
| skipteuse hat Folgendes geschrieben: |
Klappentext:
Meine Berliner Kindheit.
Zwischen ‘Himmel und Hölle’, ‘Brennholz und Kartoffelschalen’ ...
Kurz vor Beginn des zweiten Weltkrieges, am 30. Mai 1939Komma weg geboren, wächst die kleine ‘Hinterhof-Göre’ Helene vaterlos in Berlin auf. Mit viel Humor, liebevollen Menschen an ihrer Seite und einer gehörigen Portion Glück überstehen Helene und ihre junge Mutter die nicht enden wollenden Bombennächte – sowie die letzten Kriegstage und den Einmarsch der Roten Armee im Frühjahr 1945.
Doch auch nach Kriegsende haben es Helene und ihre Mutter nicht einfach: Die Stadt liegt in Trümmern; Hunger und Not sind geblieben. Ihr Leben scheint endlich leichter zu werden, als Helenes Mutter einen Alliierten heiratet, doch als Älteste von sechs Geschwistern muss Helene schließlich viel zu früh erwachsen werden.
Der größtenteils auf einer wahren Geschichte basierende Roman beschreibt eine entbehrungsreiche Kindheit im Berlin der Kriegs- und Nachkriegsjahre. Eine schwierige Zeit, in der es dennoch gelingt, Menschlichkeit und Hoffnung zu bewahren ...
Leseprobe
Prolog
Am 30. Mai ist der Weltuntergang, wir leben nicht mehr lang …“
Golgowski-Quartett 1954.
Am 30. Mai 1939 wurde ich in Berlin geboren. Am 1. September 1939 marschierten deutsche Truppen in Polen ein und begannen den Zweiten Weltkrieg.
Meine Mutter kam aus so genannten einfachen Verhältnissen, meinen Vater sollte ich niemals kennenlernen.
Der 30. Mai war ein milder Vorsommertag, doch meine damals 16-jährige Mutter litt Höllenqualen. Sie wäre beinahe gestorben, zumindest kam es ihr so vor, bei meiner, nein, unserer Geburt. Denn ich hatte eine Zwillingsschwester. Sabine. Sie kam wenige Minuten vor mir zur Welt. Ein paar Tage lang schliefen wir in der Wiege nebeneinander, hörten die gleichen Stimmen, atmeten den gleichen vertrauten Duft nach Kohlsuppe und feuchten Tapeten. Wir wurden von denselben Händen gestreichelt und steckten in den gleichen leinenen Windeltüchern. Wir teilten die Mutterbrust am Tage und das lauwarme Badewasser in der Zinnwanne am Abend.
Eines Morgens jedoch, als uns unsere Mutter aus dem Bettchen nehmen wollte, schrie sie entsetzt auf. Sie stolperte zurück und blieb mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt stehen. Dann trat sie wieder an die Wiege heran und griff hinein.* Fassungslos starrte sie auf das Baby, das steif in ihren Armen lag. Sabine war in der Nacht neben mir gestorben.
* empfinde ich als zu "flach".
...
Immer wieder rissen mich die Sirenen, deren durchdringendes Heulen ich mein Leben lang nicht vergessen werde, aus dem Schlaf. In dieser Nacht hob mich Inge aus dem Bett und zerrte mich hastig zur Tür. Ich wollte nicht weggehen, ich war so furchtbar müde und die Nachtluft war eiskalt.
„Wo ist Mama?“, fragte ich verwundert.
„Sie is´ noch nich´ von Tante Hertha zurück. Komm schnell“, rief Inge und klemmte sich mein Köfferchen mit den wenigen Habseligkeiten darin (würde ich streichen) unter den Arm. Es war stockdunkel; die Verdunklungsrollos ließen nicht einmal das Mondlicht hinein.
Schlaftrunken stolperte ich in meinem kratzigen Wollmantel über dem Nachthemd an Inges Hand über den Hof und dann die steile enge Treppe zum Luftschutzkeller hinunter. Doch plötzlich blieb ich stehen, mein Herz schien einen Schlag auszusetzen. Die Leute drängten weiter, doch ich stemmte mich entschlossen mit aller Kraft gegen die schweren Körper.
„Amelie! Ich habe Amelie vergessen“, rief ich entsetzt. Sie musste in meinem noch warmen Bett liegen.
Inge sah mich ernst an. Sie ahnte, wie sehr ich meine Puppe Amelie liebte, (sie war) das letzte Geschenk meiner Großmutter. Die Leute wurden ungeduldig, schoben und stießen.
„Es ist zu spät. Du kannst ´se jetzt nicht (würde ich weglassen) mehr holen.“
Sie zog mich entschlossen weiter. Das konnte ich nicht glauben, ich schrie und strampelte, und um ein Haar wäre ich zwischen den Beinen eines großen Mannes entkommen. Doch Inge erwischte mich in letzter Sekunde am Ärmel. Sie griff so fest nach mir, dass ihr Fingernagel splitterte, doch sie bemerkte es nicht. Mit bleichem Gesicht trug sie mich die letzten Stufen hinunter. Die Tür schloss sich, und wieder hörte ich das tiefe Brummen der Flugzeuge, die wie riesige Bienen den Himmel über Berlin durchzogen (würde ich anderes Wort suchen).
Wir saßen auf einer harten Holzbank neben ängstlichen Nachbarn, bekannten und unbekannten Gesichtern. Sonst war ich immer mit meiner Mutter auf diesem Platz gesessen. Anders als an vielen anderen Nächten fand ich keinen Schlaf, der sich gnädig über mich senkte. Zu deutlich fühlte ich die Lücke in meinen Armen - Amelie fehlte. Stattdessen saß ich steif auf meinem Platz und zählte wieder und wieder die Mauersteine der grauen Kellerwände. Längliche Backsteine, einer neben dem anderen, endlose Reihen, die sich im Dunkel verloren. Ich zitterte. Die Hand, die mir Inge auf die Schulter gelegt hatte, spendete nur wenig Trost. In einer Ecke, gleich neben dem Stützbalken, stand ein Akkuradio, das immer wieder schrecklich krächzende Laute von sich gab. Der Mann im Radio kündigte einen schweren Luftangriff der Amerikaner an. Eine Viertelstunde später hörten wir dumpfe Einschläge. Die Decke über meinem Kopf schien zu wackeln. Doch das sei nur Einbildung, versuchte Inge mich zu trösten. Die da draußen seien viel zu weit weg. Aber nah genug (genug wozu?), sagte mir mein Kopf, und ich machte mich ganz klein an Inges Seite.
„Amelie“, dachte ich immer nur. „Amelie“, was, wenn ihr etwas zustößt? In meinen Gedanken fielen schwarze Bomben auf unser Haus. Ich sah vor mir, wie Amelies Körper von umherfliegenden Splittern zerfetzt wurde und ihre blonden Haare qualmend verbrannten. Sie würde nicht einmal bluten, nur ihre Füllung würde herausquellen. Ich starrte mit aufgerissenen Augen auf die gegenüberliegende Wand, unfähig mich zu rühren.
„Hallo du.“
Unter meinem Blick nahm der Umriss mir gegenüber langsam eine menschliche Gestalt an.
Ein alter Mann beugte sich zu mir hinüber und fragte: „Hast du Angst, meine Kleene?“
Ich schaute ihn nur stumm an.
„Das brauchst du nicht.“
Er senkte die Stimme fast unmerklich: „Bald ist es vorbei, alles wird gut, du wirst sehen.“
Seine warmen braunen Augen schienen zu leuchten, als er dies sagte. Ich reagierte nicht. Er kramte in den Taschen seiner schmutzigen Hose und holte einen Gegenstand hervor. Dann schloss er beide Hände und hielt sie hinter seinen krummen Rücken.
„Na, willst du raten?“
Ich brauchte eine Weile, bis ich ihn verstand. Doch ich blieb stumm.
„Gut, in welcher Hand habe ich das Geschenk für dich versteckt?“
Ein Geschenk? Ich schaute ratlos. Dann kam mir der Gedanke, dass es vielleicht etwas zu essen sein könnte. Ich könnte es mit Inge und meiner Mutter teilen, wenn sie zurückkommen würde.
Der Mann mit dem zerknitterten Jackett (hört sich an, als wäre es ein anderer) kniff die Augen zusammen und flüsterte mit verschwörerischer Stimme: „Nun, was meinst du - ist es rechts oder links?“
Ich überlegte kurz, neigte langsam den Kopf und zeigte dann auf seine rechte Hand.
„Kluges Kind“, lachte er leise.
Er hielt mir seine geschlossene Hand entgegen.
„Sieh nach.“
Ich zögerte, doch meine Neugier war stärker. So stand ich auf und ging zwei Schritte auf den grauhaarigen Unbekannten zu. Vorsichtig bog ich seine Finger zurück. Doch die Hand war leer. Enttäuscht wollte ich schnell wieder auf meinen Platz gehen. Aber der Mann sagte bestimmt:
„Halt, es gibt immer mindestens zwei Möglichkeiten. Du musst doch noch in der anderen Hand nachsehen.“
Ich drehte mich um und lief zurück. Gespannt öffnete ich seine linke Hand. Dieses Mal hatte ich Glück. Ich musterte den kleinen, holzgeschnitzten Käfer. Er hatte sechs schwarze Punkte auf seinem roten Rücken und sechs kurze Beinchen an der Unterseite. Ich drehte ihn hin und her.
„Ich habe ihn selbst gemacht - für jemanden ganz Besonderen …“
...
Am Abend des 24. Dezembers 1944 leuchteten „Christbäume“ über den Häusern; die Lichter der Bomberstaffeln zeichneten sich gegen den dunklen Stadthimmel ab. „Von oben“ wurden Staniolschnipsel abgeworfen, wie glänzende Lamettafäden. Sie sollten das Radar stören. Inge lief trotz der Angst meiner Mutter hinaus, klaubte einige zusammen. Wir hingen sie an unseren improvisierten Weihnachtsbaum als Christschmuck. Meiner Mutter muss diese, die sechste Kriegsweihnacht seltsam vorgekommen sein, alles deutete auf die baldige Niederlage hin, was auch keine „Wunderwaffen“-Versprechen Hitlers und seiner Helfer, (muss weg) mehr wirklich übertönen konnten, doch für mich war alles ziemlich normal. Schließlich hatte ich nie einen Heiligabend im Frieden erlebt.
[...]
Ich drehte mich gespannt zu ihr um. Meine Mutter nahm einen Karton mit der verblichenen Aufschrift „Anton Feigenbaum - Wäsche, Handschuhe, Kurzwaren“ vom ehemals weißen Küchenschrank. Sie klappte die Deckel auseinander und nahm das saubere Geschirrtuch zur Seite. Ich bekam eine rosige Gesichtsfarbe vor Freude; sie hatte mir tatsächlich meinen sehnlichsten Wunsch erfüllt. Stolz erklärte sie:
„Ick hab Himmel und Hölle in Bewejung jesetzt, bin rumjerannt - und nu schenk ick dir …“ Sie hielt inne. „Na ja, Liebe jeht halt durch den Magen“, schloss sie.
Sie hatte einige der seltenen Lachfältchen um die Augen. Feierlich hängte sie mir - an einer dicken Schnur befestigt - einen ganzen Laib Brot, mit einer zerknitterten roten Schleife geschmückt, um den Hals. Dieses gewaltige Graubrot war nur für mich allein bestimmt, ich konnte endlich so viel essen, wie ich wollte! Mit großen Augen schaute ich auf meinen Schatz, der vor meinem Bauch baumelte.
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Einige Fehler solltest du korrigieren, die Vorschläge kannst du ja vielleicht noch überdenken. Ich finde, du hast etwas häufig mit dem Subjekt begonnen. Wenn es nicht eilt, dann würde ich an deiner Stelle das ganze nochmal durcharbeiten, es könnte sicher noch besser werden.
Grüßle,
Judith |
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 | | Verfasst am: 08.01.2009, 00:41 |
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Hallo Barbara,
das ist er also, der Berliner Roman, an den ich neulich erinnert wurde. Mir hat schon die erste Leseprobe gefallen, die ich vor langer Zeit auf Deiner Homepage gefunden hatte. Liest sich wirklich sehr gut.
Mir ist zwar nicht so viel aufgefallen wie Judith, aber über die "Zinn"wanne bin ich als Chemikerin gestolpert. Soweit ich weiß, ist Zinn eher etwas für kleine Teile, denn es verbiegt sich leicht. Ich kenne diese ollen Wannen eigentlich als "Zink"wannen, denn gebadet habe ich als Kind in den Fünfziger Jahren auch in so einer, wenn ich bei meiner Oma war und im Garten "Schwimm-im-pool" gespielt habe
Ist Zinn eventuell ein Material, das noch viel früher verwendet wurde? Ich glaube, ich habe einmal einen Holzbottich gesehen, der mit einer dunkelgrauen Metallfolie ausgekleidet war.
LG,
Julia |
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julia07 |
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 | | Verfasst am: 08.01.2009, 04:33 |
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Liebe Barbara
Seit deinem verblüfften Kommentar, dass du auch an einem Buch über die Kindheit deiner Mutter schreibst, bin ich natürlich sehr gespannt darauf gewesen, mehr darüber rauszufinden.
Und jetzt ist es soweit.
Das Cover finde ich wirklich toll, sehr ansprechend. Da sieht man mal wieder den Unterschied zwischen einem professionell gestalteten und einem Laien-Cover wie meinem.
Bei der Lektüre der Leseprobe war ich dann wirklich platt, wie stark manche Parallelen zwischen den beiden Geschichten zu sein scheinen, trotz der unterschiedlichen Ausgangsposition. Aber natürlich ist dein Text in Romanform geschrieben, was eine viel größere Vielfalt an Details ermöglicht.
Eine der faszinierenden Parallelen: es gibt auch im Buch meiner Mutter eine wichtige Stelle (nein, sogar zwei Stellen), wo es um ihre Puppen geht - daher auch die Wahl des Fotos auf dem Cover.
Ich möchte auf jeden Fall weiterlesen und werde das Buch demnächst bestellen. Heute ging es über die buchpool/Amazon-Seite noch nicht, also warte ich nochmal etwas ab.
Herzlichen Gruß
Ruth |
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rbader |
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 | | Verfasst am: 08.01.2009, 06:06 |
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Hallo Julia04 & Barbara,
ich denke auch, dass es Zinkwanne heißen muss - was mich aber bei diesem Fehler verblüfft: mir passiert so etwas auch hin und wieder (Julia, du erinnerst dich: die Planken des Bootes...)
Jedenfalls war's bei mir in den 50ern auch eine ZINKwanne.
Schöne Grüße
maryanne |
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 | | Verfasst am: 08.01.2009, 10:55 |
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skipteuse |
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 | | Verfasst am: 08.01.2009, 21:36 |
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Ich habe gerade einmal in Google bei der Bildersuche "Zinnwanne" eingegeben und siehe da, schon sah ich mich in (m)einer "Zinkwanne" sitzen
LG,
Julia
@ Barbara
Ich bin auch schon sehr neugierig auf das Buch, aber lass Dich ja nicht zur Eile drängen von und Unersättlichen! |
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 | | Verfasst am: 08.01.2009, 21:52 |
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 | neues Cover | Verfasst am: 12.01.2009, 17:11 |
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