Forum für Books-on-Demand-Autoren » Lektorat » Offshore - ist das lesbar?
Hier klicken, um Mitglied zu werden  Hier klicken, um Mitglied zu werden » Lektorat/Korrektorat bei Autorenservice Youndercover
» Guido Block-Künzler: Einmal Rügen und zurück - Anklam

Offshore - ist das lesbar?

BeitragVerfasst am: 11.01.2012, 10:59
Ich würde mich über gnadenlose Kritik an meinem aktuellen Manuskript ausgesprochen freuen. Bitte keine Zurückhaltung! book

OFFSHORE - DER AUFSTIEG NACH UNTEN

Es gibt Erdenbewohner, denen wurde diese Gabe in die Wiege gelegt. Mir bedauerlicherweise nicht. Dafür hatte ich einen uneinnehmbaren Wall der Arroganz und Ignoranz um mich herum hochgezogen, um das Manko dieses Talents gekonnt zu verbergen. Als Geschäftsführer in einem global agierenden Konzern musste man doch lediglich ein bisschen den Druck von allen Seiten kanalisieren, um ihn dann perfekt dosiert an die Horde von Lakaien weiterschieben zu können. Genug, dass sie nicht auf andere Gedanken kommen konnten. Gerade so viel, dass es noch erträglich war. Nachhaltiges Interesse und Verständnis vortäuschen, wo absolut notwendig. So wenig wie möglich. Am besten auch dies gleich auf andere Schultern abwälzen. Den Goldesel einfach mit dem kleinstmöglichen Aufwand am Leben halten. So stellte sich zumindest meine eigenwillig bescheidene Definition dieses Jobs bis vor kurzem dar.
Frustriert schob ich mir einen labberigen Cheeseburger ins Gesicht und bedachte eine Frau in aufreizender Garderobe mit einem müden Lächeln. Schöne Kurven sind schwierig zu fahren, hatte mir mein Vater nach einer durchzechten Nacht einmal zugelallt, als ich ihm eine gut proportionierte Mitschülerin vorgestellt hatte. Die triviale Lebensweisheit meines Erzeugers rief mir in Erinnerung, dass sich auch mein Liebesleben seit Jahren auf die Befriedigung ziemlich unromantischer Grundbedürfnisse beschränkt hatte. Der üppige Busen schwang an mir vorbei, ohne dass ich irgendetwas verspürte, was meinen Tag noch hätte retten können. Der Hunger war einem bitteren Magenbrennen gewichen. Ein einsames Gefühl, welches mir geblieben war. Eigentlich trug ich eine verdammte Verantwortung, die jedoch mit meiner Rosinenpicker- und Kopf in den Sand - Mentalität nicht mal ansatzweise im Einklang stand. Nach außen sollte ich mich als Boss Tag und Nacht zum Wohl von Mitarbeitern, Aktionären und Kunden zerreißen. Eine Führungsfigur mit Profil und Charisma eben. Umgeben von einer Aura unzähliger, von hochstudierten Intelligenzbestien ausgetüftelten Schlagworten, welche mein blumiges Verantwortungs- und Leistungsportfolio garnierten.
Scheiße!
Meine Realität war von diesen Ansprüchen so ziemlich diametral abweichend. Eine polierte Fassade mit einem verrotteten Hinterhaus.
Da saß ich nun, starrte auf einen mit aufdringlicher Werbung vollgepflasterten Pappbecher und musste mich fragen, wie ich damit überhaupt so lange unbehelligt durchgekommen war. Es war nicht einmal besonders schwierig gewesen. Es waren überhaupt keine dieser herausragenden Anforderungen beansprucht worden. Niemand hatte je ernsthaft versucht, mich aufzuhalten. Doch die besagte Führungsfähigkeit wurde eben vor allem dann geprüft, wenn es Probleme gab. Und die sprießen erst neuerdings in meinem Vorgarten wie Unkraut mit dem ich nicht gerechnet hatte. Ganz oben wurde behauptet, so etwas wie Probleme existiere überhaupt nicht. Lediglich zu spät erkannte und umgesetzte Lösungen. Mag alles sein! Aber für mich war jedes Problem einfach ein schnödes Problem, mit allen unangenehmen Begleiterscheinungen. Keine Herausforderung, „Challenge“, wie es uns die geschliffenen Consulting-Gurus in ermüdend penetranten Wochenend–Klausuren weismachen wollten. Diese psychologische Hirnwäsche grenzte zwar zuweilen an das amüsant Groteske, doch meist war das Gelaber für mich schlicht ein Buch mit sieben Siegeln. Unverständliches, praktisch nicht verwertbares Gefasel. Wenn Du in der Scheiße sitzt, dann helfen Dir keine Schönwetterfloskeln oder Empfehlungen von Leuten, die noch nie Dreck unter den Nägeln hatten.
Typen wie ich eben auch einer war.
Aus diesem Grund war ich Schwierigkeiten konsequent aus dem Weg gegangen, hatte sie einfach so lange zur Seite geschoben, bis sie sich von selbst verflüchtigt hatten. Oder frei nach dem Motto: Alles zubetonieren, dann wächst auch kein Unkraut mehr. Aber eben auch sonst nichts. Nun half auch dies nicht mehr. Das Unkraut wucherte unkontrolliert vor sich hin.
Doch war das alles wirklich mein Problem? Ich war kein verdammter Gärtner, kein studierter Psychologe und schon gar kein Prophet. Diese verflucht anspruchsvolle Welt konnte mich mal…

Die Fritten waren kalt und schmeckten wie feuchtes Reispapier mit einer synthetisch pampigen Soja-Füllung. Vermutlich war dies meine Bestimmung, mein Schicksal. Alleine, anonym in einem sterilen Fastfoodrestaurant ein geschmackloses Abendessen zu verdrücken, drohte zum Höhepunkt eines lausigen Tages zu werden. Hatte ich denn überhaupt irgendwelche Fähigkeiten, oder war ich lediglich ein dreister Parasit, welcher der Gesellschaft zur Last viel? Ich war zumindest ein ganz passabler Schauspieler und mein Wall hatte mich verdammt lange vor den Unwägbarkeiten eines unberechenbaren ökonomischen Schlachtfeldes ferngehalten. Aber eben nur bis zu diesem unsäglichen Moment, wo es dann richtig prekär wurde und meine zur Schau gestellte Dreistigkeit zusammenfiel wie ein Kartenhaus im Windkanal. Denn ich war einfach kein Ass was meinen Job betraf. Ganz und gar nicht. Aber ich ließ mich ohne Skrupel wie ein Ass bezahlen. Mit Schicksal hatte das ehrlich gesagt nichts zu tun.

Die verschmierte Türe des Hamburgertempels ächzte, als sich eine Großfamilie den Weg zur Theke bahnte, wo sie von einigen unmotivierten Studenten mit auswendig gelernten Standardsätzen, garniert mit einem aufgesetzten Grinsen, empfangen wurden. Das regelmäßige Schmieren der Türscharniere war anscheinend in keiner Arbeitsanweisung dieser Fließband -Verpflegungskette verzeichnet.
Vermutlich hatten Typen wie ich auch das bisschen Selbstachtung und das bescheidene Dasein der alleinerziehenden Mutter, die abgehetzt zwischen zwei Jobs noch ihre Kinder mit etwas billigen Kalorien zu versorgen hatte, auf dem Gewissen. Degradiert dazu, ihrem Nachwuchs den fehlenden Status mit billigen Imitationen etwas auszugleichen, bis sich die kleinen Besserwisser selbst in den Konsum- und Kreditrausch dieser kranken Gesellschaft stürzen konnten. Trotzdem trug sie ein charmantes Lächeln auf den Lippen, als sich die Kleinen über die grellen Verpackungen hermachten. Um diese Zeit hätte ich mich normalerweise an irgendeiner überbewerteten Veranstaltung mit einem großkotzigen Auftritt, triefend vor gestelltem Selbstvertrauen, zugedröhnt. Doch nun musste ich mich mit einigen unangenehmen Gedanken auseinandersetzen, welche ich eigentlich in einer verriegelten Schublade geglaubt hatte. Der zu knappe Minirock knabberte halbherzig in Gedanken versunken an einigen geschmacklosen Nuggets. Vermutlich wartete sie auf ihren Freund. Doch dafür zeigte sie etwas zu viel Haut. Bestimmt war sie alleine, wie ich. Weshalb sonst würde sie sich derart aufgetakelt in diesen Laden verirren. Erstaunlich, denn ihre Ausstrahlung verkündete weder Fastfood noch den Hang zu depressiver Einsamkeit.
Mein Umfeld hatte ich ohne jede Scham seit Jahren in nutzbar und nutzlos kategorisiert, den Bezug zu den Menschen offensichtlich seit langem verloren. Brauchbar oder unbrauchbar, Schwarz oder Weiß. Anstand und Gerechtigkeit priesen zwar die zahlreichen Bibeln, welche der Verwaltungsrat in Form von „Company Constitution“ oder „Code of Conduct“ regelmäßig unter das arbeitende Volk bringen ließ. Doch die Bedeutung dieser konsequent missbrauchten Begriffe betrachtete ich ohnehin bereits beim Druck als Rechtfertigungsmakulatur. Da stand ich einem Vorzeigemanager vermutlich in nichts nach. Außer einigen Unerfahrenen, die sich einen schnellen Sprung auf der mit Bananenschalen und nasser Seife gepflasterten Karriereleiter erhofften, studierte ohnehin niemand diese ganzen Alibischriften. Ja, die Masse der Beschäftigten hatte keinen blassen Schimmer, dass so etwas in diesem Laden überhaupt existierte. Denn schlussendlich ging es lediglich darum, alle unangenehmen, menschlichen Unzulänglichkeiten mit standardisierten Strukturen wo immer möglich zu neutralisieren oder mit unverständlichem Kauderwelsch den gesunden Menschenverstand gleich im Keime zu ersticken. Die Angst zuzugeben, dass man etwas so unheimlich Bedeutendes wie eine Unternehmensverfassung nicht versteht, tötet außerdem jeden auch noch so kleinen Willen zur Opposition im Keime ab. Die Meisten meiner Schäfchen waren ohnehin zu sehr mit dem eigenen täglichen Überlebenskampf beschäftigt, als sich gegen eine ungerechte Behandlung zu wehren oder sich gar für andere auf die angesägten Hinterbeine zu stellen. Aktive Mitarbeiterbeteiligung war selbstverständlich gefragt, solange keine Wünsche geäußert wurden! Denn Anliegen konnten sich blitzartig zu Forderungen auswachsen. Und dies bedeutete unberechenbare Risiken, verbunden mit Kosten. Dieses Wort wurde wie ein ansteckender Virus behandelt, den man im Zaum halten musste. Der Mitarbeiter sollte also mit harter Bandage geführt werden, jedoch vom glückseligen Gefühl berauscht, dass er es jederzeit in der Hand hätte, das Rad in seiner Tretmühle in eine andere Richtung laufen zu lassen. Was natürlich blanker Unsinn war. Er war schlicht ein unvermeidbarer Kostenblock, den es eben unter Kontrolle zu halten galt! Nichts anderes. Individualismus oder Kreativität waren außerhalb der eingeschienten Prozesse ein rotes Tuch, welches jedem unserer senilen Verwaltungsräte die Schweißperlen auf die Stirn treiben konnte. Doch das wusste ich seit Jahren äußerst effizient zu verhindern.
Dabei war ich der Meister im Weiterreichen der heißen Kartoffeln, während ich mir jahrelang das fette Fleisch auf den eigenen Teller gepackt hatte. Durchorganisierte Prozesse waren doch im Interesse von allen beteiligten und schlussendlich konnte nur einer den Häuptling spielen. Wenn ich es nicht getan hätte, wären ein Dutzend andere in der Reihe gestanden.
Genau so war es.
Doch meine laue Rechtfertigungsmasche funktionierte nicht mehr. Mein Magen rebellierte.

Die Kids am Nebentisch beschäftigten sich lieber mit dem billigen Plastikspielzeug, als mit dem Junkfood in den Papiertüten. Gerne hätte ich den Kleinen das Spielzeug, welches diese Bezeichnung kaum verdiente, zur eigenen Ablenkung abgenommen. Auch wenn es schmerzte, ich zwang mich, weiter auf der unbequemen roten Plastikschale auszuharren und mich auf einige längst fällige Reflexionen über eine Welt zu fokussieren, deren moralischen Untergang ich offensichtlich nach besten Kräften mit unterstützt hatte. Der gesunde Menschenverstand und die Verantwortung jedes Einzelnen, waren der stromlinienförmig durchorganisierten Massenabfertigung gewichen. Auch wenn ich im Prinzip ein kleiner Fisch im Haifischbecken war, ich war kräftig mit den Großen mit geschwommen. Die Fassade hinter der ich mich vor mir selbst so lange versteckt hatte, war nun plötzlich verschwunden. Ob ich es wollte oder nicht offenbarten sich dahinter die unbequemen Tatsachen. Sie spukten nun durch mein malträtiertes Gehirn wie ein aufgescheuchter Bienenschwarm. Ich, Ian Tyler, hatte diesen unsäglichen Trend ohne Skrupel auf die Spitze getrieben! Hatte den unberechenbarsten Aktivposten der Firma, den selbstdenkenden Menschen, auf das absolut überlebensnotwendige Minimum zusammengedampft. Die Menschen zu Platzhaltern für Computer degradiert, die noch zu teuer oder noch nicht genügend entwickelt waren um sie komplett zu ersetzen. Hatte ihnen die Selbstachtung und die Fähigkeit für verantwortungsbewusstes Handeln geraubt. Im Prinzip hätte mir meine Situation längst ein Magengeschwür oder noch Schlimmeres bescheren müssen. Verdient hätte ich es allemal. Doch vermutlich war ich noch zu wenig ausgebrannt oder schlicht zu jung, um die versteckten, heimtückischen Folgen dieser permanenten Verleugnung der wertvollsten Prinzipien unserer zivilisierten Gesellschaft erleiden zu müssen. Nein! Ich war einfach zu bequem gewesen, irgendetwas an mich heranzulassen, was nach echter Herausforderung oder moralischer Verantwortung auch nur schon gerochen hätte. Diesen völlig außer Kontrolle geratenen Egoismus konnte ich niemandem in die Schuhe schieben. Ich war moralisch so weit von der Route abgekommen, dass ich nicht wusste, ob ich den garantiert beschwerlichen Rückweg überhaupt würde bewältigen können. Diesen Weg würde mir das GPS meiner deutschen Nobelkarosse kaum weisen können. Es gab auch niemanden, der mir hätte helfen können. Niemanden, den ich hätte um Rat fragen können oder der mir hätte einen Rat erteilen wollen.
Doch letztlich war ich ohnehin ganz alleine schuld, denn ich hatte mir schon fast unverschämt dreist diese Aufgabe geangelt. Ja, ich hatte einmal ganz nach oben gewollt, wo ich dann auch angekommen war. Wer wollte das nicht. Doch beim Abstieg war niemand gerne dabei, ich am allerwenigsten. Doch dieser hatte bereits vor Monaten unaufhaltsam begonnen.


Die unruhigen Bälger hatten ihre garantiert nährstofffreie Mahlzeit hinuntergeschlungen und würden den Rest des Abends vermutlich mit dem elektronischen Babysitter verbringen müssen, während sich ihre übermüdete Mutter für ein lausiges Gehalt durch eine zweite Schicht würde kämpfen müssen. Die Vollbusige schenkte der kleinen Familie einen verächtlichen Blick, als sie den kalten Fertigbau unter grellem Neonlicht verließ, dessen Schatten ihren Vorbau noch verführerischer erschienen ließ. Und sie wusste das!
Zwei unberechenbar tiefgründige Pupillen taxierten mich fast unmerklich als wollten sie sagen: „Hast Du die arme Sau gesehen. Zu dämlich zu verhüten. Kann uns nicht passieren! Ach ja, hast Du noch was vor?“
Sie spielte ganz bestimmt in meiner gottverfluchten Liga. Der aufstrebende Parasitennachwuchs. Noch vor einigen Wochen wäre dieses Augenspiel auf fruchtbaren Boden gefallen. Ich wendete den Blick beschämt zu der Familie mit den schäbigen Kleidern und dem billigen Plastikspielzeug, um einen Rückfall zu verhindern. Erleichtert hörte das quietschen der Türe. Verdammt, warum hatte ich mich damals überhaupt für diesen Weg entschieden?
Der Gier nach Kohle, nach Anerkennung, nach dem großen, glänzenden Auftritt und dem berauschenden Machtgefühl waren meinen anfänglich hochtrabenden Prinzipien ohne bedeutende Gegenwehr zum Opfer gefallen. Ohne herausragendes Talent, Auszeichnungen oder Referenzen hatte ich es bewerkstelligt, in den elitären Zirkel des oberen Managements vorzustoßen, hatte mich an den vollen Futtertrog herangepirscht. Etwas, was mich bei nüchterner Betrachtung selbst am meisten erstaunte. Doch das Wissen, wie man etwas mit Verstand nüchtern betrachtete, hatte mein Arbeitsspeicher ohnehin längst gelöscht. So was wäre meinem Drang nach oben nur im Weg gestanden. Nach der Schule hatte ich erstmals den Geruch der wirtschaftlichen Unabhängigkeit gewittert und mich für den kürzesten Weg zum regelmäßigen Einkommen entschieden. Dem mäßigen Abschluss an der Handelsschule folgten dann, selbstverständlich auf Kosten meines damaligen Arbeitgebers, einige gehaltlose aber herrlich in Gold geprägte Diplome in Logistikmanagement und Qualitätssicherung, welche meinen dürftigen Lebenslauf beträchtlich aufpeppten. Obwohl ein akademischer Background heutzutage für eine Musterkarriere in börsenkotierten Gesellschaften fast ein unabdingbares Muss ist, gibt es dennoch kein zuverlässiges Patentrezept für Erfolg auf dem steinigen Weg in den ökonomischen Himmel. Die unzählige Literatur, welche dies predigt, ist Käse, welcher ausschließlich dem Herausgeber und dem Autoren mit etwas Glück den Weg zum Füllhorn der gehobenen Konsumwelt öffnet.
Ausbildung, Erfahrung und Beziehungen sind durchaus entscheidende Faktoren, da will ich nicht falsch verstanden werden. Doch wenn etwas so simples und unberechenbares wie die zeitliche Komponente nicht passt, dann sind sie schlicht wertlos. Jede Idee, jede Ressource kann am Vormittag als völlig deplatziert verworfen und am Nachmittag als die Lösung der Stunde hochgelobt werden. Ein Manager, gestern als notorischer Opportunist mit dem Testat „unfähig“ entlassen, wird morgen als innovationsfreudiger Vordenker gepriesen, um mit Boni überschüttet zu werden. Es ist alles nur eine Frage des richtigen Timings. Und das richtige Timing gehörte, gepaart mit einer Portion schauspielerischer Arroganz zu einer meiner wenigen tatsächlichen Stärken. Nein, dies waren eigentlich meine einzigen Stärken, wenn man von einem gewissen durchschnittlichen Flair für Zahlen und Computer einmal absieht. Zur Richtigen Zeit am Richtigen Ort. Müsste eher heißen: Zur passenden Zeit bei den wichtigen Leuten, ohne jegliche Rücksicht auf die, die bereits vor einem da waren oder nachweislich die bessere Besetzung für die Show gewesen wären. Dies war wesentlich einfacher, als einige Jahre an einer überteuerten Elite-Uni abzusitzen und sich anschließend blutige Ellbogen zu holen. Zum Teufel mit diesen studierten Besserwissern.

Die drei Knirpse und ihre Mutter machten sich lautstark auf den Weg an die frische Luft. Sie ließen mich mit meinem bitteren Rückblick und einem Tablett voller Müll in dem erdrückend synthetischen Raum zurück.

Von Elektrokabeln hatte ich keinen blassen Schimmer. Aber dafür verstand ich ein bisschen etwas von Logistikprozessen. Zumindest behaupteten dies meine glänzenden Diplome, welche ich in wertvollen Bilderrahmen hinter poliertem Glas zur Schau stellte. Nirgends sind diese Abläufe derart optimiert, wie im Einzelhandel, wo ich zugegebenermaßen, recht ordentlich gelernt hatte. Natürlich gab es haufenweise Leute auf dem Markt, die auch auf diesem Gebiet einen wesentlich bedeutenderen Mehrwert mitbrachten als ich. Aber niemand hatte sich das naive Mädchen als Freundin geangelt, welches zufälligerweise eine der Sekretärinnen des Geschäftsführers von Cordag Cable in Deutschland gewesen war. Einer Institution in der Branche. In dieser Eigenschaft verfügte die Kleine über die für mich wertvolle Information, dass der für Logistik und Administration zuständige Stellvertreter des Chefs in absehbarer Zeit einer nicht mehr zu kaschierenden Alkoholsucht zum Opfer fallen würde. Dann würden die über fünfhundert Mitarbeiter zwangsläufig ein neues Führungsmitglied benötigen. Also holte ich, ausgestattet mit diesem Insiderwissen und festgefahren in der durchorganisierten Verteilerzentrale eines bedeutenden Einzelhändlers, meine damalige Frau des Herzens täglich im Büro ab. Natürlich gehüllt in feinstes Tuch, ausgestattet mit Manieren, denen ich mich zuvor nie bedient hatte. Bis sie mich dann endlich ihrem konservativen Chef vorstellte. Der Rest ergab sich dann quasi von selbst und ich übersprang mal eben einige Jahre Karrierekampf, dem ich vermutlich nicht gewachsen gewesen wäre.
Als ich meinen neuen, altmodischen Boss bereits nach einigen Wochen überzeugt hatte, ein längst fälliges, neues IT System zu beschaffen, sowie die antiquierte Buchhaltung an das vom Konzern auch schon längst geforderte Finanzsystem anzuschließen, war meine Zeit endgültig gekommen! Denn die neuen Vorgänge stellten den alten Mann, wie auch seinen konservativen Buchhalter erwartungsgemäß vor unüberwindbare Hürden. Doch der träge Konzern hatte die letzten Jahre durch Übernahmen und Börsengänge anderes zu tun gehabt, als einem altgedienten Länderchef auf die Finger zu hauen. Also musste ich dieser fehlenden Einsicht etwas auf die Sprünge helfen. Der Vorstand war also blind und taub, bis ich einige, meinem Chef verschwiegene, Auftritte an der Zentrale in London eingefädelt hatte. Dort plauderte ich beim Mittagessen mit einem jungen, gierigen Kontroller ganz nebenbei über das enorme ungenutzte Potential in Deutschland, welches lediglich aus seinem mittelalterlichen Tiefschlaf erweckt werden müsste. Dann musste ich mich wieder etwas in Geduld üben, bis uns eine Bande hartnäckiger Buchprüfer heimsuchte. Diese führte ich dann, selbstverständlich terminlich optimiert während eines Urlaubs des Geschäftsführers, gezielt durch dessen altertümliches Firmenkonstrukt. Bis die Zahlenakrobaten die Führungsgilde über das von mir dargestellte Potential in Kenntnis gesetzt hatten, dauerte es dann wiederum einige Wochen. Anschließend wurde der überraschte CEO zu seinem letzten Besuch an den Hauptsitz aufgeboten, wobei mir der alte Herr aufgrund einer mehr als üppigen Abfindung am Ende sogar noch dankbar für mein trojanisches Pferd war. Jedenfalls beruhigte ich mein nur noch sporadisch aktives Gewissen damit.
In der Folge wurde das neue Computersystem noch etwas aufgepeppt und eine personelle Frischzellenkur eingeläutet. Einige Abteilungen mussten „abgewickelt“ werden. Ein billiger Euphemismus, welchen die inoffiziellen Leitlinien für Geschäftsführer als geeignete, interne Bezeichnung darlegten. Sie wurden schlicht dichtgemacht und durch computergesteuerte Prozesse wie interaktive Webseiten ersetzt oder an „kostenoptimierte“ Dienstleister ausgelagert. So verschaffte ich mir selbst drei Sekretärinnen, ein Büro mit berauschender Aussicht und einen nagelneuen Geschäftswagen, der selbstverständlich alle zwei Jahre gegen das neueste Modell ausgetauscht werden musste.
Aber was mir eben nach wie vor fehlte, war der untrügliche, naturgegebene unternehmerische Instinkt, den mein Vorgesetzter am Hauptsitz in England als Wiege des Erfolgs pries. Nur ein straff organisiertes System, bei welchem der Chef die Disziplin vorlebte, seine Meute mit einer scheinbaren Leichtigkeit durch alle Untiefen dieser teuflischen ökonomischen Ozeane lotste und damit aus dem Nichts mit selbstlosen sechzehn Stunden Tagen zum Erfolg führte. Er pflegte an endlosen Meetings sein System zu lehren, nur um unsere, aus seiner Sicht untauglichen Versuche es ihm nachzueifern, bis ins atomare zu sezieren und mit dem Testat „unbrauchbar“ abzustempeln. Bestimmt glaubte er damit vermeiden zu können, dass ein zu ambitionierter Geschäftsführer auf die ketzerische Idee der Selbständigkeit verfallen konnte, was bei mir eben mangels dieses Ehrgeizes ohnehin vergebene Liebesmühe gewesen wäre. Aber der eine oder andere potentielle Meuterer hätte sich auch in unserer Bude durchaus gefunden.

Ich machte einem älteren Ehepaar Platz, welches offensichtlich den Tag an der wärmenden Abendsonne bei einem romantischen tête à têtè‘ mit Hamburger ausklingen lassen wollte. Gemächlich schlenderte ich durch die Gassen einer Stadt, die mir nie wirklich ans Herz gewachsen war. Der Druck im Magen hatte etwas nachgelassen, die Bewegung tat mir gut. Die Aufarbeitung des Dramas scherzte nach wie vor.

Im Gegensatz zu vieler meiner Kollegen anderer Ländergesellschaften, war ich gewissermaßen unempfindlich gewesen, gegen den permanenten Druck aus der Zentrale. Denn hier konnte ich mir ein ungeschriebenes Gesetz zu Nutze machen, welches in unserer Erfolgswelt über allen anderen steht, aber in keiner dieser weisen Anleitungen zum Erfolg gedruckt wird. Wer für seinen Arbeitgeber reichlich Geld scheffelt, ohne offensichtlich gegen Gesetze zu verstoßen, war immun gegen praktisch alle Angriffe von unten oder oben. Wer darüber hinaus noch das Gefühl vermitteln konnte, dass der Laden ohne seinen unermüdlichen Einsatz zusammenbrechen würde, genoss buchstäblich unbegrenzte Narrenfreiheit. Sämtliche Konzernrichtlinien und Verhaltensregeln waren Makulatur, wenn man rechtzeitig, sowie kontinuierlich die richtigen Zahlen lieferte. Also konzentrierte ich mich, mangels anderweitiger Begabungen, eben auf das jonglieren mit Zahlen, mit schauspielerischer Brillanz meine Unverzichtbarkeit zu zementieren sowie das richtige Personal zu rekrutieren, welches zu günstigsten Konditionen bereit war, die Knochenarbeit ohne Murren zu übernehmen. Einfach den Laden am Laufen halten, anstelle nachhaltige Erträge zu sichern. Kurzfristig die Kosten drücken, die Ergebnisse optimieren. Und dies ohne die eiserne Disziplin, welche man vermutlich nur in der harten Schule einiger renommierter amerikanischer Hochschulinstitute erlernen konnte, die ich nicht einmal vom Namen her kannte. Was man mangels einer derartigen Ausstattung benötigte, hatte ich, einmal auf meinem Thron angekommen, sehr schnell begriffen. Da wo es auch nach meinen Prozessoptimierungen noch etwas menschlicher Intelligenz bedurfte, musste wohl oder übel das passende Personal her. Personal versorgte einen jedoch mit einem stetigen Strom an unangenehmen Schwierigkeiten. Und zur Handhabung derselben war ich weder motiviert noch befähigt. Also mussten die Kandidaten in mein Schema passen, nicht in dasjenige der Firma oder irgendwelcher Richtlinien unserer Human-Ressource Könige.
Vermutlich war es der Hund meiner Eltern gewesen, ein sturer deutscher Schäferhund, welcher mich auf diese fabelhafte Idee gebracht hatte. Eigentlich war es keine Idee, sondern eher eine Eingebung gewesen. Tiere konnten sich nicht verstellen. Sie besaßen nicht die unsägliche Fähigkeit, Gefühle oder Verstand zu unterdrücken oder zu simulieren. Die tatsächlichen Eigenschaften von Tieren werden meist durch falsche Klischees vermenschlicht. Die hinterlistige Hyäne, der geschwätzige Papagei oder der Elefant im Porzellanladen. Zoologisch natürlich alles blanker Unsinn! Aber diese kleinen Eselsbrücken erwiesen sich in meinem Fall als außerordentlich effektive Hilfsmittel, meine Unvollkommenheit als CEO, diesen Mangel an Instinkt zu ersetzen. Die Stärken von Mitarbeitern in der Chefetage sollten eigentlich derart gefördert werden, um sie zu Höchstleistungen anzuspornen. Deren Schwächen erkannt werden, um sie dann wiederum von diesen zu entlasten. Kombiniert mit einer ausgeklügelten Systematik der dosierten Zuckerbrot-Peitschen Methodik. Eben alles nichts für mich, denn ich hatte weder Verstand, Lust noch Ressourcen, jeden meiner direkten Mitarbeiter zu bauchpinseln oder gar die Peitsche zu schwingen. Mein Personal sollte bei Gegenwind nicht gleich kentern oder gar über Bord gehen und auch ohne den Kapitän den Dampfer in Fahrt und gleichzeitig die Truppen an der Front in Schach halten. Doch an geniale Strategen, Führungsfiguren oder Wirtschaftsgenies hatte ich dabei nicht gedacht. Natürlich zog ein renommierter Firmenname automatisch auch ausgewiesen hochkarätiges Personal an, welches an den besagten Sitzungen den Blutdruck meiner senilen Verwaltungsräte hätte in schwindelerregende Höhen schnellen lassen. Doch für solche Typen hatte ich eben keinen Bedarf. Denn diese mit MBA’s gepflasterten Lebensläufe gefährdeten kurzfristig meine eigene Karriere oder machten sich, wenn die Konkurrenz mit den großen Checks wedelte, zu einem besser besoldeten Engagement aus dem Staub. Ich wollte mir nicht in die Suppe pissen lassen! Aber kräftig darin rühren sollen sie schon. Also hatte jeder meiner Mitarbeiter an Schlüsselpositionen eben ein Pendant aus dem Tierreich zugewiesen bekommen.
Kevin Weiss, die Bulldogge! Ein wahrhaftiger Fachmann auf dem Gebiet der Finanzen. Ausgestattet mit einer Unzahl an Fachausweisen und Urkunden. Seine Bürowände waren tapeziert mit staatlich beglaubigten Zertifikaten von der Auszeichnung seiner phänomenalen Leistungen in der Welt der Zahlen als Grundschüler bis zum Fachausweis als Controller. Seine Mitarbeiter mochten den dicklichen Mittdreißiger, den buchstäblich nichts aus der Ruhe bringen konnte. Außer einer Saldodifferenz in seinen Büchern. Doch ich hatte ihn nicht aufgrund dieser fachlichen und zwischenmenschlichen Eigenschaften anstelle seines aristokratischen Vorgängers eingestellt. Dies war eine angenehme Begleiterscheinung und machte mir das Leben durchaus leichter. Doch solche Vorzüge waren eben auch gefährlich. Der eigentliche Grund, die Bulldogge aus einer Vielzahl hervorragender Bewerber und entgegen der Empfehlung unseres hochnäsigen, aalglatten Personalberaters (er nannte sich natürlich Human Ressource Consultant) auszuwählen, war das Auftreten des Kandidaten. Die allgemein in Fachkreisen vertretene Ansicht, dass der erste Eindruck kombiniert mit einem sauteuren Assessment mehr Gewicht hatte, als alle veralteten Aspekte eines konventionellen Rekrutierungsverfahrens, interessierte mich nicht die Bohne. Diese psychologisch ausgetüftelten Methoden verstand ich ohnehin nicht. Wenn ich mir das Profil einer vakanten Position zurechtlegte, dann war zuerst die Tierwelt dran. Vermutlich schlummerte ein verhinderter Zoologe in mir. Andererseits tummelten sich bestimmt schlimmere Macken auf den Chefetagen dieser Welt.
In diesem Fall ein Jagdhund also. Ein Kämpfer, ein Wadenbeißer, der nie aufgab, bis er das vorgegebene Ziel erreicht hatte. Darüber hinaus seinem Herrchen gegenüber fast unterwürfig loyal. Aber das Wichtigste: Äußerlich auf den ersten Blick fast abstoßend unattraktiv, ungelenkig, unsicher. Der Anti-Typ eines geschniegelten CFO’s, wie ihn heutzutage die gut geölte Konzernshow so inbrünstig verehrte. Er sabberte zwar nicht, aber ansonsten hatte ich genau meine Bulldogge gefunden. Er war brillant, nur erkannte das keiner auf den ersten Blick. Er selbst am allerwenigsten. Und genau dieser war ja eben mit der alles Entscheidende. Dieser Mann mit den fleckigen pastellgrünen Krawatten würde garantiert nie bis zum Auswahlverfahren eines Headhunters vorstoßen. Ich ließ ihm also den Freiraum seine schrullige Art ungehindert weiterzuentwickeln, ja unterstützte ihn praktisch diese zu zelebrieren. Kurze, karierte Hosen im Sommer oder der obligate Milchschnauz am Meeting mit Führungskräften, wo er jeweils die Unterlagen aus einem Juterucksack zog, der vermutlich bereits am Arm seiner Großmutter Woodstock miterlebt hatte. Der Prototyp meines Mustermitarbeiters. Hochqualifiziert, leistungsfähig, kostengünstig, beliebt und vor allem: bedingungslos ergeben, da nach heute gültigen Maßstäben nicht seinen Qualifikationen entsprechend vermittelbar. Der Albtraum eines jeden Headhunters. Der Typ war schlicht zu authentisch, was zwar in der heutigen Managementwelt als Allerheilsmittel gepredigt, aber natürlich auf keinen Fall gelebt werden durfte.
Meinen eigenen Platz im Tierreich hatte ich hingegen nicht gefunden. Ganz bestimmt bestand nicht die geringste Verwandtschaft zu meinem Sternzeichen, dem Stier. Es gab Zeiten, da kam ich mir wie ein Rehpinscher vor, der versuchte eine Herde dämlicher Schafe zu bewachen. Ein anderes Mal, meistens nach einigen Gläsern Alkohol, bildete ich mir ein, ein ganz oben in der wirtschaftlichen Nahrungskette den unantastbaren Platz des Königs der Tiere einnehmen zu können. Nach dem obligaten Kater fand ich mich dann aber jeweils geläutert bei den Schafen wieder, welche mir noch grösser, noch bedrohlicher erschienen, als zuvor.
Doch zurück zur Bulldogge. Kevin war der erste, echte Testfall für meine neu entwickelte Theorie. Und gleich ein Volltreffer. Weitere folgten, immer nach dem immer gleichen simplen Schema. Erstaunlicherweise jeweils mehr oder weniger vielversprechend. Wäre ich etwas gerissener gewesen, hätte ich diese Idee vermutlich verhökern können, bevor sich das Desaster dieser und anderer meiner phänomenalen Managementmethoden wie ein unheilbarer Virus ausgebreitet hatten. Das wäre vermutlich der Zeitpunkt gewesen, wo ich mir eines der von mir verschmähten Unternehmensführung-Fachbüchern hätte zu Gemüte führen sollen.

Ach ja, neben einer perfekt funktionierenden Organisation benötigt man noch Kunden, die den ganzen Zoo finanzieren. Nun, auch hier hatte ich vermutlich mehr Glück als Verstand, denn Vertrieb war einer der zahlreichen Punkte auf meiner Defizitliste. Die ineffizienten Strukturen hatten den Laden lange Zeit zwar finanziell an der Gewinnschwelle herum dümpeln lassen, aber einige, von mir, weil zu kostspielig, entlassene Dinosaurier hatten sich während vieler Jahre einen wirklich guten, pflegeleichten Kundenstamm geangelt. Der potente Kundenstamm, die ausgedünnten Strukturen und die unglaublich günstigen chinesischen Konzernlieferanten ließen danach alles wie am Schnürchen laufen. Selbstverständlich gab ich vor, aufgrund notwendiger Kundenbesuche, Qualitätskontrollen, permanenter struktureller Optimierungen und dem ach so komplizierten deutschen Staat permanent überlastet zu sein. Tatsächlich musste ich jedoch lediglich den Kontakt zu meinen wichtigsten Mitarbeitern halten und darauf achten, dass sich alle Kommunikationsströme mit den Konzern-Gurus auf meine Wenigkeit konzentrierten. Meine sonstige Hauptbeschäftigungen waren, als überlebenswichtige Tätigkeiten getarnte Teilnahmen an Fachmessen, Golfturnieren und anderen bedeutungslosen gesellschaftlichen Anlässen, welche gewiss kaum maßgebenden Einfluss auf den Geschäftsgang hatten, mich aber von echten Verpflichtungen gegenüber dem Leben und meiner Umwelt hervorragend abschirmten.

Tja, so hätte es eigentlich immer weitergehen können. Vielleicht hätte ich mir im nächsten Akt meines oberflächlichen Theaters eine hübsche Frau sowie ein Ferienhaus in der Toskana angelacht und mich in den sicheren Hafen eines Verwaltungsratsmandates hochgeangelt. Doch dummerweise hatte einer unserer Konkurrenten nicht nur die Produktion, sondern auch kurzerhand die ganze Konfektionierung und Logistik nach Vietnam, sowie die Administration nach Indien verlegt. Frei nach dem Motto, alles was aus dem Osten kommt, muss einfach besser und günstiger sein, rollte er nun den geschundenen Markt der Elektroindustrie auf und fing an, meinem bequemen Leben das Wasser abzugraben. An Golfturnieren beschworene vermeintlich unverwüstliche Freundschaften fielen dem profanen Profitdenken zum Opfer.
Meine Zahlen purzelten im freien Fall nach unten. Verzweifelt überlegte ich, wie ich diese rasante Talfahrt würde stoppen können. Ich hatte jedoch mein ganzes Tafelsilber bereits verspielt. Teure, hochqualifizierte Mitarbeiter, die den Umsatz hätten ankurbeln können, waren durch einfache systemgeführte Billigkräfte oder Computerprogramme ersetzt worden. Also musste ich wohl oder übel selbst aktiv werden. Musste mich mit Problemen befassen, mich mit einem steifen Gegenwind auseinandersetzen, was sich so überhaupt nicht mit meinem bisherigen Leistungsausweis und meiner Lebenseinstellung vereinbaren ließ. Da ich auch nach mehreren Jahren in der Branche Elektrokabel kaum nach Farben zu unterscheiden vermochte, war ich schlicht nicht in der Position, neue Kunden eigenhändig von den Vorzügen der Cordag Cable zu überzeugen. Ich wusste nicht einmal, ob unsere Produkte überhaupt irgendwelche Vorzüge gegenüber anderen Fabrikaten zu offerieren hatten. Mit Gummi umhüllte Kupferdrähte. So kompliziert konnte das doch echt nicht sein. Doch so etwas wurde an Museumseinweihungen oder Wohltätigkeitsveranstaltungen nie besprochen und es war offensichtlich doch etwas komplexer.
Alle erfahrenen und altgedienten Verkäufer waren also meiner radikalen Reorganisationsstrategie zum Opfer gefallen. Etwas belustigt hatte ich es damals das große Dinosauriersterben genannt. Sie waren jungen Call-Center Agenten gewichen, deren Fähigkeit die computergestützte Annahme eines Auftrages oder Auskünfte zu Lagerbeständen und Lieferfristen kaum überstieg. Dafür waren sie von einem Tag auf den anderen ersetzbar und vor allem billig. Das Entscheidende jedoch war, dass ich mich nicht direkt mit ihnen beschäftigten musste, denn das übernahmen meine auf zielorientierte Lösungen getrimmten Abteilungsleiter. Alles Maulwürfe, die sich penetrant durch jedes Hindernis gruben, jedoch blind- und taub waren für alles, was sich außerhalb ihrer Höhle tat.
Mit dem Potential von kaum den Windeln entstiegenen Frontkämpfern und einer tierisch kuriosen Führungstruppe, welche nur darauf getrimmt war, das Geschäft in Bewegung zu halten, waren also keine Blumentöpfe zu gewinnen. Meinen eigenen Fähigkeiten traute ich jedoch noch weniger.
Also musste wohl oder übel ein Bär her!
Carlos Wyngard war mein Braunbär. Ein gutaussehender belgischer zwei Meter Hüne, der Autorität und Fachwissen ausstrahlte. Carlos kannte die Elektrobranche. Das heißt, er wurde sogar vom Präsident des Elektroverbandes wärmstens empfohlen. Er war authentisch und sprach keine einzige Fremdsprache, was natürlich eine ideale Voraussetzung für meine Kommunikationskanalisationstaktik mit den englischsprechenden Konzernoberen war. Unser Berater hatte einen Verkaufsprofi vorgeschlagen, der fünf Sprachen beherrschte und Referenzen vorlegte, die mir suspekt vorkamen, beim Human Ressource Consultant jedoch fast einen Orgasmus auslösten. Vielleicht war es aber auch schlicht das Gehalt, auf dessen Basis seine Provision berechnet wurde, welches um fünfzig Prozent über demjenigen des Braunbären lag. Dieser würde jedoch bestimmt nie ein Wort auf Englisch mit meinem Vorgesetzten wechseln können. Carlos war also vorbehaltlos eingestellt und ich freute mich über eine weitere Attraktion in meinem Tiergarten. Die Welt war wieder in Ordnung! Das schweren Herzens erstandene Buch über Strategien einer erfolgreichen Betriebsführung schnellstens im Altpapier entsorgt.

Dieses Hoch währte nur kurz, denn leider wurden die Zahlen überhaupt nicht besser. Im Gegenteil. Eine meiner Sekretärinnen, ein flinkes, anspruchsloses Wiesel, das meine frühere Freundin bald nach dem Sturz des alten Chefs ersetzt hatte, fand mit ein paar wenigen Klicks im Internet heraus, dass der Präsident des Elektroverbandes der Schwager von unserem Bär Carlos war. Carlos mutierte also innert kürzester Zeit zum Koala. Wobei er zwar nicht zwanzig Stunden am Tag vor sich hin döste, aber das Resultat wäre vermutlich nicht wesentlich anders ausgefallen. Das gute an Koalas ist, dass sie trotz ihrer wenigen aktiven Stunden ausgesprochen wählerisch sind. Setzt man die knuddeligen Tierchen auf einen Eukalyptusbaum mit dem falschen Blattyp, gehen sie ein oder verziehen sich. Also schickte ich den lieben Carlos an einige Verkaufsseminare, die ausschließlich in Französisch abgehalten wurden. Er war zwar ausgesprochen zäh, aber nach sechs Wochen lag seine Kündigung endlich auf meinem polierten Mahagonitisch in guter Gesellschaft mit unzähligen ungelösten Problemen.

Der Mann trug eine filzige Weste, die den Eindruck hinterließ, als wäre sich an ihm festgewachsen, wie der graue, zerzauste Zottelbart. Reflexartig wischte ich mit meiner Hand über den Ärmel meines sauteuren Seidensackos weil er mich flüchtig angerempelt hatte. Als wollte ich den Kontakt zu einer Welt, die mir fremd geworden war, abschütteln. Zunehmend fühlte ich mich unwohl in meiner Haut, den teuren Kleidern, dem selbstgestrickten synthetischen Lebensmantel, der zusehends zerfiel. Wie formulierte es Konfuzius so treffend: „Geschickte Reden und ein zurechtgemachtes Äußeres sind selten Zeichen von Mitmenschlichkeit.” Ich war ganz oben angekommen und trug einen maß gefertigten Armani. War zu einem ekligen, eigenbrötlerischen und unmenschlichen Organisationsfetischisten verkommen, den die meisten Mitarbeiter von Cordag Cable Deutschland persönlich nie gesehen hatten. Hatte mich mit sonderbaren Gestalten umgeben, die mir nur deshalb ergeben waren, weil ich das falsche Gefühl förderte, dass sie woanders keine Chance hätten. Bei einigen stimmte das vermutlich auch tatsächlich. Der Laden zehrte von seiner über viele Jahre aufgebauten Substanz, welche nun dahin schmolz wie ein Softeis an der Wüstensonne. Und kein Tiefkühler weit und breit, nur surrende Heizlüfter, die mich schadenfreudig anlachten und die Zersetzung beschleunigten.
Meine kleine Galgenfrist war abgelaufen, die ich mir dank dem Kredit vergangener Erfolge hatte ausbedingen können. Montag zehn Uhr. So, dass man über das Wochenende vor dem Showdown noch an einer Präsentation schleifen und die Mitarbeiter zu Überstunden verdonnern konnte. Meine Mannschaft hatte ich jedoch bereits am Freitag mit einem von falscher Zuversicht triefenden Geschäftsleitungsmeeting ins Wochenende geschickt. Ich hatte es vermasselt und dafür hätte ich nun eigentlich den Kopf hinhalten müssen. Doch ich hatte gegenüber meinem Team einfach den Schwanz eingezogen und ein paar gehaltlose Durchhalteparolen unters gutgläubige Volk gebracht. Zunächst hatte ich mich selbst noch zerknirscht als Opfer einer Konzernmaschinerie gesehen, die mit ausgeklügelten Systemen den Mitarbeiter nur solange in den Mittelpunkt stellte, wie er dafür nicht zu viel verlangte, sowie produktiv und loyal dem Wachstum dem Gesellschaft dienlich war. Umsatzrückgänge oder gar Verluste waren etwas für Versager. Verdammt, ich war ein Teil dieser geölten Maschine geworden. Ich hatte sie, ohne einen Gedanken an die Nachhaltigkeit meiner Aktivitäten zu verschwenden, selbst in die Sackgasse gefahren. Ich war der einzige Versager in dem Laden, keinesfalls ein Opfer. Die wirklichen Opfer arbeiteten in unserer Fabrik in Shenzhen, standen sich die Beine an den Förderbändern in Mexiko in den Bauch oder mühten sich damit ab, das unbezahlbare Leben in unseren Breitengraden mit zwei lausigen Jobs zu finanzieren. Aber sicherlich gab es keine Opfer, die sich in einem achtzig Quadratmeter großen Büro, ausstaffiert mit edlen Nappaledersesseln, eingenistet hatten und nach getaner Arbeit ihren nagelneuen Siebener-BMW in eines von der Firma ausgestattetes Luxusapartment kutschierten. Ich hatte von dieser Gesellschaft genommen, was ich mit meinen bescheidenen Ehrgeiz hatte herausschlagen können. Ohne jegliche Bedenken über die langfristige Zukunft der Menschen in meinem Umfeld. Mein persönlicher Ertrag stand, so schonungslos musste ich einmal mehr Bilanz ziehen, in keinem Verhältnis zu meiner Leistung. Natürlich hatte ich kein Privatleben, keine Familie, ja nicht einmal eine feste Freundin. Doch seien wir mal ehrlich: War es in der heutigen Zeit erstrebenswert, mit fünfunddreißig als geschiedener Alimentezahler von einem unterirdischen Nettogehalt eines Befehlsempfängers zu zehren? Verdammt. Was machte das Leben eigentlich aus? Noch konnte ich es mir nicht offen eingestehen, aber meine persönliche Leistungsbilanz stand der Aktuellen der Firma in nichts nach. Mein privater Kontostand war das Einzige, was sich sehen lassen konnte: 2.4 Millionen Euro. Eine simple Zahl. Ein virtueller Betrag ohne jeglichen physischen Bezug, reduzierte ein Lebensziel auf das, was es für mich zu diesem Zeitpunkt war: Ernte, was andere gesät hatten. Wer nach der letzten Ernte wieder säen sollte, damit hatte ich mich nie auseinandersetzen wollen. Säen fehlte, wie auch das umweltfreundliche vernichten von geschäftlichem Unkraut eindeutig in meinem Repertoire. Die feige Ratte verließ vollgefressen das sinkende Schiff. Ich hatte wenigstens meinen Platz im Tierreich endlich gefunden.
So einfach war das!
Wie schon so oft legte ich meine von der Wäscherei gebügelten Hemden in den dunkel glänzenden Samsonite aus carbonfaserverstärktem Kunststoff. Eine Routine, als wäre alles noch wie die Jahre zuvor. Doch das euphorische Gefühl, welches mich an die unzähligen größtenteils unnötigen Geschäftsreisen begleitete, hatte sich so schnell verzogen, wie die kurzlebige Aura des Erfolges. Der Burger stieß mir leicht auf, doch bei Donelli oder in der Jägerstube wäre ich mir ohne aufsehenerregende Begleitung verloren vorgekommen. Die Gedanken an die üppige Schwarzhaarige verschwanden in einem leeren, unheimlichen Raum, der sich immer weiter vor meinem Bewusstsein auftat. Es bedrückte mich, dass lediglich der Stand meines Kontos vermochte mich davon zu bewahren, mich gleich vom Balkon zu stürzen.


Zanieri war ein Arschloch wie es im Buche stand. Eigentlich hätte ich mir diesen Titel auch redlich verdient, doch der kleine Italiener beanspruchte quasi das uneingeschränkte Monopol darauf. Eingepackt in überteuerte Designer-Klamotten legte er seine fettigen Wurstfinger um die Taille der angewiderten Bedienung und hauchte: „Martini on the rocks, hübsches Fräulein.“ Worauf diese sich schnellstens aus dem Staub machte. Seine angehende Glatze war, dank modernsten Haarverpflanzungsmethoden, einem, vor Gel triefenden Büschels schwarzer Fäden gewichen, die so synthetisch wirkten, wie ein billiger Mopp. Dennoch hatte dieser kostspielige Eingriff, wie bereits einige andere zuvor, seinem bereits überschäumenden Ego zusätzlichen Auftrieb verliehen. Natürlich wussten er, wie alle anderen auch, dank dem Buschtelefon bereits über meinen spektakulären Niedergang Bescheid und bedachten mich mit künstlichen „es wird schon wieder“ – Blicken. Die gierige Meute hatte wieder ein Opfer, welches den Löwen vorgeworfen wurde, um von ihren eigenen Schwierigkeiten abzulenken. Noch nie zuvor wurde ich von so zahlreichen Kollegen derart heuchlerisch zuvorkommend begrüßt. Der schleimige Südeuropäer war der Erste gewesen. Sogar die hochnäsige Leiterin der kalifornischen Gesellschaft drängte sich schlussendlich vor, um den Rohrkrepierer des Jahres mit ihrem obszönen Parfüm einzudampfen. Mein Atmungsorgan versuchte angestrengt die Luft zu dekontaminieren bevor sie der Lunge zugeführt wurde. Gleichzeitig musste ich meine Augen vom tiefen Ausschnitt fernhalten, welcher kaum in der Lage war, die geballte Masse Silikon halbwegs im Zaum zu halten. Diese Investition hatte sie vor Jahren von dem Schicksal bewahrt, welches mir nun unweigerlich bevorstand.
„Na, mein Kleiner, wie laufen die Geschäfte in Deutschland?“ Eine Retourkutsche auf eine meiner früheren Anspielungen vor versammelter Truppe an einer Bar, dass wir eigentlich mit Kunststoffen handeln sollten, weil wir davon fast unerschöpfliche Ressourcen in den eigenen Reihen hätten. Mein Status, der solche Bemerkungen zuließ, war Vergangenheit. Vermutlich kannte die Amazone die Zahlen und damit die Befindlichkeiten aller im Raum befindlichen Manager auf den Cent genau. Einer der Vorteile, wenn man mit dem Präsidenten des Verwaltungsrates ab und zu die Kiste teilte. Da konnte ich nicht mithalten.
Dieser hielt sich zunächst augenscheinlich von mir fern und bevorzugte die Gesellschaft des Finanzleiters und der Benelux–Delegation, welche vor einigen Wochen einen imposanten Großauftrag an Land gezogen hatte und die Gunst der Stunde nutzte. Das Meeting wuchs sich nach dem lauen Vormittag mit Small Talk und beschwörerischen neuen Firmenleitsätzen, wie zu erwarten in ein veritables Fiasko für mich aus, als es am Nachmittag ans Eingemachte ging: Die Kohle. Unser Verwaltungsratspräsident, Carel G. Cossner, hatte mich bereits am Ende des Stehlunches im Foyer zur Brust genommen, nachdem das amerikanische Monster von mir abgelassen hatte. Er war mit seinen fast zwei Metern und ausgestattet mit einem Oberkörper, so massiv wie ein Kühlschrank, eine stattliche Erscheinung. Seine unscheinbar wirkende, vermutlich bis zum Umfallen treue Sekretärin, hing an ihm wie eine graue Klette an einer riesigen Tanne. Die Anagramme aus dem Tierreich waren mir seit Carlos vergangen, obwohl mir hier bestimmt ein passendes eingefallen wäre.
Sie soufflierte seinen Auftritt gekonnt und hatte ihm vermutlich soeben fast unmerklich meinen Namen sowie die überraschend rasante Talfahrt meiner Ergebnisse zugeflüstert. Wusste Sie von der Vorliebe Ihres Chefs für künstliche Möpse?
„So, Ian. Habe vernommen, dass Sie auch etwas mit Gegenwind zu kämpfen haben. Hoffe Sie haben die richtige Strategie in der Pipeline. Bin gespannt, was sie uns gleich berichten werden.“ Er klopfte mir mit einer seiner Pranken auf die Schulter, während das Mauerblümchen bereits den nächsten Kandidaten ankündigte. Mein Gegenwind hatte sich in den vergangenen Monaten zu einem veritablen Orkan ausgewachsen. Mein ohnehin bescheidener Fundus an geeigneten Schritten war längst ausgeschöpft. Aus diesem Grund hatte ich mir einige nichtssagende Floskeln zurechtgelegt, welche in etwa so wirkungslos waren, wie die Empfehlung an einen erfolglosen Ofenverkäufer in den Tropen, einfach auf die nächste Eiszeit zu warten. Dem mitleidigen, gespielt bestürzten Gesichtsausdruck meiner Kollegen konnte ich entnehmen, dass dies vermutlich endgültig mein letzter Vortrag in dieser Runde gewesen sein dürfte. Denn ich kannte diesen Blick nur zu gut. In den vergangenen Jahren hatte ich ihn fast permanent aufgesetzt, um anschließend mit einigen Gleichgesinnten an der Hotelbar hemmungslos über die Verlierer herzuziehen. Diesmal befand ich mich während diesem Akt bereits auf dem Weg nach Hause.


_________________
Jeder kann Geschichten erzählen, jeder möchte Geschichten hören. "SOL" - ISBN 9783842374805
 
  Dominic 
 
Anmeldedatum 15.03.2011
Beiträge 16
Wohnort Cairns / Australien
 
 
   
   
Offshore - ist das lesbar?
  Forum für Books-on-Demand-Autoren » Lektorat
Du kannst keine Beiträge in dieses Forum schreiben.
Du kannst auf Beiträge in diesem Forum nicht antworten.
Du kannst deine Beiträge in diesem Forum nicht bearbeiten.
Du kannst deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Du kannst an Umfragen in diesem Forum nicht mitmachen.
Du kannst Dateien in diesem Forum nicht posten
Du kannst Dateien in diesem Forum nicht herunterladen
Alle Zeiten sind GMT + 1 Stunde  
Seite 1 von 1  

  
  


Powered by phpBB, advisormap.de, SEO by SEO-united.de
Literaturtipps Literaturseiten Banner & Buttons Impressum & Rechtliches