Ein lustiger Traum
Ich träume oft. Meistens etwas Schönes. Wenn der schöne Traum aber plötzlich abbricht und in einen anderen, nicht so schönen Traum hinüberwechselt, bin ich am Morgen verärgert. Ich verfüge nämlich über die seltene Gabe, mir Träume zu merken. Mama und Papa wundert das, denn sie sind traumlose Gestalten. Die gleiche Schwäche besitzen Oma und Opa. Bei denen ist es allerdings kein Wunder, denn im Alter hat sich im Gehirn jede Menge Kalk angesammelt.
Neulich – das will ich unbedingt erzählen – hatte ich einen so lustigen Traum, dass ich im Schlaf laut lachte. Was hatte ich geträumt? –
Ich befand mich auf dem Schulhof. Es war gerade Pause. Die Schüler gaben sich ihrer üblichen Pausenbeschäftigung hin. Auch Tina Mops, die seelenruhig auf einer Bank saß und genüsslich ihre dritte Milchschnitte verzehrte. Nachdem sie das getan hatte, nahm sie einen kräftigen Schluck aus der Cola-Flasche, rülpste kurz und zog einen Schokoriegel hervor.
Weil ich plötzlich die Fähigkeit verspürte, zaubern zu können, zauberte ich Tina den Schokoriegel aus der Hand. Sie guckte verdutzt. Noch verdutzter guckte sie, als der Riegel in die Luft schwebte und über ihrem Kopf wie ein Vogel kreiste. Tina begann zu weinen.
Sie flennt immer, wenn sie nicht genügend zu futtern hat. Während in Afrika hungernde Kinder sterben, mampft diese fette Tute gewissenlos in sich rein. Das ärgert mich über alle Maßen.
Mit Zauberkraft ließ ich sie nun selbst in die Luft gehen. Sie flog hinter dem Schokoriegel her,
zappelte dabei mit Armen und Beinen und schrie: „Hilfe! Holt mich runter, ich kann nicht fliegen!“
Das war natürlich gelogen, wie herbeieilende Schüler sahen. Die lachten aus vollem Halse, weil die dicke Tina noch nie über den Schulhof geflogen war. Weil ich sie nun auf und ab schweben ließ, krümmten sich einige vor Lachen. Nur Tina lachte nicht, weil sie fürchtete, gleich auf den Schulhof zu plumpsen.
Auf ihre Luftnummer waren nun auch die Aufsicht führenden Lehrer Herr Schönhaar und Herr Wohlgemut aufmerksam geworden. Stracks eilten sie auf den Haufen der lachenden Schüler zu und beteiligten sich an der Beobachtung. Weil mancher Pädagoge während des Dienstes nur selten für Späße empfänglich ist, rief Herr Schönhaar nach oben: „Komm sofort herunter, Tina Mops! Was treibst du eigentlich dort oben?“
„Ich fliege“, jammerte die Angesprochene.
„Das sehe ich“, übernahm nun Herr Wohlgemut das Wort, „für solchen Unsinn sind Hofpausen nicht gedacht.“
Die Schüler lachten noch doller, als Tina wie ein Vogel zu flattern begann. Als sie nun auch wie ein Vogel piepste, blieb einigen vor Lachen die Luft weg.
Mitten hinein in diesen Frohsinn erklang die Schulglocke. Die Schüler reagierten mit einem enttäuschten „Ooooh!“
„Nun aber rasch in die Unterrichtsräume!“ verlangte Herr Schönhaar. Und weil es ihm noch einfiel, forderte er Tina auf, das auch zu tun.
Die dachte aber nicht daran und flatterte munter weiter. Das erregte Herrn Wohlgemuts Unmut, der in aller Entschiedenheit ihre sofortige Rückkehr zur Erde forderte.
Als hätte er nun ebenfalls Lust am Fliegen bekommen, erhob auch er sich in die Luft. Mit adlergleichen Flügelschlägen folgte er Tina Mops und dem Schokoriegel.
Die Zuschauer brüllten vor Lachen. Vor allem auch deshalb, weil Herr Schönhaar seinem Ehepartner zurief: „Wohin des Wegs, Geliebter mein?“
Der antwortete mit dem Schnattern einer Wildgans.
„Ich mache mir den Schlüpfer feucht“, quiekte die etwas verblödete Ernestine Suppentopf.
In diesem Moment betrat Schulleiter Weißbescheid den Schulhof. Ihm folgten die anderen Lehrer. Herrn Weißbescheid war nämlich aufgefallen, dass die Schüler das Schrillen der Schulglocke ignoriert hatten.
„Eine Frechheit“, ereiferte sich Frl. Birnmus.
„Andere Zeiten, andere Sitten“, stieß Herr Dünnschuss ins gleiche Horn.
Kaum hatten der Schulleiter und sein Gefolge den Haufen der unfolgsamen Schüler erreicht, da erhob sich auch Lehrer Schönhaar in die Luft. Den Dahinschwebenden folgte er tschilpend wie ein Spatz.
Herr Weißbescheid wunderte sich über das Verhalten der schwulen Pädagogen.
Nun empörte sich Frau Schluckspecht über diese Ungehörigkeit.
„Wie beschämend! Jetzt gehen auch Lehrer in die Luft, um den Schülern ein unterhaltsames Pausenspektakel zu bieten.“
Die Englischlehrerin, Frl. Tippeltown, schloss sich dem Lachen der Schüler an.
Herr Weißbescheid bahnte sich einen Weg durch die Zusammenballung der Schüler und forderte diese streng auf, sofort die Unterrichtsräume aufzusuchen.
Niemand folgte dem Befehl. Oswin Meier erklärte, dass er das Schulgebäude erst betrete, wenn Schönhaar und Wohlgemut mit gutem Beispiel vorangehen.
Herr Weißbescheid guckte in die Luft und forderte das Lehrerehepaar auf, sofort den Luftraum zu verlassen und sich an der Spitze der Schüler ins Schulgebäude zu begeben.
Schönhaar hatte für diesen Befehl nur das Schnattern einer Wildgans übrig.
„Unerhört“, erboste sich Frau Schluckspecht, „ich vermisse ihr sprachliches Vorbild, Kollege Schönhaar.“
Ernestine Suppentopf erlag nun ihrer Blasenschwäche. Zwei Schüler kugelten sich, von Lachkrämpfen gepeinigt, im Schmutz des Schulhofs.
Weil es mir gefiel, ließ ich auch Frau Schluckspecht in die Luft gehen. Sie folgte dem Dreigespann und rief fröhlich „Gluck! Gluck!!“
„Kollegin Schluckspecht“, entrüstete sich der Schulleiter, „sie müssen dem schlechten Beispiel ihrer Kollegen nicht folgen.“
Die flatterte auf Weißbescheid zu und rief ungezogen: „Gluck! Gluck! Kleiner Muck!“
Weil er sich diese Beleidigung nicht gefallen lassen wollte, hob auch er vom Erdboden ab und folgte krächzend wie eine Saatkrähe der Schluckspecht.
Frl. Birnmus und Herr Dünnschuss verließen fluchtartig den Schulhof. Nur Frl. Tippeltown blieb.
Die Kräfte der Schüler erschlafften nun vollends. Einige stöhnten, weil ihnen das Zwerchfell zu platzen drohte.
Nun lachte auch ich. Das brachte meinen Traum zum Stillstand. Darüber war ich eigentlich froh, denn wer weiß, welche gesundheitsschädigenden Folgen er noch gehabt hätte. |
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Detlef Schumacher |
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| Anmeldedatum | 01.09.2008 | | Beiträge | 1200 | |
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