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Ottilie - Ihre defintiv letzte Geschichte

BeitragVerfasst am: 01.08.2010, 19:58
„Alles hat ein Ende …nur die Wurst hat zwei“, sang Papa in bester Laune, als er gemeinsam mit Mama und mir zu meiner Schulentlassungsfeier schritt. Seine vergnügte Stimmung war auf den Alkohol zurückzuführen, den er vor- bereitend in kleinen Schlückchen genossen hatte.
Auch Mama zeigte sich beschwingt, weil sie glaubte, am heutigen Abend die einzige Frau zu sein, die in einem eng anliegenden grauen Kostüm steckt. Papa hatte es ihr in einer Anwandlung von Großzügigkeit finanziert. Eigentlich wollte er mit Mama protzen, weil das Kostüm nicht nur elegant, sondern auch teuer aussah.
Als ihn Mama wegen dieser außergewöhnlichen Verschwendungssucht lobte, meinte er gelassen, dass ihm für seine hübsche Gattin nichts zu teuer sei. Mama bekam einen roten Kopf, weil sie dieses Geständnis seit der Eheschließung nicht mehr gehört hatte.
Auch Papa hatte sich zur Feier des Tages vernünftig angezogen. Die Hose seines Eheschließungsanzugs hatte Oma etwas geweitet, am Jackett konnte sie mit ihrem schneiderisches Geschick jedoch keine Änderung vorvornehmen. Damit niemand sah, dass er die Jackettknöpfe nicht schließen kann, hatte er sich einen bunten Schlips umgebunden, der ihm vor dem Bierbauch baumelte.
Die attraktivste Erscheinung war jedoch ich. Mama und Oma hatten sich bei der Ausstaffierung meines Äußeren viel Mühe gegeben. Man sollte sehen, dass meine Festkleid von Geschmack und Sinn für das Schöne zeuge. Diese Geschmacksrichtung hatte mein Outfit aber erst angenommen, nachdem ich mehrere Änderungsvorschläge abgelehnt hatte. Anfänglich sollte ich Omas Konfirmationskleid tragen. In dem sah ich wie eine verarmte Adlige des 18. Jahrhunderts aus. Selbst Mama fand diesen altmodischen Fummel unansehnlich und ließ mich deshalb in ihr Verlobungskleid schlüpfen. Damit mir das gefalle, kommentierte sie diese Verkleidung mit dem Hinweis, dass Papa ganz verrückt gewesen sei, als er sie in diesem gesehen habe.
Nachdem ich geäußert hatte, dass ich mir nun erklären könne, weshalb Papa bei ihren Modewünschen verrückt spiele, wurde ich nach meinen Vorstellungen befragt. Die zielten zunächst auf eine lockere jugendliche Art, wie sie bei Discobesuchen üblich ist. Als Mama und Oma zu hören bekamen, dass eine Jeanshose mit ausgefransten Hosenbeinen und einem Schlitz im Arschbereich modern seien, traf sie beinahe der Schlag.
„So gehe ich mit dir nicht zur Abschlussfeier“, sagte Mama entschieden. „Bedenke, dass du an einem wichtigen Ereignis auf deinem Lebensweg teilnimmst und nicht an einem Treffen von Lumpensammlern.“
So geschah es, dass ich anständig gewandet zur Schulentlassungsfeier schritt. Das reinweiße Kleid, das meinen Körper umhüllte und von meiner Unschuld zeugen sollte, veranlasste Mama zu singen: „Ganz in Weiß mit einem Blumenstrauß …“
Papa empfand das als vorsätzliche Störung seines Wurstende-Songs, weshalb er ihn mit doppelter Lautstärke in die Luft schmetterte. Das reizte nun auch Mama zu lauterem Gesang, und so begleitete mich ein Schwall heftig miteinander ringender Töne. Die fanden ein Ende, als wir den Saal hinter der Kneipe betreten hatten. Der war ähnlich festlich geschmückt wie meine Mitschüler und deren Eltern. Auch die Lehrer hatten sich zur Feier des Tages hübsch angezogen. Herrn Dünnschuss war anzusehen, dass ihm die nächsten Stunden zur Qual werden würden, denn seine Hose drohte bereits jetzt aus allen Nähten zu platzen.
Zwei angenehme Höhepunkte bietet die Schulzeit: die Ein- und die Ausschulung. Letztere war nun endlich erreicht. Elf Schuljahre hatte ich – die Ehrenrunde einbezogen - hinter mich gebracht. Sie waren überwiegend erträglich, die Zensuren nicht immer. Nach denen wird man im späteren Leben sowieso nicht befragt, meinte Papa, weil er seine eigenen schulischen Leistungen vertuschen wollte.
Während der zurückliegenden Schuljahre war ich vom Kind zur Jungfrau gereift. Siebzehn Lebensjahre hatte ich hinter mich gebracht. Als Herr Weißbescheid uns Ehemalige mit den Worten verabschiedete: „Es ist nicht genug zu wissen – man muss auch anwenden. Es ist nicht genug zu wollen – man muss auch tun“, unterdrückte ich einen Schluchzer, denn ich fühlte, dass der olle Goethe dem Schuldirektor diese Worte in den Mund gelegt hatte. Beide hatte ich ins Herz geschlossen, womit ich sagen will, dass die Schulzeit auch für mich recht nützlich war.
Nun gehe ich ins weitere Leben. Was es bringen wird, weiß ich nicht.
Hoffentlich viel Erfreuliches und wenig Unerfreuliches. Meine Eltern und Großeltern wünschten mir während der privaten Abschlussfeier anhaltende Gesundheit und artige Kinder, sollte ich solche irgendwann einmal gebären.
Jetzt bin ich am Ende meiner Geschichten angelangt. Ich hoffe, dass sie dem Leser, der bis hierhin tapfer durchgehalten hat, unterhaltsame Stunden beschert haben.
Bevor ich den Schlusspunkt setze, will ich einen sehr wichtigen Dank loswerden. Er gilt Herrn Schumacher, der allen Sätzen einen solchen Schliff verpasst hat, dass sie nicht zu naiv klingen.
Ein Teil meiner Kurzgeschichten erschien bereits unter meinem Pseudonym „Klara Klatschmohn“.
Also denn: Tschüss und gehabt euch wohl!
 
  Detlef Schumacher 
 
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