 | Ottilie - Vogelscheuchen | Verfasst am: 03.02.2010, 22:40 |
|  |
Vogelscheuchen
„Heidi Klum macht dumm!“ sagte Papa, als er Mama wieder mal den Appetit aufs Fernsehen verderben wollte. Sie wehrte sich und erwiderte: „Fußball macht blöd!“
Schon lagen sich beide in den Haaren. So einfach ist das, wenn man verheiratet ist. Da ich beim Austausch der feindseligen Äußerungen zugegen war, schlug ich mich auf Mamas Seite. Dazu fühlte ich mich verpflichtet, weil sie mit mir zum Shoppen in die Kreisstadt fahren wollte. Von Heidi Klum hielt ich zwar genau so wenig wie Papa, aber der persönliche Nutzen war mir wichtiger.
Weil Papa sich in die Enge getrieben fühlte, sandte er mir einen bösen Blick und grollte: „Das hätte ich nicht von dir erwartet, Ottilie!“ und verließ das Zimmer.
Mir war nicht wohl in meiner Haut, weil ich wusste, dass ich irgendwann Papas finanzielle Unterstützung wieder in Anspruch nehmen müsste. Als ich mich deshalb entschloss, ihm nachzueilen, hielt mich Mama zurück, lächelte gütig, streichelte mein Haar und sagte: „Dem haben wir’s aber gegeben.“
Papa tat mir in diesem Moment sehr leid, doch äußerte ich das nicht, weil das Shopping-Gefühl stärker war.
Als wir am nächsten Tag den Streifzug durch die Textilbuden unserer Kreisstadt hinter uns gebracht hatten, besaß ich einen Fummelvorrat für mindestens fünf Jahre. Das hätte mich glücklich machen müssen, machte es aber nicht, weil keine Markenklamotten dabei waren. Sommerschlussverkaufseinkäufe kotzen mich an. Lauter Ramschfetzen hatte Mama für mich erbeutet. Als ich ihre Wühlaktion an einem der Wühltische mit der Frage unterbrach, ob sie mir nicht was Modetrendiges kaufen könne, antwortete sie mit wenig Mitgefühl, dass ich bescheidener sein solle. Der Hinweis, dass meine Altersgenossen jeden Tag in geilen Klamotten stecken, erweichte ihr Mutterherz nicht, weil sie sich plötzlich in einem zähen Wühlkampf mit drei Türkinnen befand. Als eine derselben ihr einen rosa Spitzenschlüpfer aus der Hand riss, wurde Mama fuchtig. Und wenn sie das wird, ist mit ihr nicht gut Kirschen essen. Wütend riss sie das Ramschstück wieder an sich. Ich wusste zwar nicht weshalb, denn der Fetzen taugte bestenfalls als Putzlappen.
In Sekundenschnelle entwickelte sich ein schlechtes Beispiel für deutsch-türkische Freundschaft. Die Türkin zerrte zurück. Weil Mama nicht losließ, hatte dann jede eine Hälfte.
So erging es auch einem weiteren Stoffstück, das allerdings gevierteilt wurde, so dass jede etwas von ihm hatte.
Dass Mama den Beutetürkinnen nicht in die Haare gehen konnte, verdankten diese dem Kopftuch, das sie trugen.
Am Ende der Kauftournee war ich nicht glücklich über den mir zugedachten Stoffvorrat. Aber Mama war es, die mich deshalb einen ganzen Nachmittag wie Heidi Klum von einem Wäschestück ins andere dirigierte.
Oma, die als Zuschauerin an dieser Moden(Motten)schau teilnahm, zeigte sich über Mamas Auswahl entzückt.
„Wie in meiner Jugendzeit“, schwärmte sie.
Diese Einschätzung machte mich todunglücklich. Deshalb schwor ich, mich für diese vorsintflutliche Bekleidungsflut zu rächen.
Weil es an der Zeit war, Papas Zuneigung wieder zu erringen, näherte ich mich ihm von hinten, als er dabei war, im Garten Tomatenpflanzen an Tomatenstangen zu binden.
„Papilein“, sagte ich so einschmeichelnd, dass mir eine Gänsehaut über den Rücken lief,
„Papilein …“. –
Er schreckte auf, weil er mit einem zärtlichen Überfall von hinten nicht gerechnet hatte.
„Papilein“, säuselte ich noch einmal, „du bist mein bester Papa.“
Als er sich von meiner Schmeichelei etwas erholt hatte, knurrte er: „Du hast ja nur den einen.“
Ich spürte, dass in ihm immer noch die Unzufriedenheit über mein Verhalten brodelte.
Um ihm zu zeigen, dass ich meine Gesinnung geändert hatte, fiel ich ihm um den Hals und gab ihm einen Kuss. Mit dieser Methode war ich bei ihm schon einige Male erfolgreich gewesen.
„Nun mal raus mit der Sprache“, sprach er, „was willst du von mir?“
„Von dir nichts so direkt“, druckste ich, „ich will mich nur bei dir entschuldigen.“
Das erstaunte ihn. Sein Gesichtsausdruck wurde zum Fragezeichen.
Ich gab ihm schnell noch einen Kuss und legte dann dar, weshalb ich bei ihm Trost suche.
Er musterte mich von oben bis unten und meinte dann, dass ich tatsächlich Besseres verdient hätte, als eine Klumsche Vogelscheuche zu sein. Er nahm eine lange Tomatenstange, steckte sie vor mir in den Boden und sagte: „Der würden die Klamotten, die Mama dir gekauft hat, besser stehen.“
Er lachte. Ich fiel in sein Lachen ein. Und plötzlich hatte ich die Idee, die meinen Gemütszustand aufheitern würde.
„Wie viele Tomatenstangen kannst du entbehren?“ fragte ich ihn.
Er sann kurz nach, klatschte sich dann an die Stirn und feixte: „So machen wir’s! Wir veranstalten in unserem Garten eine Heidi-Klum-Modenschau. Du sollst mal sehen, wie sich Mama darüber freuen wird.“
Eine Stunde später standen in unserem Garten zwanzig bekleidete Tomatenstangen, die wie ulkige Vogelscheuchen aussahen.
Es dauerte nicht lange und zu den Scheuchen gesellten sich neugierig gewordene Gartennachbarn, die überwältigt in die Hände klatschten.
Noch ehe Mama von dem Trubel etwas mitbekam, hatten sich weitere Dorfbewohner eingefunden, die ihre Begeisterung über diese ungewöhnliche Modenschau zum Ausdruck brachten. Einer filmte sie mit der Videokamera. Er sagte, dass er sie über „You tube“ weltweit bekannt machen werde.
Mama, die schließlich mitbekommen hatte, was im Garten los war, wollte wutentbrannt die Klum-Models entkleiden. Das verhinderten aber die lachenden Gartengäste. Sie sagten, dass sie noch nie so eine lustige Modenschau gesehen hätten. Der mit der Videokamera beruhigte Mama mit den Worten, dass es nicht lange dauere und sich Funk, Fernsehen und Bild-Zeitung einfinden werden, um diese Kuriosität festzuhalten.
Wir sahen uns gezwungen, den Garten rund um die Uhr bewachen zu lassen. Diese Aufgabe übernahmen gern und freiwillig Bürger unseres Ortes.
Nach nur zwei Tagen waren die Vogelscheuchen nicht nur weltberühmt, sondern auch als seltene Kostbarkeiten begehrt. Heidi Klum sandte eine Email mit der Frage, ob sie die gesamte Truppe kaufen könne. Als sie den Kaufpreis nannte, meinte Bürgermeister Schlimmer, wir sollten feilschen. Das sei üblich.
Als Heidi schließlich eine Summe nannte, die meiner Mama fast den Atem nahm, willigten wir in den Verkauf ein.
Nun sind die Vogelscheuchen mit den Ramschklamotten nicht mehr da und ich bin traurig. Papa ist happy über die erzielte Verkaufssumme. Mama ist die glücklichste Frau unseres Dorfes, weil sie mit Heidi Klum über Modefragen im Briefwechsel steht.
Papa sagt jetzt des Öfteren: „Seid nicht dumm und guckt die Klum!“ |
|
|
|
| |
| |
Detlef Schumacher |
| |
| Anmeldedatum | 01.09.2008 | | Beiträge | 1200 | |
|
|
| |
|
| |
|
| |
|
|
|
 | | Verfasst am: 05.02.2010, 12:58 |
|  |
Was für eine köstliche Geschichte.
Sie erinnert mich an meine "Jugend". Immer, wenn ich "Papaaaaaaaaa," schmeichelte, fragte er nur :" Wieviel brauchst Du?"
Danke, daß Du Ottilie mit uns teilst.
Barbara |
|
_________________ Barbara Zell
Sängerin - Heilerin - Lehrerin und schriftlicher Kanal für Engelworte |
|
| |
|
Engelworte |
| |
| Anmeldedatum | 30.12.2009 | | Beiträge | 208 | | Wohnort | München | |
|
|
| |
|
| |
|
| |
|
|
|
 | | Verfasst am: 19.02.2010, 20:30 |
|  |
Entschuldighe bitte, Barbara, dass ich Dir erst jetzt Danke sagen.
Detlef |
|
|
|
| |
| |
Detlef Schumacher |
| |
| Anmeldedatum | 01.09.2008 | | Beiträge | 1200 | |
|
|
| |
|
| |
|
| |
|
|
|
Forum für Books-on-Demand-Autoren » Textvorstellung: Prosa
Du kannst keine Beiträge in dieses Forum schreiben. Du kannst auf Beiträge in diesem Forum nicht antworten. Du kannst deine Beiträge in diesem Forum nicht bearbeiten. Du kannst deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen. Du kannst an Umfragen in diesem Forum nicht mitmachen. Du kannst Dateien in diesem Forum nicht posten Du kannst Dateien in diesem Forum nicht herunterladen
|
Alle Zeiten sind GMT + 1 Stunde
Seite 1 von 1
|
|
|
|
| |