Winterleiden
Der letzte Winter spielte uns übel mit. Die Lust auf den Lenz war deshalb riesengroß. Selbst die wintergeilen Kinder hatten von Eis und Schnee die Schnauze voll. Mein Papa ebenso.
Wenn er morgens den Blick durch das mit Eisblumen geschmückte Fenster warf, tankte er so viel schlechte Laune auf, dass sie bis zum Abend reichte. Seine allwinterliche Aufgabe besteht nämlich darin, den angefallenen Schnee vom Bürgersteig vor unserem Haus zu entfernen. An dieser Tätigkeit findet er nie Freude, obwohl sie doch gesund ist. Gestern Morgen machte er mit beiden Händen Jagd auf fallende Schneeflocken und fluchte dabei: „Jetzt reicht es, Frau Holle! Jede Schneeflocke ist eine Flocke zu viel!“
Weil Glatteis einen hohen Rutschfaktor besitzt, muss Papa den entschneeten Bürgersteig auch enteisen. Da er die privaten Streusalzvorräte restlos aufgebraucht hatte – leichtsinnigerweise auch wegen des steten Bestreuens des Stegs von Frl. Kussmaul -, vergriff er sich an Mamas Kochsalz. Das tilgte er bis zum letzten Körnchen. Vier Tage speisten wir mittags nur noch Grießbrei mit Apfelmus.
Emma Mecker, die Kochsalz vorrätig hatte, verkaufte zugeteilte Mengen nur an Personen, die ihr auch an anderen Jahreszeiten den fetten Arsch lecken. Wir Sommerlattes halten uns von diesem Tun fern. Papa meinte, dass er sich wegen dieser Matrone den Appetit nicht verderben wolle.
Nun aber hatte er uns den Appetit verdorben, denn Grießbrei und Apfelmus hingen uns zum Hals heraus. Als Opa lüstern davon sprach, mal wieder eine gut gewürzte Suppe mit etwas Salz löffeln zu wollen, erntete er hasserfüllte Blicke von Oma, Mama und mir.
Papa, der an diesem Dilemma Schuld war, übertrug dieselbe auf die Bundesregierung, die nicht imstande sei, ausreichend Salz für Bürger und Bürgersteige bereit zu stellen. Womit er recht hatte, denn die Streusalzvorräte der Bundesrepublik waren so geschrumpft, dass nur noch der Platz vor dem Reichstagsgebäude in Berlin und der private Gehsteig vor dem Wohnhaus der Bundeskanzlerin eisfrei gehalten werden konnten.
Die Stimmung unserer Dorfbevölkerung war auf dem Nullpunkt angelangt. Die Außentemperaturen lagen weit darunter. Es herrschte eine so grimmige Kälte, dass man sich nur noch wegen dringlicher Anlässe aus dem Haus wagte. Zu diesen Anlässen gehörte leider auch der Schulunterricht. Trotz einer Protestresolution, die wir dem Schulleiter, Herrn Weißbescheid, überreichten, wurde der geistigen Vergewaltigung der Schüler nicht Einhalt geboten.
Herr Weißbescheid meinte entschuldigend, dass er sich den Anweisungen von oben fügen müsse. Granatenpaul fragte, ob das Ausdruck der Demokratie sei, dass sich die oberen Zehntausend unter Palmen räkeln dürften, während wir uns den Arsch abfrieren. Darauf wusste unser Schulei nur zu antworten, dass auch in Afrika Schnee gefallen sei. In Ausreden sind die Lehrer nie verlegen.
Eine positive Wende bahnte sich an, als in der Nähe des Friedhofs ein menschliches Ohr gefunden wurde. Es sah aus wie ein Ohr der Schneekönigin, so sehr war es gefroren. Da es von ihr nicht sein konnte, glaubte man, es gehöre dem alten Karnauke, der vor Monaten beerdigt worden war. Nachtwächter Jupp, dessen allnächtlicher Kontrollgang auch über den Friedhof führt, wollte beobachtet haben, dass der alte Karnauke punkt Mitternacht aus dem Grab steige und zum Grab der vor zwei Jahren beigesetzten Hedwig Hummer wandle. Sie war zu Lebzeiten seine Geliebte.
Bürgermeister Schlimmer entkräftete diese Vermutung mit dem Hinweis, dass bei diesen eisigen Temperaturen auch Tote nicht nachtwandeln. Der Aberglaube ist bei manchen Bürgern noch sehr tief verwurzelt.
Unser Dorfsheriff sah sich veranlasst, den Besitzer des vereisten Ohres zu ermitteln. Dabei half ihm die Feststellung, dass es sich um ein linkes Ohr handelte, denn als rechtes würde der Gehörgang nach hinten weisen. Weil wegen der sibirischen Kälte niemand draußen anzutreffen war, begab er sich in die Häuser. Seine Ermittlungen konnte er aber nur bis zur fünften Familie vornehmen, weil er dann sturzbetrunken war. Bei diesen Temperaturen heizen die Bürger gern auch von innen ein.
Landarzt Dr. Schrunz konnte nach einem Ohrlosen nicht befragt werden, weil er wegen der Unpassierbarkeit der Straßen nicht zu uns gelangen konnte. So hieß es also abwarten, wer sich bei Bürgermeister Schlimmer melden werde, um den Verlust seines linken Ohres anzuzeigen.
Nächsten Tags meldete sich Nachtwächter Jupp mit der Behauptung, der aus dem Grab gestiegene alte Karnauke hätte es ihm abgerissen. Das glaubte ihm Schlimmer nicht, weil sich Tote an Lebenden nicht vergreifen.
Als er Jupp das inzwischen aufgetaute Ohr überreichen wollte, bat ihn derselbe, die Befestigung desselben vorzunehmen. Er wolle wieder vollständig hören können. Schlimmer geriet nun in höchste Nöte, weil er nicht wusste, wie man ein menschliches Ohr am Kopf anbringt. Mittels schnurlosen Telefons befragte er seine Gattin, die versprach, mit Nadel und Zwirn sofort herzu zu eilen. Für sie tat sich wieder einmal eine günstige Gelegenheit auf, sich in den Mittelpunkt des dörflichen Geschehens zu rücken. Welch eine Sensation, wenn die Bildzeitung vermelden würde, dass die charmante Frau des Bürgermeisters einem verhutzelten Nachtwächter ein Ohr angenäht hatte.
Ihre innere Jubelstimmung ließ sie die Glätte des Weges missachten. Sie glitt aus und fiel unsanft auf ihr Hinterteil. Auf Knien rutschend nahm sie den Weg zurück.
Herr Schlimmer wartete also vergeblich. Wie er deshalb erneut zum schnurlosen Telefon griff, strich er dabei Jupps Ohr versehentlich vom Schreibtisch. Das fiel einer unterhalb der Bürodielung beheimateten Maus, die neugierig aus dem Loch schaute, direkt vor die Nase. Sie nahm es sofort an sich, denn in der Not frisst der Teufel Fliegen und eine Not leidende Maus auch mal ein Menschenohr.
Jupp, der sich aufgrund seiner Altersgebrechlichkeit nicht bücken konnte, um der Maus das Ohr zu entreißen, stieß einen heiseren Schrei aus. Bürgermeister Schlimmer ließ erschrocken das schnurlose Telefon fallen. Das sauste der Maus so hart auf den Rücken, dass sie sofort den Tod fand.
Jupp und Schlimmer waren glücklich, das Ohr vor dem mäuslichen Verzehr bewahrt zu haben.
Weil er sein Ohr nicht ein zweites Mal der Versuchung preisgeben wollte, steckte Jupp es in eine Tasche seiner Winterjacke. Er werde es zu Hause mit Uhu-Alleskleber befestigen, sagte er, als er sich vom Bürgermeister verabschiedete.
Als sich ein weiterer unerfreulicher Zwischenfall ereignete, entschied Schulleiter Weißbescheid auf eigene Verantwortung, den Unterricht vorübergehend einzustellen.
Ich war darüber so glücklich, dass ich ihm ein Küsschen auf eine Wange gab.
Was hatte Herrn Weißbescheid zu dieser Entscheidung getrieben?
Bei seiner mitternächtlichen Heimkehr aus der Kneipe hatte Sauf-Anton in den Schnee gepinkelt. In seinem Suff hatte er wahrscheinlich vergessen, dass Winter ist. Der griff mit eisiger Hand nach Antons Urin und vereiste ihn. Da stand Anton nun und kam nicht von der Stelle. Sein lauter Ruf um Hilfe weckte einen Bürger aus dem Schlaf, der Anton von diesem Stalaktiten befreite.
Bürgermeister Schlimmer erließ sofort eine Bestimmung, die jedem Bürger männlichen Geschlechts verbot, während der äußerst niedrigen Temperaturen im Freien zu urinieren.
Der weibliche Teil der Bevölkerung war von diesem Verbot aus verständlichen Gründen ausgenommen. |
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Detlef Schumacher |
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| Anmeldedatum | 01.09.2008 | | Beiträge | 1200 | |
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