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Post? Mortem? Dialog?

BeitragVerfasst am: 19.11.2011, 20:18
Post? Mortem? Dialog?

Gott: "Ich gratuliere. Du hast ein tadelloses Leben geführt und darfst deshalb in die ewige Glückseligkeit eingehen."
Otto: "Aber ich bin doch Atheist! Wahrscheinlich sollte ich besser sagen: Ich war doch Atheist."
Gott: "In der Beziehung bin ich kulant. Ich achte auf den Lebenswandel und nicht darauf wer was aus welchen Motiven heraus glaubt, oder auch nicht glaubt. Selbst Pascal ist hier und das trotz seiner seltsamen Wette."
Otto: "Ich habe eine Bitte. Können wir uns Siezen? So vertraut, dass ein Du angemessen wäre, war ich zu Lebzeiten nicht mit Ihnen."
Gott: "Ganz wie es Ihnen beliebt."
Otto: "Da nun das geklärt ist, erlaube ich mir Ihnen eine Frage zu stellen. Gibt es die Möglichkeit die ewige Glückseligkeit zu beenden, wenn ich keinen Gefallen mehr an ihr finde? Auch als Atheist habe ich religiöse Schriften gelesen: Diese Frage wurde nicht einmal erwähnt, obwohl sie doch eine immense Bedeutung hat. Denn nur ungern lasse ich mich auf langfristige Projekte ein, wenn mir keine Exit-Möglichkeit offen steht. Und die Ewigkeit ist nun mal sehr, sehr langfristig."
Gott: "Die Möglichkeit, die ewige Glückseligkeit zu beenden, ist nicht vorgesehen. Es muss Sie doch glücklich machen, dass sie auserwählt wurden. Welche Vorstellung hatten Sie denn zu Lebzeiten vom danach?"
Otto: "Für mich bedeutete der Tod immer totale Auslöschung. Für mich war das danach immer ein Nichts; Schwärze ohne Beobachter. Es ist nicht so, dass mich diese Vorstellung restlos glücklich machte. Wenn ich mir mein Ableben vergegenwärtigte, rebellierte mein Narzissmus gegen die Vorstellung des Nichts-Werdens. Schlimmer war der Tod von Verwandten und Freunden. Die radikale Endlichkeit brachte das Grauen der Endgültigkeit in mein Leben. Alles was ich den Verstorbenen zu Lebzeiten nicht gesagt habe, bleibt für immer ungesagt, alles was ich ihnen nicht Getan habe, bleibt auf ewig ungetan. Es gibt keine Chance etwas Wieder-Gut zu machen, wenn der Tod eingetreten ist. So zumindest meine Vorstellung."
Gott: "Aber warum wollen Sie dann nicht in die ewige Glückseligkeit eingehen?"
Otto: "Es ist nicht so, dass die vollständige Auslöschung nur Schattenseiten hat. Die Endlichkeit verleiht den Dingen Tiefe. Ewige Dinge sind flach und ohne Bedeutung. Und es ist auch nicht so, dass ich der Idee des Paradieses nichts abgewinnen könnte. Als Durchgangsstation auf dem Weg zum Nichts würde ich es schon gerne mitnehmen. Aber wenn ich mich auf Gedeih und Verderb der ewigen Glückseligkeit überantworten muss, dann sage ich: Nein, danke!"
Gott: "Aber warum?"
Otto: "Ich bin nicht für die Ewigkeit geeignet. Es gibt keine Wonnen, die ich nicht auf Dauer als grauenhafte Folter empfände. Ich sehe nur zwei Möglichkeiten dieses Problem zu umgehen: Die erste wäre, mich so umzuformen, dass ich Ewigkeitstauglich würde. Aber in diesem Fall müßte man mich so massiv verändern, dass meine Persönlichkeit verloren ginge. Ich wäre dann nicht mehr vorhanden. Die zweite Möglichkeit wäre, die Ewigkeit so umzugestalten, dass sie vom Nichts nicht zu unterscheiden wäre. In beiden Fällen bekäme ich das Nichts."
Gott: "Bevor Sie sich hier in philosophischen Spekulationen verlieren, sollte ich Ihnen noch etwas mitteilen: Ihr Herz hat vor wenigen Sekunden zu Schlagen aufgehört. Sie führen hier keinen Dialog, sondern Ihr bzw. mein, oder besser: das Gehirn führt einen Monolog. Was sich hier abspielt nennt man Nahtodeserfahrung, wie Du selbstverständlich weißt. Ich kehre angesichts dieser Aufklärung zum Du zurück. Ich muss zugeben: Es ist eine außergewöhnliche Nahtodeserfahrung; kein Tunnell, keine Lichterscheinung, kein Lebensfilm, keine Wiederbegegnung mit Verstorbenen. Aber Du warst ja schon immer ein seltsamer Typ. Seltsame Typen haben nun mal seltsame Nahtodeserfahrungen. Da dies jetzt geklärt ist, werde ich dir noch


Zuletzt bearbeitet von Streusalzwiese am 19.11.2011, 20:39, insgesamt einmal bearbeitet

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BeitragVerfasst am: 19.11.2011, 20:38
Interessanter Dialog, interessante Gesankengänge - gefällt mir gut.
 
  Sir Adrian Fish 
 
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BeitragVerfasst am: 19.11.2011, 21:13
mmm da hab ich wirklich Lust auf weiterlesen bekommen thumb up
Gruss Birgit

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BeitragVerfasst am: 19.11.2011, 21:35
BirgitOehmig hat Folgendes geschrieben:
mmm da hab ich wirklich Lust auf weiterlesen bekommen thumb up
Gruss Birgit


Die Geschichte ist eigentlich abgeschlossen. Dass die Geschichte mitten im Satz aufhört, ist so gewollt. Aber vielleicht verlängere ich sie, wenn mir etwas einfällt.

Danke für das Lob, auch an Sir Adrian Fish ein Danke.
thanks

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BeitragVerfasst am: 25.11.2011, 18:06
Recht amüsant.

Ich erinnere mich, vor Jahrzehnten mal eine humoristische Geschichte gelesen zu haben, in der das Paradies seine Bewohner damit nervt, dass es bis in alle Unendlichkeit immer nur die gleichen Wonnen zu bieten hat, im konkreten Fall jeden Tag Schnitzel und eine Frau wie Brigitte Bardot. Als sie aufbegehren, wird ihnen eröffnet, sie seien ja gar nicht im Paradies, sondern in der Hölle. Haha! Kann sein, dass die Geschichte von Helmut Holthaus war.

Es ist offenkundig, dass weder unser Zeitbegriff noch der von Glück ewigkeitskompatibel sind.

Arno Abendschön

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BeitragVerfasst am: 26.11.2011, 20:09
Streusalzwiese hat Folgendes geschrieben:
Die Geschichte ist eigentlich abgeschlossen. Dass die Geschichte mitten im Satz aufhört, ist so gewollt. Aber vielleicht verlängere ich sie, wenn mir etwas einfällt.


Es wäre interessant, wenn es eine Fortsetzung dieses Post?-Mortem?-Dialogs? zum Lesen geben würde. book

Zum Thema Jenseitserfahrungen, Himmel und Hölle habe ich mich an Dantes "Göttliche Komödie" erinnert: das Inferno (Hölle) ist amüsant und spannend geschrieben; dagegen ist das Paradies ziemlich langweilig und eintönig. Es ist also anscheinend so, dass ein ewiges Glück mit all seinen Wonnen nervt - so sehr, dass sogar schon die alten Klassiker nicht wirklich Lust hatten, darüber etwas Unterhaltsames zu schreiben ...
 
  Thomas L. 
 
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BeitragVerfasst am: 28.11.2011, 11:10
Danke auch an Arno Abendschön und Thomas L. für die Kommentare.

@Thomas L. : Ich habe schon noch ein paar Ideen. Vielleicht werde ich den Dialog noch etwas ausweiten.

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BeitragVerfasst am: 14.12.2011, 01:30
... hab's gerade erst entdeckt ...

Geistreich und auf etwas morbide Weise auch amüsant, finde ich. So soll es sein! cheezy grin
Gefällt mir gut. thumb up


Gruß
Prof. Elsenbrink

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BeitragVerfasst am: 14.12.2011, 03:34
Streusalzwiese hat Folgendes geschrieben:

Die Geschichte ist eigentlich abgeschlossen. Dass die Geschichte mitten im Satz aufhört, ist so gewollt. Aber vielleicht verlängere ich sie, wenn mir etwas einfällt.

Vielleicht so:
Zitat:
Da dies jetzt geklärt ist, werde ich dir noch ...

... vom wahren Tod berichten. Also, ...

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BeitragVerfasst am: 14.12.2011, 22:10
Danke Prof. Elsenbrink und Thomas Becks

@Thomas Becks: Auf den wahren Tod möchte ich eigentlich nicht eingehen. Aber Du hast mich auf eine Idee für ein anderes Ende gebracht:

"Da dies nun geklärt ist, würde ich dir noch gerne vom wahren Tod berichten. Aber über ihn -es tut mir leid- kann ich nichts sagen. Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen, hat schon Wittgenstein festgestellt. Aber ich werde noch ein paar Sätze über

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BeitragVerfasst am: 15.12.2011, 01:10
Streusalzwiese hat Folgendes geschrieben:
"Da dies nun geklärt ist, würde ich dir noch gerne vom wahren Tod berichten. Aber über ihn -es tut mir leid- kann ich nichts sagen. Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen, hat schon Wittgenstein festgestellt. Aber ich werde noch ein paar Sätze über


Außerhalb der Grenzen des Denk- und Sagbaren liegt das Mystische ...
Es ist bemerkenswert, dass auch Gott den Philosophen Wittgenstein gelesen hat Wink
 
  Thomas L. 
 
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BeitragVerfasst am: 15.12.2011, 11:42
Thomas L. hat Folgendes geschrieben:

Es ist bemerkenswert, dass auch Gott den Philosophen Wittgenstein gelesen hat Wink


Gott liest alles, was so auf den Buchmarkt kommt. Also ist Vorsicht geboten mit dem was man so schreibt. Wink

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BeitragVerfasst am: 18.12.2011, 18:44
Streusalzwiese hat Folgendes geschrieben:
Gott liest alles, was so auf den Buchmarkt kommt. Also ist Vorsicht geboten mit dem was man so schreibt. Wink


Eine treffende Bemerkung! Wink Es wäre bestimmt eine interessante Erfahrung, den dramatischen Rückgang der Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt zu beobachten, wenn sich alle AutorInnen dieses sicherlich unanfechtbaren Tatbestandes bewusst wären ...
 
  Thomas L. 
 
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