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Prolog eines alten Romans

BeitragVerfasst am: 14.06.2009, 21:50
Hatte mal einen Roman angefangen und fand meinen Prolog dann so gelungen, dass ich mich nicht an die Geschichte herangetraut habe... Schade eigentlich...

Naja hier der Prolog:

Man könnte solch eine Geschichte, wie sie sich vor fünf Jahren um mich herum zugetragen hat, sicherlich mit jenem typischen „Es war einmal...“ alter Sagen und Märchen beginnen, mit welchen man kleinen Kindern die Grundzüge gesellschaftlichen Lebens und der Gerechtigkeit beizubringen versucht, wenn man weder den schrecklich tragischen Aspekt, noch den großen Einfluss des Schicksals berücksichtigt.

Und da ich schließlich mittendrin steckte, werde ich sowohl die Tiefe aller Emotionen – auch der Tragik – als auch das Drehen des unbarmherzigen Rades, welches Personen aneinander schmiedet oder auf ewig trennt, mit all meinen möglichen Mitteln und Kräften schildern, damit jeder einzelne, der diese Zeilen liest, sie weder am Anfang, noch am Ende für eine oberflächliche Geschichte einfacher Leute hält.

Zu meinem momentanen Zustand lässt sich nur sagen, dass ich durch ein Wunder trotz gebrochenem Herzen lebe, auch wenn man ein Ge-schöpf von solcher Gefühlskrankheit und der daraus resultierenden Käl-te kaum wirklich lebendig nennen würde.

Doch vor fünf Jahren sah das noch ganz anders aus. Denn wie nur ein junger Mensch mit all seinen Hoffnungen und seiner Naivität, die Fesseln der Gesellschaft eines Tages ablegen zu können, lieben kann, war ich jenem Gefühl völlig unterworfen.

Und obgleich ich gerade nur fünf Sommer mehr zähle, habe ich sowohl jene naiven Neigungen und irregeleiteten Hoffnungen abgelegt, wie die Einsicht gewonnen, dass ein einzelner Mensch nur etwas bewegen kann, wenn seine Meinung großen Widerhall im Volk findet.

Es muss sich zumindest einer öffentlich für ihn aussprechen, damit jene scheuen Lämmer, die den Großteil der Menschen darstellen, sich ebenfalls zu jenen neuen Ideen bekennen können, ohne allzu starkes Missfallen zu erregen.

Die Entwicklung der Menschheit macht eben jenen Schritt durch, den man als absolute Subordination bezeichnen könnte. Die eigene Meinung darf also niemals in der Öffentlichkeit geäußert werden, wenn sie den moralischen oder gesellschaftlich anerkannten Werten zuwider läuft.
Mir war durch mein damaliges Schicksal jene Vorstellung der Unterwerfung völlig zuwider, was ja in den unteren Gesellschaftsgruppen keineswegs eine Seltenheit, sondern vielmehr eine weit verbreitete Ansicht war, obwohl jeder dieser armen Gestalten sie nur dadurch ausdrückt, dass er versucht, aus jenem Schamons möglichst weit aufzusteigen, aber niemals öffentlich über diese Problematik wettert.

Und wenn sich dann einer aus dem untersten Stand gegen jene statischen, fest gefahrenen gesellschaftlichen Regeln stemmt, oder sie mal eben übertreten will, dann sind selbst die übrigen Elenden gegen diese angebliche Frechheit, sich über den eigenen Status, den eigenen Stand, zu erheben, weil ihn diese Regeln und Gesetze nicht halten können.

Aber obgleich ich in diesem Moment geradezu darauf brenne, jene Ereignisse, welche mich gnadenlos genau hierhin gebracht haben, zu schildern, so muss ich mein inneres Feuer doch noch einen Moment zügeln, da es in höchster Weise unhöflich wäre, ein in den Augen der Öffentlichkeit so unmoralisches und kontroverses Schriftstück ohne eine Warnung in die Hände normaler Menschen zu geben.

Somit solltet Ihr, geehrter Teilhaber meiner Leiden, doch noch einmal über die Entscheidung, dieses Werk zu lesen, gut nachdenken, da Ihr in Eurem Innersten eventuell etwas in Gang bringt, was in der heutigen Gesellschaft besser ganz tief in sich vergraben bleibt, wie es bisher so gehalten wird.

Versteht mich bitte nicht falsch.
Selbstverständlich schreibe ich diese Zeilen, damit Ihr sie lesen könnt, und damit jene am besten verschwiegenen Gefühle sich auch einmal klar in der Öffentlichkeit präsentieren, doch möchte ich keineswegs falsche Hoffnungen auf simple Romantik enttäuschen, welche möglicherweise auf den folgenden Seiten erwartet wird, wenn die Erzählung schon lang im Gang ist, und Ihr Euch unglücklicherweise gezwungen seht, sie noch gar bis zum unheiligen Ende zu verfolgen.

Wenn mich heute jemand erleben würde, der mich noch aus meinem früheren Leben kennt, so würde er sich nicht vorstellen können, dass ich nur fünf Jahr gealtert sein soll, da man weder jene jugendlichen Eigenschaften noch diese blinde Hoffnung mehr in meinen Augen findet.
Da die Augen bekanntlich der Spiegel der Seele, der innersten Bewegungen und Emotionen, ist, schrecke ich heute immer öfter vor meinem eigenen Antlitz zurück und verfluche das Leben, welches mir keinen anderen Weg zuließ, das mich immer weiter vor sich her trieb, bis ich mich gar zu weit von ihm trennen wollte.

Oh nein, verehrter Leser, dies ist keine Abschiedsbrief an Hinterbliebene, denn solche habe ich heute nicht mehr, in erster Linie soll dieses Schriftstück an alle gerichtet sein, damit sich die Gesellschaft nicht kopfschüttelnd von diesem armen Irren abwendet, sondern seine Beweggründe bis in die letzte Faser ihres Herzens verstehen und nachempfinden kann.

Ich wage kaum zu hoffen, dass dieses Werk jemals der breiten Masse zugänglich sein wird, schon allein wegen seines unerhörten Inhaltes, dennoch möchte ich für den Fall der Fälle nun etwas genauere Ort- und Zeitangaben machen.

Momentan haben wir das 152. Jahr der Herrschaft der Königsfamilie Kisuaù und damit das 2058. seit der großen Reform der Könige.
Wir nennen es moderne Zeiten, auch wenn die Missstände in der Gesellschaft meiner Meinung nach zwangsläufig geändert werden, was dann erst die Modernität, also Optimierung der Lebensumstände der gesamten Gesellschaft, hervorrufen wird.

Der Ort meiner Geschichte ist Finrau, eine kleinere Marktstadt im Norden von Fulria.

Und umso mehr ich nun darüber nachdenke, desto mehr ziehe ich auch in Betracht, dass völlig fremde Menschen dieses Schriftstück in die Hände bekommen werden, da ich ja in Zukunft mein möglichstes dazu tun werde - und Ihr könnt mir glauben, dass mir schon heute sehr viel möglich ist.
Da ich nun schon die wunderbarsten Ideen und Vorstellungen der nächsten Zeit habe, in der völlig andere Regierungs- und Gesellschaftsformen die unsere ersetzen mögen, sehe ich mich selbstverständlich gezwungen, jene zu schildern, in welcher die folgende Handlung spielte.
Die Regierung setzt sich freilich sowohl aus einem geistigen, als auch aus einem weltlichen Teil zusammen, die aufs Engste kooperieren müssen, um die Macht zu behalten.

Mittlerweile war ich schon in verschiedenen anderen Reichen, zu denen ich gleich einige Unterschiede aufzeigen kann.
Zum einen leben die übrigen Menschen um einiges kürzer als wir, weshalb sie uns nicht als normale Mitmenschen betrachten, sondern schlicht nach unserem Land als Fulrianer bezeichnen.

Wenn ein Fulrianer mit 780 bis 800 Jahren auf die andere Seite überwechselt, so macht dies ein Ausländer bereits zwischen 60 und 70 Sommern.

Ich meine dadurch aber auch extreme Probleme für die Entwicklung von Fulria zu erkennen.
Diese lange Lebensdauer führt im Gegensatz zu anderen Ländern zu einer ziemlich langwierigen und schwierigen Weiterentwicklung sowohl im Staatswesen als auch in der Gesellschaft.

Jene bereits genannten Ideen haben es um ein vielfaches schwerer, von Fulrianern angenommen und umgesetzt zu werden, als von jenen kurzlebigen Menschen benachbarter Reiche.

Andererseits beinhaltet es natürlich auch den Vorteil einer immens größeren Stabilität der Herrschaft des Reiches und damit auch ein besseres Fundament für florierenden Handel und dadurch Wohlhaben der Bürger.

Aber ich schweife ab.
Zurück zur Regierung mit ihren verschiedenen Aspekten.
Auf weltlicher Ebene herrscht eine König mit einigen Beraterversammlungen aus dem Adelsstand.

Und obwohl die Gesetze, die vor langer Zeit zum Ordnen des Reiches installiert worden waren, besagen, dass die Königswürde vererbt wird, zeichnet sich seit ein paar Legislaturperioden ab, dass beim Tod eines Herrschers die verschiedenen Adelshäuser um die Macht kämpfen und nicht selten geht die Krone dann in ein anderes Haus.

Unser momentaner König, Siren wu Kisuaù, ist dazu noch ein recht konservativ eingestellter Herrscher, der zwar geduldig genug ist, sich die verschiedenen Vorschläge seiner Berater anzuhören, daraufhin aber sämtliche, die irgendwelche Neuerungen bewirken könnten, samt und sonders als unnütz abschlägt.

So kommt es, dass sich alle meine Hoffnungen, mit einem neuen Herrscher einen Wandel in der Gesellschaft mitzuerleben, allmählich verkümmern.

Doch nun möchte ich Euch noch, verehrter Leser, meine persönlichen Lebensumstände schildern, bevor ich mich völlig in die damalige Zeit zurückversetze und völlig vergesse, meine Hintergründe und Vergangenheit angemessen darzustellen.

Nun bitte ich Euch aber, sie zuerst im gesamten anzuhören, bevor Ihr dieses Werk schon nach den wenigen Zeilen gelangweilt zuklappt.

Geboren bin ich heute auf den Tag genau vor 75 Jahren.
Tatsächlich ist einer der Gründe, warum ich mich plötzlich als Verfasser versuche, dass ich aus dem Anlass meines Geburtstages über meine Vergangenheit sinnierte und schließlich zu dem Schluss kam, dass solch unglückliche Geschichten, da sie ja doch recht selten an die Öffentlichkeit kommen, etwas bewegen können, wenn schon nicht im Volk, dann in Euch.

Ja, ich setze all meine Hoffnungen allein in Euch.
Da mir die Zukunft gerade noch verschlossen bleibt, habe ich quasi durch diese Zeilen die Möglichkeit einer Art Zeitreise.
Wenn auch nicht mein Verstand und meine Augen sie erkennen, so werden doch gerade jetzt diese Zeichen, meine Wort, in der Zukunft gelesen und aufgenommen.

So habe ich die Chance, meinen Traum, wenn schon nicht im Leben, dann zumindest im Tode, doch noch zu erreichen.

Nach meiner Geburt wurde mir im Waisenhaus, wo ich die folgenden 27 Jahre verbrachte, auf den Namen Nimgôl gegeben, der ein Wort der alten Sprache ist und soviel wie "Wasserholer" bedeutet.
Das war dort schließlich auch meine Aufgabe, sobald ich mit drei Jahren dazu in der Lage war.

Doch mir missfiel dieser Name von Anfang an; zum einen, da es fünf weitere Nimgôl in dem Waisenhaus gab, und er deshalb weder meinen Charakter ausdrückte, noch meinem Wunsch nach Individualität entsprach, und zum anderen, weil dadurch meine Person auf den bloßen Beruf reduziert wurde, obwohl ein Mensch nur zu einem Bruchteil durch seine Arbeit identifiziert werden kann.

Es war ein recht großes und dauerhaft überfülltes und überlastetes Waisenhaus, weshalb ich es den Angestellten wohl kaum in irgendeiner Hinsicht übel nehmen kann, mit so lieblosem und kategorischem Denken an die Namensgebung heran gegangen zu sein.

Dennoch bleibt ein leichter Missmut wie ein übler Nachgeschmack übrig, wenn ich an meine frühe Jugend denke, wo ich nur wie ein winziger Bruchteil in einem fein säuberlich geordneten System behandelt wurde.

Als mir in meinem 28. Lebensjahr diese Tatsache allerdings nicht mehr fortführbar schien, durchbrach ich die Ketten, die mir meine namenlose Geburt ohne Eltern und Herkunft auferlegt hatte, floh aus der Struktur in die nahe gelegene Stadt Finrau, wo ich mich selbst Kietrò nannte und mich als unwissenden Bauernburschen ausgab.

Ob meiner gänzlich fehlenden Ausbildung lässt sich allerdings sagen, dass mir das Kunststück, mich relativ dumm und naiv aufzuführen, ganz gut glückte...

Die folgenden Jahre musste ich zwar schwer auf einer Farm arbeiten, genoß aber dabei das Leben in Freiheit und Individualität.
Natürlich war mir damals selbst gar nicht klar, warum ich die Zeit im Heim so verabscheute und die härteren Jahre danach so liebte.

Später zog ich gern etwas umher und sammelte so manche Erfahrung, die man unbedingt einmal machen sollte, aber auch andere, die besser vermieden werden.

Irgendwann, als ich schon viele verschiedene Orte gesehen hatte, kehrte ich wieder in die Stadt zurück, in welcher meine ganzen Wanderungen ihren Anfang genommen hatten: Finrau.

Und obwohl mich in anderen Gegenden nie irgendetwas gehalten hatte, weder die Leute noch spezielles Essen oder sonst irgendetwas, verbrachte ich im Anschluss sehr viele Jahre in Finrau.

Freilich lässt sich heute völlig objektiv über jene Zeit sagen, dass mich gänzlich neue Gefühle an diesem Ort gefangen nahmen, allerdings empfand ich es teilweise auch wie meine Heimkehr nach einer langen Reise.
Quasi als schlösse sich ein Kreis in meinem Leben, und in mir kehrte Ruhe ein.

Eine Ruhe, die einen allerdings nur erfasst, wenn man diese tiefe Empfindung erfährt, am Ziel, am absoluten Endpunkt angekommen zu sein.

Dieser innere harmonische Gleichklang von Start und Ziel zeigt einem völlig neue Dimensionen der Welt im Äußeren und im Inneren, sodass ich sehr viel neues entdeckte, obwohl ich sowohl die Gegend als auch die Leute dort noch von früher kannte und mich schon nach kurzem wieder heimisch fühlte wie vor der Zeit der Reisen.

Ich begann mal wieder mir mit Schwerstarbeit auf dem Felde etwas aufzubauen, was ich allerdings bald wieder aufgab, da mir durch die während meiner Wanderungen kennen gelernte Freiheit jene der Sklavenhaltung gar nicht so unähnliche Arbeitsbedingungen nun gänzlich missfielen.

Im folgenden beginne ich meine Geschichte, als ich mir gerade erst mit dem Diebesgeschäft den Lebensunterhalt verdiente, und schildere auch wie ich damals empfand, denn zu jener Zeit konnte ich das noch sehr gut, und auch, wie ich meine damalige Person aus dem heutigen Standpunkt heraus sehe.


So, Projekt abgeschlossen. Dürft aber gerne schreiben, dass es euch gefällt Wink
 
  Myra 
 
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BeitragVerfasst am: 14.06.2009, 22:00
Ich denke wir haben hier die Enkelin von Günther Grass hocken- Der Text ist schlau, er trieft vor Intelligenz, ist fast so dick wie Nutella und zeigt einem Verständnis der Worte wie kaum etwas anderes- doch der Literaturpreis wartet auf weniger Schachtelsätze und ein gewisses Maß- eine Seite hätte genügt- hätte man ja in Etappen hier einstellen können.

thumb up
 
  Kris. K. 
 
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BeitragVerfasst am: 14.06.2009, 23:19
Hallo myra,

kann nur sagen: bin beeindruckt, ehrlich!!!
Ist zwar wirklich viel für den Anfang, aber es lohnt sich.
Macht Lust auf mehr...
Gruß,
Frank
 
  Frank K. 
 
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BeitragVerfasst am: 15.06.2009, 05:32
Tja, Frank, mehr wirst du davon wohl nicht kriegen. Hab das Projekt beendet, weil ich den Schreibstil nicht fortführen konnte. Eigentlich irgendwie schade drum, aber hab ja dafür was Neues begonnen...
 
  Myra 
 
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