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BeitragVerfasst am: 12.07.2009, 16:33
HuWes hat Folgendes geschrieben:
Ein übler Text.

Nicht weil er aus sehr langen und sehr verschachtelten Sätzen besteht, sondern weil sich der Autor in diesem selbstgebastelten Labyrinth hemmungs- und rettungslos verläuft.

Es war, soweit ich mich noch erinnern kann (was verwunderlich wäre, falls nicht), kurz davor eine prächtige „schneeweiße Weihnacht“ zu werden, die Voraussetzungen waren jedenfalls gegeben, damals als wir( meine Familie und ich ) geschätzte 3-4 Monate davor nach Hannover-Kirchrode gezogen kamen.

Die erste Hälfte dieses Satz funktioniert noch, die zweite hingegen überhaupt nicht, da sie einen fehlerhaften Zeitbezug aufbaut. Zunächst ist die Rede von Weihnachten, also einem konkreten durch den Kalender bestimmten Zeitpunkt. Es droht sogar, eine weiße Weihnacht zu werden, jedenfalls sind die Voraussetzungen dazu gegeben, und das bereits drei bis vier Monate vorher, als der Ich-Erzähler in den genannten Stadtteil zog. Drei bis vier Monate zuvor, das wäre August/September - recht beeindruckend, wenn da bereits die Voraussetzungen für eine weiße Weihnacht gegeben sind. Nein, nicht beeindruckend, es ist einfach falsch.

Wie schon unausgesprochen erwähnt, dominierte eine, in unserer Landeshauptstadt so seltene Kälte, wie Schnee.

Der Satz geht gar nicht. "Unausgesprochen erwähnt" - wie macht man das? Bitte vormachen! Das Komma hinter "eine" verstehe ich auch nicht. Wenn "in unserer Landeshauptstadt so seltene Kälte" einen Einschub darstellen soll, der vom Hauptsatz per Komma abgetrennt wird, dann lautet der Satz:

Wie schon unausgesprochen erwähnt, dominierte eine wie Schnee.

Solche Sätze sind eines Schriftstellers unwürdig.

Aus diesem Grund galt meine vollkommene Bewunderung am Tag des Heiligen Abend nicht dem, für die Christmette erhaltenen neuen Anzug, sondern eher einer Familie, Freunde unserer, die am 24. ihr neues Haus, welches sich auf um 200m Distanz erhöht, von meinem Kabuff erstreckte, bezogen und dabei , ob sie nun wollten oder nicht, den Witterungsverhältnissen anpassend trotzten.

Als erstes frage ich mich auch hier, was das Komma nach "dem" für eine Funktion haben soll. Gleiches gilt für das Komma nach "erhöht". Warum steht dort ein Komma? Beginnt dort ein neuer Nebensatz? Handelt es sich um einen Einschub? Beides wage ich zu bestreiten. Die Kommasetzung ähnelt einem Salzstreuer, dessen Inhalt sich großzügig über die Tischplatte verteilt.

Der genannte Ortsteil in Hannover muss ein putziges Stadtviertel sein und die Charakteristika der Hochalpen aufweisen, immerhin will uns der Autor Glauben machen, das Haus der befreundeten Familie stünde 200 Meter höher als das eigene. Hannover liegt meines Wissens in der norddeutschen Tiefebene und mitnichten dürfte es innerstädtische Anstiege von 200 Metern oder mehr geben.

Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht hätte ahnen können, dass jemand, in geringer Zeit, dem Charme der Natur nicht widerstehen konnte.

Man mag es literarische Freiheit nennen, aber ich betrachte solche Sätze bar jeden Hauptsatzes als sprachlich derangiert.

Im wahrsten Sinne des Wortes.

Erzähle ich bis dahin fort.

Schleichend, gleich einem stillen Hasen auf Samtpfoten, setzte die Dämmerung ein und mit ihr, genauso auffällig unauffällig, wobei man das „auffällig“ als ein „ an-ein-nicht-gedachtes Problem“ betrachten sollte: das Glatteis.


Hier betrachte ich das gewählte Bild "gleich einem stillen Hasen auf Samtpfoten" als gescheitert. Der Begriff der Samtpfote wird der Katze zugeordnet, nicht dem Hasen. Nun mag man diskutieren, ob die Samtpfote nicht doch auf den Hasen zu übertragen wäre, allein schon aus literarisch-künstlerischen Gründen. Ich denke nein, denn die Pfoten eines Hase sind grundätzlich anders aufgebaut als die einer Katze. Eine Katze benötigt Samtpfoten, um sich an ihre Beute heranzuschleichen, ein Verhalten, das ein Hase niemals an den Tag legen würde.

Adrett angezogen, sich auf den Abend vorbereitend, klingelten die eben zugezogenen Anwohner mit der Frage, ob ich denen meinen kleinen Tannenbaum, der von mir aus meinem Ersparten, wegen einer Traumverwirklichung (meine eigene Tanne) erworben wurde, stiften könne, auf Grund der Tatsachen, da deren Pflanze, die in der Garage überwintern musste, weil für die Kinder der Weihnachtsmann trotz der mittlerweile 100 Jahre Existenz, keineswegs ein toter Methusalem war, gefrostet wurde und beim Befreiungsakt, des Auftauens wegen, der Baumwipfel den Abgang machte ( abgesägt, um es zu konkretisieren) und trotz alledem nicht mehr durch die Tür passte.

Auch hier stimmt die zeitliche Abfolge nicht. Offenbar ist der Autor unsicher im Umgang mit dem Partizip Präsens. So stehen die jüngst zugezogenen Nachbarn "sich auf den Abend vorbereitend" vor der Tür und klingeln. Sie klingeln und bereiten sich gleichzeitig für den Abend vor. Wie?
Das "da deren Pflanze" nehme ich als Vertipper, wo das Doppel-s unterschlagen wurde. Sollte jedoch tatsächlich das "da" als das gemeint sein, wie es dort steht, so funktioniert der Satz nicht mehr in der Form, wie er zum "da deren Pflanze" hinführt: "auf Grund der Tatsachen" erfordert ein "dass", nicht ein "da".

So jovial, wie ich nun mal bin und durch den Hintergedanken: „Do, ut des“ - ( Ich gebe, damit du gibst! ) motiviert, versprach ich den Baum hochzubringen.

Nolens volens.

Im Auto auf den Weg zur Liturgie, als es bei den Heiligen Engeln in Kirchrode anhielt, gelang, was ausnahmsweise nicht nur mir geschah, den meisten Besuchern übrigens auch, mir, des Glatteises wegen: Die Straße verwandelte sich in einer Schlittschuhbahn, fast die Zähne an der Bordsteinkante auszuschlagen.


Hier geschieht jenes, was ich eingangs schon einmal erwähnte: Das Satzkonstrukt wird so artifiziell, dass sich der Autor hemmungslos in seinem Gedankenstrukturen verirrt. Bertachten wir den letzten Absatz für sich und untersuchen ihn stückweise:

Code:
Im Auto auf den Weg zur Liturgie,
   als es bei den Heiligen Engeln in Kirchrode anhielt,
gelang,
   was ausnahmsweise nicht nur mir geschah,
      den meisten Besuchern übrigens auch,
mir,
   des Glatteises wegen:
Die Straße verwandelte sich in einer Schlittschuhbahn,
fast die Zähne an der Bordsteinkante auszuschlagen.

Wie lautet nun der Hauptsatz, ohne jeden Nebensatz, ohne jeden Einschub?

Im Auto auf den Weg zur Liturgie gelang mir:
Die Straße verwandelte sich in einer Schlittschuhbahn,
fast die Zähne an der Bordsteinkante auszuschlagen.


Ohne die Schlittschuhbahn hätte der Satz vielleicht noch eine Chance gehabt.

Finsternis und astronomische Gebilde umkreisten meinen Kopf.

Das einzige, was noch leuchtete, war des Ereignisses wegen, die erscheinende Klarheit des einmal von meinem Lehrer losgelassenen Zitates: „ Per aspera ad astra. - ( Durch Steiniges Mühen zu den Sternen.).


Was sich weiter oben bereits andeutete, setzt sich hier fort: Die Salzstreuertaktik der Kommasetzung. Macht das Komma nach "wegen" irgendwie Sinn? Entweder wird "des Ereignisses wegen" zu einem Einschub erklärt - was dann zu einem Komma nach "war" führt -, oder das Komma nach "wegen" ist der Salzkrümel zuviel auf dem Küchentisch. Interessant in diesem Satz ist auch die Vertauschung von Substantiv und Adjektiv durch den Autor. Das artikelbehaftete "einzige" (Artikel sind ein ziemlich untrügliches Zeichen in Richtung Substantiv) müsste groß geschrieben werden, während der Ausdruck "Steiniges Mühen" aus einem Adjektiv samt folgendem Substantiv besteht, wobei das Adjektiv dann logischerweise klein zu schreiben ist.

So wie Fortuna allen bekannt sein dürfte,. braucht es nicht an Debilität zu leiden, um nicht zu verstehen, dass sie sich schon Sorgen wird, mir noch eine Gelegenheit zu schenken, den Medikus mit Geld zu schmeicheln.

Zunächst entdecke ich da einen Punkt. der direkt auf ein Komma folgt - höchst ungewöhnlich in der deutschen Schriftsprache. Wer im Folgesatz mit "es" gemeint ist, entzieht sich mir.
War dem Autor oben der Unterschied zwischen Substantiv und Adjektiv nicht klar, so zeigt er hier Kenntnislücken beim Unterschied zwischen Substantiv und Verb: "Sorgen" in Verbindung mit "wird" bedeutet Kleinschreibung, im Zusammenhang mit "machen" würde "Sorgen" groß geschrieben.
Lange habe ich gegrübelt, ob der letzte Nebensatz nicht eine Dativ statt Akkusativ erfordert. Letztlich hat mir ein schlaues Buch mitgeteilt, dass "schmeicheln" mit einem adverbalen Dativ zu setzen ist. Die Akkusativform gilt als veraltet.

Willems, Pottelberge - Geschichte und Systematik des adverbalen Dativs im Deutschen hat Folgendes geschrieben:
Heute wird schmeicheln im Prinzip mit einem adverbalen Dativ verwendet (jmdm. schmeicheln; es schmeichelt ihm; diese Worte schmeicheln seiner Eitelkeit usw.)


Da das Wort der allerseits geliebten Glücksgöttin Gewicht hat, schritt ich sogleich zur Tat.

Auf dem Weg, per pedes natürlich zu den Nachbarn, welcher anstieg und zudem vom glatten Eis pingelig zugefrostet war, war nicht anders zu erwarten gewesen, rutschte dreimal aus und nahm freundschaftlicherweise, so wie es sich gehört, meinen Vater gleich mit und wir kugelten, einer schweren Stahlkugel gleich, den Hang hinab, wie Hannibal vor den Toren, was dazu führte, dass der Aufstieg erst beim vierten Versuch - zum Glück - erfolgreich war.

Ich übergab die Tanne: „Vivat, crescat, floreat!“, mit der hoffnungslosen Erwatung: „Ecce homo!“ ( „Sieh, welch ein Mensch!“).


Hier arbeitet der Autor mit einem ungenauen Rückbezug, denn nicht der Nachbar steigt an und ist pingelig zugefrostet, sondern der Weg.
Im Hauptsatz übt sich der Autor ein weiteres Mal in der Kunst der Ellipse, nur führt das hier zu erheblichen Verständnisschwierigkeiten und nicht zu stilistischer Schönheit.

Code:

Auf dem Weg,
   per pedes natürlich zu den Nachbarn,
   welcher anstieg und zudem vom glatten Eis pingelig zugefrostet war,
      war nicht anders zu erwarten gewesen,
rutschte dreimal aus und nahm freundschaftlicherweise,
   so wie es sich gehört,
meinen Vater gleich mit und wir kugelten,
   einer schweren Stahlkugel gleich,
den Hang hinab,
   wie Hannibal vor den Toren,
   was dazu führte,
      dass der Aufstieg erst beim vierten Versuch
         - zum Glück -
      erfolgreich war.

Was der gute Hannibal jedoch mit einem Hang hinunter rollenden Stahlkugeln gemein hat, hat sich mir auch nach mehrfachem Lesen dieser Zeilen nicht erschlossen.

Sprachlich erinnert der Text an einen Juristen, der nach 40 Jahren Berufstätigkeit eine vermeintliche literarische Ader in sich entdeckt zu haben glaubt und den Stil behördlich gewünschten Amtsdeutschs in eine recht banale Erzählung einfließen läßt.

Nicht jeder, der sich für einen verkappten Thomas Mann (oder Thomas Bernhard cheezy grin ) hält - oder gehalten wird - und solch verunglückte Texte präsentiert, sollte sich Schriftsteller nennen. Das ist dieser Berufsbezeichnung unwürdig.

Das Bewertungsschema gibt Schulnoten von 1 bis 5 vor. Wohlweislich bleibt die 6 außen vor. Schade.

Kollegiale Grüße
Hubert


Danke Huwes das war die beste Kritik die ich jemals über eine Kurzgeschichte gelesen habe. Echt , sie zeugt von Qualität und das der Verfasser Ahnung hat. Ich werde unte Umständen versuchen mir ein paar (vielleicht auch nur einen Punkt) zu Herzen zu nehemn. Danke solche reifen Rezensionen sind erwünscht nicht wie vo einigen intelligenten Kollegen :

mies, das Gedicht ist ne 0, blöd etc.

VIELEN DANK!!!!!

_________________
- Kunst ist zwar nicht das Brot, aber der Wein des Lebens. -
Johann Paul Friedrich Richter
 
  autoranton 
 
Anmeldedatum 22.02.2009
Beiträge 263
 
 
   
   
"Quo vadis?" - Kurzgeschichte von Anton Cos
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