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Rufmord

BeitragVerfasst am: 19.09.2011, 19:27
Rufmord
Luipold L. war ein ehrbarer Mensch. Schon als Säugling war er darauf bedacht, die Windeln wenig zu beschmutzen. Das freute die Eltern, und sie schenkten ihm all ihre Liebe und viele Spielsachen. Die elektrische Eisenbahn konnte er erst in Fahrt bringen, als er den Windeln entwachsen war. Die Zuckertüte, die ihm den Start ins Schülerdasein versüßen sollte, war so prall gefüllt, dass er unter ihrer Last zusammenbrach. Da auch Gott ihm etwas geschenkt hatte, nämlich grenzenlose Güte, verteilte Luitpold den Inhalt der Zuckertüte an die Lehrer. Sie hatten keine Zuckertüte erhalten. Als sie freundlich abwehrten, begann er zu weinen. Da flossen auch ihnen Tränen aus den Augen.
Die Gutherzigkeit des Jungen bewirkte, dass er in kürzester Zeit zum gelobtesten Schüler wurde. Das verärgerte die, die ihm diese Gunst neideten. Deren Anfeindungen und Gehässigkeiten ertrug er mit Geduld. Schlug man ihm an die eine Wange, hielt er die andere hin. Seine Eltern hatten ihn gelehrt, Schlagen zu ertragen. Geisteskraft gehe vor Muskelkraft.
So wuchs der zurückhaltende Knabe zu einem jungen Mann heran, den nun ein anderer belästigte. Amor schoss einen Liebespfeil in Luitpolds Herz. Der fühlte den Schmerz, wollte ihn aber tapfer ertragen. Die schüchterne Rosalinde S. sandte ihm einen flüchtigen Blick, als er ihr „Gesundheit!“ gewünscht hatte. Sie hatte in der Straßenbahn geniest. Kaum war das geschehen, kitzelte es ihr wieder in der Nase. Ein nächstes Niesen unterdrückte sie, denn nichts war ihr unangenehmer, als die Aufmerksamkeit anderer auf sich zu ziehen. Die des jungen Mannes war ihr genehm. Züchtig senkte sie die Augen, und auch er schaute rasch in eine andere Richtung. Bald aber trafen sich ihre Blicke wieder. Als die sich artig abtasteten, bremste die Straßenbahn mit scharfem Ruck. Der Fahrer wollte eine gehbehinderte Seniorin, die auf einer Schiene kraftschöpfend verhielt, nicht überfahren.
Die Fahrgäste wirbelten heftig durch- und gegeneinander. Rosalinde S. sauste auf Luitpold zu, der sie haltend umfing. Während sich die Fahrgäste fluchend und beschimpfend voneinander lösten, tat Luitpold solches nicht. Er hielt das Mädchen innig umschlungen. Dem entfuhr erregt der zurückgehaltene Nieser. Rasch befreite es sich aus Luitpolds Armen und verließ die Straßenbahn, die an einer Haltestelle wiederum zum Stehen gekommen war.
Rosalinde schämte sich über alle Maßen. Hastig eilte sie etwa zweihundert Meter und ließ sich dann erschöpft auf einer Bank nieder. Es währte nicht lange und ihr näherte sich der junge Mann aus der Straßenbahn. Höflich fragte er, ob er neben ihr Platz nehmen dürfe. Sie rutschte ans äußerste Ende der Bank und ließ ihn gewähren. Den freien Raum überbrückte Luitpold mit einer weiteren Frage. Ob er den Nasenpiercing zurückgeben müsse, der ihr beim Niesen entflogen und an seinem Jackett haften geblieben war. Er wolle ihn gern als kostbares Andenken behalten. Rosalindes Gefühlswelt war noch nie so ins Wanken geraten wie in diesem Moment. Ihr blieb die Antwort im Halse stecken. Ihre Sprachlosigkeit nahm Luitpold als stummes Einverständnis hin. Ihm entfuhr ein überglückliches „Danke!“
Rosalinde erhob sich schnell, um heimwärts zu eilen. Dort würde sie sich in ihr Zimmer einschließen und dem Herrgott für den Verlust des Nasenpiercings danken. Luitpold überwand seine Scheu und bat sie, zu bleiben. Sie blieb.
Die Hochzeit war eine wahre Liebesheirat. Er wurde ihr ein guter Ehemann und sie ihm eine gütige Ehefrau. Ein glückliches Paar, wie man es sich glücklicher nicht vorstellen kann. Dieses Glück fand ein jähes Ende, als ein missgünstiger Mann ihr Nachbar wurde. Der sann, weil ihm Rosalinde gefiel, wie er Luitpold schaden und in Verruf bringen könnte. Da er diesem gutherzigen Menschen mit rüder Methode nicht beikommen konnte, verfiel er auf eine gemeine List. Er bat Luitpold, da er einige Tage nicht anwesend sei, den Rasen zu wässern.
Luitpold tat wie erbeten.
Heimgekehrt, hatte der Nachbar statt Dank nur üble Schmähung für den Hilfsbereiten. Er verbreitete, dass Luitpold ein gefährlicher Terrorist sei. Er hätte den ihm anvertrauten Rasen gesprengt. Luitpold war es nicht leicht, den Rufmord zu beenden und seinen guten Ruf wieder herzustellen. Rosalinde zeigte dem Nachbarn fortan die kalte Schulter.
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  Detlef Schumacher 
 
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BeitragVerfasst am: 28.09.2011, 19:51
Diese Geschichte gefällt Leuten, die auf laaange Vorspiele stehen.

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Hans-Hubert Streusalzwiese: Monologisches Gebrabbel eines nihilistischen Exhibitionisten
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Rufmord
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