 | Schreibspiel: Original & Variation | Verfasst am: 12.08.2011, 19:06 |
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Dieses Schreibspiel ist was ganz besonderes. Es geht immer um den Anfang einer Geschichte, wie er im Original existiert - und um die Variation, die wir hier daraus machen. Also den Anfang einfach umgestalten nach eigenem Geschmack.
Zur Erläuterung ein Beispiel. Hier das Original:
Die Bremer Stadtmusikanten
Es hatte ein Mann einen Esel, der schon lange Jahre die Säcke unverdrossen zur Mühle getragen hatte, dessen Kräfte aber nun zu Ende gingen, so daß er zur Arbeit immer untauglicher ward. Da dachte der Herr daran, ihn aus dem Futter zu schaffen, aber der Esel merkte, daß kein guter Wind wehte, lief fort und machte sich auf den Weg nach Bremen: dort, meinte er, könnte er ja Stadtmusikant werden.
Und nun die Variation:
»Heute ist er dran!"
Der Müller zog die Schublade des Küchenschranks auf und entnahm ihr ein großes Messer. Das Licht der Kerzen blinkte kurz in der Klinge auf. Prüfend fuhr der Müller mit dem Daumen über die Schneide.
»Verdammt, ist das scharf!", fluchte er und steckte sich den blutenden Daumen in den Mund.
»Hast dich geschnitten, was?" Die Müllerin saß am Tisch, kratzte mit dem Holzlöffel die letzten Reste des Griesbreis zusammen, schob sich die kleine Portion in den Mund und schleckte den Löffel ab. »Kann man aus ihm Wurst machen?"
»Natürlich!" Der Müller packte das Messer fester. »Er ist zwar schon alt, aber immer noch besser, als wieder Hunger zu leiden. Zeiten sind das, schlimme Zeiten!" Er seufzte.
»Dann bring es hinter dich", sagte die Müllerin. "Ich wollte schon immer mal das Fleisch eines Esels essen."
Ob die Variation nun einen Krimi oder Thriller verspricht oder einen Science Fiction Roman oder eine Fantasy-Geschichte oder eine Love-Story (Nackenbeißer) oder einen Arzt-Roman oder eine tiefstgründige Existentialisten-Novelle ... das ist euer Ding!
Einer gibt das Original vor und jemand anderes baut dazu die Variation. Und der Variantenschreibe gibt dann das nächste Original vor.
Längenbeschränkung beim Original: Nicht mehr als eine halbe Seite (1.000 Zeichen). Die Variation darf nicht länger als eine Seite sein (1.800 Zeichen).
Alles klar? Hier das Original:
Alexandre Dumas - Der Graf von Montechristo
Am 28. Februar 1815 gab die Hafenwache von Notre-Dame das Signal vom Heransegeln des Dreimasters »Pharaon«, der von Smyrna, Triest und Neapel kam. Ein Küstenpilot steuerte alsogleich aus dem Hafen und erreichte das Fahrzeug zwischen dem Kap Morgion und der Insel Rion. Auch hatte sich, wie sonst immer, die Plattform des Kastells Saint-Jean mit Neugierigen gefüllt; denn in Marseille ist die Landung eines Schiffes stets von großer Wichtigkeit, zumal wenn es einem Reeder dieser Stadt gehört.
Schwer und langsam rückte der Koloß näher und näher heran, daß es die Zuschauenden wie mit unheilverkündender Ahnung packte.
Aller Aufmerksamkeit war einem jungen Manne zugewandt, der, neben dem Steuermann stehend, jede Schwenkung des Schiffs mit offenbarer Sachkenntnis verfolgte. Er war groß und schlank und hatte kohlschwarze Haare und Augen. Sein ganzes Wesen äußerte jene ruhige Sicherheit, wie sie Menschen eigen ist, denen das Leben von Kindheit an Kampf bedeutete.
Einer unter der harrenden Menge vermochte seine Unruhe nicht länger zu meistern. Er sprang in eine Barke und ließ sich zum »Pharaon« hinrudern.
Als der junge Seefahrer das Boot herankommen sah, lehnte er sich grüßend über die Brüstung des Schiffes, den Hut in der Hand.
»Ah, Sie sind's, Dantes!« rief der Mann in der Barke. »Was ist geschehen?«
»Ein großes Unglück, Mr. Morrel«, entgegnete der junge Mann. »Wir haben auf der höhe von Civita-Vechia den wackeren Kapitän Leclerc verloren.« |
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Siegfried
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»Wer sich vor dem Ertrinken fürchtet, tut besser, schwimmen zu lernen, als dem Wasser auszuweichen.« (Karl Waggerl) |
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Siegfried |
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 | | Verfasst am: 12.08.2011, 19:45 |
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Hallo Siegfried,
für mich ist der gravierende Nachteil an diesem tollen Spiel (und ich muss sagen, dass mir diese Idee ausgesprochen gut gefällt), dass es sehr zeitaufwendig ist. Das bedeutet, wenn ich es vernünftig spielen möchte, muss ich mich intensiv mit dem Text auseinandersetzen und kann nicht - anders als bei den meisten Postings im Forum - mit wenigen Minuten oder gar Sekunden auskommen.
Ich wünsche diesem schönen Spiel viele Mitspieler!
LG, Anke |
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Anke Höhl-Kayser |
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 | | Verfasst am: 12.08.2011, 19:55 |
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| Anke Höhl-Kayser hat Folgendes geschrieben: |
Hallo Siegfried,
für mich ist der gravierende Nachteil an diesem tollen Spiel (und ich muss sagen, dass mir diese Idee ausgesprochen gut gefällt), dass es sehr zeitaufwendig ist. Das bedeutet, wenn ich es vernünftig spielen möchte, muss ich mich intensiv mit dem Text auseinandersetzen und kann nicht - anders als bei den meisten Postings im Forum - mit wenigen Minuten oder gar Sekunden auskommen. Ich wünsche diesem schönen Spiel viele Mitspieler!
LG, Anke |
Genau! Es dauert viel zu lange das Forum mit diesem Spiel zuzumüllen
Das war auch der Grund für mein Mathespiel in dem wir bis 3 zählen. Zugegeben auch dieses ist schwer, aber man es schaffen - mit etwas nachdenken.  |
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Jenselina |
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 | | Verfasst am: 12.08.2011, 20:04 |
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Danke, dass du meine Worte so genau gelesen hast, lieber Jens, um zu dieser beeindruckenden Antwort kommen zu können.
Wie lange hast du dafür gebraucht?
LG, Anke |
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Anke Höhl-Kayser |
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 | | Verfasst am: 12.08.2011, 20:10 |
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| Anke Höhl-Kayser hat Folgendes geschrieben: |
für mich ist der gravierende Nachteil an diesem tollen Spiel (und ich muss sagen, dass mir diese Idee ausgesprochen gut gefällt), dass es sehr zeitaufwendig ist. Das bedeutet, wenn ich es vernünftig spielen möchte, muss ich mich intensiv mit dem Text auseinandersetzen und kann nicht - anders als bei den meisten Postings im Forum - mit wenigen Minuten oder gar Sekunden auskommen.
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Äh ... verstehe ich nicht ... Es geht nur um eine winzige Szene, nicht um ein ganzes Kapitel ... und es ist eine reine Fingerübung ... ohne jeden höheren Anspruch ... es geht nur um die Umgestaltung einer Eingangsszene ... ohne Struktur, frei von späteren Inhalten oder Figurenzeichnungen ... genau das, dieses "eine Text aus den Handgelenk schütteln" ohne über seine Qualität nachzudenken, das ist Ziel der Übung ... (klassische Methode zum Bruch der so populären Schreibblockade)
Gib mir irgendeinen Text und ich schreib dir in 10 Minuten die Variation dazu ...  |
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Siegfried
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Siegfried |
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 | | Verfasst am: 12.08.2011, 20:19 |
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| Siegfried hat Folgendes geschrieben: |
Gib mir irgendeinen Text und ich schreib dir in 10 Minuten die Variation dazu ...  |
Deshalb hatte ich mein Posting ganz bewusst auf mich im speziellen bezogen und wollte ausdrücken: Es gibt sicher Leute, die das fix können, aber ich würde dafür länger brauchen. Und trotz der Vermutung eines gewissen Mitglieds, die meisten Forenmitglieder seien Hartz-IV-Empfänger, gehe ich doch einer bzw. verschiedenen geregelten Arbeiten nach.
Und ein Zumüllen soll es ja gerade nicht werden.
Hoffentlich ist das jetzt kein Zeichen dafür, dass ich eine hundsmiserable Autorin bin.  |
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Anke Höhl-Kayser |
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 | | Verfasst am: 12.08.2011, 20:50 |
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Ich versuche mal eine kurze, knappe Variation
"Melinda stand schon seit einer Stunde am Kai, sie wartete auf die Ankunft der 'Pharaon'. Ihr Bruder war mit an Bord. Es war der letzte Tag im Februar, und wie immer hatten sich viele auf der Plattform des Kastells versammelt, um das große Schiff einfahren zu sehen. Von dort hatte man einen ausgezeichneten Blick auf die einfahrende 'Pharaon' und auf die Seeleute, die an Deck standen.
Sie alle warteten wie Melinda darauf, ihre Lieben, die sie solange nicht gesehen hatten wieder in die Arme schließen zu können.
Wie immer war die Angst und Sorge spürbar. Es waren die vorherrschenden Gefühle. Die Angst und die Sorge darum, dass es nicht alle der Mannschaft in den Heimathafen geschafft hatten.
Sie sah wie eine Barke auf die 'Pharaon' zusteuerte. An Bord ein Mann. Sie konnte dessen Ungeduld nur zu gut verstehen, wie gerne wäre sie ihrem Bruder ebenfalls entgegengerudert, um ihm von den großen Familienereignis zu berichten.
Der Mann im Boot rief etwas zum Dreimaster hinüber, was, dass konnte Melinda nicht verstehen."
So, das ist meine Alternative zur Geschichte. |
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 | | Verfasst am: 12.08.2011, 21:09 |
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Nun muss ich ja noch ein neues Original vorgeben.
Es war gar nicht so einfach einen Text zu finden, den ich nicht erst abtippen musste.
Hier kommt ein Auszug aus Till Eulenspiegel
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Als Till Eulenspiegel Turmbläser war
Wenn Till Eulenspiegel einen Dienst übernahm, dann konnte sein Arbeitgeber darauf rechnen, verulkt zu werden. Dafür war der Mann, der stets mit einer auffälligen Kopfbekleidung durch die Gegend wanderte, bekannt.
Aber natürlich wusste man nicht überall über seine Späße Bescheid, so dass er immer wieder jemanden fand, den er hereinlegen konnte. Dabei machte Till Eulenspiegel keine Unterschiede: ob arm oder reich, wen er sich auserkoren hatte, der war dran.
So beispielsweise auch der Graf von Anhalt. Der lebte auf einer großen Burg, hatte viele Reichtümer und sah sich stets von irgendwelchen Raubrittern bedroht. Bei ihm trat Till Eulenspiegel den Dienst eines Turmbläsers an. Das heißt, er musste den lieben langen Tag hoch oben im Turm der Burg sitzen und Ausschau nach Feinden halten. Wenn er sie sah, so sollte er laut in sein Horn blasen.
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Bitte schön, es kann los gehen |
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 | | Verfasst am: 12.08.2011, 21:26 |
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Manche Leute sind sich ja für nicht zu fies. Und obwohl man ihnen das ansehen könnte, gibt es immer noch Menschen, die halten merkwürdige Kleidungsstücke nicht für Warnsignale, sondern für die neueste Mode. Und das öffnet manche Tür, die sonst verschlossen bliebe.
›Wer nach der neuesten Mode gekleidet ist, der hat sicherlich auch andere Qualitäten‹, dachte sich der Graf von Anhalt, als er Till Eulenspiegel erblickte. ›Das ist der Mann, der dafür sorgt, dass mich niemand überfällt. Er soll mein neuer Turmbläser werden.‹ Nie im Leben hätte der um seine Reichtümer bangende Adlige vermutet, dass es nicht er war, der den Narren anstellte, sondern genau umgekehrt.
Und so setzte sich Till den lieben langen Tag an das oberste Fenster im Turm, um nach Feinden Ausschau zu halten. Das jedenfalls hatte Graf von Anhalt ihm aufgetragen. Doch Till hatte ganz anderes im Sinn ...
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Das Rad an meines Vaters Mühle brauste und rauschte schon wieder recht lustig, der Schnee tröpfelte emsig vom Dache, die Sperlinge zwitscherten und tummelten sich dazwischen; ich saß auf der Türschwelle und wischte mir den Schlaf aus den Augen; mir war so recht wohl in dem warmen Sonnenscheine. Da trat der Vater aus dem Hause; er hatte schon seit Tagesanbruch in der Mühle rumort und die Schlafmütze schlief auf dem Kopfe, der sagte zu mir: Du Taugenichts! da sonnst du dich schon wieder und dehnst und reckst dir die Knochen müde und läßt mich alle Arbeit allein tun. Ich kann dich hier nicht länger füttern. Der Frühling ist vor der Tür, geh auch einmal hinaus in die Welt und erwirb dir selber dein Brot. – Nun, sagte ich, wenn ich ein Taugenichts bin, so ists gut, so will ich in die Welt gehn und mein Glück machen.
(Joseph von Eichendorff, Aus dem Leben eines Taugenichts) |
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mtg |
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 | | Verfasst am: 12.08.2011, 23:55 |
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Variation:
Nun bin ich seit fünf Jahren in der alten Mühle und jeder Tag ist gleich. Der Alte schnarcht die ganze Nacht, niemals geht er ohne seine Mütze ins Bett. Morgens sehe ich ihn immer, wenn er sie ganz schief auf seinem Kopf trägt, wenn er sich draußen am Quellwasser wäscht. Den Jungen kann man vergessen, der legt sich lieber auf die faule Haus, anstatt bei der täglichen Arbeit Hand anzulegen. Der Junge, der bereitet mein Lager nicht, der füllt meinen Trog nicht auf. Nein!
Aber Moment mal, dieser Morgen ist anderes als sonst, der Jüngling packt seine sieben Sachen und er geht fort. Recht so, recht so, i-ah, i-ah!
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Theodor Fontane: Effi Briest
(...)
Auch die Front des Herrenhauses - eine mit Aloekübeln und ein paar Gartenstühlen besetzte Rampe - gewährte bei bewölktem Himmel einen angenehmen und zugleich allerlei Zerstreuung bietenden Aufenthalt; an Tagen aber, wo die Sonne niederbrannte, wurde die Gartenseite ganz entschieden bevorzugt, besonders von Frau und Tochter des Hauses, die denn auch heute wieder auf dem im vollen Schatten liegenden Fliesengange saßen, in ihrem Rücken ein paar offene, von wildem Wein umrankte Fenster, neben sich eine vorspringende kleine Treppe, deren vier Steinstufen vom Garten aus in das Hochparterre des Seitenflügels hinaufführten. Beide, Mutter und Tochter, waren fleißig bei der Arbeit, die der Herstellung eines aus Einzelquadraten zusammenzusetzenden Altarteppichs galt; ungezählte Wollsträhnen und Seidendocken lagen auf einem großen, runden Tisch bunt durcheinander, dazwischen, noch vom Lunch her, ein paar Dessertteller und eine mit großen schönen Stachelbeeren gefüllte Majolikaschale. Rasch und sicher ging die Wollnadel der Damen hin und her, aber während die Mutter kein Auge von der Arbeit ließ, legte die Tochter, die den Rufnamen Effi führte, von Zeit zu Zeit die Nadel nieder und erhob sich, um unter allerlei kunstgerechten Beugungen und Streckungen den ganzen Kursus der Heil- und Zimmergymnastik durchzumachen. Es war ersichtlich, daß sie sich diesen absichtlich ein wenig ins Komische gezogenen Übungen mit ganz besonderer Liebe hingab, und wenn sie dann so dastand und, langsam die Arme hebend, die Handflächen hoch über dem Kopf zusammenlegte, so sah auch wohl die Mama von ihrer Handarbeit auf, aber immer nur flüchtig und verstohlen, weil sie nicht zeigen wollte, wie entzückend sie ihr eigenes Kind finde, zu welcher Regung mütterlichen Stolzes sie voll berechtigt war. Effi trug ein blau und weiß gestreiftes, halb kittelartiges Leinwandkleid, dem erst ein fest zusammengezogener, bronzefarbener Ledergürtel die Taille gab; der Hals war frei, und über Schulter und Nacken fiel ein breiter Matrosenkragen. In allem, was sie tat, paarten sich Übermut und Grazie, während ihre lachenden braunen Augen eine große, natürliche Klugheit und viel Lebenslust und Herzensgüte verrieten. Man nannte sie die »Kleine«, was sie sich nur gefallen lassen mußte, weil die schöne, schlanke Mama noch um eine Handbreit höher war. |
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 | | Verfasst am: 13.08.2011, 00:10 |
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Ja, bin etwas zu spät, aber hier noch kurz eine andere Variante vom Taugenichts...
| mtg hat Folgendes geschrieben: |
Das Rad an meines Vaters Mühle brauste und rauschte schon wieder recht lustig, der Schnee tröpfelte emsig vom Dache, die Sperlinge zwitscherten und tummelten sich dazwischen; ich saß auf der Türschwelle und wischte mir den Schlaf aus den Augen; mir war so recht wohl in dem warmen Sonnenscheine. Da trat der Vater aus dem Hause; er hatte schon seit Tagesanbruch in der Mühle rumort und die Schlafmütze schlief auf dem Kopfe, der sagte zu mir: Du Taugenichts! da sonnst du dich schon wieder und dehnst und reckst dir die Knochen müde und läßt mich alle Arbeit allein tun. Ich kann dich hier nicht länger füttern. Der Frühling ist vor der Tür, geh auch einmal hinaus in die Welt und erwirb dir selber dein Brot. – Nun, sagte ich, wenn ich ein Taugenichts bin, so ists gut, so will ich in die Welt gehn und mein Glück machen.
(Joseph von Eichendorff, Aus dem Leben eines Taugenichts) |
So, die zweite Fuhre ist bereits im Mahlgang. Der Lehrling des Bäckers braucht sich gar nicht erst auszuruhen, er kann gleich den Sack mit dem frischgemahlenem Roggenmehl wieder mitnehmen.
Wo ist denn mein Kerbholz geblieben? Der Bäcker schuldet mir noch drei Kreuzer, die werde ich morgen einfordern und das neue Mahlgut muss ich ebenfalls auf dem Holz vermerken…
Wenn ich nicht wüsste, dass mein Sohn so ein fauler Hund wäre, würde ich meinen, dass er mir das Kerbholz versteckt hat. Aber dazu ist er dann doch viel zu träge. Nicht mal zu Schabernack ist er in der Lage!
…
Sieh an, jetzt sitzt der Taugenichts draußen und reibt sich den Schlaf aus den Augen… na warte, das wird Dir auch bald vergehen! Alle Welt ist schon auf den Beinen, der Bäckerlehrling hat bereits mehrere Stunden gearbeitet,und der Bach rauscht, das Mühlrad dreht sich lustig, die Sperlinge tummeln sich ausgelassen herum, der Schnee schmilzt schon in der Sonnenwärme - und was macht mein Herr Sohn?!
Dem Taugenichts werde ich es zeigen!
„Du Taugenichts! da sonnst du dich schon wieder und dehnst und reckst dir die Knochen müde und läßt mich alle Arbeit allein tun. Ich kann dich hier nicht länger füttern…“ |
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 | | Verfasst am: 13.08.2011, 01:19 |
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Variation zu Theodor Fontanes "Effi Briest"
Ein Herrenhaus. Ein vornehmes Herrenhaus sogar. Pah! Was für ein Unfug!
Das Herrenhaus war in Wahrheit ein Hurenhaus. Unten im Dorf, unter den gedrückten Dächern der einfachen Bürger, auf den Höfen der Bauern, da ahnte niemand, was sich wirklich hinter den Hecken, in den feinen Stuben und vor allem in den diversen Schlafzimmern des »Herrenhauses« abspielte. Tagsüber, ja, da saßen die Damen auf der Veranda oder im Rosengarten im Schatten der rankenden Büsche, tranken Tee aus feinstem chinesischen Porzellan, stickten Kissenbezüge oder nähten an einer warmen Decke.
Alles, was sie tagsüber taten und herstellten, diente in der Nacht nur dem einen Zwecke: Hemmungsloser Lust!
Der Tee war angereichert mit exotischen Aphrodisiaka, importiert aus China, Indien oder Japan, die Kissen aus Samt und Satin stützten nächtens die lustvollen Becken, und die Decken verwandelten sich in Spielwiesen auf dem Boden des Schlafzimmers.
Die Damen, ihr Alter reichte von gerade einmal sechzehn Jahren bis hinauf ins Greisenhafte, wussten zu leben. Tagsüber. Und zu lieben. In der Nacht. Wenn die Herren aus der Stadt kamen, in ihren großen Kutschen, in ihren feinen Zwirnen, mit einer mächtigen Lust im Schritt. Offiziell hieß es immer, man ginge zur Gymnastik im Herrenclub. Um sich fit zu halten. Doch nicht selten kroch so mancher Mann des Morgens auf allen Vieren aus dem Haus Richtung der eigenen Droschke. Abgefüllt mit Champagner und ausgelaugt von den intensiven nächtlichen Eskapaden in den Betten und auf den Decken.
Effi war eines jener Mädchen, gerade sechzehn, hochgewachsen, schlank, immer so gekleidet, dass sie wie ein Geschenkpaket ausgepackt werden konnte. Aber bereits ausgestattet mit dem verruchten Blick einer »Wissenden«. Sie war der Star des Herrenhauses. Jeder Mann wollte sie - und musste sich doch mit einer anderen zufriedengeben. Man nannte sie "die Kleine". Auch ihre Mutter, die wie Effi im Herrenhaus lebte und arbeitete, rief sie so, schon seit je her. Nur ein kleiner Makel recht unbedeutender Art hing an ihr. Effi war das, was man in einem Hurenhaus einen »Betriebsunfall« nannte.
Und hier ein weiteres Original:
Emile Zola - Nana
Um neun Uhr war der Saal des Varietétheaters noch leer. Ein paar Leute saßen wartend in den Logen und im Parkett und verloren sich zwischen den rotsamtnen Sesseln. Im Halbdunkel sah der Vorhang wie ein großer roter Fleck aus; kein Geräusch drang von der Bühne herüber, die Rampenlichter waren noch nicht angezündet, die Plätze der Musiker noch leer. Nur hoch oben auf der dritten Galerie, die Kuppel des Plafonds entlang, wo nackte Frauen- und Kindergestalten ihren Aufflug nach einem vom Gaslicht grün bestrahlten Himmel nahmen, hörte man aus einem anhaltenden Stimmengewirr Sprechen und Gelächter, und unter den breiten runden, mit Goldstäben durchkreuzten Luftklappen reihten sich stufenförmig mit Häubchen und Hüten bedeckte Köpfe an- und übereinander. Zuweilen zeigte sich eine geschäftige Logenschließerin, die mit den Eintrittskarten in der Hand einen Herrn im Frack oder eine wohlbeleibte Dame vor sich herschob, die sich dann setzten und langsam ihre Blicke durch den Saal gleiten ließen.
Zwei junge Männer traten in den Orchesterraum. Sie blieben stehen und schauten sich um.
»Was hab' ich dir gesagt, Hector?« rief der ältere, ein hochgewachsener junger Mann mit kleinem, schwarzem Schnurrbärtchen. »Wir kommen viel zu früh. Du hättest mich meine Zigarre ruhig ausrauchen lassen sollen.« |
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_________________ Grüße
Siegfried
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 | | Verfasst am: 13.08.2011, 09:53 |
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Variation:
Gelangweilt blickte sie zu ihrem Gatten. Claudette Richmond hasste es, zu früh im Varieté zu erscheinen. Viel lieber hätte sie als Letzte in der Loge Platz genommen, dann hätte sie jeder sehen können. Dann würden auch die Monforts und die de Villes sie bewundern können, und Mme Monfort würde vor Neid erblassen beim Anblick von Claudettes neuem Kleid!
Aber so war nur das einfache Volk zugegen, das alberne Späße machte und sich überhaupt nicht zu beherrschen wusste. Entsetzlich.
Claudette öffnete ihren Fächer und wedelte sich kühlere Luft zu, als plötzlich zwei junge Herren im Orchesterraum erschienen. Interessiert blickte sie über den Fächerrand.
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Neues Thema
Die Karawane
(Wilhelm Hauff)
Es zog einmal eine große Karawane durch die Wüste. Auf der ungeheuren Ebene, wo man nichts als Sand und Himmel sieht, hörte man schon in weiter Ferne die Glocken der Kamele und die silbernen Röllchen der Pferde, eine dichte Staubwolke, die ihr vorherging, verkündete ihre Nähe, und wenn ein Luftzug die Wolke teilte, blendeten funkelnde Waffen und hell leuchtende Gewänder das Auge. So stellte sich die Karawane einem Mann dar, welcher von der Seite her auf sie zuritt. Er ritt ein schönes arabisches Pferd, mit einer Tigerdecke behängt, an dem hochroten Riemenwerk hingen silberne Glöckchen und auf dem Kopf des Pferdes wehte ein schöner Reiherbusch. Der Reiter sah stattlich aus, und sein Anzug entsprach der Pracht seines Rosses; ein weißer Turban, reich mit Gold gestickt, bedeckte das Haupt; der Rock und die weiten Beinkleider von brennendem Rot, ein gekrümmtes Schwert mit reichem Griff an seiner Seite. Er hatte den Turban tief ins Gesicht gedrückt, dies und die schwarzen Augen, die unter buschigen Brauen hervorblitzten, der lange Bart, der unter der gebogenen Nase herab hing, gaben ihm ein wildes, kühnes Ansehen. Als der Reiter ungefähr auf fünfzig Schritt dem Vortrab der Karawane nahe war, sprengte er sein Pferd an und war in wenigen Augenblicken an der Spitze des Zuges angelangt. Es war ein so ungewöhnliches Ereignis, einen einzelnen Reiter durch die Wüste ziehen zu sehen, dass die Wächter des Zuges, einen Überfall befürchtend, ihm ihre Lanzen entgegenstreckten. |
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 | | Verfasst am: 13.08.2011, 12:24 |
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Variation:
Achmed war seines Daseins überdrüssig. Er war es satt, weil es nichts mehr für ihn zu bieten hatte außer Demütigungen und Knechtschaft.
Das einzige, was er sich zeit seines Lebens ersehnt hatte, waren die endlosen Weiten der Wüste, gelbsandig und leer, wo die Gedanken an keine Grenze stießen und nicht mehr auf einem lastete als die fliegenden Wolken am Himmel.
Stattdessen war er ein Besitzloser, ein Unfreier - er war ein Sklave, musste seinem Herrn zu Willen sein.
Man putzte ihn heraus, behängte ihn mit sinnlosem Schmuck, hatte ihm gar das Fell einer gequälten Kreatur umgehängt. Bei jedem Schritt, den er machte, läuteten Glöckchen, die seine Ohren marterten.
Am schlimmsten waren die Federn zwischen seinen empfindlichen Ohren, ihr seidiges Aneinanderreiben ließ das Rauschen des Windes verstummen, das ihn in die Wüste hineintragen wollte.
Sein Herr gab ihm die Sporen, und er reagierte mit einem nervösen Sprung, der einzigen Gegenwehr, die geduldet wurde, weil sie den Menschen am Wegesrand zeigte, über welch hervorragende Reitkünste der Herr des Pferdes verfügte.
Achmed hatte die Karawane längst gesehen, viel früher als sein Herr.
Vielleicht, dachte er. Vielleicht wird mein Leid hier ein Ende nehmen.
Neues Thema:
Sebastian Fitzek, Die Therapie
Als die halbe Stunde verstrichen war, wusste er, dass er seine Tochter nie wiedersehen würde. Sie hatte die Tür geöffnet, sich noch einmal kurz zu ihm umgedreht und war dann zu dem alten Mann hineingegangen.
Doch Josephine, seine kleine zwölfjährige Tochter, würde nie wieder herauskommen. Er war sich sicher. Sie würde ihn nie wieder strahlend anlächeln, wenn er sie zu Bett brachte. Er würde nie wieder ihre bunte Nachttischlampe ausknipsen, sobald sie eingeschlafen war. Und nie wieder würde er von ihren grauenhaften Schreien mitten in der Nacht geweckt werden. |
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Anke Höhl-Kayser |
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| Anmeldedatum | 18.04.2010 | | Beiträge | 3846 | | Wohnort | Wuppertal | |
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 | | Verfasst am: 13.08.2011, 13:05 |
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Variante:
Da war er wieder. Dieser seltsame Geruch aus Angst, Trauer und Unsicherheit gewürzt mit einem Hauch von Erwartung. Menschenschweiß.
Wie oft habe ich diesen Geruch schon wahrgenommen. Immer hier. Immer vor dieser Tür, hinter der der alte Mann sitzt.
Menschen kommen und gehen – aber der Geruch… Er bleibt immer noch ein wenig in der Luft hängen, auch wenn die Menschen schon längst wieder weg sind.
Menschen führen ein seltsames Leben. Sie sind so groß und doch scheinen sie die schwächsten Geschöpfe zu sein, die es gibt.
Während sich die kleine Maus wieder an der Haselnuss zu schaffen machte, schloss sich über ihr die Tür.
Das Bildnis des Dorian Gray
(Oscar Wilde)
Starker Rosenduft durchströmte das Atelier, und als ein leichter Sommerwind die Bäume im Garten hin und her wiegte, kam durch die offene Tür der schwere Geruch des Flieders oder der feinere Duft des Rotdorns.
Von dem Perserdiwan, auf dem er lag und nach seiner Gewohnheit unzählige Zigaretten rauchte, konnte Lord Henry Wotton gerade die süßduftenden und honigfarbenen Blüten eines Goldregenstrauchs gewahren, dessen zitternde Zweige die Last einer so flammenden Schönheit kaum tragen zu können schienen; und hie und da flitzten die phantastischen Schatten vorbeifliegender Vögel über die langen bastseidenen Vorhänge des großen Fensters und brachten eine Art japanische Augenblickswirkung hervor, so daß ihm die blassen, nephritfarbenen Maler Tokios einfielen, die vermittelst einer Kunst, die nicht anders als unbeweglich sein kann, den Eindruck der Raschheit und Bewegung hervorzurufen suchen. Das summende Murren der Bienen, die in dem langen ungemähten Gras hin und her taumelten oder mit eintöniger Hartnäckigkeit die staubiggoldenen Blütentrichter des wuchernden Geißblatts umkreisten, schienen die Stille noch drückender zu machen. Das dumpfe Getöse Londons klang wie das Schnarrwerk einer entfernten Orgel.
In der Mitte des Gemaches stand auf einer hoch aufgerichteten Staffelei das lebensgroße Porträt eines ungewöhnlich schönen jungen Mannes, und ihm gegenüber, etwas entfernt davon, saß der Künstler, der es gemalt hatte, Basil Hallward, dessen plötzliches Verschwinden vor einigen Jahren das Publikum erregt und so viele seltsame Vermutungen erweckt hat.
Als der Maler auf die anmutige Gestalt blickte, die er so schön in seiner Kunst gespiegelt hatte, überflog ein Lächeln der Freude seine Züge und schien auf ihnen verweilen zu wollen. Aber er fuhr plötzlich auf, schloß die Augen und drückte die Lider mit den Fingern zu, wie wenn er einen absonderlichen Traum, dessen Erwachen er fürchtete, im Hirne gefangen halten wollte. |
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_________________ lg
Annette.
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AnnetteH |
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