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Tod zur Weihnachtszeit - ein Krimi

BeitragVerfasst am: 04.12.2011, 13:26
Während des Christkindlesmarkts soll Nürnberg für die Touristen romantisch erscheinen. Händler verkaufen Lebkuchen und andere Süßigkeiten, Zwetschgenmännlein, Glühwein und Christbaumschmuck, Chöre und Musikkapellen tragen Weihnachtslieder vor und alles ist zuckersüß.
Ausgerechnet in dieser Umgebung bricht ein Mann tot zusammen. Niemand weiß, wer der Tote war, er trug keine Papiere bei sich und keine Vermisstenanzeige geht ein. Mitten im Trubel brach der Mann zusammen, wobei nur ein Mädchen Erste Hilfe leistete, die aber in dem Moment, als ihr klar wurde, dass ihre Hilfe zwecklos war, selbst ohnmächtig wurde.
Der stets mürrische Oberkommissar Kröber und seine übereifrige Kollegin Peters haben möglicherweise einen Mord zu klären - aber bitte, nach den Worten ihres Vorgesetzten, so, dass der Weihnachtsfriede nicht gestört wird.
Kommissarin Peters findet heraus, dass es im Vorjahr vergleichbare Fälle gab und die Ermittlungen schlampig geführt wurden.
Dann ist da noch das krimibegeisterte Teenagerpaar Yeşim und Kevin, das teils aus Neugier, teils gezwungen, in die Ermittlungen gerät.
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Ein Toter, den niemand kennt
Das Handy des Oberkommissars klingelte. Jemand von der Schutzpolizei – Kröber merkte sich deren Namen prinzipiell nicht – informierte ihn, dass sie auf dem Christkindlesmarkt einen Toten gefunden hatten.
„Zusammengebrochen oder was?“, fragte er knapp.
„Können wir im Moment noch nicht sehen. Kann gut sein, dass er im Gedränge noch mitgeschleift wurde.“
„Sonst noch Wichtiges?“
„Männlich, etwa 30 Jahre alt, etwa 1,80 Meter groß, blond. Hatte keine Papiere bei sich, auch kein Handy.“
„Wer hat ihn gefunden?“
„Ein Mädchen. Sie steht unter Schock. – Wir sind bei einem Stand für erzgebirgische Volkskunst im Sternlasweg, der Zugang ist genau gegenüber der Buchhandlung; Besitzer des Standes ist eine Familie Ostermann. Daneben ist links ein Stand für Süßigkeiten, rechts einer für Spielzeug. Ziemlich genau in der Mitte des Marktes.“
„In Ordnung, ich komme!“ Eine Anweisung, die Stelle abzusichern, dürfte zwecklos sein. Sicher waren bereits Tausende von Füßen darüber getreten, lagen ebenfalls zertretene Reste von Lebkuchen, Zuckerwatte und gebrannten Mandeln darüber und hinuntergeronnener Glühwein und Kinderpunsch hatte das Ganze zu einer undurchdringbaren Masse gemacht.

Oberkommissar Kröber hielt wenig von Christkindlesmarkt – seiner Meinung nach war dieser eine Touristenfalle, die nur den Zweck hatte, dafür zu sorgen, dass die gesamte Altstadt über vier Wochen voller Touristen und Dreck war. Christkindles- oder Weihnachtsmärkte, die diese Bezeichnung verdienten, gab es seiner Meinung nach nur noch in kleineren Orten – angeblich sollte der in Fürth sehr schön sein, doch Kröber würde dennoch niemals freiwillig einen Fuß in die „Westvorstadt“ setzen.
Er zog es vor, zu Fuß zu gehen. Mit dem Auto brauchte man, selbst mit Blaulicht, ewig durch die vollgestopften Straßen, während zu Fuß jemand, der sich auskannte und die Fußgängerzone und die Hauptstraßen mied, sehr schnell vorankam.

Er fand den Zugang zum Sternlasweg, wie eine der Gassen in der Budenstadt hieß, schnell und kämpfte sich durch das Gedränge, wobei er rücksichtslos von seinen Ellenbogen Gebrauch machte. Vor dem Stand der Familie Ostermann drängten Schutzpolizisten Schaulustige zurück. Er zeigte einem seinen Dienstausweis und trat vor den Stand. Der Tote lag im Inneren des Standes, die Besitzer, ein älteres Ehepaar, standen daneben.
„Grüß Gott, Kröber, Kriminalpolizei. Haben Sie den Toten gefunden?“
„Nee – das woar `n Mädchen, das Ihre Gollechen weggebracht hoben“, antwortete der Mann in fürchterlichem Sächsisch. „Sie hat laut jeschrien ‚Ein Doder!’, meine Frau hat hingeguckt und dann Sie ongerufen. Inzwischen is die Gleene zusammengesoggt. Ihre Gollechen hoben den Mann hier reingeschleppt und do liecht er nu.“
Auch die Frau des Standbesitzers wusste nicht mehr.
„Keine Informationen, wer der Tote ist – keine Papiere, kein Handy, kein Nichts“, informierte einer der Schutzpolizisten. „Die Zeugin haben die Kollegen ins Revier Mitte gebracht. Wenn sie dort nicht zu sich kommt, muss sie ins Krankenhaus. – Sie heißt Sonja Lampert, geboren am 13. April 1998, geht auf die Peter-Vischer-Realschule – das steht in ihrem Schülerausweis, den sie zum Glück dabei hatte. Aus ihr selbst war nichts rauszukriegen, ist zusammengeklappt, bevor wir hergekommen sind. Ansonsten keine Spuren zu sehen – nirgends eine Kugel oder sonstige Waffen.“

„Das dauernde Geknipse regt mich auf!“, bellte Kröber und zeigte mit dem Finger auf eine Gruppe japanischer Touristen, die unaufhörlich den Stand, die Polizisten und den Absperrzaun fotografierten. Andere redeten mit den Polizisten, doch die gaben wenig Antworten.
„Sonst hat niemand was gesehen?“, fragte Kröber einen der Schutzpolizisten.
„Angeblich nicht – oder es will niemand was sehen.“
„Was mich wundert: Woher weiß eine Dreizehnjährige, dass jemand, der auf dem Boden liegt, tot ist – und warum sieht ihn sonst niemand liegen?“
„Keine Ahnung, wer alles hier vorbeigekommen ist. Die Leute, die wir hier vorgefunden haben, als wir uns endlich durchgekämpft haben, können ja ganz andere sein als die, die wirklich was gesehen haben – das Gedränge geht ja ständig weiter.“
„Ach nein, da wär’ ich nie draufgekommen“, knurrte Kröber.

Er sah sich den Toten genauer an, doch der blutete weder, noch waren irgendwelche Kampfspuren oder sonst etwas Auffälliges an ihm zu sehen.
„Bringen Sie ihn ins Präsidium zur Untersuchung!“, befahl er. „Die Personalien...“
„...von Herrn und Frau Ostermann haben wir schon aufgenommen, Herr Kommissar“, meldete eine Schutzpolizistin. „Werden Ihnen zugemailt.“

Der Kommissar verließ den Stand in Richtung Polizeiwache. Vom Podium, das wie jedes Jahr vor der Frauenkirche aufgebaut war, erklang Blasmusik. Das Gedränge war unverändert dicht. Es roch gleichzeitig nach Bratwürsten, Lebkuchen, Glühwein, Schweiß und Zigarettenqualm.
‚Kein Wunder, dass hier jemandem schlecht wird und er umkippt’, dachte der Kommissar sich. Er drängte sich bis zur Nordseite des Hauptmarkts durch und ging von dort durch den Rathaushof, wo es trotz der Stände der Partnerstädte, die sich dort befanden, erheblich ruhiger zuging als auf dem Markt selbst, zur Polizeiwache.

Er zeigte dem wachhabenden Beamten seinen Dienstausweis, verlangte, in das Zimmer gebracht zu werden, in dem sich Sonja Lampert befand und ignorierte dabei das schwarzhaarige Mädchen, das neben ihm am Tresen stand.
Im Verhörzimmer saß ein Mädchen mit blonden Locken, hellgrauem, weit ausgeschnittenem Pullover und etwas zu stark geschminktem Gesicht am Tisch. Neben ihr stand eine junge Beamtin.
„Hauptkommissar Kröber, Kriminalpolizei“, stellte er sich vor. „Bist du Sonja Lampert?“
Das Mädchen nickte und nippte an der Cola, die vor ihr stand.
„Sie ist zum Glück wieder zu sich gekommen“, informierte die Polizistin überflüssigerweise. „Leider haben wir ihre Eltern bisher nicht erreicht. Ich bin nicht sicher, ob sie verhörfähig ist.“
„Wird schon.“ Kröber setzte sich dem Mädchen gegenüber. „Was genau hast du gesehen?“
„Ich war mit Ye – mit meiner besten Freundin – auf dem Christkindlesmarkt unterwegs. Dort, bei diesem Stand mit den Sachen aus dem Erzgebirge, hab ich mich angestellt; ich wollte ein Geschenk für meine Oma kaufen, die steht voll auf das Zeug. Dann haut mir plötzlich jemand mit voller Wucht auf die Schultern. Ich dreh mich um und will den anmotzen, da seh ich, da liegt einer am Boden.“
„Herr Ostermann, der Besitzer des Stands, hat ausgesagt, du hättest gesagt, dass er tot ist. Woher wusstest du das? Er hätte ja auch nur zusammengebrochen sein können.“
„Ich bitte Sie, Herr Kommissar!“, warf die Polizistin ein, die wohl Kröbers Ton unangemessen fand. „Sie können nicht von einem Kind erwarten, dass es an alles denkt.“
Das Mädchen schüttelte den Kopf. „Ich bin bei der Wasserwacht und hab auch schon einen Erste-Hilfe-Kurs gemacht. Ich hab also alles versucht, also Ansprechen, Atem testen, Puls fühlen und so. Nichts! Dann hab ich versucht, den Mann zu beatmen, aber dann gemerkt, er wird immer kälter. Von den ganzen Leuten ringsum hat auch keiner geholfen. Dann hab ich laut geschrieen ‚Ein Toter!’ und erst danach hat die Frau vom Stand was gemerkt.“
„Und dann bist du ohnmächtig geworden?“
„Ja, glaub. Das nächste, an was ich mich erinner’, ist, dass ich hier gelegen bin und ihre Kollegin mich angeredet hat.“
„Du sagst, du warst mit deiner Freundin unterwegs. Wo war sie?“
„Keine Ahnung. Sie war plötzlich weg. Vorhin hat mein Handy geklingelt, das war sie.“

Es klopfte an der Tür. Ein Polizist steckte seinen Kopf durch: „Eine Yeşim Cokbudak sagt, Sonja Lampert ist ihre beste Freundin und sie will zu ihr.“
„Yeşim?“ Sonjas Augen leuchteten. „Ja, das ist sie!“
Der Polizist öffnete die Tür und das schwarzhaarige Mädchen, das Kröber vorhin gesehen hatte, kam herein. Sonja stand auf und die beiden fielen sich in die Arme.
„Wo warst du? Plötzlich hab ich dich nicht mehr gesehen. Bestimmt fünfmal hab ich dich angerufen?“, fragte Yeşim. „Und dann kommt plötzlich die Antwort von der Polizei. – Was war denn los?“
Sonja erzählte, was sie erlebt hatte und machte Yeşim Vorwürfe, dass sie nicht gewartet hatte. „Ich hab dir doch gesagt, ich möcht' was für meine Oma suchen.“
„Hab ich nicht gehört. Hab mich kurz darauf gewundert, wo du bleibst. Warum hast du mir keine SMS geschickt? Ich hätt dir doch helfen können!“
„Hast du schon mal in echt jemand zusammenklappen sehen? Im Kurs üben und in echt machen ist total was anderes, sag ich dir!“
„Du hast also nichts gesehen?“, wandte der Kommissar sich an Yeşim. Die schüttelte den Kopf.
„Gut, das Übliche“, entschied Kröber. „Personalien aufnehmen, auch von den Eltern und Eltern verständigen. – Sonja, es kann sein, dass du bald Post von uns bekommst und dich auf dem Präsidium melden musst.“
„Wieso?“, fragte Yeşim an Sonjas Stelle. „Ist der Mann umgebracht worden?“
„Das wissen wir noch nicht.“ Er zog sein Fotohandy aus der Tasche und zeigte Yeşim das Bild des Toten. „Dir ist dieser Mann nicht zufällig vorher aufgefallen?“
Das Mädchen schüttelte wieder den Kopf. Auch Sonja beteuerte, ihn nicht zu kennen.
„Gut, danke! – Wenn ihr nichts mehr hört, war es ein Unfall.“
Grußlos ging er aus dem Raum und entschied, sich von einem Schutzpolizisten per Auto ins Präsidium bringen zu lassen.

Der erste Arztbericht war schon fertig. Herausgefunden hatte der Mediziner wenig Verwertbares. Kröber rief ihn an, da er nicht alles verstand, doch auch die mündliche Antwort war ernüchternd: „Herr Kommissar, ich kann Ihnen nur sagen, was nicht war: Keine Alkoholvergiftung – der Alkoholwert ist der, den man nach ein oder zwei Bier zum Essen oder einer Tasse Glühwein mit Schuss hat – keine sichtbaren Verletzungen, kein Hinweis auf Drogen. Todesursache Herzstillstand. Es ist zwar ungewöhnlich, dass bei einem jungen Menschen so plötzlich das Herz aussetzt, aber nicht ausgeschlossen. Er könnte ja vorher herzkrank gewesen sein.“
„Können Sie das nicht feststellen?“
„Schrittmacher hat er keinen; ansonsten kann ich nicht viel feststellen, solange ich keine Ahnung habe, wer er ist.“
„Fremdeinwirkung also ausgeschlossen?“
„Nein. Es gibt Gifte, die aufs Herz gehen und sich sehr schwer nachweisen lassen.“
„Mist!“

Der Kommissar hatte gerade aufgelegt und war aufgestanden, um an einem stillen Ort seine verbotene Zigarette zu rauchen, als seine Kollegin Birgit Peters hereinkam.
„Grüß Gott, Herr Kröber! Na, Ärger?“
„Ärger ist übertrieben. Eine Leiche, aber es steht nicht fest, wie sie gestorben ist und niemand weiß, wer der Mann war. Zeugen: Ein Kind und einer unserer Mitbürger aus den Neuen Bundesländern. Tatort: Christkindlesmarkt. – Der ganz normale Wahnsinn!“
„Ein Foto des Toten gibt es aber?“
„Ja, hier.“
„Was halten Sie davon, das Foto in den Computer einzuscannen und mit Vermisstenanzeigen zu vergleichen, sofern in den nächsten Tagen keine kommt? Und nachzuschauen, ob es ähnliche Fälle gab.“
„Ist gut, Gscheiderla!“ Besserwisserische und aus Preußen stammende Kolleginnen waren dem Kommissar verhasst, so wie Preußen im Allgemeinen, Fürther, das Gedränge in der Altstadt während der Adventszeit, das Rauchverbot am Arbeitsplatz, Mädchen, die sich kleideten als ob sie auf den Strich gingen, Eltern, die das zuließen, die letzten unglücklichen Niederlagen des 1.FC Nürnberg, der Polizeipräsident und noch viele andere Unannehmlichkeiten des Alltags.

Er ging hinaus und ließ sich viel Zeit für seine Zigarette. Als er wieder zurückkam, hatte seine Kollegin offenbar schon etwas gefunden und ihr war anzusehen, wie sehr sie darauf drängte, ihr Wissen mitzuteilen. Kröber tat, als ob er nichts bemerkte, schaltete seinen Computer an und sah sich die Aktenlage in zwei weiteren offenen Fällen an.
„Wissen Sie, was ich herausgefunden habe?“, wagte Kommissarin Peters einen Vorstoß.
„Nein, aber Sie werden es mir sicher gleich sagen.“
„Es gab im letzten Jahr zwei vergleichbare Fälle zur Weihnachtsmarktszeit, einen hier, einen in Fürth. Damals traf es Budenbesitzer. Auch Herzstillstand, Einwirkung von außen nicht ausgeschlossen; keiner der beiden war vorher herzkrank.“
„Wollen Sie sagen, dass es einen Zusammenhang gibt? Die Christkindlesmarkt-Bande oder was?“
„Ich will bloß sagen, was ich herausgefunden habe.“
„Dann werde ich gleich einmal herausfinden, wie viele plötzliche Todesfälle dass es in Nürnberg in dem Jahr gegeben hat. – Das sagt gar nichts aus. Bevor wir nicht mindestens wissen, wer die Leiche ist, brauchen wir gar nicht erst anfangen, was zu suchen.“
„Natürlich ist das nur eine Vermutung, aber ich bin Polizistin, keine Richterin. Da arbeitet man mit Vermutungen.“
„Jawohl, Frau Polizeischulmeisterin!“
„Oder fangen Sie erst an, zu ermitteln, wenn schon alles sicher ist? Dann gibt es für uns nichts mehr zu tun.“
„Ist gut. Machen Sie weiter und lassen Sie mich in Ruhe!“


Während Oberkommissar Kröber und Kommissarin Peters getrennt voneinander die Dateien nach dem Foto des Toten durchsuchten, verabschiedeten sich Sonja Lampert und Yeşim Cokbudak voneinander. Wie zu erwarten war Sonjas Mutter, eine erfolgreiche Maklerin, nicht zu erreichen gewesen und schließlich hatten die Polizisten es trotz Bedenken erlaubt, dass die Mädchen allein heimgingen.
„Kommst du noch mit rauf?“, fragte Sonja.
Yeşim schüttelte den Kopf. „Muss noch einkaufen und Essen vorbereiten. Meine Eltern sind ja bis acht im Laden und der Hakan hat heute Training. – Ciao, wir können später chatten!“
Sie küsste die Freundin nochmals auf die Wangen und sah ihr nach, bis Sonja im Haus verschwunden war.

Yeşim hatte zwar tatsächlich einkaufen müssen, dies aber schon erledigt, bevor sie sich mit Sonja getroffen hatte. Sie lud zu Hause lediglich schnell ihre Sachen ab, besah sich im Spiegel, zupfte etwas an ihren Haaren, zog ihre Lippen nach und verließ die Wohnung sofort wieder. Ihren Eltern hatte sie erzählt, dass sie bei Sonja essen würde, was denen ganz recht war.
Was sie wirklich vorhatte, brauchten weder Sonja noch ihre Eltern noch ihr Bruder Hakan, der tatsächlich Judotraining hatte, zu wissen, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen: Sie traf sich noch mit Kevin, einem Jungen, den sie am Wochenende auf einer Party im Stadtteilzentrum kennen gelernt hatte – und mit dem sie telefoniert hatte, als sie mit Sonja auf dem Christkindlesmarkt unterwegs gewesen war, weshalb sie auch Sonja überhört hatte.
Zwar waren ihre Eltern relativ tolerant, wenn sie ihre Familie mit denen türkischer Freundinnen verglich; ob sie es allerdings dulden würden, dass Yeşim mit ihren dreizehn Jahren mit einem zwei Jahre älteren Jungen ging, bezweifelte sie. Sonja ahnte wohl etwas, war aber vermutlich neidisch, da eigentlich sie es gewesen war, die auf der Party einen Jungen, Niklas, aus der neunten Klasse ihrer Schule erobern wollte; den hatte ihr allerdings ein beiden unbekanntes Mädchen weggeschnappt. Während Sonja sich darüber gegrämt hatte, war Yeşim mit Kevin, einem Freund von Niklas, ins Gespräch gekommen. Beide teilten eine Vorliebe für Krimis und Black Stories und hatten teilweise auch den gleichen Musikgeschmack. Auf der Party hatten sie Blues getanzt und sich auch einmal geküsst, wenn auch mehr aus Spaß.
Dass Kevin allerdings tatsächlich Yeşim nochmals angerufen hatte und sie wieder sehen wollte, hatte sie selbst überrascht. Die Worte ‚Ich liebe dich’ hatte er zwar nicht gebraucht, aber immerhin, er schien sie ebenfalls zu mögen und das reichte, um Yeşims Teenagerherz zu beflügeln. Gut gelaunt und ohne an das Geschehene zu denken lief sie, die Musik aus dem MP3-Player mitsummend, die Straße entlang zur Bushaltestelle. Der Bus war überfüllt, doch das war sie gewohnt.

Drei Stationen später stieg sie aus und erkannte auch in der Dunkelheit leicht Kevin unter den anderen, die unter der Überdachung des U-Bahnhofs Maximilianstraße herumstanden. Auch er hatte sie gesehen. Die Jugendlichen begrüßten sich mit einer Umarmung und flüchtigem Küsschen auf die Wange.
„Stark, dass es noch geklappt hat“, sagte Kevin. „Wo warst du eigentlich die ganze Zeit?“
„Bei den Bullen, wie ich dir gesimst hab.“
„Bei den – hast du was angestellt?“
„Nö, was denkst du von mir. Die Sonni hat einen Typen zusammenklappen sehen – gerade, als du mich das erste Mal angerufen hast, mitten auf dem Christkindlesmarkt. Da hab ich sie aus den Augen verloren und sie hat mich nicht angerufen. Erst viel später hab ich sie erreicht – und da war sie bei den Bullen, weißt schon, in der Theresienstraße, weil sie selber zusammengeklappt ist – der Typ war sofort tot.“
Kevin musste zweimal nachfragen, bis ihm klar wurde, was passiert war. „Sofort tot – und plötzlich zusammengeklappt, sagst du?“
„Sagt die Sonni – ich war ja selber nicht dabei.“
„Scheiße!“ Er drehte sich um.
„Was ist los mit dir?“
„Nicht so wichtig. – Lass uns ne Cola trinken gehen und dann runter zur Pegnitz! Was meinst du?“
„Gern. Aber irgendwas ist los mit dir. – Klar, ein Toter, das ist schlimm!“
„Klar ist das schlimm“, antwortete Kevin scheinbar teilnahmslos. „Aber so etwas gibt es, leider!“
Obwohl er sich Mühe gab, es zu überspielen, merkte Yeşim, dass ihm die Sache näher ging.

 
  MartinO 
 
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BeitragVerfasst am: 08.12.2011, 20:56
Der Text ist sehr gut und unterhaltsam geschrieben, habe das gerne gelesen thumb up
Vor allem der mürrische Oberkommissar Kröber ist gut charakterisiert.
Eine lustige Passage (trotz des todernsten Inhalts) ist die Aussage des sächsischen Standbesitzers
Zitat:
„Nee – das woar `n Mädchen, das Ihre Gollechen weggebracht hoben“, antwortete der Mann in fürchterlichem Sächsisch. „Sie hat laut jeschrien ‚Ein Doder!’, meine Frau hat hingeguckt und dann Sie ongerufen. Inzwischen is die Gleene zusammengesoggt. Ihre Gollechen hoben den Mann hier reingeschleppt und do liecht er nu.“

Das muss man sich echt mal laut vorsagen: do leicht -äh!- liecht en Doder!

Zitat:
Eine Leiche, aber es steht nicht fest, wie sie gestorben ist ...


Zu dieser Formulierung noch ein Gedanke: "Eine Leiche, die gestorben ist" wirkt auf mich irgendwie komisch (vielleicht ist es auch bewusst ironisch so geschrieben..?) Eventuell könnte man besser schreiben: "Eine Leiche, aber es steht nicht fest, wie der Mann gestorben ist..."

MfG
 
  Thomas L. 
 
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BeitragVerfasst am: 11.01.2012, 09:56
Lässt sich flüssig lesen und man ist gespannt wie es weitergeht. Den Kommissar kann man sich als eigensinnigen Typen mit verstecktem Humor und brillantem Verstand gut vorstellen. Wenn das in dem Stil weitergeht und der mysteriöse Todesfall eine spannende Ursache hat, dann wirds ein gutes Buch.

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BeitragVerfasst am: 11.01.2012, 11:26
Richtig gut geschrieben, Kompliment! thumb up
Würde gern weiterlesen.

Noch ein kleiner Hinweis: In folgendem Satz kann das Wort "dass" gestrichen werden.

„Dann werde ich gleich einmal herausfinden, wie viele plötzliche Todesfälle dass es in Nürnberg in dem Jahr gegeben hat..."

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  Grit 
 
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Onkel Arno

BeitragVerfasst am: 01.02.2012, 02:18
Vielen Dank für den Zuspruch! Hier noch ein Kapitel:
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Yeşim und Kevin tranken an einem Imbissstand Cola und teilten sich eine Lahmacun mit Schafskäse sowie eine Portion Süßigkeiten. Sie unterhielten sich über belanglose Dinge, die Schule, das Kinoprogramm, Yeşims Bruder Hakan, mit dem sie eine Hassliebe verband – die Geschwister hielten zwar normalerweise Geheimnisse vor den Eltern, verlangten dafür allerdings Geld voneinander – und Kevins Stiefvater und Stiefschwester, die er beide verabscheute.
Schließlich zahlten sie und gingen in die Dunkelheit hinaus. Sie gingen durch die spärlich beleuchtete Mannertstraße in Richtung Fluss.
„Weißt du, dass das hier die längste Straße von Nürnberg ist?“, fragte Kevin.
„Klar, wenn du hier rein kommst, kommst du manchmal erst nach Jahren wieder raus – also lieber auf der linken Seite bleiben, rechts bleiben die Leute zu lange!“ Yeşim wies mit ihrem Finger auf die Mauer des Gefängnishofes.
Kevin gab ihr einen Ohrstöpsel und sie hörten gemeinsam Musik aus seinem MP3-Player. Schweigend gingen sie nebeneinander her, überquerten die Reutersbrunnenstraße und stiegen einen steilen Trampelpfad zur Pegnitz hinunter. Yeşim, die den Pfad nicht kannte, hatte Bedenken, doch Kevin bot ihr seinen Arm und half ihr die Böschung hinunter.
„Richtig unheimlich hier, wenn es dunkel ist und kaum Leute hier!“, stellte Yeşim fest. „Hier könnten sich jede Menge Verbrecher verstecken.“
„Wär mir zu gefährlich, wenn ich ein Verbrecher wär – so nah am Knast. Komm, die Verbrechen passieren in der Stadt. Was meinst du, was man zurzeit dort erbeuten kann? Bei dem Gedränge am Christkindlesmarkt!“
„Stimmt. – Gäbe übrigens ne gute Black Story ab: Ein Mann geht auf den Christkindlesmarkt, bricht mitten im Gedränge zusammen und ist sofort tot. Was ist passiert?“
„Nicht schon wieder!“
„Komm, Kev, rat mal!“
„Hat der Tod was damit zu tun, dass Christkindlesmarkt ist?“ – „Ja!“
„War der Tote ein Budenbesitzer?“ – „Nein.“
„Und was jetzt? Wenn wir zu zweit spielen, können wir schlecht wechseln?“
„Wir können doch weitermachen bis jemand zehn Nein hat oder so.“
„Lass uns lieber, wenn, dann eine andere Black Story machen, okay, Ye?“
„Also stört dich irgendwas da dran?“, hakte Yeşim nach. „Du hast ja vorhin schon ausgeschaut, als ob du gleich flennen würdest – sorry!“
„Ich? Flennen?“, antwortete Kevin empört.
„Sorry, ich wollte dich nicht beleidigen.“ Nach einer Pause fügte sie hinzu: „Aber ein bisschen neugierig bin ich schon.“
„Okay, wenn du’s genau wissen willst: Letztes Jahr ist so was Ähnliches in Fürth passiert, weiß nicht, ob du’s mitgekriegt hast – und der Tote war ein Onkel von mir.“
„Au Mann, das tut mir leid!“ Yeşim umarmte ihn.
„Herzanfall, hat der Polizeiarzt gesagt. Aber ich glaub’ das nicht. Der Onkel Arno war nicht herzkrank. Klar, er hat geraucht, er hat ziemlich viel Stress gehabt, gerade vor Weihnachten, klar, aber er hatte ne Kondition wie ein Bär. Der ist mit dem Fahrrad Berge raufgekommen, da hab ich sofort aufgegeben und auch mein Cousin Marcel, also sein Sohn, ist ihm nicht nachgekommen und der ist drei Jahre älter als ich und voll gut in Sport.“
„Meinst du, sie haben ihn umgebracht?“
„Ja. Und die Tante Iris, also seine Frau, meint, dass die Bullen das auch glauben – bloß beweisen kann man’s nicht.“
„Wer macht so was? Die Mafia?“
„Kann sein. Ich hab das Gefühl, die stecken da ziemlich mit drin bei den Weihnachtsmärkten.“
„Wie’s in der Provinz ist, weiß ich nicht“, antwortete Yeşim, den Blick nach Westen in Richtung Stadtgrenze gerichtet, „aber in Nürnberg ist das noch untertrieben – die stecken nicht drin, das ist die Mafia, sag ich dir.“
„Erfahrungen gemacht?“
„Meine Eltern haben mal einen Stand beantragt – sie haben ein Obstgeschäft und verkaufen auch viele getrocknete Früchte, Feigen, Datteln, Pflaumen und so, und viel Süßigkeiten. Aber no chance! Da hängen Familien drin, die da das Sagen haben und die auch mit der Stadt zusammenhängen. Letztes Jahr hat Papa gesagt, wenn er die ganzen Gebühren zahlen und die ganzen Bedingungen erfüllen wollen hätte, die sie verlangt haben, müsste er fünf Euro oder mehr für eine Tüte Mandeln oder einen Kranz Feigen verlangen – vorausgesetzt, er hätte alles verkauft, was er dann nie geschafft hätte. Dieses Jahr hat er’s, glaub ich, gar nicht probiert. Die Platzhirsche verkaufen billiger, klar, aber die müssen auch nicht Irrsinnsgebühren zahlen, damit ihnen jemand den Platz überlässt und kriegen keine Wahnsinnsauflagen von der Stadt, weil die kennen genug Leute, dass sie das nicht müssen.“
„In Fürth kommst du, glaub ich, noch eher rein. Mein Onkel war letztes Jahr zum ersten Mal auf dem Weihnachtsmarkt – er hat, hatte, eine Konditorei. Aber klar, dass da Leute abkassieren wollen – aber die sind zu schlau, als dass du das je rauskriegst.“
„Klar, die haben Vitamin B überall.“
„Und da hat halt ein kleiner Konditormeister wenig Chancen, wenn er kein Schutzgeld zahlt – und ein kleiner türkischer Obsthändler auch nicht – und ist vielleicht besser dran, wenn er gar nicht reinkommt. – Okay, Themawechsel!“ Er zog eine große Tüte Gummibärchen aus seiner Anoraktasche und hielt sie Yeşim hin. Die zögerte kurz. Eigentlich wollte sie ja abnehmen und hatte an diesem Tag schon genügend Süßigkeiten gegessen, aber... Sie griff zu.


Oberkommissar Kröber saß kaum an seinem Schreibtisch, als das Telefon klingelte.
„Hier Beck. Kommen Sie sofort!“, hörte er die Stimme des Polizeipräsidenten. Er schnaubte. Seinen Vorgesetzten hielt er für einen ahnungslosen Wichtigmacher, dessen einziges Talent darin bestand, sich sowohl bei den schwarzen Obrigkeiten des Bayrischen Innenministeriums als auch bei den überwiegend roten der Stadt Nürnberg einschmeicheln zu können.
Polizeipräsident Beck war ebenfalls übel gelaunt: „Geht es nicht etwas diskreter?“, fragte er scharf und hielt Kröber die neue Ausgabe der AZ unter die Nase. „MORD AUF DEM CHRISTKINDLESMARKT?“ lautete die Schlagzeile. Auf dem Bild war der Stand der Ostermanns mit Polizeiabsperrung zu sehen. „Der Direktor des Tourismusamts hat sich schon beschwert – Kröber, der Christkindlesmarkt ist die größte Attraktion, die wir haben und die Stadt braucht dringend Geld. Was meinen Sie, wie das auf Touristen wirkt?“
„Ich hab diesen Schmierfinken nichts gesagt“, antwortete der Kommissar. „Und wie soll man ermitteln, wenn es mitten im Gedrängel einen Toten gibt? Klar, dass es auffällt, wenn die Polizei absperrt, aber Spurensicherung geht halt nicht im Gedrängel.“
„Wie dem auch sei: Passen Sie auf! Schlechte Schlagzeilen sind das Schlimmste, was uns momentan passieren kann – die Stadt braucht jeden Cent, das wissen Sie.“
Kröber brummte, solange die Stadt es sich leisten könne, dass beim U-Bahn-Bau die Straße fünfmal aufgerissen und wieder zugeschüttet würde, habe sie wohl noch genug Geld.
„Lenken Sie den Verdacht also nicht gleich auf Mord – das passt nicht zur süßen Weihnachtszeit“, mahnte ihn sein Vorgesetzter. „Und vor allem: Nichts an die Presse! Ich werde offiziell vermelden lassen, dass es ein Unfall war.“

Genervt ging er zurück in sein Büro, wo seine Kollegin Peters schon fleißig bei der Arbeit war.
„Ich bin schon mal angefangen, mir die Akten zu dem Fall in Fürth im letzten Jahr anzusehen“, informierte sie ihn.
„Sie sind nicht angefangen, Sie haben angefangen. Und die Westvorstadt heißt nicht Führt, sondern Fürth, mit kurzem ü.“ Meistens verbesserte sie ihn, wenn er Dialekt sprach und so genoss er es, wenn sie einmal Fehler machte.
„Ist jetzt egal. Die Kollegen haben damals festgestellt, dass auffällig viele Standbesitzer auf dem Weihnachtsmarkt in Fürth]“ Sie betonte den Namen mit dem fränkischen, kurzen ü – „ teure Reparaturen an ihren Autos hatten.“
„Weiter kein Wunder. Letzten Winter hat es ja anständig geschneit – klar, da passieren Unfälle.“
„Ist möglich. Ich werde das jedenfalls Mal überprüfen.“
„Wenn’s Ihnen Spaß macht! – Horchen’S: Wenn wirklich da unsaubere Geschäfte laufen, dann haben die das bestimmt so hingedeichselt, dass bei den Werkstätten nichts zu finden ist.“
„Und was wollen Sie dann machen?“
„Erst einmal rauskriegen, wer der Tote überhaupt ist. Oder gibt es Vermisstenanzeigen?“
„Nee. Noch niemand.“
„Wenn überhaupt, dann kriegen wir was raus, indem wir verdeckte Ermittler auf die Standbesitzer schicken. – Ganz im Vertrauen, Frau Kollegin: Ich kann mir gut vorstellen, dass da Schutzgelder fließen. Ob sie mit unserem Fall was zu tun haben, weiß ich nicht und bis wir was rauskriegen, dauert es.“

Er rief seinen Freund Klaus Denzer vom Ordnungsamt an. Der bestätigte, was Kröber schon vermutet hatte: Der Christkindlesmarkt war fest in der Hand einzelner Schaustellerdynastien. Ob Geld geflossen sei, wusste Denzer nicht.
„Hm, vielleicht wissen unsere V-Leute bei der Russenmafia was“, sagte Kröber halblaut zu sich selbst, nachdem er aufgelegt hatte.
„Dachte ich auch schon“, hörte er Kommissarin Peters’ Stimme. „Das Abkassieren ist ja absolut in russischer Hand.“
Oberkommissar Kröber öffnete die Datei, in der Daten der russischen V-Männer gespeichert waren. „Dazu passt auch, dass der Tote keine Papiere hatte – sie nehmen ihren Killern und sonstigen Lakaien meistens die Papiere und alles, woran man sie erkennt, weg, sobald die nach Deutschland kommen – so kann keiner von denen singen und so tappen wir im Dunkeln, wenn wir ausnahmsweise mal wen erwischen. – So steht’s im Bericht vom Vadim.“
„In Vadims Bericht“, revanchierte Birgit Peters sich. „Vergessen Sie das Foto nicht. Wenn wir Glück haben, kennt einer unserer V-Leute den Toten.“
„Richtig. Wenn wir Glück haben.“


Yeşim Cokbudak hatte eine unruhige Nacht verbracht. Kevin hatte sie am Vorabend noch heimbegleitet, war aber auf ihre Bitten hin eine Ecke vor dem Haus, in dem ihre Familie wohnte, verschwunden.
Der Fall hatte ihren kriminalistischen Spürsinn geweckt: Wie konnte man nur herausfinden, wer Kevins Onkel ermordet hatte? Gab es Fingerabdrücke? Sie verwarf den Gedanken. So dumm, an so etwas nicht zu denken, war kein echter Polizist, nur Herr Grimm in Enid Blytons Geheimnis-Reihe, die sie im Grundschulalter verschlungen hatte, inzwischen aber für Kinderkram hielt. Konnte es in der Wohnung von Kevins Onkel etwas geben, was auf den wahren Täter hindeutete? – Das schon eher. Vermutlich hatte die Polizei die Wohnung zwar durchsucht, aber sie wusste aus Erfahrung, welche Schätze plötzlich dort auftauchten, wo niemand sie erwartete. So hatte Hakan einmal einen Anhänger von ihr im Keller gefunden – sie konnte sich das nur so erklären, dass ihr die Kette genau so aufgegangen war, dass der Anhänger in den Vorratskorb gefallen war, jemand diesen in den Keller getragen und dort versehentlich mit den leeren Flaschen und sonstigen Dingen, die nicht ständig gebraucht wurden, weggelegt hatte.
Da sie lange wachgelegen war, fiel es ihr am Morgen schwer, aufzustehen. Sie schlief wieder ein und erschrak, als ihre Mutter nochmals in ihr Zimmer kam und sie auf die Uhr sah. Sie musste sich beeilen. Hastig wusch sie sich, zog sich an und frühstückte, wobei ihre Mutter sie ermahnte, nicht so zu schlingen. Sie ließ ihre Teetasse halbvoll, als sie zurück in ihr Zimmer lief – ungeschminkt in die Schule zu gehen, war in ihren Augen ein Unding.
Als sie sich endlich gestylt hatte, stellte sie fest, dass sie nur noch wenige Minuten hatte, bis der Bus fuhr. Sie zog ihren Anorak über, rannte aus der Wohnung, schlüpfte in ihre Stiefel, in die sie ihre Hose nur notdürftig stopfte und rannte los. Gerade als sie zur Bushaltestelle kam, fuhr das rot-weiße Gefährt ab.
Sie stieß eine lange Reihe türkischer und deutscher Flüche aus. Sie war vor drei Wochen zum letzten Mal zu spät gekommen, ausgerechnet bei Krisch, dem Pünktlichkeitsfanatiker der Schule – und genau den hatte sie wieder in der ersten Stunde. Andere kamen regelmäßig zu spät und ihnen passierte nichts, da die jeweiligen Lehrer noch später kamen.

Krisch beließ es bei der Bemerkung, beim nächsten Mal sei eine Nacharbeit fällig. Ansonsten verlief der Vormittag ereignislos. Sonja und Yeşim waren inzwischen geübt darin, während des Unterrichts so zu kommunizieren, dass es ihren Lehrern nicht auffiel – die hatten ohnehin genug mit den Jungen zu tun, die mit Papierkugeln schmissen oder beim Schaukeln mit den Stühlen laut genug die Lehne gegen die Tischplatte ihres Hintermanns krachen ließen.

In den Pausen stand Kevin leider mit Jungen zusammen, die auch mit Hakan befreundet waren, weshalb Yeşim es bei einem ‚Hallo!’ beließ, auch wenn es ihr schwer fiel. Das Geld, das Hakan fürs Dichthalten sicher verlangt hätte, wollte sie lieber anders verwenden.
Am Nachmittag hatte sie neben Hausaufgaben noch Schwimmtraining, sodass ihr erst, als sie abends nach Hause fuhr, auffiel, dass Kevin mehrmals auf ihr Handy gesprochen hatte. Nachdem sie sich von Sonja verabschiedet hatte, musste sie noch ihrem Bruder helfen, die Schachteln und Tüten mit Gebäck, die Tante Emine wie jeden Dienstag und Donnerstag gebacken hatte, ins Geschäft der Eltern zu bringen und dort so zu verstauen, dass sie am nächsten Tag appetitlich aussehen würden. Dafür durften Yeşim und Hakan die nicht verkauften Plätzchen vom Dienstag aufessen.
Sie achtete darauf, dass ihr Bruder sie nicht übervorteilte, hängte ihren Bikini und ihr Badetuch ordentlich zum Trocknen auf und ging in ihr Zimmer, wo sie sofort Kevins Nachrichten las und abhörte.
Nicht nur schrieb er, wie sehr er sie vermisste, er berichtete auch, dass er seiner Tante hatte helfen müssen und zufällig genau zu dieser Zeit die Polizei in der Konditorei war. Darüber wollte sie unbedingt mehr wissen!
Es kostete sie Überwindung, dem Ruf der Mutter, dass Essenszeit sei, zu folgen, statt sofort ins Internet zu gehen und mit Kevin zu chatten.


„Das Geschäft Arno Blechschmidts wurde nie durchsucht“, stellte Kommissarin Peters fest. „Hier heißt es nur ‚keine auffälligen Geldbewegungen, keine Fingerabdrücke am Stand hinter der Theke, außer denen Blechschmidts selbst, seiner Frau, seines Sohnes und einer Verkäuferin.“
„Tja, der Kollege Beringer war eben nicht so preußisch-gründlich wie Sie“, kommentierte ihr Vorgesetzter sarkastisch.
„Mir scheint eher, da spielen andere Dinge eine Rolle. Genau bis zum 3. Januar gibt es regelmäßige Einträge, ab dem 4. Januar nichts mehr, aber erst am 29. Januar wurde der Fall als ungelöst vermerkt.“
„Ist ihm oder dem Kollegen Klein nach dem 4. Januar eben nichts mehr eingefallen, was sie noch machen könnten.“
„Na ja, es gab damals ja wohl auch einen Verdacht und den V-Mann zur Russenmafia kennen ja wohl nicht nur Sie.“
„Frau Kollegin, V-Leute kennen nie allzu viele. Klein hat zwei andere V-Leute in der Russenmafia, die er betreut – ich kenn’ nur die Namen und die Gesichter, mehr nicht.“
„Egal. Er hatte sie jedenfalls nicht kontaktiert.“
„Wollen Sie das jetzt? Die werden Ihnen genau nichts sagen.“
„Vielen Dank für die Information! Ich überlasse Ihnen den Kontakt zu ihrem V-Mann und werde mich nochmals in dieser Konditorei umhören. Mit Klein können wir im Moment nicht sprechen.“
Kommissar Michael Klein lag nach einem schweren Skiunfall in Salzburg im Krankenhaus. Zwar war er nicht mehr im Koma, doch konnte er immer noch nicht nach Nürnberg transportiert werden, geschweige denn, dass mit ihm ein normales Gespräch möglich gewesen wäre.

Birgit Peters erreichte die Witwe Blechschmidts zwar am Telefon, die bat aber darum, es kurz zu machen und zu kommen. Die Kommissarin fuhr nach Fürth, sprach dort mit Frau Blechschmidt, zwei Verkäuferinnen und einem Küchenhelfer. Weder die Chefin selbst noch ihre Angestellten konnten sich erinnern, dass der Besitzer vor seinem Tod den Eindruck gemacht hatte, unter Druck zu stehen.
„Klar, Weihnachten ist immer was los, und letztes Jahr besonders, weil wir zum ersten Mal am Weihnachtsmarkt waren“, sagte eine Verkäuferin. „Klar war der Chef nervöser wie sonst, ist wegen Sachen gleich sauer geworden, die er normal durchgehen hat lassen, aber aufgefallen – nein.“
Frau Blechschmidt bat die Kommissarin darum, die Gespräche in einem Hinterzimmer zu führen, damit die Kundschaft nichts mitbekomme. Auch sie wusste nichts davon, dass ihr Mann bedroht worden war. „Aber eins sag ich Ihnen: Den ham’s umgebracht“, schloss sie. „Und noch eins saach ich Ihnen: Ihr Kollech, der Herr Beringer oder so, der hat erschd hier jeden Winkel durchgeschaut und dann nach ein paar Tagen getan, wie wenn er sich an nix erinnern könnt’. Da war was ned sauber.“
In diesem Moment steckte ein Junge mit hochtoupierten, braunen Haaren seinen Kopf durch das Fenster vom Hof her: „Bin dann fertig, Tante Iris!“
Die Konditorin nahm ihren Geldbeutel und zog einen Schein heraus. „Dank dir!“ Sie wandte sich an die Kommissarin: „Mein Neffe Kevin – hilft mir ab und zu das Lager ausräumen.“
Kommissarin Peters sah, wie der Junge in einem Prospekt blätterte. Sie erkannte, dass es sich um die Werbung einer Zweiradfirma handelte. So eine Maschine hatte – nein, sie wollte nicht daran denken!
„Kann ich Ihnen auch ein paar Fragen stellen?“, rief sie durch das Fenster. „Kriminalpolizei.“
Der Junge trottete zur Tür und kam herein. „Muss ja wohl“, antwortete er muffelig.
Er nahm den Prospekt mit und setzte sich an den Tisch.
„Sie interessieren sich für Motorräder?“, versuchte die Kommissarin einen Einstieg.
„Sie können mich ruhig duzen. Ja, schon, im Moment hab ich noch nicht genug Geld, aber wenn ich nächstes Jahr nen guten Job krieg, will ich mir ne 80er zulegen. Hier die Yamaha hier vielleicht.“
„Yamaha finde ich bei 80ern nicht so gut. Bei schweren Maschinen ja, aber bei leichten rate ich dir eher zu Hercules oder Honda.“
„Kennen Sie sich aus mit Motorrädern?“, fragte Kevin interessiert.
„Ja, ich fuhr selbst einige Jahre – aber man wird ja älter, vorsichtiger und bequemer.“ Sie bemühte sich, einen gleichmütigen Gesichtsausdruck zu wahren.

Immerhin funktionierte der Einstieg. Der Junge kannte sich tatsächlich einigermaßen aus und wollte vielleicht sogar Zweiradmechaniker lernen.
Nach einigen Minuten Geplauder kam die Kommissarin zu ihrem eigentlichen Anliegen: „Hast du hier auch schon mitgeholfen, als dein Onkel noch gelebt hat?“
„Ja, freilich, warum? Da fällt immer Arbeit an – und der Onkel Arno hat ganz großzügig bezahlt; die Tante Iris macht das auch, obwohl sie manchmal jammert sie, hat kein Geld.“
„Und was machst du hier?“
„Alles halt, für das man keinen gelernten Konditor braucht was nicht unbedingt zu einer bestimmten Zeit passieren muss – so wie Lager ausräumen eben, leere Kartons in den Container, gelbe Säcke füllen, was halt so anfällt.“
„Ist dir um Weihnachten letztes Jahr irgend etwas aufgefallen?“
Der Junge überlegte. „Nein, eigentlich nicht“, sagte er schließlich. „Halt, doch. – Aber das hat meine Tante bestimmt Ihren Kollegen schon gesagt.“
 
  MartinO 
 
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BeitragVerfasst am: 01.02.2012, 18:02
Hallo,

die Geschichte gefällt mir bisher recht gut, aber ich erlaube mir mal ein paar Anmerkungen und Verbesserungsvorschläge. Ich hoffe, Du hast nichts dagegen (aber dann hättest Du's vermutlich nicht hier ins "Lektorat" eingestellt, sondern ins Textvorstellungs-Forum Wink ).
... aus Zeitgründen jedoch nur zu einem Teil des 1. Kapitels; Anmerkungen in Rot.


Ein Toter, den niemand kennt
Das Handy des Oberkommissars klingelte. Jemand von der Schutzpolizei – Kröber merkte sich deren Namen prinzipiell nicht – informierte ihn, dass sie auf dem Christkindlesmarkt einen Toten gefunden hatten.
„Zusammengebrochen oder was?“, fragte er knapp.
„Können wir im Moment noch nicht sehen. Kann gut sein, dass er im Gedränge noch mitgeschleift wurde.“
„Sonst noch Wichtiges?“
„Männlich, etwa 30 Jahre alt, etwa 1,80 Meter groß, blond. Hatte keine Papiere bei sich, auch kein Handy.“ [Wenn Du weiter unten jemanden Sächsisch sprechen lässt und auch sonst offensichtlich Wert auf wortgetreue Wiedergabe legst, würde ich hier statt "1,80 Meter" eher so etwas wie "eins-achtzig" schreiben; "eins-Komma-achtzig-Meter" sagt ja niemand so.]
„Wer hat ihn gefunden?“
„Ein Mädchen. Sie steht unter Schock. – Wir sind bei einem Stand für erzgebirgische Volkskunst im Sternlasweg, der Zugang ist genau gegenüber der Buchhandlung; Besitzer des Standes ist eine Familie Ostermann. Daneben ist links ein Stand für Süßigkeiten, rechts einer für Spielzeug. Ziemlich genau in der Mitte des Marktes.“
„In Ordnung, ich komme!“ Eine Anweisung, die Stelle abzusichern, dürfte zwecklos sein. Sicher waren bereits Tausende von Füßen darüber getreten [besser: "darüber gelaufen" oder "darüber getrampelt", um die Quasi-Wiederholung mit "zertretene" zu vermeiden (auch wenn "laufen" natürlich sachlich nicht ganz korrekt ist, wäre ja wie rennen)], lagen ebenfalls ["ebenfalls" würde ich ersatzlos streichen] zertretene Reste von Lebkuchen, Zuckerwatte und gebrannten Mandeln darüber und hinuntergeronnener Glühwein und Kinderpunsch hatte das Ganze zu einer undurchdringbaren Masse gemacht.

Oberkommissar Kröber hielt wenig von Christkindlesmarkt [entweder meint er diesen einen, dann "vom", oder er meint allgemein (fast) alle, dann besser "von ...märkten"] – seiner Meinung nach war dieser eine Touristenfalle, die nur den Zweck hatte, dafür zu sorgen, dass die gesamte Altstadt über vier Wochen voller Touristen und Dreck war. Christkindles- oder Weihnachtsmärkte, die diese Bezeichnung verdienten, gab es seiner Meinung nach [zweimal "seiner Meinung nach" (siehe der Satz davor) finde ich nicht so schön] nur noch in kleineren Orten – angeblich sollte der in Fürth sehr schön sein, doch Kröber würde dennoch ["doch ... dennoch" ist nicht so schön, besser das "doch" streichen und hinter das "sehr schön sein" ein ";" setzen] niemals freiwillig einen Fuß in die „Westvorstadt“ setzen. [Bei diesem ganzen Absatz habe ich ein kleines Problem: Es erscheint mir alles nur behauptet; schöner und lebendiger wäre es, Kröbers Ansicht in einer Szene zu zeigen, in der er seinem Unmut über Christkindlesmärkte (bzw. diesen speziellen in Nürnberg, je nach dem, wie er das meint) und den Vorbehalt gegenüber der "Westvorstadt" zum Ausdruck bringt oder der Leser ihm dies deutlich anmerken kann (notfalls auf mehrere Textstellen verteilt; wenn er sich weiter unten über die Fotografen aufregt: dies könnte eine gute Stelle für solche Anmerkungen von ihm sein, z.B. gegenüber dem anderen Polizisten). Oder es müssen deutlicher seine Gedanken sein; das wirkt auf mich bisher nicht aus seiner Sicht geschrieben, sondern eher "von außen beobachtet" (er würde sich selbst z.B. sicher nie in Gedanken "Oberkommissar Kröber" nennen, außer vielleicht, wenn er sich selbst tadelt).]
Er zog es vor, zu Fuß zu gehen. Mit dem Auto brauchte man, selbst mit Blaulicht, ewig durch die vollgestopften Straßen, während zu Fuß jemand, der sich auskannte und die Fußgängerzone und die Hauptstraßen mied, sehr schnell vorankam. [besser fände ich es, nicht zu "man" und "jemand" zu wechseln, sondern bei Kröber zu bleiben, daher Vorschlag: Mit dem Auto bräuchte er, selbst mit Blaulicht, ewig durch die vollgestopften Straßen, während er zu Fuß sehr schnell vorankam, indem er die Fußgängerzone und die Hauptstraßen mied. – dass er sich offensichtlich auskennt, bemerkt der Leser auch so und muss nicht extra erwähnt werden.]

Er fand den Zugang zum Sternlasweg, wie eine der Gassen in der Budenstadt hieß, schnell und kämpfte sich durch das Gedränge, wobei er rücksichtslos von seinen Ellenbogen Gebrauch machte. Vor dem Stand der Familie Ostermann drängten Schutzpolizisten Schaulustige zurück. Er zeigte einem seinen Dienstausweis und trat vor den Stand. Der Tote lag im Inneren des Standes, die Besitzer, ein älteres Ehepaar, standen daneben.
„Grüß Gott, Kröber, Kriminalpolizei. Haben Sie den Toten gefunden?“
„Nee – das woar `n Mädchen, das Ihre Gollechen weggebracht hoben“, antwortete der Mann in fürchterlichem Sächsisch. „Sie hat laut jeschrien ‚Ein Doder!’, meine Frau hat hingeguckt und dann Sie ongerufen. Inzwischen is die Gleene zusammengesoggt. Ihre Gollechen hoben den Mann hier reingeschleppt und do liecht er nu.“ [Ich hab dieses Sächsisch quasi im Ohr, recht gut wiedergegeben, finde ich (soweit ich das als Nicht-Sachse beurteilen kann), aber sollte es nicht eher "Golleechen" heißen? Beim ersten Lesen habe ich erst mal rätseln müssen, was Gollechen (mit kurzem e in der Mitte) sein soll – das mag aber auch nur mein Problem sein]
Auch die Frau des Standbesitzers wusste nicht mehr.
„Keine Informationen, wer der Tote ist – keine Papiere, kein Handy, kein Nichts“, informierte einer der Schutzpolizisten. „Die Zeugin haben die Kollegen ins Revier Mitte gebracht. Wenn sie dort nicht zu sich kommt, muss sie ins Krankenhaus. [Moment: sie ist zusammengebrochen, offensichtlich noch nicht bei Bewusstsein ("wenn sie dort nicht zu sich kommt") und keiner ist auf die Idee gekommen, den Rettungswagen oder einen Notarzt zu rufen? Nichtmal die Polizei? Bei einer 13-Jährigen, deren Eltern vielleicht die Polizei verklagen, wenn wegen dem nicht gerufenen Arzt Schlimmeres passiert? Finde ich unglaubwürdig...] – Sie heißt Sonja Lampert, geboren am 13. April 1998, geht auf die Peter-Vischer-Realschule – das steht in ihrem Schülerausweis, den sie zum Glück dabei hatte. Aus ihr selbst war nichts rauszukriegen, ist zusammengeklappt, bevor wir hergekommen sind. Ansonsten keine Spuren zu sehen – nirgends eine Kugel oder sonstige Waffen.“ [warum "sonstige"? Kugeln sind Munition, keine Waffen, der Polizist sollte das wissen, "sonstige" würde ich daher ersatzlos streichen; evtl. besser "Waffe" (Einzahl), passt besser in den Satzbau.]

„Das dauernde Geknipse regt mich auf!“, bellte Kröber und zeigte mit dem Finger auf eine Gruppe japanischer Touristen, die unaufhörlich den Stand, die Polizisten und den Absperrzaun fotografierten. Andere redeten mit den Polizisten, doch die gaben wenig Antworten.
„Sonst hat niemand was gesehen?“, fragte Kröber einen der Schutzpolizisten. [Er regt sich über die japanischen Touristen auf und wechselt sofort und ohne Übergang wieder zum vorherigen Gespräch? Passt für mich irgendwie nicht so recht zusammen, der "Wutausbruch" wirkt auf mich inszeniert.]
„Angeblich nicht – oder es will niemand was sehen.“
„Was mich wundert: Woher weiß eine Dreizehnjährige, dass jemand, der auf dem Boden liegt, tot ist – und warum sieht ihn sonst niemand liegen?“
„Keine Ahnung, wer alles hier vorbeigekommen ist. Die Leute, die wir hier vorgefunden haben, als wir uns endlich durchgekämpft haben, können ja ganz andere sein als die, die wirklich was gesehen haben – das Gedränge geht ja ständig weiter.“
„Ach nein, da wär’ ich nie draufgekommen“, knurrte Kröber.

Er sah sich den Toten genauer an, doch der blutete weder, [kein Komma] noch waren irgendwelche Kampfspuren oder sonst etwas Auffälliges an ihm zu sehen.
„Bringen Sie ihn ins Präsidium zur Untersuchung!“, befahl er. „Die Personalien...“ [bitte echte Auslassungspunkte verwenden (ein Zeichen, nicht 3 einzelne Punkte) – und ein geschütztes Leerzeichen davor]
„...von [Hier genau umgekehrt: nach den Auslassungspunkten ein Leerzeichen; nur wenn Wörter mittendrin abgebrochen werden, werden Auslassungspunkte "nahtlos" angefügt] Herrn und Frau Ostermann haben wir schon aufgenommen, Herr Kommissar“, meldete eine Schutzpolizistin. „Werden Ihnen zugemailt.“

Der Kommissar verließ den Stand in Richtung Polizeiwache. Vom Podium, das wie jedes Jahr vor der Frauenkirche aufgebaut war, erklang Blasmusik. Das Gedränge war unverändert dicht. Es roch gleichzeitig nach Bratwürsten, Lebkuchen, Glühwein, Schweiß und Zigarettenqualm.
‚Kein Wunder, dass hier jemandem schlecht wird und er umkippt’, dachte der Kommissar sich ["sich" würde ich streichen]. Er drängte sich bis zur Nordseite des Hauptmarkts durch und ging von dort durch den Rathaushof, wo es trotz der Stände der Partnerstädte, die sich dort befanden, erheblich ruhiger zuging als auf dem Markt selbst, zur Polizeiwache. [den Einschub "wo es trotz der Stände der Partnerstädte, die sich dort befanden, erheblich ruhiger zuging als auf dem Markt selbst" würde ich mit Gedankenstrichen umschließen (statt Kommas), wegen der weiteren Kommas im Satz ist das dann übersichtlicher]

Soweit erst einmal. Es ist möglich, dass ich auf die Schnelle ein, zwei Dinge übersehen habe, zumal ich zweimal unterbrechen musste (u.a. Telefon). Insgesamt finde ich die Geschichte aber bisher gelungen, abgesehen von den Stellen mit meinen Anmerkungen und Vorschlägen Wink Schön finde ich, dass Rechtschreibung und Grammatik bei Dir offensichtlich kein Problem zu sein scheint Smile

Freundliche Grüße
Jörg

Edit: einmal Rot-Färbung vergessen und nachgeholt ...


Zuletzt bearbeitet von Anti-Fehlerteufel am 02.02.2012, 11:58, insgesamt einmal bearbeitet

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BeitragVerfasst am: 02.02.2012, 09:21
Wow, sehr interessant zu sehen, wie in einem schon sehr guten Text doch noch ein paar kleine Dinge gefunden werden, die tatsächlich verbesserungswürdig sind. thumb up

MartinO, danke auch für den zweiten Teil, den ich gern gelesen habe. Ebenfalls sehr gut geschrieben. Nur ein paar Kleinigkeiten gäbe es zu verbessern. Würde mich freuen, auch hier Anmerkungen von Anti-Fehlerteufel zu bekommen.

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BeitragVerfasst am: 02.02.2012, 13:46
Hallo Grit,

danke für die Blumen Smile

Das 2. Kapitel habe ich, ehrlich gesagt, noch nicht gelesen (wie schon erwähnt: Zeitgründe). Ich warte erst einmal ab, was MartinO zu meinen Anmerkungen sagt, vielleicht kommen dann von mir noch Verbesserungsvorschläge zum 2. Kapitel ...

Gruß
Jörg

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BeitragVerfasst am: 02.02.2012, 14:20
Klitzekleine inhaltliche Anmerkung: Obduktionen werden nicht im Polizeipräsidium, sondern in der Gerichtsmedizin (oder Rechtsmedizin) vorgenommen. Siehe Prof. Börne im Münsteraner »Tatort« ... Smile

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BeitragVerfasst am: 02.02.2012, 15:10
mtg hat Folgendes geschrieben:
Klitzekleine inhaltliche Anmerkung: Obduktionen werden nicht im Polizeipräsidium, sondern in der Gerichtsmedizin (oder Rechtsmedizin) vorgenommen. Siehe Prof. Börne im Münsteraner »Tatort« ... Smile

Was wieder beweist: Tatort-Gucken bildet. cheezy grin

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BeitragVerfasst am: 02.02.2012, 16:20
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BeitragVerfasst am: 04.02.2012, 13:39
@Anti-Fehlerteufel: Vielen Dank für die Zeit, die du dir genommen hast. Ich habe deine Kritik abgespeichert und werde am Wochenende schauen, inwieweit ich sie einarbeite und dann nochmals die korrigierte Fassung des Kapitels posten.
 
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BeitragVerfasst am: 11.02.2012, 18:11
Ein Toter, den niemand kennt

Das Handy des Kommissars klingelte. Jemand von der Schutzpolizei – Kröber merkte sich deren Namen prinzipiell nicht – informierte ihn, dass sie auf dem Christkindlesmarkt einen Toten gefunden hatten.

„Zusammengebrochen oder was?“, fragte er knapp.

„Können wir im Moment noch nicht sehen. Kann gut sein, dass er im Gedränge noch mitgeschleift wurde.“

„Sonst noch Wichtiges?“

„Männlich, etwa 30 Jahre alt, ungefähr eins achtzig groß, blond. Hatte keine Papiere bei sich, auch kein Handy.“

„Wer hat ihn gefunden?“

„Ein Mädchen. Sie steht unter Schock. – Wir sind bei einem Stand für erzgebirgische Volkskunst im Sternlasweg, der Zugang ist genau gegenüber der Buchhandlung; Besitzer des Standes ist eine Familie Ostermann. Daneben ist links ein Stand für Süßigkeiten, rechts einer für Spielzeug. Ziemlich genau in der Mitte des Marktes.“

„In Ordnung, ich komme!“ Eine Anweisung, die Stelle abzusichern, dürfte zwecklos sein. Sicher waren bereits Tausende von Füßen darüber getrampelt und es lagen zertretene Reste von Lebkuchen, Zuckerwatte und gebrannten Mandeln darüber und hinuntergeronnener Glühwein und Kinderpunsch hatte das Ganze zu einer undurchdringbaren Masse gemacht.



Kommissar Kröber hielt wenig vom Christkindlesmarkt – seiner Meinung nach war dieser eine Touristenfalle, die nur den Zweck hatte, dafür zu sorgen, dass die gesamte Altstadt über vier Wochen voller Touristen und Dreck war. Christkindles- oder Weihnachtsmärkte, die diese Bezeichnung verdienten, gab es in seinen Augen nur noch in kleineren Orten – angeblich sollte der in Fürth sehr schön sein; dennoch würde Kröber niemals freiwillig einen Fuß in die „Westvorstadt“ setzen.

Er zog es vor, zu Fuß zu gehen. Mit dem Auto bräuchte er, selbst mit Blaulicht, ewig durch die vollgestopften Straßen, während er zu Fuß, da er sich auskannte und die Fußgängerzone und die Hauptstraßen meiden konnte, sehr schnell vorankam.



Er fand den Zugang zum Sternlasweg, wie eine der Gassen in der Budenstadt hieß, schnell und kämpfte sich durch das Gedränge, wobei er rücksichtslos von seinen Ellenbogen Gebrauch machte. Vor dem Stand der Familie Ostermann drängten Schutzpolizisten Schaulustige zurück. Er zeigte einem seinen Dienstausweis und trat vor den Stand. Der Tote lag im Inneren des Standes, die Besitzer, ein älteres Ehepaar, standen daneben.

„Grüß Gott, Kröber, Kriminalpolizei. Haben Sie den Toten gefunden?“

„Nee – das woar `n Mädchen, das Ihre Golleechen weggebracht hoben“, antwortete der Mann in fürchterlichem Sächsisch. „Sie hat laut jeschrien ‚Ein Doder!’, meine Frau hat hingeguckt und dann Sie ongerufen. Inzwischen is die Gleene zusammengesoggt. Ihre Gollechen hoben den Mann hier reingeschleppt und do liecht er nu.“

Auch die Frau des Standbesitzers wusste nicht mehr.

„Keine Informationen, wer der Tote ist – keine Papiere, kein Handy, kein Nichts“, informierte einer der Schutzpolizisten. „Die Zeugin haben die Kollegen in die Rathauswache gebracht. Die Kollegin, die sich um sie kümmert, hat die Rettungssanitäterausbildung und wird den Notarzt holen, wenn es sein muss. – Das Mädchen heißt Sonja Lampert, geboren am 13. April 1998, geht auf die Peter-Vischer-Realschule – das steht in ihrem Schülerausweis, den sie zum Glück dabei hatte. Aus ihr selbst war nichts rauszukriegen, ist zusammengeklappt, bevor wir hergekommen sind. Ansonsten keine Spuren zu sehen – nirgends eine Kugel oder eine Waffe.“



„Das dauernde Geknipse regt mich auf!“, bellte Kröber und zeigte mit dem Finger auf eine Gruppe japanischer Touristen, die unaufhörlich den Stand, die Polizisten und den Absperrzaun fotografierten. "Kann denen keiner sagen, dass das hier kein Krippenspiel ist, verdammt?"
Andere Passanten redeten mit den Polizisten, doch die gaben wenig Antworten.

„Sonst hat niemand was gesehen?“, fragte Kröber, ndachdem er sich abgeregt hatte, einen der Schutzpolizisten.

„Angeblich nicht – oder es will niemand was sehen.“

„Was mich wundert: Woher weiß eine Dreizehnjährige, dass jemand, der auf dem Boden liegt, tot ist – und warum sieht ihn sonst niemand liegen?“

„Keine Ahnung, wer alles hier vorbeigekommen ist. Die Leute, die wir hier vorgefunden haben, als wir uns endlich durchgekämpft haben, können ja ganz andere sein als die, die wirklich was gesehen haben – das Gedränge geht ja ständig weiter.“

„Ach nein, da wär’ ich nie draufgekommen“, knurrte Kröber.



Er sah sich den Toten genauer an, doch der blutete weder noch waren irgendwelche Kampfspuren oder sonst etwas Auffälliges an ihm zu sehen.

„Bringen Sie ihn in die Gerichtsmedizin zur Untersuchung!“, befahl er. „Die Personalien ...“

„...von Herrn und Frau Ostermann haben wir schon aufgenommen, Herr Kommissar“, meldete eine Schutzpolizistin. „Werden Ihnen zugemailt.“
 
  MartinO 
 
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BeitragVerfasst am: 11.02.2012, 18:22
Der Kommissar verließ den Stand in Richtung Polizeiwache. Vom Podium, das wie jedes Jahr vor der Frauenkirche aufgebaut war, erklang Blasmusik. Das Gedränge war unverändert dicht. Es roch gleichzeitig nach Bratwürsten, Lebkuchen, Glühwein, Schweiß und Zigarettenqualm.

‚Kein Wunder, dass hier jemandem schlecht wird und er umkippt’, dachte der Kommissar sich. 'Aber alle Touristen müssen hierher, weil es ja angeblich so toll sein soll.' Er drängte sich bis zur Nordseite des Hauptmarkts durch und ging von dort durch den Rathaushof, wo es trotz der Stände der Partnerstädte, die sich dort befanden, erheblich ruhiger zuging als auf dem Markt selbst, zur Polizeiwache.



Er zeigte dem wachhabenden Beamten seinen Dienstausweis, verlangte, in das Zimmer gebracht zu werden, in dem sich Sonja Lampert befand und ignorierte dabei das schwarzhaarige Mädchen, das neben ihm am Tresen stand.

Im Verhörzimmer saß ein Mädchen mit blonden Locken, hellgrauem, weit ausgeschnittenem Pullover und etwas zu stark geschminktem Gesicht am Tisch. Neben ihr stand eine junge Beamtin.

„Hauptkommissar Kröber, Kriminalpolizei“, stellte er sich vor. „Bist du Sonja Lampert?“

Das Mädchen nickte und nippte an der Cola, die vor ihr stand.

„Sie ist zum Glück wieder zu sich gekommen“, informierte die Polizistin überflüssigerweise. „Leider haben wir ihre Eltern bisher nicht erreicht. Ich bin nicht sicher, ob sie verhörfähig ist.“

„Wird schon.“ Kröber setzte sich dem Mädchen gegenüber. „Was genau hast du gesehen?“

„Ich war mit Ye – mit meiner besten Freundin – auf dem Christkindlesmarkt unterwegs. Dort, bei diesem Stand mit den Sachen aus dem Erzgebirge, hab ich mich angestellt; ich wollte ein Geschenk für meine Oma kaufen, die steht voll auf das Zeug. Dann haut mir plötzlich jemand mit voller Wucht auf die Schultern. Ich dreh mich um und will den anmotzen, da seh ich, da liegt einer am Boden.“

„Herr Ostermann, der Besitzer des Stands, hat ausgesagt, du hättest gesagt, dass er tot ist. Woher wusstest du das? Er hätte ja auch nur zusammengebrochen sein können.“

„Ich bitte Sie, Herr Kommissar!“, warf die Polizistin ein, die wohl Kröbers Ton unangemessen fand. „Sie können nicht von einem Kind erwarten, dass es an alles denkt.“

Das Mädchen schüttelte den Kopf. „Ich bin bei der Wasserwacht und hab auch schon einen Erste-Hilfe-Kurs gemacht. Ich hab also alles versucht, also Ansprechen, Atem testen, Puls fühlen und so. Nichts! Dann hab ich versucht, den Mann zu beatmen, aber dann gemerkt, er wird immer kälter. Von den ganzen Leuten ringsum hat auch keiner geholfen. Dann hab ich laut geschrieen ‚Ein Toter!’ und erst danach hat die Frau vom Stand was gemerkt.“

„Und dann bist du ohnmächtig geworden?“

„Ja, glaub. Das nächste, an was ich mich erinner’, ist, dass ich hier gelegen bin und ihre Kollegin mich angeredet hat.“

„Du sagst, du warst mit deiner Freundin unterwegs. Wo war sie?“

„Keine Ahnung. Sie war plötzlich weg. Vorhin hat mein Handy geklingelt, das war sie.“
 
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BeitragVerfasst am: 11.02.2012, 18:26
Der Kommissar hatte gerade aufgelegt und war aufgestanden, um an einem stillen Ort seine verbotene Zigarette zu rauchen, als seine Kollegin Birgit Peters hereinkam.

„Guten Tag, Herr Kröber! Na, Ärger?“

„Ärger ist übertrieben. Eine Leiche, aber es steht nicht fest, wie sie gestorben ist und niemand weiß, wer der Mann war. Zeugen: Ein Kind und einer unserer Mitbürger aus den Neuen Bundesländern. Tatort: Christkindlesmarkt. – Der ganz normale Wahnsinn!“

„Ein Foto des Toten gibt es aber?“

„Ja, hier.“

„Was halten Sie davon, das Foto in den Computer einzuscannen und mit Vermisstenanzeigen zu vergleichen, sofern in den nächsten Tagen keine kommt? Und nachzuschauen, ob es ähnliche Fälle gab.“

„Ist gut, Gscheiderla!“ Besserwisserische und aus Preußen stammende Kolleginnen waren dem Kommissar verhasst, so wie Preußen im Allgemeinen, Fürther, das Gedränge in der Altstadt während der Adventszeit, das Rauchverbot am Arbeitsplatz, Mädchen, die sich kleideten als ob sie auf den Strich gingen, Eltern, die das zuließen, die letzten unglücklichen Niederlagen des 1.FC Nürnberg, der Polizeipräsident und noch viele andere Unannehmlichkeiten des Alltags.



Er ging hinaus und ließ sich viel Zeit für seine Zigarette. Als er wieder zurückkam, hatte seine Kollegin offenbar schon etwas gefunden und ihr war anzusehen, wie sehr sie darauf drängte, ihr Wissen mitzuteilen. Kröber tat, als ob er nichts bemerkte, schaltete seinen Computer an und sah sich die Aktenlage in zwei weiteren offenen Fällen an.

„Wissen Sie, was ich herausgefunden habe?“, wagte Kommissarin Peters einen Vorstoß.

„Nein, aber Sie werden es mir sicher gleich sagen.“

„Es gab im letzten Jahr zwei vergleichbare Fälle zur Weihnachtsmarktszeit, einen hier, einen in Fürth. Damals traf es Budenbesitzer. Auch Herzstillstand, Einwirkung von außen nicht ausgeschlossen; keiner der beiden war vorher herzkrank.“

„Wollen Sie sagen, dass es einen Zusammenhang gibt? Die Christkindlesmarkt-Bande oder was?“

„Ich will bloß sagen, was ich herausgefunden habe.“

„Dann werde ich gleich einmal herausfinden, wie viele plötzliche Todesfälle dass es in Nürnberg in dem Jahr gegeben hat. – Das sagt gar nichts aus. Bevor wir nicht mindestens wissen, wer die Leiche ist, brauchen wir gar nicht erst anfangen, was zu suchen.“

„Wie viele Todesfälle es in Nürnberg gegeben hat, ohne „dass". - Im Übrigen: Natürlich ist das nur eine Vermutung, aber ich bin Polizistin, keine Richterin. Da arbeitet man mit Vermutungen.“

„Jawohl, Frau Polizeischulmeisterin!“

„Oder fangen Sie erst an, zu ermitteln, wenn schon alles sicher ist? Dann gibt es für uns nichts mehr zu tun.“

„Ist gut. Machen Sie weiter und lassen Sie mich in Ruhe!“





Während Oberkommissar Kröber und Kommissarin Peters getrennt voneinander die Dateien nach dem Foto des Toten durchsuchten, verabschiedeten sich Sonja Lampert und Yeşim Cokbudak voneinander. Wie zu erwarten war Sonjas Mutter, eine erfolgreiche Maklerin, nicht zu erreichen gewesen und schließlich hatten die Polizisten es trotz Bedenken erlaubt, dass die Mädchen allein heimgingen.

„Kommst du noch mit rauf?“, fragte Sonja.

Yeşim schüttelte den Kopf. „Muss noch einkaufen und Essen vorbereiten. Meine Eltern sind ja bis acht im Laden und der Hakan hat heute Training. – Ciao, wir können später chatten!“

Sie küsste die Freundin nochmals auf die Wangen und sah ihr nach, bis Sonja im Haus verschwunden war.



Yeşim hatte zwar tatsächlich einkaufen müssen, dies aber schon erledigt, bevor sie sich mit Sonja getroffen hatte. Sie lud zu Hause lediglich schnell ihre Sachen ab, besah sich im Spiegel, zupfte etwas an ihren Haaren, zog ihre Lippen nach und verließ die Wohnung sofort wieder. Ihren Eltern hatte sie erzählt, dass sie bei Sonja essen würde, was denen ganz recht war.

Was sie wirklich vorhatte, brauchten weder Sonja noch ihre Eltern noch ihr Bruder Hakan, der tatsächlich Judotraining hatte, zu wissen, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen: Sie traf sich noch mit Kevin, einem Jungen, den sie am Wochenende auf einer Party im Stadtteilzentrum kennen gelernt hatte – und mit dem sie telefoniert hatte, als sie mit Sonja auf dem Christkindlesmarkt unterwegs gewesen war, weshalb sie auch Sonja überhört hatte.

Zwar waren ihre Eltern relativ tolerant, wenn sie ihre Familie mit denen türkischer Freundinnen verglich; ob sie es allerdings dulden würden, dass Yeşim mit ihren dreizehn Jahren mit einem zwei Jahre älteren Jungen ging, bezweifelte sie. Sonja ahnte wohl etwas, war aber neidisch, da eigentlich sie es gewesen war, die auf der Party einen Jungen, Niklas, aus der neunten Klasse ihrer Schule erobern wollte; den hatte ihr allerdings ein beiden unbekanntes Mädchen weggeschnappt. Während Sonja sich darüber gegrämt hatte, war Yeşim mit Kevin, einem Freund von Niklas, ins Gespräch gekommen. Beide teilten eine Vorliebe für Krimis und Black Stories und hatten teilweise auch den gleichen Musikgeschmack. Auf der Party hatten sie Blues getanzt und sich auch einmal geküsst, wenn auch mehr aus Spaß.

Dass Kevin allerdings tatsächlich Yeşim nochmals angerufen hatte und sie wieder sehen wollte, hatte sie selbst überrascht. Die Worte ‚Ich liebe dich’ hatte er zwar nicht gebraucht, aber immerhin, er schien sie ebenfalls zu mögen und das reichte, um Yeşims Teenagerherz zu beflügeln. Gut gelaunt und ohne an das Geschehene zu denken lief sie, die Musik aus dem MP3-Player mitsummend, die Straße entlang zur Bushaltestelle. Der Bus war überfüllt, doch das war sie gewohnt.



Drei Stationen später stieg sie aus und erkannte auch in der Dunkelheit leicht Kevin unter den anderen, die unter der Überdachung des U-Bahnhofs Maximilianstraße herumstanden. Auch er hatte sie gesehen. Die Jugendlichen begrüßten sich mit einer Umarmung und flüchtigem Küsschen auf die Wange.

„Stark, dass es noch geklappt hat“, sagte Kevin. „Wo warst du eigentlich die ganze Zeit?“

„Bei den Bullen, wie ich dir gesimst hab.“

„Bei den – hast du was angestellt?“

„Nö, was denkst du von mir. Die Sonni hat einen Typen zusammenklappen sehen – gerade, als du mich das erste Mal angerufen hast, mitten auf dem Christkindlesmarkt. Da hab ich sie aus den Augen verloren und sie hat mich nicht angerufen. Erst viel später hab ich sie erreicht – und da war sie bei den Bullen, weißt schon, in der Theresienstraße, weil sie selber zusammengeklappt ist – der Typ war sofort tot.“

Kevin musste zweimal nachfragen, bis ihm klar wurde, was passiert war. „Sofort tot – und plötzlich zusammengeklappt, sagst du?“

„Sagt die Sonni – ich war ja selber nicht dabei.“

„Scheiße!“ Er drehte sich um.

„Was ist los mit dir?“

„Nicht so wichtig. – Lass uns ne Cola trinken gehen und dann runter zur Pegnitz! Was meinst du?“

„Gern. Aber irgendwas ist los mit dir. – Klar, ein Toter, das ist schlimm!“

„Klar ist das schlimm“, antwortete Kevin scheinbar teilnahmslos. „Aber so etwas gibt es, leider!“

Obwohl er sich Mühe gab, es zu überspielen, merkte Yeşim, dass ihm die Sache näher ging.
 
  MartinO 
 
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Tod zur Weihnachtszeit - ein Krimi
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