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Tradition oder Die Vereinsmeierei

BeitragVerfasst am: 23.05.2008, 16:39
Neue Besen kehren gut, heißt es gerne anlässlich einer Veränderung an der Vereinsspitze. Die neue Führungskraft weckt Hoffnungen bei jüngeren Funktionären und lässt die Vereinsmitglieder zahlreich und neugierig zur Generalversammlung eilen. Vor dieser wird der Vorgänger im Chefsessel mit Ehrengaben verabschiedet Äußerungen über Misserfolge, die zur Ablöse des Obmannes geführt haben, gibt es vereinzelt, allerdings hinter vorgehaltener Hand.

Geschlossenheit zeigen, heißt die Parole, die der einstimmig gewählte neue Vorsitzende an den Beginn seiner Ansprache stellt. Er spricht von notwendiger vereinsinterner Solidarität, dem Bemühen, über parteipolitische Grenzen hinweg die zwischenmenschlichen Beziehungen zu verbessern und dadurch Mitglieder zu gewinnen, dem Ausbau der Kontakte zu anderen Organisationen und einem zukunftsorientierten Denken über den eigenen Tellerrand hinaus. Die lautstark vorgetragenen Sätze sind gespickt mit Zitaten aus einem Handbuch der Redekunst und durchzogen von Floskeln, wie sie aus anderen Vereinsversammlungen zur Genüge bekannt sind.

Altgediente Funktionäre, am Podium residierend, lassen durch ihre Miene erkennen, wie zufrieden sie mit dem neuen Obmann sind. Kein Wort der Kritik, keine Ankündigungen über Veränderungen, die dem gewohnten Rhythmus im Vereinsdasein gefährlich werden könnten.
In den letzten Sitzreihen sind bereits einige Zuhörer eingenickt. Andere scheint es nur noch wegen der nachfolgenden Gratis-Bewirtung auf den harten Stühlen zu halten.

Inzwischen hat der Redner zum wiederholten Mal seinen Schlusssatz angekündigt, findet jedoch, offenbar sich selber gerne hörend, kein Ende.

Da erbarmt sich der langjährige Vizevorsitzende der Zuhörerschaft. Er nimmt dem Neuen
Kurzerhand das Manuskript aus der Hand, klopft ihm auf die Schulter und sagt: „Wo’s keinen Dreck gibt, haben auch neue Besen nichts zum Kehren“.
Da applaudieren sogar die jungen, mitunter kritischen Funktionäre. Schließlich ist vereinsinterne Solidarität das Gebot der Stunde.
Die angekündigte Diskussion entfällt.


Zuletzt bearbeitet von hwg am 23.05.2008, 16:41, insgesamt einmal bearbeitet
 
  hwg 
 
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Re: Tradition oder Die Vereinsmeierei

BeitragVerfasst am: 23.05.2008, 16:40
Neue Besen kehren gut, heißt es gerne anlässlich einer Veränderung an der Vereinsspitze. Die neue Führungskraft weckt Hoffnungen bei jüngeren Funktionären und lässt die Vereinsmitglieder zahlreich und neugierig zur Generalversammlung eilen. Vor dieser wird der Vorgänger im Chefsessel mit Ehrengaben verabschiedet Äußerungen über Misserfolge, die zur Ablöse des Obmannes geführt haben, gibt es vereinzelt, allerdings hinter vorgehaltener Hand.

Geschlossenheit zeigen, heißt die Parole, die der einstimmig gewählte neue Vorsitzende an den Beginn seiner Ansprache stellt. Er spricht von notwendiger vereinsinterner Solidarität, dem Bemühen, über parteipolitische Grenzen hinweg die zwischenmenschlichen Beziehungen zu verbessern und dadurch Mitglieder zu gewinnen, dem Ausbau der Kontakte zu anderen Organisationen und einem zukunftsorientierten Denken über den eigenen Tellerrand hinaus. Die lautstark vorgetragenen Sätze sind gespickt mit Zitaten aus einem Handbuch der Redekunst und durchzogen von Floskeln, wie sie aus anderen Vereinsversammlungen zur Genüge bekannt sind.

Altgediente Funktionäre, am Podium residierend, lassen durch ihre Miene erkennen, wie zufrieden sie mit dem neuen Obmann sind. Kein Wort der Kritik, keine Ankündigungen über Veränderungen, die dem gewohnten Rhythmus im Vereinsdasein gefährlich werden könnten.
In den letzten Sitzreihen sind bereits einige Zuhörer eingenickt. Andere scheint es nur noch wegen der nachfolgenden Gratis-Bewirtung auf den harten Stühlen zu halten.

Inzwischen hat der Redner zum wiederholten Mal seinen Schlusssatz angekündigt, findet jedoch, offenbar sich selber gerne hörend, kein Ende.

Da erbarmt sich der langjährige Vizevorsitzende der Zuhörerschaft. Er nimmt dem Neuen
Kurzerhand das Manuskript aus der Hand, klopft ihm auf die Schulter und sagt: „Wo’s keinen Dreck gibt, haben auch neue Besen nichts zum Kehren“.
Da applaudieren sogar die jungen, mitunter kritischen Funktionäre. Schließlich ist vereinsinterne Solidarität das Gebot der Stunde.
Die angekündigte Diskussion entfällt.[/quote]
 
  hwg 
 
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BeitragVerfasst am: 23.05.2008, 16:43
Mir ist es schleiferhaft, wie der Text zweimal ins Netz gerutscht ist.
Heiner, bitte einen davon löschen. Danke!
 
  hwg 
 
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BeitragVerfasst am: 24.05.2008, 05:02
Super Hans, treffender kann man es wohl kaum sagen.

Lieben Gruß aus Berlin
Maryanne

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  Haifischfrau 
 
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BeitragVerfasst am: 24.05.2008, 05:44
Hallo Hans!
Lebensnah erzählt, aber den Satz
"über parteipolitische Grenzen hinaus" habe ich in diesem Zusammenhang nicht verstanden. Es wird doch ein Verein geschildert?

Gruß
Fabula
 
  Fabula 
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BeitragVerfasst am: 24.05.2008, 06:02
Danke Dir Maryanne!

Hallo Fabula! Bei uns sind viele Vereine parteipolitisch "verbandelt".
Nur zwei Beispiele: Naturfreunde, Pensionistenverband = rot,
Alpenverein, Seniorenbund = schwarz. Örtliche Vereine werden
vielfach von Parteifunktionären "geführt". Vielen Mitgliedern ist das egal, manche, vor allem jüngere, sind sich dessen gar nicht bewusst.

Herzliche Grüße!
 
  hwg 
 
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BeitragVerfasst am: 24.05.2008, 06:48
Danke Hans, capito!
Gruß
Fabula
 
  Fabula 
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BeitragVerfasst am: 24.05.2008, 07:02
Hallo Hans,
das, was Du da beschrieben hast, lässt sich prima auch auf Konzernbosse übertragen, denn die Mechanismen, die dort wirken, sind ja ähnlich gestrickt: rot/schwarz/bunt/farblos/stabil/formlos/hochwertig/billig/dauerhaft/schnelllebig... Wink
So gesehen, ist es gar nicht so verkehrt, wenn Dein Text gleich zweimal erscheint - doppelt hallt vielleicht besser nach cheezy grin

LG,
Julia

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  julia07 
 
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BeitragVerfasst am: 24.05.2008, 07:07
Guten Morgen Julia! Laughing Laughing Laughing
 
  hwg 
 
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BeitragVerfasst am: 24.05.2008, 07:49
Hans,

deine Texte sind immer schön zu lesen und so absolut treffend! thumb up Ich stimme Julia übrigens zu. Man kann ihn auf Konzernbosse übertragen.

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LG Claudia
Jede Katze ist ein kleiner Druide! Sie leben im Hier und Jetzt. Wir sollten uns ein Beispiel daran nehmen! Wir müssen ja nicht unbedingt schnurren.
 
  Claire 
 
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Tradition oder Die Vereinsmeierei
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