 | Über dem Regenbogen | Verfasst am: 16.06.2008, 09:00 |
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Ausschnitt aus: Über dem Regenbogen
Noch lange stand ich an der Reling, sah dem dahinschwindenden, immer kleiner werdenden Ufer nach. Die Konturen der Häuser, Wälder, Türme, Berge verschwommen und verschwanden bald ganz im Dunst des Morgennebels.
Wen Gott liebt den züchtigt er: Zehn Jahre hatte ich gebraucht, um das zu verstehen und wenn ich ehrlich bin, eigentlich mein ganzes Leben.
Aber heute Morgen, so von einer Minute zur anderen ‑ wie ein Blitz schoss es in mich hinein ‑ das Verstehen dieser These, welche sich nun bewahrheitete. Formte zu etwas mir Sichtbarem und Greifbarem.
Diese vielen kleinen Wege und Umwege, Verhinderungen, diese Fügungen von IHM, an einem Tage nicht zu können, am richtigen Tage am richtigen Orte zu sein, nur um empfangen zu können, dass, was dir die Augen öffnet.
Heute Morgen war so ein Morgen. Gestern hatte ER mich krank darniederliegen lassen, damit ich heute am Schauplatz sein konnte. War.
Und ich war da! Und es kam das, was auf mich kommen sollte. Zwar verstand ich es nicht, es war das letzte Zeugnis dieser Art, welches ich hier nicht näher beschreiben könnte. Vergleichbar einem Erdbeben. Man befindet sich auf der Straße und fürchtet, dass sich genau unter einem der Abgrund auftut und für immer verschlingen wird...
Der Abgrund tat sich auf. Er verschlang mich nicht. Aber der HERR hielt mir vor Augen, dass, wenn ich nicht umgehend den Schritt tun würde, welchen er schon lange für mich vorgesehen hatte, welchen ich schon lange hätte tun und gehen müssen, er mir das Bein stellen und mich in den Abgrund sausen lassen würde.
Schlagartig wurde mir bewusst, wie viel Eigensinn und Eigendenken ich in alles gelegt hatte. Den Egoismus, die Zügel halten und führen zu wollen. Das Schicksal überlisten zu wollen. Falsche Wege weitergehen um jeden Preis! (?)
Ich war ruhig. Das erste Mal ruhig. Eine letzte Runde durch den Ort des Geschehens. Alles, aber auch alles schien tot zu sein. Ich fühlte nichts. Keine Gleichart. Keine Berührung. Keine Liebe. Keine Anziehung. Nur tot und Ausgeburt.
Man muss wissen, wenn die Zeit reif ist. Sie war überreif. Kein Blick zurück nahm ich meinen Rucksack, zog die Schuhe an, meine Jacke, steckte meinen Schlüssel ein, lief zu Fuß zum Bus, der mich zum Kai bringen würde.
Eine Reise ohne Widerkehr?
Ein frischer Wind und kleine, kitzelnde Wassertropfen, fast unsichtbar, peitschten mir ins Gesicht, bliesen unter meine Jacke, die Hosenbeine, in die Ärmel und ich begrüßte dies mit ausgebreiteten Armen. Ich hätte schreien können vor Freude ‑ oder lieber nicht? Sollte ich ein lautes "Juchu" von mir geben, lachen, die Gangway hochtanzen? Dem Kapitän einen dicken Schmatzer mitten auf sein bärtiges, gütiges Gesicht geben?
Ein Bordpage nahm mich in Empfang und brachte mich zu meiner Kajüte. Ich hatte Glück, dass das Schiff zu dieser Zeit nie ganz ausgebucht war und für mich ein Bett an Bord frei. Glücklich öffnete ich das Bullauge, öffnete meinen Rucksack, verteilte die paar Habseligkeiten in dem schmalen Kajütenschrank und warf mich, unendlich erleichtert und überglücklich, auf das Kojenbett. Leise schaukelte die Primus im seichten Kaiwasser. |
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