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Virtuelle Welt

BeitragVerfasst am: 01.09.2010, 13:26
[/b]Virtuelle Welt (Kurzgeschichte)[b]

Nichts faszinierte Igor mehr als Computerspiele. Jede freie Minute verbrachte er vor dem Fernseher in seinem Zimmer. Blitzschnell reagierte er, um seinen Helden vor den Gefahren zu retten. So kämpfte er mit ihm gegen Ritter, Panzer und gräßliche Monster. Sie irrten durch Ruinen und Wüsten oder kletterten an Fassaden hoch. Eine innere Unruhe trieb Igor, wenigstens das nächste Paßwort zu finden. Denn mit dem Paßwort blieb ihm beim vorzeitigen Aus der totale Rücksturz bis zum Beginn des Spiels erspart.
Endlich am Ziel wurde er sogar noch mit einer Prämie belohnt. Er kannte Leute, die begierig darauf warteten, von ihm die Marschroute durch die kniffligen Actionspiele zu erfahren. Die Leute verkauften dieses Wissen dann gegen gutes Geld weiter. Es gab genug Verzweifelte, die diese Spiele allein nicht schafften, sondern selbst geschafft auf der Strecke blieben.
Die Eltern wetterten gegen Igors fatale und gefährliche Spielsucht. Wie sollte der Junge jemals das Abitur bestehen? - Zu gemeinsamen Mahlzeiten erschien er nur widerwillig. Er schlang alles in sich hinein, um bloß keine Zeit zu verlieren.
Doch es sollte noch schlimmer kommen!
Eines Tages hielt ein LKW vor dem Haus. Zwei Männer schleppten riesige Kartons vor die Wohnungstür. Die Mutter öffnete und sagte abweisend. "Wir haben nichts bestellt. Sie müssen sich irren.”
Doch die Männer schoben sie bei Seite und fragten nach Igor. Der kam neugierig aus seinem Zimmer.
Einer von den Typen wedelte mit einem Lieferschein. “Ich heiße Obi. Du kennst doch unsere Firma 'Heureka’? Von uns kriegst du deine Prämien. - Gerade kommt etwas ganz Neues auf den Markt - das virtuelle Überlebensspiel. - Wir müssen unbedingt schneller sein als die Konkurrenz. Du sollst die neuen Spiele für uns knacken. - Darum stellen wir dir heute so eine Anlage in die Bude - als Leihgabe sozusagen.”
Igors Verblüffung verflog so schnell wie aufgescheuchte Stare aus einem Kirschbaum. Zurück blieb nur die zappelige Neugierde auf diese Sensation.
Sein Zimmer glich bald dem Innern eines Raumschiffs. Eine breite Platte an der Wand ersetzte den Fernseher. Der irre Kommandantensessel besaß in die Lehnen eingebaute Steuerpulte. Aus dem Gewirr von Kabeln führte eins zu dem Datenhandschuh und ein anderes zu dem Helm des Spielers.
0bi und sein Kumpel ließen eine komplizierte Bedienungsanleitung zurück. Igor schob schon das erste Spiel in den Schlitz. Es hieß: 'Verlorene Welt'.
Seine Mutter zeterte: „Dies Teufelszeug bringt noch Unglück über die ganze Familie. Was wird bloß dein Vater sagen?”
Doch Igor hörte gar nicht zu. Er zog die Gardinen vor, setzte sich in den Sessel und zog Helm und Handschuh über. Er sah da kein Problem. - Die Spiele glichen sich doch alle irgendwie.
Doch er sollte sich irren. - Auf der Platte an der Wand erschien ein schier undurchdringlicher Dschungel. Die Bäume wirkten so echt, als existierten sie wirklich. Igors Datenhandschuh führte ihn mitten hinein. Und die Umgebung veränderte sich mit seinen Schritten. Die Illusion war perfekt.
Er folgte einem Trampelpfad. Erschrocken wich er einer Schlange aus. Über ihm in den Zweigen tobte eine Horde Affen. Das lenkte ihn von der Gefahr ab. Ein Pfeil traf ihn schmerzhaft.
Das Testbild füllte die Wand aus. - Ende!
Igor saß ernüchtert auf seinem Sessel. So schnell war er noch nie rausgeflogen. Er las also die Gebrauchsanweisung. Zu Beginn besaß er einige Kredite, aber nur ein Leben. Gelangte er jedoch trotz aller Gefahren bis zum nächsten Zwischenstop, bekam er weitere Leben oder Kredite, mit denen er in einem Arsenal Waffen kaufen durfte. - Auf jeden Fall musste er zuerst diesen Dschungel hinter sich lassen.
Er begann neu, suchte einen anderen Weg, kämpfte sich durch das Dickicht. Doch er scheiterte immer wieder, wurde von Schlangen und Riesenskorpionen gebissen, fiel in eine Grube - oder verfing sich in Netzen. Als er abends übermüdet ins Bett fiel, war er keinen Schritt weiter gekommen.
In der Schule tat er, als höre er dem Lehrer interessiert zu. Aber seine Gedanken suchten verzweifelt einen Weg durch den Dschungel.
Endlich wieder zu Hause, zog er Helm und Handschuh über und drückte auf den Startknopf. Dieses Mal kletterte er am Stamm eines Baumes in die Höhe. So hoch oben drang mehr Licht durch das Laub. Hier konnte er seinen Feinden eher ausweichen. Eine Lücke im Geäst gab den Blick auf eine Mauer frei. Das musste das nächste Ziel sein! - Plötzlich hagelte es Pfeile. Eine Schlange wand sich um einen Ast. Er sprang voller Verzweiflung auf den nächsten Baum und landete sicher. Mutig schnellte er sich jetzt von Baum zu Baum. Nahe der Mauer rutschte er am Stamm herunter bis zum Boden. Er sah das Tor. Er schlug es gerade noch hinter sich zu, bevor ihn ein Säbelzahntiger anspringen konnte.
Als Belohnung erhielt er zwei weitere Leben. Das Waffenarsenal enthielt nur ein Schwert und eine Feuerwaffe. Er wählte das Schwert, denn zu mehr reichten seine Kredite nicht.
Von dort aus geriet Igor in ein Labyrinth. Jedes Mal wenn ihn eine Sackgasse narrte, sprangen ihm Ungeheuer entgegen, hungrige Bastarde mit Krallen und einem Gebiss wie ein Hai. Das Schwert konnte sie nur kurze Zeit lahm legen. Wenn er floh, um den richtigen Weg zu suchen, folgten sie ihm. Es dauerte nicht lange und die Meute nahm ihm seine drei Leben.
Das Testbild erschien.
Obwohl kein Versuch so ablief wie der vorige, entwickelte Igor eine gewisse Taktik. Etliche Male erreichte er das Labyrinth. Dort versuchte er den richtigen Weg zu finden, ohne die Ungeheuer aufzuscheuchen. Seine Nerven vibrierten inzwischen wie Spinnweben im Wind. Denn seine Erlebnisse wirkten so real, dass er jedes Mal um sein Leben zitterte.
Nach vielen vergeblichen Versuchen entkam er doch noch dem Labyrinth. Für diesen Erfolg erhielt er einige Kredite. Er kaufte sich davon eine Art Laserpistole und zwölf Schuss Munition. So gerüstet wagte er sich weiter. Jetzt marschierte er eine Straße entlang. Aus beiden Richtungen schossen Autos heran. Geschickt wich er ihnen aus. Doch die eigentliche Gefahr drohte von oben. Hubschrauber stürzten sich auf ihn herab. In ihnen saßen Roboter, aus deren Zeigefingern Blitze schossen. Als einer seinen Kopf traf, spürte er einen heftigen Schmerz. Diese Attacke kostete ihn ein Leben.
Er besann sich auf seine Pistole und traf einige dieser Hubschrauber. Doch aus jedem Trümmerhaufen wuchsen drei neue.
Auf der Straße begannen die Autos einander zu jagen. Igor sprang verzweifelt hin und her. Unerwartet traf ihn der Feuerstoß eines Roboters an der Kehle. Er besaß kaum noch Munition. - Da überrollte ihn ein Auto.
Das Testbild lachte ihn höhnisch aus.
Er kämpfte sich wieder und wieder durch den Dschungel und das Labyrinth bis zu dieser Straße vor. Doch er wurde von Mal zu Mal nervöser und versagte.

Dieser Obi rief an. „Na wie weit bist du? Die Spiele liegen schon in den Geschäften.”
Düster sagte Igor. „Ich sitze in der dritten Ebene fest. Dieses Spiel ist der reinste Horror! Gerade als erlebt man das alles wirklich.”
Obi rührte das wenig. „So soll es auch sein! - Aber halte dich ran. Sonst suchen wir uns einen anderen Partner."
Igor beschloss, am nächsten Tag die Schule zu schwänzen. In den drei Tagen über das Wochenende musste er das Spiel doch knacken können?
Und wirklich, am nächsten Tag ließ er die Straße hinter sich, überquerte einen Parkplatz, wo Gangster aus allen Autos schossen und erreichte eine sichere Halle. Hier erfuhr er das erste Passwort. Das bedeutete: Kein Testbild mehr! Jeden neuen Versuch durfte er jetzt von dieser Halle aus starten.
Doch die neue Aufgabe übertraf alle voran gegangenen Schrecken. Hilflos betrachtete er die neue Umgebung. Nach einem Waldbrand gab es hier nur verkohlte Baumstämme und verbrannte Erde. Wo sollte er sich bloß vor den Angreifern verstecken?
Plötzlich, wie aus dem Boden gestampft, erhob sich vor ihm ein Saurier auf seine Hinterbeine. Sein Feuerhauch traf ihn völlig unerwartet.
Igor landete in der Halle.
Dieser Saurier ließ sich nicht besiegen. Mal schlugen Flammen aus seinem Maul, dann hackte er mit seinen Krallen zu oder überrannte Igor einfach. Seine Waffen richteten gegen diese Riesenechse nichts aus. Wenn er den Saurier verwundete. schüttelte das Vieh sich bloß. Aus seinen Schuppen wuchsen dann andere Saurier und Flugechsen und erdrückten Igor.
Immer wieder schickten sie ihn zurück in die Halle. Er wusste sich keinen Rat. - Er tauschte seine Pistole gegen einen Schutzanzug. Er besaß jetzt nur ein Leben.
Dann versuchte er eine neue Taktik. Er rannte so schnell er konnte über das verbrannte Land. In der Ferne sah er schon das große Haus. Doch die Echse blieb ihm auf den Fersen. Er hütete sich jedoch, das Biest zu verwunden. Denn er wollte sich nicht immer neue Feinde schaffen. Dafür tauchten plötzlich Moskitos am Himmel auf, groß wie eine Faust.
Igor drehte sich um. Die Echse stand genau vor ihm und riß das Maul auf.

„Willst du nicht endlich das verdammte Ding abstellen?”
Igors Mutter stand in der Tür und knipste das Licht an. Diese Wirklichkeit verkraftete Igor nicht mehr. Er fuchtelte mit seinem Datenhandschuh in der Luft herum. Die Kabel verhedderten sich. Gleichzeitig sprang er hoch, bekam das Übergewicht und stürzte mit seinem Sessel zu Boden. Eine Flamme schoss empor. Es roch nach verbranntem Gummi. Igor schrie.--

Als er im Krankenhaus aufwachte, hingen Schläuche von seinem Körper herab. Ein Eisenband umschloss seinen Kopf wie ein Helm.
Für Igor war die Zeit stehen geblieben. Gerade riss die Echse das Maul auf - und sagte mit tiefer Stimme: "Na mein Junge, wie fühlst du dich?” -
Das Untier lachte. Igor fühlte die Krallen an seinem Handgelenk. Mit einem wilden Schrei befreite er seine Hand und sprang aus dem Bett. Die Schläuche zischten durch die Luft.
Ganz nahe sah Igor das rettende Haus. Das Tor stand weit offen. Doch es fehlten die Stufen. Er schwang sich über die Brüstung.
Ehe der Arzt ihn fassen konnte, fiel Igor aus dem Fenster in die Tiefe.
 
  Gisela Seeger-Ays 
 
Anmeldedatum 08.08.2010
Beiträge 44
Wohnort Hamburg
 
 
   
   
Virtuelle Welt
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