 | Zum Advent ... eine kleine Kindergeschichte | Verfasst am: 02.12.2011, 21:09 |
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Pauls Baum (Eine kleine Kindergeschichte)
Paul freut sich unglaublich auf den nächsten Tag. Er soll getestet werden. Ein Test, ob er ein Schulkind werden kann. Denn Paul wird bald sechs Jahre alt. Na ja, nicht so bald. Wenn die Bäume wieder grün sind und die Sonne ganz warm scheint, hat die Mama gesagt, dann hat Paul Geburtstag. Sein sechster. Und mit sechs wird man Schulkind. Paul weiß das. Alle seine Freunde aus der Nachbarschaft, die bis zum letzten Sommer sechs Jahre alt geworden sind, gehen jetzt zur Schule. Schule muss etwas Tolles sein. Davon ist Paul ganz fest überzeugt.
Am Abend kann Paul kaum einschlafen. Er liegt in seinem Bett, den Teddybären Punz neben sich, und blickt auf das Fenster mit den bunten Vorhängen. Wie lange es wohl dauern wird, bis es wieder hell ist? Wie viele andere Kindergartenkinder kommen zu dem Test? Und darf Punz mit? Irgendwann, trotz der vielen Fragen in seinem Kopf, schläft Paul ein.
Am nächsten Morgen sitzt er ganz unruhig am Frühstückstisch. Mama gibt ihm eine halbe Scheibe Brot mit Marmelade und eine halbe Scheibe Brot mit Wurst. Kinderwurst, sagt die nette Frau im Laden immer dazu. Und reicht Paul eine Scheibe zum Probieren. Ohne Brot darunter.
Wann geht es denn endlich los, fragt Paul ganz aufgeregt und trinkt einen Schluck Milch aus seiner Tasse.
Bald, sagt die Mama. Wir haben noch Zeit.
Darf der Punz mitkommen?
Die Mama schüttelt den Kopf. Nein, sagt sie, der muss doch hier auf das Haus aufpassen.
Paul nimmt sich die Zeitung, die die Mama heute Morgen aus dem Briefkasten geholt hat. Paul kann nämlich schon lesen. Nicht die vielen kleingedruckten Wörter in der Zeitung. Das ist ihm zu kompliziert. Aber die großen Wörter auf der ersten Seite, die kann er lesen. Er fährt mit dem Zeigefinger von einem Buchstaben zum nächsten.
Das da, der Strich mit dem Rucksack daran und dem Stützbein, das ist ein R. R wie Rucksack. Paul weiß das. Und daneben, das sieht aus wie ein Gesicht mit einem Mund darunter. Ein kleines e. Paul setzt das erste Wort Buchstabe für Buchstabe zusammen und liest es laut vor:
R-e-g-i-e-r-u-n-g
Die Mama schaut Paul an und lächelt. Paul freut sich. Lesen macht Spaß.
Dann ist es endlich soweit. Es geht los. Paul zieht die neue Jacke an. Er hat sie extra für den heutigen Tag bekommen. Eine ganz neue Jacke, mit roten und gelben Streifen. Die Jacke ist dick und warm, denn draußen ist es kalt. Mama holt das Auto aus der Garage und zusammen fahren sie zur Schule.
Was für ein Betrieb bei der Schule! Als Paul und seine Mama den Schulhof überqueren, sieht Paul Kinder mit ihren Eltern aus allen Richtungen auf das große Haus zugehen. Die meisten Kinder hat Paul noch nie gesehen. Die Mama sagt, dass Kinder aus dem ganzen Stadtviertel heute getestet würden. Viel mehr Kinder als in Pauls Kindergarten.
Das Schulhaus gefällt Paul. Es ist groß und breit und weiß, mit ganz vielen Fenstern, und jedes Fenster ist aufgeteilt in viele kleine Fensterscheiben. Und dann der große Schulhof! Viel größer als der Spielplatz im Kindergarten. Das kommt wahrscheinlich daher, dass ein Schulkind mehr Platz braucht als ein Kindergartenkind. Schulkinder sind ja auch viel größer und schlauer und wichtiger als Kindergartenkinder.
Paul und die Mama gehen in das Schulhaus. Es riecht darin so ganz anders als daheim. Irgendwie eigenartig. Das kommt wohl von dem glänzenden Fußboden. Zuhause, da gibt es Fliesen und Teppichboden, aber hier besteht der Boden aus einer Art hartem Kunststoffzeugs. Und dieses Zeug riecht. Es riecht nach Schule.
Die Mama führt Paul in einen großen Raum mit vielen Tischen. Paul setzt sich auf einen Stuhl. Eine Frau kommt und legt ihm einen Malblock und ein paar Buntstifte hin. Rot und grün und blau und braun und schwarz und gelb.
Die Frau lächelt ihm zu, streicht ihm einmal über den Kopf und spricht kurz mit der Mama. Dann geht sie nach vorne, wo eine große grüne Tafel an der Wand hängt.
Die Mama nimmt Paul noch einmal in den Arm und flüstert ihm ins Ohr: Du kannst das alles, was die bei dir testen wollen. Mach es einfach so, wie du es zuhause auch immer gemacht hast.
Paul strahlt. Ja, das macht er. Und dann ist er bald ein Schulkind.
Die Frau vorne an der Tafel beginnt zu reden und alle werden still. Dann sagt die Frau, die Kinder sollen ein Bild malen. Das Bild von einem Baum. Dafür haben die Kinder den Malblock bekommen und die Buntstifte.
Alle Kinder greifen zu den Stiften und beginnen zu malen. Auch Paul. Paul hat schon immer gerne gemalt.
Später, viel später sitzt Paul mit der Mama in einem anderen Raum. Der ist viel kleiner und darin steht nur ein Tisch. Ein ziemlich großer Tisch, und auf der anderen Seite sitzt die Frau. Sie redet mit der Mama. Aber irgendwas ist da nicht richtig. Paul spürt das. Weil die Mama so anders spricht.
Die Frau zeigt der Mama das Bild, was Paul gemalt hat. Es zeigt einen weißen Himmel mit einer ganz blassen Sonne. Die Erde hat Paul mit einem einzigen, etwas krikeligen Strich gemalt. Aber der Baum ist schön geworden! Ein dicker, mächtiger Stamm, von dem aus ganz viele Äste abgehen, und jeder Ast hat ganz viele Zweige. Aber keiner der Zweige trägt ein Blatt.
Die Frau sagt zur Mama etwas von Baum und Bild und Blätter und Phantasie und Reife und noch eine Menge anderer komischer Wörter. Ein paar Mal fällt auch sein Name, und dann schaut die Frau ganz eigenartig auf Paul, und sie sagt was von Schule und was von einem Jahr und was von Zurückstellen und dass es ihr leid tue und noch einmal eine Menge anderer komischer Wörter.
Paul versteht nicht, was die Frau da alles erzählt. Aber er spürt, wie die Mama zornig wird. Er hört, wie ihre Stimme zittert. Und er sieht, wie bei der Mama aus dem Augenwinkel eine einzelne Träne rollt.
Die Mama steht auf, fasst Paul an der Hand und zieht ihn aus dem kleinen Zimmer. In großen Schritten geht sie den Gang hinunter Richtung Ausgang. Sie geht so schnell, dass Paul laufen muss.
Als sie die Tür öffnet, fragt Paul: Bin ich jetzt ein Schulkind?
Die Mama bleibt stehen, geht in die Knie und fasst Paul an den Schultern. Dann schüttelt sie den Kopf und blickt Paul ganz traurig an. Die Frau meint, du wärst noch nicht so weit, sagt die Mama.
Ich werde kein Schulkind? Paul fängt an zu weinen. Aber warum denn nicht?
Weißt du, Paul, sagt die Mama, die Frau wollte von euch ein Bild von einem Baum haben, und dafür hat sie euch die vielen Buntstifte gegeben, und die anderen Kinder haben alle einen großen Baum mit Ästen und Zweigen und ganz vielen Blättern daran gemalt. Einen bunten Baum, mit grünen Blättern und dahinter einen blauen Himmel und eine gelbe Sonne. Dein Baum aber, der hatte keine Blätter, und der Himmel war nicht blau und die Sonne war ganz blass, und deshalb meinte die Frau, dass du noch kein Schulkind werden kannst.
Die Mama zieht ihn zu sich heran und drückt ihn ganz fest. Paul fühlt, dass nun auch die Mama weint.
Er blickt über die Schulter der Mama, an diesem großen, hässlichen weißen Haus vorbei, über den Schulhof mit den vereisten Stellen. Paul schaut in einen grauen Himmel mit einer farblosen Sonne. Und er sieht am Rande des Schulhofes ein paar Bäume, mit dicken, mächtigen Stämmen. Mit vielen Ästen und noch mehr Zweigen. Und nicht ein einziger Baum trägt auch nur ein Blatt.
Mama, sagt Paul, die Frau ist dumm. Bäume haben im Winter keine Blätter.
*** edit: Tippfehler korrigiert *** |
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Zuletzt bearbeitet von Siegfried am 02.12.2011, 23:32, insgesamt einmal bearbeitet _________________ Grüße
Siegfried
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»Wer sich vor dem Ertrinken fürchtet, tut besser, schwimmen zu lernen, als dem Wasser auszuweichen.« (Karl Waggerl) |
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Siegfried |
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 | | Verfasst am: 02.12.2011, 21:40 |
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Eine gut geschriebene Geschichte mit bedrückend realem Hintergrund - jedes Jahr wieder bei den Einschulungstests.
Was nicht passt, wird glattgebügelt, was sich nicht glattbügeln lässt, wird aussortiert.
Traurig, aber wahr.
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Anke Höhl-Kayser |
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 | | Verfasst am: 02.12.2011, 22:42 |
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Zugegeben, ich hab's aus Versehen angeklickt, denn Adventgeschichten i.e.S. interessieren mich eher weniger. Und nun muss ich sagen: meinen Respekt. Besonders überzeugend finde ich, dass dem Detail der nicht zusagenden Baumzeichnung eine gewisse Symbolkraft innezuwohnen scheint, leider. Manche Schulkarrieren sind auf diese Weise von Beginn an von Entfremdung geprägt.
Arno Abendschön |
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Arno Abendschön |
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 | | Verfasst am: 04.12.2011, 22:59 |
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Welch nachhaltige Aussagekraft solch "kleine Geschichte" beinhalten kann ist erstaunlich. Die auf dem ersten Blick tragische Pointe weist doch auf die Fähigkeit des Jungen hin, sein Denken auf Realismus zu gründen und gegen etwaige Hirngespinste zu behaupten. Denn wer will beurteilen, ob es ihm an Fantasie und Kreativität mangelt - etwa jene Lehrerin, die in festgefahrenen Gedankenmustern selbst kaum mehr ein grünes Blatt zum schwingen bringt?
Gruß,
Peter |
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Peter-Pitsch |
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 | | Verfasst am: 04.12.2011, 23:15 |
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Danke für die Geschichte, Siegfried. Ähnliches habe ich mit meinem Kind erlebt, allerdings letztendlich mit positivem Ausgang
haifischfrau |
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Haifischfrau |
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Forum für Books-on-Demand-Autoren » Textvorstellung: Prosa
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