Buch schreiben (Teil 3/3): Emotionale Achterbahn

Buch schreiben (Teil 3/3): Emotionale Achterbahn

Zwischen Schreibphase und Fertigstellung eines Romans sind mehrere Überarbeitungsgänge keine Seltenheit. Welche Fragen dabei hilfreich sind, verrät Karla Schmidt, Autorin und Studienleiterin der Schule des Schreibens, im dritten Teil der Artikelreihe.

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Gastbeitrag von Karla Schmidt

Leser können nicht aussteigen, solange die emotionale Achterbahn fährt

Nehmen wir an, Sie haben die Erstfassung eines Romans geschrieben. Egal, ob Sie die Handlung vorher entworfen haben oder ob sie sich beim Schreiben entfaltet hat, der Roman ist in den seltensten Fällen bereits fertig. Meist folgen jetzt wenigstens zwei bis mehrere Überarbeitungsgänge. Es lohnt sich, einen Überarbeitungsgang allein der Dynamik der einzelnen Szenen zu widmen. Es sind die Szenen, die Leser mitnehmen – von einer zur nächsten.

Es gibt dafür ein paar Fragen, die man nicht stur mit ja beantworten können muss, die aber Ideen anregen oder eine Orientierungshilfe bieten können:

Ist die Szene aus Sicht der Figur geschrieben, die in dieser Situation emotional am meisten zu verlieren oder zu gewinnen hat?

Oft lohnt es sich, darüber nachzudenken oder auszuprobieren, ob die emotionale Wirkung stärker wird, wenn man den Leser die Welt der Geschichte durch verschiedene Figuren erleben lässt.

Geht in jeder einzelnen Szene der Plot voran?

Das bedeutet: Passiert oder tut jemand etwas, das die Situation verändert und entweder die Hauptfigur oder eine andere wichtige Figur zum Handeln bewegt? Das müssen keine großen Sachen sein, denn auch Kleinigkeiten können sich mit der Zeit zu einer Welle auftürmen, die die Hauptfigur mit sich nimmt. Wenn jedoch rein gar nichts passiert, ist die Szene in den meisten Fällen schlicht überflüssig.

Gibt es einen emotionalen Umschlagpunkt?

Diese Frage wollen wir uns genauer ansehen, weil sie in den meisten Schreibratgebern nicht behandelt wird. Wenn Sie den zweiten Artikel dieser Reihe gelesen haben, erinnern Sie sich vielleicht, dass es in der äußeren Handlung einer Geschichte Ereignisse gibt, die bei der Hauptfigur innere Bewegungen auslösen: Eine hoffungsvolle Situation schlägt in etwas Katastrophales um oder genau umgekehrt.

Achterbahn

Wir hatten uns dazu ein Beispiel ausgedacht mit einem Vater und einem kranken Kind, das auf einem Rummelplatz entführt wird. Schauen wir uns jetzt an, wie emotionale Umschlagpunkte konkret aussehen können. Die Fahrt geht aufwärts und abwärts, wie in der Achterbahn.

Szene 1

Der Vater kommt nach einem langen Arbeitstag nach Hause. Dort wartet der Babysitter schon – auch sie hatte einen langen Arbeitstag. Der Vater kommt herein, das Kind springt ihm in die Arme und fragt: „Gehst du morgen wieder weg?“ „Nein, ich habe das ganze Wochenende frei. Nur wir beide. Und morgen gehen wir auf den Rummel.“ Das Kind jubelt (aufwärts), der Babysitter packt seine Sachen zusammen und möchte bezahlt werden. Als der Vater Geld aus der Hosentasche fummelt, sieht er, dass sein Kind eine blutige Schramme am Ellenbogen hat (abwärts). Dies ist das kleine Ereignis im Plot, das ein Kippen der Situation auslöst. Aus Überschwang wird Wut: „Ich habe Ihnen doch gesagt, dass meine Tochter sich auf keinen Fall verletzen darf! Eine Infektion genügt, und …“ Der Vater verstummt, denn er will seine Tochter nicht ängstigen.

Karla Schmidt

Karla Schmidt

geboren 1974 in Göttingen, lebt mit ihrer Familie in Berlin. Sie hat Kultur-, Theater- und Filmwissenschaft studiert und veröffentlicht unter den Namen Karla Schmidt und Charlotte Freise. Ihre Genres sind Thriller, Science Fiction, Historischer Roman und verschiedene Mischformen. Sie gehört zu den Mitgründern des Verlags "Das Beben". Sie ist als Autorin und Studienleiterin für die Schule des Schreibens, Deutschlands größter Autorenschule, tätig.
www.karla-schmidt.de

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In der nächsten Szene können wir für noch mehr emotionales Auf und Ab sorgen:

Szene 2

Auf dem Rummel. Vater und Kind haben Spaß (aufwärts) dabei, sich die Aufbauten vor einer Geisterbahn anzuschauen. Der Vater merkt, dass ein Fremder sein Kind fotografiert (abwärts). Er stellt den Mann zur Rede und stellt sicher, dass die Fotos gelöscht werden. Dieses Ereignis sorgt dafür, dass man gemeinsam mit dem Vater besonders wachsam ist und spürt: Er passt auf.

Als nächstes geht der Vater Pommes holen, während das Kind hinter ihm wartet. Als er sich umdreht, ist das Kind nicht mehr da (abwärts). Der Vater ist ein wenig beunruhigt, sieht sich um und entdeckt das Kind vor dem nächsten Karussell (aufwärts).

Der Vater kommt dazu, das Kind darf auf ein glänzend schwarzes Pferd klettern (aufwärts), während der Vater mit den beiden Pommes-Portionen wartet und zusieht. Das Karussell dreht sich, das Kind winkt, der Vater lächelt (aufwärts) – und bei der nächsten Runde sitzt das Kind plötzlich nicht mehr auf seinem Pferd (abwärts). Der Vater denkt oder hofft, das Kind ist vielleicht nur abgestiegen, weil es keine Lust mehr hatte. Er läuft um das Karussell herum, kann das Kind aber nirgends entdecken (ganz weit abwärts). Es ist fort.

Hier löst ein großes Plotereignis – ein Kind verschwindet – ein ebenso großes Storyereignis, nämlich eine emotionale Katastrophe aus. Und vor diesem Großereignis gab es einige kleinere emotionale Auf- und Ab-Bewegungen, die auf dieses Ereignis hinführen.

Wenn Sie einen Text überarbeiten, lohnt es sich, jede Szene daraufhin abzuklopfen, ob es solche kleinen und gelegentlich auch großen emotionalen Bewegungen gibt. Es ist diese emotionale Achterbahnfahrt, die Leser wirklich bei der Stange hält.


Mehr Schreibtipps

Sollte ich beim Verfassen eines Manuskripts mit der Entwicklung der Handlung oder Hauptfigur beginnen und wie hängen Plot und Hauptfigur miteinander zusammen? Lesen Sie auch den ersten und zweiten Teil der Artikelreihe.

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