Buchgestaltung Teil 2, die Wirtschaftlichkeit

Buchgestaltung Teil 2, die Wirtschaftlichkeit

Im zweiten Teil des Interviews mit dem Hamburger Buchgestalter und Typografen Johannes Steil geht es um das Zusammenspiel von Gestaltungsregeln, Kreativität und dem Kostenfaktor.

Seit es Bücher gibt, werden sie gestaltet. Mit Entwicklung des Buchdrucks wird die Buchgestaltung durch den technischen Fortschritt bestimmt, unterliegt Trends, und sie beeinflusst den Verkaufserfolg eines Buches. Auch mit dem Einzug digitaler Publikationsmodelle haben gelungene Gestaltungskonzeptionen ihre Bedeutung nicht verloren.

Eine wichtige Komponente der Buchgestaltung ist die Wirtschaftlichkeit der Herstellung. Dennoch erfolgt die Wahl des Papiers nicht nur aus rein ökonomischen Aspekten.

Die Papierauswahl hat eine große Bedeutung für das Buch. Entscheidungen, ob ein Papier glatt, rau, weiß oder gelblich ist, sind in vielerlei Hinsicht sehr wichtig. Das weiße Papier nimmt man eher für Bücher, bei denen man nicht so viele Seiten hintereinander liest – etwa bei Kochbüchern oder Ratgebern. Die Abbildungen sehen auf weißem Papier einfach besser aus. In diesen Fällen wählt der Buchgestalter dann eine Schrift, die in sich weniger Kontrast hat, und gleicht so den reduzierten Lesekomfort wieder aus. Das gelbliche Papier, auch Werkdruckpapier genannt, eignet sich besser zum Lesen. Der Kontrast zwischen der schwarzen Schrift und dem gelblichen Papier ist nicht so groß.

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Werkdruckpapier ist oft etwas rauer und reflektiert nicht so stark wie viele der weißen Papiersorten. Leider kommt die Papierauswahl im Auftragsumfang eines Buchgestalters heute zu selten vor. Die Verlage haben aus ökonomischen Gründen oft Standardausstattungen und -formate. Hat der Buchgestalter die Wahl, trifft er oft eine Entscheidung, die zwischen technischen und ökonomischen Vorgaben, handwerklichen Erfahrungen und eigener Ästhetik liegt.

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Johannes Steil

Johannes Steil ist seit mehr als zwölf Jahren selbstständiger Buchgestalter, Typograf und Hersteller. Der studierte Sozialwissenschaftler hat beim Eichborn Verlag Buchgestaltung gelernt und wechselte danach zum Verlag für Standesamtswesen. In den Jahren 2007 bis 2008 war er bei der edel entertainment GmbH mitverantwortlich, die Herstellung für deren neuen Buchbereich aufzubauen. Zu Steils Kunden gehören unter anderem die Stiftung Warentest, Random House, Straelener Manuskripte Verlag, P. Kirchheim Verlag, Verlag Valentin Koerner, Neuer Umschau Buchverlag und der Primus Verlag. Mehr Informationen zu Johannes Steil unter: www.brotschrift.de

Können Sie diese Ästhetik beschreiben?

Da wäre zum einen, wie schaut das Papier aus. Dann, wie fasst es sich an. Das kann bis hin zum Klang beim Umblättern gehen. Oftmals fällt es einem schwer auszudrücken, was einem gefällt oder eben nicht. Und oft ist eine Empfindung dabei wie beim Hören von Musik oder bei der Betrachtung eines Gemäldes. Ein Gefühl, das einem sagt: Das passt zusammen. Diesen Prozess rational zu erklären, fällt mir schwer.

Ist es vielleicht auch eine Frage von Talent und Erfahrung?

Die Antwort darauf ist nicht einfach. Natürlich ist es schön, wenn man Erfahrung hat, und sie ist auch wichtig. Andererseits ist jedes Buch ein neues Buch. Da darf man nicht nur auf seine Erfahrung setzen, sonst reproduziert man sich schnell selbst. Mich würde das zum Beispiel langweilen. Mit der Erfahrung geht ein bisschen die Unbedarftheit, der Schwung der eigenen Anfänge verloren. Manchmal finde ich, dass Erfahrung den kreativen Prozess behindern kann.

Diese Kreativität unterliegt aber auch Gestaltungsregeln, die zum Beispiel bei der Typografie eingehalten werden müssen.

Normalerweise setzt man Bücher in einer aufrechten Schrift. Auszeichnungen wie ein Wort, ein Satz oder sogar einen ganzen Abschnitt hebt man hervor, damit der Leser sieht, hier passiert etwas Wichtiges oder anderes. Das erfolgt meistens in kursiv. Zitate sind oft eingerückt, ein bisschen kleiner, mit einem größeren Zeilenabstand und nehmen nicht den ganzen Satzspiegel in seiner Breite ein.

Die Typografie hat auch unterschiedliche Bedeutungen hinsichtlich der verschiedenen Teile eines Buches. So ist die Schrift auf dem Umschlag immer größer als im Textteil, damit sie in der Buchhandlung auffällt und man sie auch von Weitem lesen kann.

 

Auch Umschlag, Einband und Rücken brauchen Aufmerksamkeit

Was ist in diesem Zusammenhang das Verhältnis von Umschlag und Einband zu Inhalt?

Die klassische, anspruchsvolle Buchgestaltung geht von innen nach außen. Zuerst hat man den Hauptteil, den Text. Dann kommen die Seiten vor und hinter dem Text. Das sind zum Beispiel das Impressum und das Inhaltsverzeichnis. Danach folgt der Einband. Das ist das Material, das fest über den Buchrücken gespannt wird und fest mit ihm verbunden ist. Deswegen sollten Text und Einband gestalterisch zusammenpassen. Der Einband bei Taschenbüchern oder Softcovern ist übrigens aus Pappe. Selten auch mal mit Leinen kaschiert. Damit erreicht man die Flexibilität eines Taschenbuches und die Haptik eines tollen Leineneinbandes. Diese Mischung ist auch eine ökonomische Überlegung, denn Leinen kostet sehr viel mehr als Papier. Zum Schluss kommt der Umschlag, der lose um den Einband liegt und ihn schützen soll. Der Umschlag kann aufgrund von Verkaufsargumenten von den anderen beiden Elementen getrennt gestaltet sein. In der Regel entsteht der Umschlag sehr früh, vor allem die obere Umschlagseite, die sogenannte „U1“, da sie für die Verkaufsvorschau oder -präsentation genutzt wird.

Und dann wäre da noch das Stiefkind unserer Wertschätzung: der Buchrücken.

Die Bedeutung des Rückens wird tatsächlich oft unterschätzt. Dabei wird er am häufigsten gesehen, denn ein Buch steht meistens im Regal. Bei Verlagen wie BoD ist das kein Problem, weil alles zur gleichen Zeit vorliegen muss. Man kann schön von innen nach außen entwerfen, alle drei Elemente passend zueinander gestalten und auch dem Buchrücken in seiner Bedeutung gerecht werden.

Buchstapel

Bei rund 94.000 neuen und neu aufgelegten Büchern pro Jahr in Deutschland, wie kann sich ein Buch aus dieser Vielfalt noch hervorheben?

Auf die Optik reduziert gilt: Erfolg gibt Recht. Manche Verlage haben seit Jahrzehnten den gleichen Umschlag, die gleiche Gestaltung und sind erfolgreich, weil die Qualität stimmt. Hinzu kommt der Wiedererkennungswert, den man mit dieser Qualität verbinden kann. Der dtv Taschenbuchverlag oder der Diogenes Verlag zum Beispiel haben über viele Jahre das Design ihrer Buchreihen nicht verändert. Reclam veröffentlicht seit 40 Jahren die Kleine Universalbibliothek in gelbem Einband. Davor war sie lange Zeit in beigem Naturpapier. Alle paar Jahre wurde die Reihe nur ein kleines bisschen überarbeitet. Heute sehen sie viel mehr wie Bücher aus: ein leicht veränderter gelber Einband, auf dem ein weißes Schild liegt, mit schwarzem Fußbalken. Obwohl die Reihe durch die leicht veränderte Gestaltung jetzt anders aussieht, kann man sie immer noch als Reclam identifizieren. Manche sagen, der Verlag ist für den Kunden völlig egal. Ich bezweifle das. Ein Verlag hat auch immer ein gewisses Renommee. Die Gestaltung muss dieses Renommee bedienen.

Im nächsten Teil unserer Interviewreihe wird es persönlich: Der Buchgestalter – zur Person Johannes Steil.

 

Text: Ama Lorenz

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