Buchgestaltung Teil 1, Die Bedeutung der Typografie

Buchgestaltung Teil 1, Die Bedeutung der Typografie

Seit es Bücher gibt, werden sie gestaltet. Im ersten Teil des Interviews erklärt der Hamburger Buchgestalter und Typograf Johannes Steil die Regeln der Buchgestaltung.

Vom Rauschen des Papiers und dem Leuchten der Serifen – mit Entwicklung des Buchdrucks wird die Buchgestaltung durch den technischen Fortschritt bestimmt, unterliegt Trends, und sie beeinflusst den Verkaufserfolg eines Buches. Auch mit dem Einzug digitaler Publikationsmodelle haben gelungene Gestaltungskonzeptionen ihre Bedeutung nicht verloren.

Arbeitsplatz

Herr Steil, lesen Sie jedes Buch, bevor Sie es gestalten?

Manchmal nicht – dazu reicht die Zeit nicht immer. Natürlich kann ein Gestalter nicht nur den Anfang eines Buches lesen, um eine Idee des Werkes zu bekommen und die Stimmung aufzunehmen. Dazu braucht es schon einige Seiten mehr. In der Regel lese ich so lange, bis ich zum Beispiel weiß, welche Schrift zum Buch passt. Muss sie ein bisschen altmodischer gestaltet sein, mehr sachlich oder modern? Stellen Sie sich die Gedichte von Bertolt Brecht in einer alten, gebrochenen Schrift vor. Das funktioniert nicht.

Können Schriftkataloge helfen, die funktionierende Schrift zu finden?

Man könnte sagen, im Schriftkatalog offenbart sich das „Wesen“ einer Schrift. Welchen Eindruck hat man von ihr? Welche Stimmung verbreitet sie? Ist sie sachlich, romantisch, verspielt oder streng durchkomponiert? Die ersten Schriftkataloge stammen aus dem 15. Jahrhundert. Davor wurden die Bücher noch mit Handschrift oder Inkunabel geschaffen. Heute gibt es eine große Zahl von kleinen Schriftherstellern und jeden Tag kommt eine sechsstellige Zahl von neuen Schriften mit unterschiedlichen Stärken hinzu. Schauen Sie sich nur mal die „Arial“ an. Die gibt es als Narrow, Bold … und dann noch einmal alle Varianten in kursiv. Der Aufwand für Schriftkataloge ist heute viel zu hoch und zudem ihr Inhalt nicht zeitbeständig. Schriftkataloge sterben langsam aus …

 

Johannes-Steil

Wie viele dieser Schriftkataloge haben Sie in Ihrem Regal?

Richtig gebundene nur zwei Exemplare. Dazu eine Menge selbst ausgedruckter Schriftproben, die man sich beim Hersteller als PDF besorgen und selber ausdrucken kann.

Kann man in unserem digitalisierten Zeitalter eigentlich noch vom Handwerk der Buchgestaltung sprechen?

Ich denke schon. Man muss seine Handwerkszeuge einfach kennen, egal welche das sind. Ob es der Handsatz ist – den brauche ich gelegentlich für Geschäftsdrucke von Museen – oder aber der Computer, an dem heute die meisten Bücher gestaltet werden. Man muss wissen, was die Layout-Software kann und was nicht. Bei der Buchgestaltung geht es auch immer um Zeit. Ein Gestalter muss darauf achten, dass seine Arbeit relativ schnell umsetzbar ist. Mit anderen Worten: Braucht eine Gestaltung viel Handarbeit oder hat ein sehr kompliziertes Layout, dann wird das ganz schnell ein teures Buch.

 

Gibt es auf dem internationalen Markt Unterschiede bei der Buchgestaltung?

In den USA wird viel mit Effekten gearbeitet. Oft werden die Kritikerstimmen schon auf den Einband gesetzt. Es gibt viel Goldfarbe und Prägungen von hinten. Zudem wird viel mehr Schreibschrift eingesetzt und eine ganz andere Schriftauswahl als in Europa verwendet. In Frankreich ist die Gestaltung lockerer und verspielter. Die Engländer gestalten schöne Umschläge und schönere Plakate. Lustigerweise gehen die englischen Kochbücher – toll fotografiert und gut gestaltet – auch in Deutschland sehr gut, obwohl die englische Küche ja eigentlich so einen schlechten Ruf hat. Die Gestaltung in der Schweiz, Niederlande und Österreich ist ähnlich wie in Deutschland.

Das Genre beim Gestalten berücksichtigen

Wie weit bedingt das Genre ein bestimmtes Design?

Ein Krimi muss eindeutig als Krimi erkennbar sein. Grundsätzlich ist seine Gestaltung im Grundton immer schwarz, vielleicht mit ein bisschen Rot für das Blut. Trotzdem muss sich das Buch von dem Gros des Angebotes abheben.

Beim Kochbuch ist immer ein Bild auf dem Umschlag. Zudem ist es wichtig, dass es gut und realistisch ist und natürlich von den im Buch enthaltenen Gerichten nicht so sehr abweicht. Starkoch-Bücher haben immer das Porträt des Star- oder Fernsehkochs auf dem Umschlag, weil das Buch über das Gesicht verkauft wird. Die Gemischtkochbücher oder Grundkochbücher dürfen manche Sachen gar nicht auf dem Umschlag haben. Zum Beispiel gehören Fische ausschließlich auf Fischkochbücher. Bei der Belletristik sieht das wieder ganz anders aus. Ich habe ein Buch mit Hund im Titel und auf dem Umschlag schwimmen ganz viele Fische.

Das genrespezifische Design hat sich im Laufe der Jahrhunderte mit der Entwicklung der Buchgestaltung selbst verändert.

Schon vor der Erfindung des Buchdrucks gab es Bücher, die handgeschrieben und gemalt waren. Die ersten Buchdruckverfahren wollten das nachahmen, weil Lesen ganz viel mit Gewohnheit zu tun hat. Bis ins 18. Jahrhundert hat sich nicht so viel daran verändert. Mit der Erfindung der Setzmaschinen im späten 19. Jahrhundert wurde dann offensichtlich, dass die Druckerei ganz viele Schriften zur Verfügung hat. In den vielen Schriftenkatalogen wurde in jeder Zeile eine andere Schrift verwendet, ohne darauf zu achten, ob sie zusammen- oder zum Inhalt passen. Das war eine schlimme Zeit für die Buchgestaltung. Im Jugendstil hat sich eine Gegenbewegung entwickelt. Die Schriften aus der Urzeit des Buchdrucks wurden wiederentdeckt und die Bücher waren wieder sehr viel ruhiger. Das hat sich im Großen und Ganzen bis heute so gehalten. Ein kleiner Sturm auf die Buchgestaltung erfolgte zwischendurch mit der Bauhaus-Typografie. Obwohl sie mehr den Designer in den Vordergrund stellte und weniger auf den Leser geachtet hat, war sie sehr wichtig für die Buchgestaltung. Nach dem Krieg hat man wieder sehr klassisch gesetzt und nicht mehr so viel mit großen Schwarzflächen gearbeitet. Das hat sich mit der Ablösung des Buchdrucks erst durch den Fotosatz und später durch Computer und DTPverändert.

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Johannes Steil

Johannes Steil ist seit mehr als zwölf Jahren selbstständiger Buchgestalter, Typograf und Hersteller. Der studierte Sozialwissenschaftler hat beim Eichborn Verlag Buchgestaltung gelernt und wechselte danach zum Verlag für Standesamtswesen. In den Jahren 2007 bis 2008 war er bei der edel entertainment GmbH mitverantwortlich, die Herstellung für deren neuen Buchbereich aufzubauen. Zu Steils Kunden gehören unter anderem die Stiftung Warentest, Random House, Straelener Manuskripte Verlag, P. Kirchheim Verlag, Verlag Valentin Koerner, Neuer Umschau Buchverlag und der Primus Verlag. Mehr Informationen zu Johannes Steil unter: www.brotschrift.de

Das Buch muss lesbar sein

Und am Ende dieser Entwicklung steht heute das E-Book. Welche Bereiche bleiben dem Gestalter dort?

Bei einem E-Book fallen alle Veredelungs- und Prägungsmöglichkeiten wie Stanzungen, Matt- oder Glanzfolienkaschierungen weg. Man gestaltet nur noch den Text und ein Bild, das in kleinem Format funktionieren muss.Zudem muss es auf den verschiedenen Readern erkennbar sein. Druckschriften sind nicht automatisch auch funktionierende Bildschirmschriften. Die Gerätehersteller achten mit ihren eigenen Schriften darauf, dass diese auf dem Bildschirm gut lesbar sind. Das führt natürlich zu Abstrichen bei der Schriftwahl und Gestaltung. Der Blocksatz fällt beim E-Book völlig weg. Was dem Gestalter bleibt, ist das Verhältnis von Überschriften zum Grundtext oder die Gestaltung von Größenverhältnissen. Viele Gestalter hadern mit diesem Umstand.

Vielleicht kommt ja noch einmal ein kleiner Sturm in der Buchgestaltung auf.

Wirkliche Revolutionen kann man wohl nicht mehr erwarten.Ich glaube nicht, dass es noch einmal so große Sprünge geben wird wie in den 1920er Jahren bei der Bauhaus-Typografie.Die Hauptmaxime der Gestaltung ist, man muss das Buch lesen können. Die Aufgabe des Buchgestalters ist subtil.Er muss dafür sorgen, dass die Schriftfarbe und die Form der Rifen auf der Seite stimmen und das Werk der Autoren unterstützt, manchmal sogar verbessert wird.

Im zweiten Teil unserer Interviewserie geht es um den Aspekt der Wirtschaftlichkeit bei der Buchgestaltung.

 

Text: Ama Lorenz

 

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