Eine Lesung aus Autorensicht

Eine Lesung aus Autorensicht

Routine nach mehreren Lesungen? Nicht bei Sophie von Maltzahn – Autorin des Romans „Grenzwerte/1928“. Offen und ehrlich schildert sie ihre Gefühle und Erlebnisse während ihrer Lesung auf der Frankfurter Buchmesse. Ein persönlicher Erfahrungsbericht, der auch anderen Autoren aus der Seele sprechen dürfte.

Gastbeitrag Sophie von Maltzahn

 

Original erschienen in der Müritz-Zeitung am 14.10.2014

„Als erstes werde ich Dich fragen, wie du auf die Idee gekommen bist, diesen Roman zu schreiben“, erklärt mir die Moderatorin Daniela Engelking am Buchmessestand meines Self-Publishing Anbieters „Books on Demand“, kurz BoD. Ich nicke ergeben und verfalle umgehend ins Grübeln, denn ich finde, dass diese Frage eine der schwierigsten ist, die man einem Autor stellen kann. Vor allem, wenn dieser nur eine schlüssige Antwort geben darf und nicht zehn verschiedene, die alle ebenfalls richtig wären. Ich beschließe, im Interview meine biografischen Bezüge hervorzuheben. Das ist immer ein guter Einstieg, schließlich sind Identitätsfragen von überpersönlichem Charakter.

Autorin Sophie von Maltzahn

Das Treiben auf der Messe hat mittlerweile seinen Höhepunkt erreicht. In den Gängen schiebt sich das Frankfurter Buchmessepublikum aus aller Welt langsam voran. Mittlerweile ist auch schon die erste Rolltreppe ausgefallen und die Sicherheitsleute in neonfarbenen Westen geben ihr Bestes, um den Besucherstrom umzuleiten. Zwischen den seriös gekleideten Verlegern, Journalisten oder Autoren sieht man jetzt immer häufiger stark kostümierte Jugendliche: grelle Kontaktlinsen, Theaterschminke, aufwändige Schneiderarbeiten. Das sind die unzähligen deutschen Vertreter von „Cosplay“, einer Verkleidungsbewegung aus Japan, in der jeder Teilnehmer das Kostüm einer Figur aus Comic, Film oder Computerspiel trägt, und sogar noch versucht, die Figuren zu imitieren. Am liebsten hätte ich jetzt auch ein Kostüm, in das ich schlüpfen könnte. So ließe sich das Lampenfieber bestimmt besser aushalten.

Dann ist es soweit. Daniela drückt mir ein Mikrofon in die Hand, es geht los. Sie stellt mich den Zuhörern vor, die sich am Stand versammelt haben und fragt mich, wie ich darauf gekommen bin, diesen Roman zu schreiben.
„Ich komme aus Mecklenburg-Vorpommern und bin ein Kind der Nachwendezeit“, sage ich mit dankenswerterweise ruhiger Stimme. „Sozusagen eine Vertreterin der zweiten Generation Wiederaufbau Ost. Und wenn man diese vielen Schlossruinen kennt, dann liegt es nahe, dass man sich überlegt, wie das Leben hier früher wohl gewesen sein könnte; damals, als die Ruinen noch Schlösser waren. “

Mein Blick fällt auf ein Gesicht im Publikum, das sich in schmerzhafte Falten verzieht. Warum tut es das? Ist seine Besitzerin hoffnungslos irritiert von meinem Auftreten oder denkt sie nur angestrengt nach? So eine kritische Zuhörerin macht, dass mir sofort bang wird. Ich schaue zu Daniela. Sie ist gerade dabei, den Inhalt meines Bildungsromans „Grenzwerte/1928“ zusammenzufassen. Während sie spricht, schaue ich durch das Publikum. Dabei fällt mir auf, dass sich bei ihrer Verortung des Romans in Mecklenburg-Vorpommern gleich mehrere Gesichter im Zuschauerraum aufhellen, – als hätte dieser Teil Deutschlands längst einen festen Platz in ihren Herzen eingenommen. Das beruhigt mich. Wer Mecklenburg-Vorpommern liebt, der wird es auch bei einer Lesung gern haben, sich auf eine gedankliche Reise in den hohen Norden mitnehmen zu lassen, „dort, wo der Vollmond silbernes Licht über die Ferne legt und der Wind schimmernde Wellen über die Ähren jagt.“

Ich beschließe, jetzt nicht weiter zu zweifeln, sondern mein Bestes zu geben. Ich muss jetzt auf meine Erfahrung als Interpretin vertrauen. Und eigentlich muss ich auch gar nicht viel mehr machen, als handwerkartig alles auf die Stimme zu setzen. Der Text ist schließlich fertig, ich muss ja nur noch ablesen. Und das habe ich im letzten Jahr wirklich gut geübt, – auf unzähligen, spontanen, unabhängigen, alternativen und etablierten Lesebühnen der dichtungsfans: eine Gruppe junger Dichter und Dichterinnen aus Frankfurt. Und wer ein Gedicht sprechen kann, der kann auch auf der Frankfurter Buchmesse, direkt neben dem respekteinflößenden Areal der Süddeutschen Zeitung­, seine Prosa lesen; in bewusster Art und Weise, sodass jeder Satz neu im Raum entsteht.

Zwanzig Minuten später ist alles vorbei. Ich beschließe den letzten Satz, trinke einen großen Schluck Wasser aus dem Glas, das mir Daniela gereicht hat. „Konnte man mich eigentlich gut verstehen?“ frage ich. „Ich hab mich zwischendurch kaum noch hören können. Gab es Probleme mit der Technik?“ Da fängt Daniela an zu lachen, klopft mir auf die Schulter:

„Du warst super.“
„Wirklich?“, denke ich.

Sie hebt ihren Daumen. Dann erzählt sie mir, dass zwischendurch sogar ein Fernsehteam von „Servus TV“ da war und gedreht hat. Ich trinke ein zweites Glas Wasser, als ich erfahre, dass sogar Beschwerden von den benachbarten Ausstellern eingegangen sind, weil die Lesung beim Stand von „Books on Demand“ die erlaubte Dezibelgrenze um Längen überschreitet. Man hatte mich zwei Mal leiser gedreht.
„Zwei Mal sogar?“ fragte ich erschüttert. Oh oh, was habe ich nur getan?

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