Analyse eines Romanentwurfes (Achtung, lang!)

Euer Forum rund um kreatives Schreiben, lesergerechtes Texten und spannende Plots.


dbs

Analyse eines Romanentwurfes (Achtung, lang!)

von dbs (03.07.2007, 14:19)
Hi!

Wie bereits in einem anderen Beitrag angemerkt, möchte ich hier in der "Schreibwerkstatt" mal den Entwurf eines Romanes vorstellen sowie die dazugehörige Kritik des Lektors, der den Roman bis zur Veröffentlichung begleitet hat.

Ich lasse den Namen des Autoren sowie den Titel des Romanes ganz bewusst weg, damit niemand vom eigentlichen Entwurf und der Kritik daran abgelenkt wird.

Vorabinformationen zum Hintergrund des Romanes:

Die Handlung des Romanes spielt im Sommer 1914, unmittelbar vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Ort der Handlung ist England, insbesondere London.


Der erste Entwurf:


Die soziale Situation in London ist erbärmlich. In den Elendsvierteln herrschen Armut, Seuchen, Gewalt und schlimmste Ausbeutung. Das Londoner East End wird zum Sammelbecken von Einwanderern aus Osteuropa: Russen, Polen, Litauer, Letten und Deutsche bringen linksradikale Ideen ins Land. Immer wieder kommt es zu Unruhen und Streiks.

Hier taucht im Jahre 1914 ein deutscher Spion namens Felix Muronziw auf, der sich als russischer Anarchist ausgibt. Er soll herausfinden, wer von den Exilrevolutionären in London plant, in seine Heimat, insbesondere nach Deutschland und Russland, zurückzukehren.

Felix Muronziw: ein komplizierter Charakter mit widersprüchlichen Motivationen, der bei einer gutbürgerlichen Familie aufwuchs. Mit Elf hat er herausgefunden, dass er adoptiert war. Seine Mutter soll ein russisches Bauernmädchen, sein Vater ein Aristokrat gewesen sein. Die Entdeckung dieser Lebenslüge lässt Felix glauben, dass Lug und Trug, Täuschungen und Vorspiegelungen unabdingbar im Leben sind. Außerdem ist er erfüllt von einer Hassliebe zum Adel (er dient als Spion dem Adel, gibt sich aber als Anarchist aus). Er verfügt über eine starke Ausstrahlung, ist hitzig und herrschsüchtig.

Die sozialen und politischen Unruhen haben die britische Regierung zur Gründung eines Inlands-Geheimdienstes veranlasst, dem MI5. 1914 ist Vernon Kell der Leiter, ihm unterstehen 14 Mann.

Vernon Kell: Sohn eines britischen Offiziers und einer polnischen Gräfin; spricht sieben Sprachen (darunter Deutsch, Polnisch und Russisch). Ein Einsatz in China ruinierte seine Gesundheit und seine Karriere. Er leidet an Asthma, Durchfall und Rückenschmerzen, verfügt aber über einen eiseren Willen. Äußerlich entspricht der dem Bild des Offiziers alter Schule, doch er ist auch verschlagen, flexibel und unorthodox in seinen Methoden.

Kell lässt seit einiger Zeit einen deutschen Marineoffizier aus der deutschen Botschaft überwachen, um einen Spionagering aufzuspüren. Zentrale Anlaufstelle der deutschen Spione scheint ein Friseur in der Caledonian Street zu sein.

In der feinen Londoner Gesellschaft spielt die Familie Walden eine wichtige Rolle. Der Earl of Walden hat durch Londoner Immobilien ein Vermögen gemacht, das ihm, seiner Frau und seinen zwei Töchtern ein standesgemäßes Leben ermöglicht. Seine älteste Tochter Charlotte ist gerade 18 geworden, nun soll für sie ein standesgemäßer Ehemann gesucht werden.

Charlotte ist hübsch, wohlbehütet, unschuldig, kultiviert, eigensinnig, idealistisch und in einer Welt aufgewachsen, die einseitig und weltfremd ist. Auf dem Debütantinnenball begegnet sie dem russischen Fürsten Alexej Oblomov, steinreich, gutaussehend, ein entfernter Verwandter des russischen Zaren und vor allem – unverheiratet. Letzteres hängt damit zusammen, dass Oblomov gegenüber Frauen gehemmt ist. Ansonsten vertritt Oblomov ausgesprochen fortschrittliche Positionen, die ihn in Opposition zum Zarenhaus bringen.
Der Chef des deutschen Geheimdienstes in Großbritannien (es ist der Marineoffizier aus der deutschen Botschaft) will die Verbündeten Großbritannien und Russland entzweien. Dazu entwickelt er einen Plan, bei dem Oblomov einem Attentat durch einen in London lebenden russischen Exilrevolutionär zum Opfer fallen soll. Dies würde die Beziehungen zwischen dem extrem konservativen Russland und dem liberalen England stark belasten. Als Attentäter soll Felix fungieren.

Charlotte kommt im Morgengrauen von einem Ball nach Hause. Zum ersten Male sieht sie Menschen, die als Obdachlose auf der Straße schlafen. Sie ist geschockt. Außerdem hat sie auf dem Ball von einer guten Freundin erfahren, wie Kinder entstehen. Nun glaubt sie, ihre ganze Erziehung und Bildung sei nichts weiter als eine einzige Lüge. Sie streitet sich mit ihrer Mutter. Als sie herausfindet, dass Frauen keinerlei politisches Mitspracherecht haben, nimmt sie Kontakt mit radikalen Intellektuellen auf. Charlotte entschließt sich, an einer Suffragetten-Demonstration teilzunehmen. Ihre Eltern haben jetzt schlaflose Nächte.

Der deutsche Marineoffizier stellt Felix seinen Plan vor. Felix ist begeistert. Der Anschlag soll auf einem Ball bei den Waldens erfolgen. Um Zugang zum Haus der Waldens zu bekommen, will sich Felix an Charlotte heranmachen.

Kell lässt Felix seit dem Treffen mit dem Marineoffizier ständig beobachten. Um mehr über Felix herauszufinden, heuert er einen Bolschewiken namen Barre an – ein schwerwiegender Fehler.

Charlotte geht trotz Verbot zur Suffragetten-Demo. Die Polizei hat Anweisung, die Demonstration aufzulösen. Es kommt zu einer großen Schlägerei zwischen Polizisten und Suffragetten. Charlotte wird von einem gutaussehenden Russen gerettet. Er nennt sich Felix.

In den Straßen Londons wird die Ermordung des österreichischen Thronfolgers in Sarajevo bekannt.

Felix und Charlotte treffen sich immer häufiger. So erfährt Charlotte viel von der anderen Seite der Politik. Sie wird immer rebellischer und lässt sich von Felix auch sexuell verführen. Felix erzählt ihr von den Zuständen in Russland, der unglaublichen Brutalität des Zarenregimes und dessen Geheimdienstes und wie man durch eine Revolution das Leben aller Menschen verbessern könnte. Ein erster Schritt wäre die Entführung Oblomovs, um dadurch politische Gefangene freipressen zu können. Charlotte hält das für eine großartige Idee.

Barre hilft Felix, um an eine Bombe für den Anschlag auf Oblomov zu kommen. Gleichzeitig berichtet er Kell, dass Charlotte und Felix ein Verhältnis haben. Vom geplanten Attentat auf Oblomov erzählt er nichts – Barre arbeitet auch für den russischen Geheimdienst Ochrana. Als die Ochrana von dem Plan gegen Oblomov erfährt, wird Barre angewiesen, alles zu tun, damit der Anschlag klappt. Die Ochrana fürchtet Oblomovs liberale Ansichten, außerdem würde ein erfolgreicher Anschlag auf einen Verwandten des Zaren dem russischen Geheimdienst freie Hand geben für die Beseitigung unliebsamer Exilrevolutionäre.

Charlotte sorgt über ihre Mutter dafür, dass Oblomov auf den Landsitz der Waldens eingeladen wird. Sie deutet an, sich ihn als Ehemann vorstellen zu können. Oblomov nimmt die Einladung an, denn er hat sich tatsächlich in Charlotte verliebt.

Felix bekommt durch Charlottes Fürsprache einen Job als Gärtner auf dem Landsitz der Waldens.

Kell hat lange Zeit nichts von Barre gehört und wird misstrauisch. Er schickt einen seiner Männer zu Barre. Felix beobachtet, wie ein ihm unbekannter Mann die Wohnung von Barre verlässt. Felix folgt dem Mann bis zu Kells Hauptquartier. Felix kehrt zu Barre zurück, nennt ihn einen Polizeispitzel und tötet ihn. Dann nimmt er die Bombe mit und macht sich auf den Weg zum Landsitz der Waldens.

Die Nachricht von der Kriegserklärung Österreichs gegen Serbien trifft ein.

Oblomov trifft auf dem Landsitz der Waldens ein. Er macht Charlotte eine Heiratsantrag. Charlotte will ihm ihre Antwort bei einem Treffen am Nachmittag in einer kleinen Waldhütte mitteilen. In Wahrheit soll Oblomov dort von Felix entführt werden. Unter den Gästen befindet sich auch ein angesehener Chirurg. Charlotte fragt ihn verschämt, welche Bedeutung es habe, wenn eine Frau nicht mehr blutet. Der Arzt sagt, normalerweise wäre eine Frau dann schwanger. Charlotte wird bleich.

Kell erfährt vom Tod Barres. Felix ist verschwunden. Als er von dem Fest der Waldens zu Ehren Oblomovs hört, fällt ihm die Verbindung zwischen Charlotte und Felix ein. Er ahnt, dass auf Oblomov ein Attentat ausgeführt werden soll, und macht sich sofort auf den Weg zu den Waldens.

Charlotte macht sich viel zu früh auf den Weg in die Waldhütte. Sie will Felix von ihrer Schwangerschaft erzählen, überrascht ihn aber dabei, wie er gerade den Zünder der Bombe einstellt.

Kell trifft auf dem Landsitz ein und sucht Oblomov, findet ihn aber nicht.

Charlotte begreift, dass Felix Oblomov nicht entführen, sondern töten will. Charlotte droht, mit Oblomov gemeinsam zu sterben und so auch das Kind von Felix zu töten. Beim Streit zwischen Felix und Charlotte wird irrtümlich die Bombe ausgelöst. Felix wirft sich über die Bombe und rettet damit Charlotte, wird selbst aber tödlich verletzt. Sterbend nimmt er Charlotte das Versprechen ab, das Kind nicht zur Adoption freizugeben. Charlotte verspricht es.

Oblomov trifft ein. Er glaubt, Charlotte habe ihm das Leben gerettet. Charlotte nimmt Oblomovs Heiratsantrag an.

Russland als Schutzmacht Serbiens ruft die Generalmobilmachung aus. Der Erste Weltkrieg beginnt. Großbritannien zieht auf Seiten Russlands in den Krieg.



Ein guter Entwurf? Ein schlechter Entwurf?
Greift alles ineinander?
Ist das, was im Verlauf geschieht, ausreichend in den Charakteren begründet?
Stimmt die Motivation der Figuren?

Eure Meinung?


Wie dieser Entwurf vom Lektor bewertet wurde, kommt in Kürze.


Grüße
Siegfried
Zuletzt geändert von dbs am 04.07.2007, 03:22, insgesamt 1-mal geändert.

dbs

Re:

von dbs (04.07.2007, 03:20)
Hier nun die Bewertung des ersten Romanentwurfes durch den Lektor des zuständigen Verlages:

Die eigentliche Rivalität im Erstentwurf besteht zwischen den beiden Geheimdiensten, also dem britischen MI5 unter Kell und dem deutschen Geheimdienst in London unter Leitung des Marineoffiziers. Die beiden Männer haben jedoch während der gesamten Handlung nie direkt miteinander zu tun.

Felix wird Schwarz in Schwarz dargestellt: ein Möchtegern-Attentäter, ein Frauenverführer, ein kaltblütiger Mörder.

Charlotte ist eine schwache Figur, die sich durch andere beeinflussen lässt und erst ganz zum Schluss die Kurve bekommt, als sie Felix die Stirn bietet.

Insgesamt weist der Entwurf keine wirklich starke Figur auf, mit der sich ein Leser identifizieren und mitfiebern kann.

Alls Figuren handeln mehr oder weniger aus politischen Gründen. Wirklich tiefgehende zwischenmenschliche Beziehungen finden kaum statt – ausgenommen das Verhältnis zwischen Charlotte und Felix. Oblomow ist zwar Ziel aller Aktionen im Roman, spielt als Figur aber so gut wie keine Rolle. Charlottes Eltern, Lord und Lady Walden, sind nur Randfiguren. Es gibt niemanden, den man wirklich als „Helden des Romans“ bezeichnen könnte.

Die Hauptschwäche liegt im unscharfen Focus der Handlung. Von wem handelt das Buch? Von Kell? Felix? Charlotte? Oblomov? Welche der Personen soll den Leser von Beginn an in den Bann ziehen und bis zum Ende nicht mehr loslassen? Es reicht nicht, dass der deutsche Geheimdienst Oblomov umbringen lassen will (was ja auch die russische Ochrana beabsichtigt). Der deutsche Marineoffizier erscheint, informiert Felix und verschwindet aus der Handlung. Charlotte hilft Felix auch dann noch, als ihr längst klar sein müsste, dass er sie nur benutzt. Kell ist am dramatischen Höhepunkt in der Waldhütte nicht beteiligt und tut auch sonst nichts wirklich Aufregendes. Und das für die Dramatik notwendige Pärchen Kell / Felix kommt nicht zustande, weil die beiden Figuren sich nicht begegnen.

Was in diesem ersten Entwurf gut ist, das ist die Verbindung des Mordanschlages auf Oblomov mit dem bevorstehenden Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Ein Einzelschicksal wird mit dem Schicksal der Welt verknüpft. Das ist eine dramatische Frage, die vielversprechend ist.

Insgesamt ist der Romanentwurf in seiner vorliegenden Fassung als eher gescheitert anzusehen.



Der Autor hat daraufhin einen zweiten Entwurf entwickelt. Den gibt es in Kürze hier zu lesen.

Grüße
Siegfried

dbs

Der zweite Entwurf

von dbs (07.07.2007, 13:18)
Wie wir gesehen haben, ist der erste Entwurf als gescheitert zu betrachten. In dem Zusammenhang ist es interessant, mal darüber nachzudenken, was geschehen wäre, wenn der Autor sich mit der Idee zum ersten Entwurf hingesetzt und einfach drauflos geschrieben hätte.

250 Seiten für die Katz'? Abbruch nach 60 oder 80 Seiten?

Die Antwort kann sich wohl jeder selbst geben.

Hier nun der zweite Entwurf des Romanes. Es hat sich vieles verändert:

Code: Alles auswählen

Die 18jährige Charlotte Walden trifft sich mit ihrer Schwester Belinda in einem Gartenpavillon, um das Rätsel zu lösen, woher die Babys kommen. Aufgrund ihrer konservativ-vikorianischen Erziehung haben sie erschreckend wenig Kenntnisse bzgl. der Fortpflanzung der Menschen und können es sich daher einfach nicht erklären.

Der britische Außenminister Grey besucht den Earl Of Walden, um ihn über den bevorstehenden Besuch des russischen Fürsten Oblomov zu informieren. Offiziell sucht Oblomov eine standesgemäße Ehefrau, inoffziell geht es um Verhandlungen über die militärische Zusammenarbeit zwischen England und Russland im sich abzeichnenden Krieg gegen das Deutsche Kaiserreich. Die Verhandlungen sollen auf Walden Hall stattfinden, dem Landsitz des Earls.

Die russische Geheimpolizei, die Ochrana, lässt in London alle Exilrevolutionäre überwachen. Chef der Ochrana in London ist Sergej Ferfitschkin. Durch eine Depesche an die russische Botschaft erfährt er vom bevorstehenden Besuch Oblomovs. Ferfitschkin überlegt, was geschehen würde, wenn ein Exilrevolutionär Oblomov ermordet. Die Engländer müssten die Exilrevolutionäre ausweisen, und die Ochrana hätte freie Hand bei der Ausschaltung der Feinde des Zaren. Ferfitschkin informiert sich über Walden. Der Earl ist mit einer Russin namens Lydia verheiratet. Lydia ist der Ochrana bekannt. Sie hatte vor Jahren in St. Petersburg eine Affäre mit dem jungen Anarchisten Felix Muronziw. Und Felix ist in London.

Felix hatte eine kurze Affäre mit der Tochter eines russischen Grafen, die aber auf Druck von oben abgebrochen werden musste. Sie heiratete einen englischen Earl, während Felix in die Hände der Ochrana fiel. Nach Folter und Deportation nach Sibirien konnte Felix nach London fliehen. Er hasst die herrschende Klasse aus ganzem Herzen.

Bei einem Treffen mit Gleichgesinnten trifft Felix auf Andre Barre, ein Bolschewist mit Kontakten zur russischen Botschaft. Barre erzählt vom bevorstehenden Besuch Oblomovs. In Felix wächst ein Plan.

Beim Debütantinnenball begegnen sich Charlotte und Oblomov das erste Mal. Charlotte ist von dem Mann völlig fasziniert, besonders von seinen modernen politischen Ansichten. Später am Abend erfährt Charlotte von einer Kusine auf der Damentoilette die Fakten des Sexuallebens.

Felix hat einen Job als Aushilfskellner auf dem Debütantinnenball ergattert, um in die Nähe von Oblomov zu kommen. Im Laufe des Balls begegnet Felix einer Frau, die als Lady Walden angesprochen wird. Felix erkennt sie sofort: es ist die Grafentochter aus St. Petersburg. Und auch Lydia erkennt ihren damaligen Liebhaber. Felix bittet um ein Treffen, aber Lydia lehnt ab.

Auf dem Heimweg vom Ball entdeckt Charlotte das Elend der Obdachlosen. Vo so etwas hatte sie bisher keine Ahnung. Daheim kommt es zum Krach mit ihrer Mutter, weil Charlotte sich ihr ganzes Leben lang angelogen fühlt.

Lydia ist durch den Streit mit Charlotte, ganz besonders aber durch das unerwartete Auftauchen ihrer Jugendliebe völlig durcheinander. Erinnerungen brechen auf, und zwischen ihr und ihrem Mann kommt es zur Krise.

Auf Befehl von Ferfitschkin macht Barre Felix mit einem Chemiker bekannt, der Bomben für Anarchisten baut. Ein Zeitbombe kostet Geld. Felix will das Geld beschaffen.

Felix besucht Lydia und bittet sie um Geld. Lydia will ihn so schnell wie möglich aus dem Haus haben und stimmt zu.

Walden und Oblomov beginnen mit den Verhandlungen für den Fall eines Krieges gegen Deutschland. Oblomov entpuppt sich als zäher Verhandlungspartner. Die Gespräche werden vertagt. Für sich allein grübelt Walden über seine jüngsten Eheprobleme mit Lydia nach.

Charlotte will bei einer Suffragetten-Demo teilnehmen, was ihre Eltern in Angst und Schrecken versetzt.

Lydia besitzt kein Bargeld, um Felix bezahlen zu können. Sie verkauft daraufhin etwas von ihrem Schmuck bei einem Juwelier.

Die Suffragetten-Demo wird von der Polizei auseinander geprügelt. Charlotte wird von einem Mann namens Felix gerettet. Er nimmt sie zu sich mit nach Hause und verführt sie.

Walden bittet Lydia, bei einem Fest zu Ehren Oblomovs ein bestimmtes Schmuckstück zu tragen. Lydia sagt, dies sei derzeit zur Reparatur beim Juwelier. Walden entdeckt das Schmuckstück im Fenster des Juweliers, wo es zum Verkauf steht. Walden wird gegenüber Lydia immer misstrauischer und engagiert einen Privatdetektiv.

Lydia und Felix treffen sich. Sie gibt ihm das Geld. Er bittet sie um eine Anstellung auf Walden Hall als Gärtner. Lydia stimmt zu.

Walden erhält vom Privatdetektiv Bericht, dass sich Lydia mit einem Mann getroffen habe. Der Detektiv soll alles über diesen Mann herausfinden.

Felix und Charlotte planen die Entführung Oblomovs, um gefangene Revolutionäre aus dem Gefängnis der Ochrana freizupressen.

Felix holt vom Chemiker die Bombe ab und fährt nach Walden Hall.

Der Detektiv teilt Walden mit, dass Felix ein Anarchist ist und sich eine Bombe beschafft hat. Walden fordert von der russischen Botschaft Leibwächter für Oblomov an. Er fragt sich, welche Rolle Lydia in diesem Komplott spielt, traut sich aber nicht, sie darauf anzusprechen. Walden erkennt den Hintergrund des Attentats: Sollte Oblomov getötet werden, könnte Russland auf Distanz zu England gehen und sich aus dem Krieg heraushalten.

Felix tritt seine Stelle als Gärtner an. Er sagt Charlotte, sie solle Oblomov am nächsten Tag um vier Uhr Nachmittags in einen bestimmten Gartenpavillon locken.

Lydia findet ihren verkauften Schmuck in Waldens Schrank. Sie entschließt sich, ihrem Mann alles zu gestehen.

Am nächsten Tag ruft Ferfitschkin Oblomovs Leibwächter ab. Angeblich hätte der Fürst sich über ihre Anwesenheit beschwert.

Lydia gesteht Walden alles. Walden erkennt, dass der Anschlag auf Oblomov unmittelbar bevorsteht. Doch weder Oblomov noch Charlotte noch Felix sind zu finden.

Charlotte trifft zu früh am Pavillon ein und überrascht Felix, wie der die Bombe scharfmacht. Charlotte erzählt von ihrer Schwangerschaft und dass Felix mit der Bombe sie und das ungeborene Kind, dessen Vater Felix ist, töten wird. Felix wirft sich auf die Bombe und stirbt.

Charlotte heiratet Oblomov. Der Krieg bricht aus mit England und Russland als Verbündete.


Was von diesem zweiten Entwurf zu halten ist, ob er brauchbar ist oder nicht, wo seine Stärken und Schwächen liegen, das gibt es in einer entsprechenden Bewertung in Kürze.

Grüße
Siegfried

dbs

Analyse des zweiten Roman-Entwurfes

von dbs (08.07.2007, 12:30)
Hier nun die Analyse des zweiten Romanentwurfes durch den betreuenden Lektor:

Code: Alles auswählen

Kell und der deutsche Marineoffizier, die Drahtzieher im ersten Entwurf, sind verschwunden und damit auch die gesamte deutsche Nebenhandlung. Nunmehr ist alles eine ausschließlich russische Angelegenheit, was die Fokussierung der Handlung fördert.

Wir haben nun drei Anti-Helden: Felix, Ferfitschkin und Barre. Aber keinen wirklichen positiven Helden. Weder Charlotte noch der Earl of Walden sind Figuren, die Handlung und Leser-Sympathie tragen können.

Es gibt jetzt aber gegenüber dem rein politischen Geflecht des ersten Entwurfes ein persönliches Beziehungsgeflecht zwischen Felix, Walden, Lydia und Charlotte. Das macht die Handlung für den Leser intensiver.

Felix wurde von einem deutschen Spion in einen russischen Revolutionär mit sehr persönlichen Motiven umgestaltet. Die Liebesbeziehung zur jungen Lydia ist die treibende Kraft für eine Vielzahl von Konflikten, auch auf Lydias Seite. Diese persönliche Beziehung führt zu einer Reihe von kausalen Abhängigkeiten, in denen sich die Figuren verstricken: die verbotenen Liebe in St. Petersburg, die arrangierte Ehe mit dem englischen Earl, die Folter und Deportation von Felix, der Hass auf den russischen Hochadel, das geplante Attentat auf Oblomov aus persönlichen Gründen, die Ausnutzung Lydias aufgrund der gemeinsamen Vergangenheit, die Ehekrise der Waldens um das verkaufte Schmuckstück. Eines greift jetzt in das andere.

Walden und Oblomov haben ebenfalls an Format gewonnen. Sie sind jetzt nicht mehr nur Staffage, sondern spielen eine wichtige Rolle. Beide sind für ihr Auftreten im Roman mit einer entsprechenden Motivation ausgestattet worden, und bei beiden kommt eine persönliche Bedrohung hinzu: Oblomov ist das Ziel eines Anschlages, und Walden sieht sich von Frau und Tochter verraten. Was jedoch fehlt, ist eine direkte Einbindung Waldens in das Mordkomplott, denn damit hat er nur indirekt zu tun.

Lydia, die im ersten Entwurf kaum existierte, ist aufgrund ihrer Vergangenheit zum entscheidenden Katalysator der Handlung geworden. Ohne sie wären die Pläne von Felix’ kaum durchführbar. Sie beschafft,  nichtsahnend natürlich, Felix das Geld für die Bombe und sorgt für Felix’ Zugang zu Walden Hall.

Charlotte wurde als Figur nur wenig erweitert. Neues Hauptmerkmal bei ihr ist die Entdeckung der Sexualität, was in den damaligen Zeiten der Prüderie nur mit größten Problemen möglich war.

Der zweite Entwurf ist deutlich besser als der erste, aber noch immer nicht ausreichend, um sich an die Umsetzung des Romanes zu setzen. Die Schwachpunkte müssen zuerst beseitigt werden. Ein dritter Entwurf ist nötig.


Soweit also der zweite Entwurf. Der dritte folgt in Kürze.

Grüße
Siegfried

dbs

Der dritte Romanentwurf

von dbs (11.07.2007, 23:29)
Hier kommt nun der dritte Romanentwurf:

Code: Alles auswählen

1894
Der siebte Earl Of Walden liegt im Sterben. Auf dem Sterbebett fragt er nach seinem ältesten Sohn Stephen. Der weilt in St. Petersburg. Kurze Zeit darauf stirbt der alte Earl.

Lydia, die 19jährige Tochter eine russischen Grafen, ist in St. Petersburg auf dem Weg zu einem Empfang in der britischen Botschaft. Auf dem Weg dahin gelingt es ihr, kurz bei ihrem heimlichen Geliebten Felix Muronziw vorbei zu schauen. Felix hat durch seinen verarmten Vater die Aristokratie hassen gelernt. Als Student wurde er zum Anarchisten. Lydia und Felix schlafen mit einander, und wie immer, wenn sie sich lieben, schreit Lydia auf dem Höhepunkt: >Hilfe!<

Beim Empfang auf der Botschaft begegnet Lydia einem Engländer namens Stephen Walden. Stephen wird von seinem Leibdiener Pritchard begleitet. Obwohl Lydia gar nicht sein Typ ist, so ist er dennoch von ihr fasziniert. Später am Abend trifft die Meldung vom Tod seines Vaters ein. Stephen ist nun der achte Earl Of Walden. In der Nacht grübelt er über die Veränderungen in seinem Leben nach.

Der alte Graf eröffnet Lydia, dass er von ihrem Verhältnis mit Felix weiß. Lydia rennt aus dem Haus und flüchtet zu Felix, doch dessen Wohnung ist leer. Felix wurde verhaftet. Notgedrungen kehrt Lydia in ihr Elternhaus zurück. Stephen ist eingetroffen und bittet beim alten Grafen offiziell um die Hand Lydias. Lydia lehnt ab. Der Graf sagt zu ihr, dass Felix im Gefängnis ist und dort gefoltert wird. Der Graf bietet Lydia die Freilassung Felix’ an, wenn sie als Gegenleistung den englischen Earl heiratet. Lydia geht auf den Vorschlag ein.

1914
Die politische Lage in Europa spitzt sich zu. Über kurz oder lang wird der Krieg nicht mehr zu vermeiden sein. Der britische Außenminister Grey besucht den Earl Of Walden, um ihn über den bevorstehenden Besuch des russischen Fürsten Oblomov zu informieren. Offiziell sucht Oblomov eine standesgemäße Ehefrau, inoffziell geht es um Verhandlungen über die militärische Zusammenarbeit zwischen England und Russland im sich abzeichnenden Krieg gegen das Deutsche Kaiserreich. Die Verhandlungen sollen auf Walden Hall stattfinden, dem Landsitz des Earls.

Charlotte, die einzige Tochter von Stephen, wird gerade in die Gesellschaft eingeführt. Sie ist extrem behütet aufgewachsen, voller Ideale und hat keine Ahnung davon, wie das Leben für die Unterschicht wirklich aussieht.

Dieter Hartmann, die rechte Hand des deutschen Botschafters in London, erfährt vom bevorstehenden Besuch Oblomovs auf Walden Hall. Er kommt auf die Idee, Oblomov von einem in London wohnenden Anarchisten töten zu lassen, um so die Beziehungen zwischen England und Russland nachhaltig zu stören. Hartmann kontaktiert einen Verbindungsmann namens Andre Barre und fragt ihn, wer der führende Kopf der Anarchisten in London ist. Barre meint, das sei ein gewisser Felix Muronziw.

Felix ist nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis jahrelang durch Russland gezogen, hat agitiert und gestohlen und ist schließlich nach London gegangen, allerdings ohne zu wissen, dass auch Lydia sich in London befindet. Felix ist in seiner Meinung über den russischen Hochadel noch radikaler geworden, und sein größter Wunsch ist es, den ganzen Adel in die Luft zu jagen. Barre spricht ihn eines Abends an und fragt ihn, ob er sich an einem Attentat auf Oblomov beteiligen würde.

Charlotte wird bei Hofe eingeführt. Es kommt zu einem Zwischenfall (eine Suffragette protestiert gegen die Behandlung verhafteter Frauen im Gefängnis), was bei Charlotte Zweifel an ihrer bisherigen heilen Welt aufkommen lässt.

Felix und Hartmann gehen zum Bahnhof, wo Oblomov eintrifft. Sie folgen dem russischen Adligen zu einer Stadtvilla Waldens.

Lydia wird durch Oblomov an ihre Jugend in St. Petersburg erinnert. Gleichzeitig entpuppt sich Oblomov als ausgesprochen fortschrittlich in seinen Ansichten. Kaum betritt Charlotte das Zimmer, verwandelt sich Oblomov in ein Nervenbündel. Gegenüber jungen Frauen ist Oblomov zutiefst gehemmt. Charlotte gelingt es mit ihrem Charme, Oblomov die Nervosität und Verlegenheit zu nehmen.

Hartmann und Felix beraten, wie sie an Oblomov heran kommen können. Die beste Möglichkeit bietet sich ihnen bei einem bevorstehenden Maskenball.

Oblomov und Walden verhandeln über ein Bündnis ihrer Länder. Als Preis für das Bündnis will Russland freie Hand auf dem Balkan. Die Gespräche werden vertagt.

Charlotte erfährt von Pritchard einiges über die Suffragetten, kümmert sich aber nicht weiter darum, weil der Maskenball unmittelbar bevorsteht. Auch Felix und Hartmann bereiten sich vor: Felix hat sich ein Kostüm besorgt, während Hartmann Duellpistolen beschafft hat.

Auf dem Maskenball geht Felix, verkleidet und mit den Pistolen ausgerüstet, direkt auf Oblomov los. Als er auf Oblomov zielt, schreit Lydia laut >Hilfe!<. Felix erstarrt, denn er kennt diesen Schrei. Walden nutzt die Gelegenheit und schlägt Felix die Pistolen aus der Hand. Im Durcheinander gelingt Felix die Flucht.

Felix grübelt über Lydia nach. Er fühlt sich tief in seinem Stolz verletzt und beschlietßt, die ganze Familie Walden auszulöschen.

Hartmann erfährt, dass Oblomov die Stadtvilla der Waldens verlassen hat und spurlos verschwunden ist. Da trifft die Nachricht von der Ermordung des österreichischen Thronfolgers in Sarajevo ein. Der Krieg steht unmittelbar bevor. Hartmann muss Oblomov jetzt unter allen Umständen finden.

Felix geht zur Stadtvilla und will Lydia sprechen. Lydia erkennt ihren ehemaligen Liebhaber, bringt ihn aber nicht in Zusammenhang mit dem Anschlag während des Maskenballs (Felix war ja verkleidet). Felix wll Geld. Lydia hat keines. Felix droht, Walden von ihrer vorehelichen Affäre zu erzählen. Lydia gibt nach und will das Geld beschaffen.

Charlotte besucht einen Ball. Dort wird sie von einer Cousine in die Geheimnisse der Sexualität eingeweiht. Auf dem Rückweg vom Fest sieht sie Obdachlose auf der Straße schlafen. Charlottes Weltbild bekommt einen tiefen Riss.

Lydia verkauft ein Schmuckstück bei einem Juwelier.
 
Walden bittet Lydia, auf einem Empfang ein bestimmtes Schmuckstück zu tragen. Es handelt sich um das verkaufte. Lydia redet sich mit >zur Reparatur gegeben< heraus.

Walden entdeckt das Schmuckstück im Fenster eines Juweliers. Misstrauisch und wütend setzt er seinen Privatdiener Pritchard auf Lydia an.

Charlotte nimmt Kontakt mit den Suffragetten auf. Sie entschließt sich, an einer der nächsten Demonstrationen teilzunehmen. Als ihre Eltern davon hören, sind sie entsetzt.

Bei der Übergabe des Geldes horcht Felix Lydia über Oblomov aus. Lydia weigert sich, irgendwas über Oblomov zu erzählen. Pritchard beobachtet das Treffen der beiden und berichtet alles an Walden. Pritchard soll alles über Felix herausfinden.

Hartmann erfährt, dass das Deutsche Reich sich an die Seite Österreich-Ungarns gestellt hat. Er setzt Felix unter Druck, endlich was in Sachen Oblomov zu unternehmen. Felix will sich jetzt, nachdem er bei Lydia gescheitert ist, an Charlotte heranmachen.

Charlotte nimmt sich Mantel und Hut ihrer Mutter und verlässt heimlich das Haus, um zur Demo zu gehen. Felix folgt ihr. Diesen beiden wiederum folgt Pritchard, der allerdings Charlotte für Lydia hält. Als Pritchard endlich Charlotte erkennt, kommt es bereits zu Ausschreitungen bei der Demo. Pritchard will Charlotte retten, wird aber niedergeschlagen. So ist es Felix, der Charlotte vor der Polizei rettet. Er nimmt sie mit in seine Wohnung und verführt sie. Von Charlotte erfährt Felix, dass Oblomov auf Walden Hall ist.

Pritchard erzählt Walden von der Demo. Zwischen Walden und Charlotte kommt es zum Krach. Charlotte wird nach Walden Hall geschickt. Waldens Welt fällt auseinander: seine Tochter ist eine Rebellin, seine Frau eine Ehebrecherin.

Pritchard verfolgt Felix und entdeckt dessen Verbindung zu Hartmann. Er folgt Hartmann bis zur deutschen Botschaft. Als Walden davon erfährt, hält er Lydia für eine Spionin.

Auf  Walden Hall kommen sich Charlotte und Oblomov näher. Plötzlich taucht Felix auf. Felix plant Oblomovs Ermordung, weiß aber noch nicht, wie das geschehen soll. Außerdem soll auch Charlotte sterben, denn sie kann ihn identifizieren.

Walden informiert den Polizeipräsidenten. Der will veranlassen, dass Hartmann des Landes verwiesen und Felix verhaftet wird.

Felix entgeht der Verhaftung nur knapp, beschafft sich dann bei Freunden eine Psitole und eine Bombe mit Zeitzünder. Er macht sich auf den Weg nach Walden Hall.

Lydia entdeckt das verkaufte Schmuckstück. Nun weiß sie, dass ihr Ehemann ihr auf die Schliche gekommen ist.

Felix instruiert Charlotte, Oblomov in eine Falle zu locken.

Walden und Pritchard treffen auf Walden Hall ein. Von der Polizei erfahren sie, dass Hartmann das Land verlassen hat, Felix aber verschwunden ist.

Charlotte stellt fest, dass sie schwanger ist (eine Bedienstete klärt sie aufgrund der Symptome auf). Charlotte geht zu Felix, um ihm es zu erzählen. Lydia, die sich mit Selbstmordgedanken beschäftigt, erfährt von Charlottes Schwangerschaft und will Felix deshalb mit einem Jagdgewehr erschießen.

Oblomov kommt zum Pavillon, wo er Charlotte vermutet. Felix überwältigt ihn und fesselt ihn. Als Lydia eintrifft, kann Felix sie schnell entwaffnen. Auch Lydia wird gefesselt. Felix macht die Bombe scharf. Charlotte trifft am Pavillon ein und erzählt Felix von ihrer Schwangerschaft. Felix ist wie vom Donner gerührt. Da klingelt der Wecker der Zeitbombe ... noch fünf Sekunden bis zur Explosion. Felix versucht, Charlotte zu retten, doch die wehrt sich. Felix wirft sich auf die Bombe und wird durch die Explosion tödlich verletzt. Charlotte, Lydia und Oblomov bleiben unverletzt.

Die Explosion lockt Walden und Pritchard an. Lydia gesteht alles und söhnt sich mit ihrem Mann aus. Oblomov und Charlotte heiraten. In Europa beginnt der Erste Weltkrieg.



Die Analyse dieses dritten Entwurfes folgt in Kürze.

Grüße
Siegfried

dbs

Analyse des dritten Entwurfes

von dbs (15.07.2007, 18:20)
Hier kommt, wie versprochen, die Analyse des dritten Entwurfes:

Code: Alles auswählen

Erste markante Änderung gegenüber der Vorversion ist die Verlegung des Anfangs in das Jahr 1894 mit dem Tod des bisherigen Earl Of Walden sowie die gleichzeitigen Ereignisse in St. Petersnurg. Von Beginn an ist damit die Dreiecksbeziehung zwischen Walden, Lydia und Felix klar definiert. Die handelnden Personen sind nun dichter miteinander verknüpft. Es ist aber durchaus strittig, ob solche Informationen szenisch im Roman notwendig sind oder als Hintergrundinformationen im Laufe der Handlung dem Leser mitgeteilt werden sollten.

Das wichtigste neue Handlungselement im dritten Entwurf ist der gescheiterte Anschlagsversuch von Felix auf dem Maskenball. Dies führt zu einer Reihe von Wendungen in der Geschichte: Walden und Oblomov wird klar, dass es tatsächlich jemanden gibt, der es auf das Leben des russischen Fürsten abgesehen hat (und gleichzeitig bietet diese Erkenntnis Walden die Möglichkeit zu Gegenmaßnahmen, was im Laufe der Handlung zu einer Steigerung der Spannung führt). Felix hingegen wird durch das gescheiterte Attentat an seine Jugendliebe erinnert (Lydia verhindert durch ihren markanten Schrei den Anschlag), was bei Felix einerseits längst vergessen geglaubte Emotionen aufkochen lässt, andererseits ihm Wege und Möglichkeit für ein erfolgreiches Attentat anbietet.

Als Persönlichkeit ist Felix aber noch immer nicht rund. Er will Oblomov tötet mit einem nachvollziehbaren Argument (sein Hass auf die Oberschicht wegen der erlittenen Folter), aber dass er auch die ganze Familie Walden auslöschen will, verscherzt viel Mitgefühl beim Leser. Und weil er den Wunsch hegt, alle Waldens zu benutzen und letztlich zu töten, ist seine Opferung am Ende unglaubwürdig.

Charlotte, die bereits in der zweiten Version zu einem glaubwürdigen Charakter wurde, bekommt jetzt noch ein paar Attribute mehr verpasst. Die Einführung am Hofe, verbunden mit der Erkenntnis, wie die Obrigkeit mit verhafteten Suffragetten umgeht, der Schock, als sie zum ersten Male Obdachlose sieht, die Ereignisse rund um die Demonstration, die späte Erkenntnis zur Sexualität, das lässt Charlotte als ein couragiertes, anständiges, aber auch in einem gewissen Rahmen naives Mädchen erscheinen, menschlich und lebensnah.

Mit Hartmann von der Deutschen Botschaft ist wieder die deutsche Spionage-Komponente in den Roman zurückgekehrt. Dies beruht vor allem darauf, dass die Mordpläne von Ferfitschkin aus dem zweiten Entwurf weit hergeholt erschienen - zumindest waren sie unglaubwürdiger als die Motivationen Hartmanns. Der Agitator und Verbindungsmann Andre Barre ist nahezu verschwunden und spielt keine größere Rolle mehr, was der Geschichte durchaus gut tut (letztlich ist Barre nur ein Vehikel für bestimmte Aktionen und als Figur überflüssig).

Durch die Hervorhebung Lydias und ihrer Jugendliebe gewinnen die Beziehungen zwischen ihr und Felix bzw. zwischen ihr und Walden deutlich an Gewicht. Das Auftauchen von Felix in Lydias Leben im Jahre 1914 setzt eine Reihe von dramatischen Ereignissen in Gang, die jetzt auch entsprechend motiviert sind. Es gibt jetzt einen klaren Grund, warum Lydia Felix hilft, warum sie ihren Schmuck versetzt und warum sie ihre sichere Ehe aufs Spiel setzt.

Walden wird im neuen Entwurf deutlich stärker in die direkte Handlung eingebunden. Er kämpft jetzt nicht nur um einen Vertrag mit Russland und um das Leben des ihm anvertrauten Fürsten Oblomov, sondern auch um seine Ehe. Damit erhält der Charakter Waldens eine tragische Komponente. Die althergebrachte Welt um ihn herum zerfällt. Seine Tochter entpuppt sich als Rebellin, die sich auf eine Liebesaffäre mit einem Staatsfeind eingelassen hat, und ausgerechnet dieser Mann ist zudem der Ex-Geliebte seiner Frau. Aber noch immer ist Walden zu weit von seinem direkten Gegenspieler Felix entfernt. Walden schützt Oblomov und kommt zu einem Vertrag, und außerdem bekommt er Ehefrau und Tochter, wenn auch geschwängert, zurück, aber zur eigentlichen Problemlösung hat er selbst nicht entscheidend beigetragen.



Es ist also ein weiterer, letzter Entwurf erforderlich.

Kommt in Kürze


Grüße
Siegfried

Zurück zu „Textakademie“


Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast

Über BoD

BoD™ ist die führende deutsche Self-Publishing-Plattform. Seit mehr als 20 Jahren sind wir die Anlaufstelle für das einfache, schnelle und verlagsunabhängige Veröffentlichen von Büchern und E-Books. Bereits mehr als 40.000 Autoren haben sich mit uns den Traum vom eigenen Buch erfüllt.