Das Schuhhaus für Idioten

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CeKaDo

Das Schuhhaus für Idioten

von CeKaDo (29.03.2008, 15:11)
Das Schuhhaus für Idioten

Mitten auf der grünen Wiese steht das Schuhhaus für Idioten. So jedenfalls steht es über der breiten Eingangstür geschrieben. Natürlich wurde das Kaufhaus still und heimlich gebaut, denn es hätte niemals jemand eine Genehmigung dafür erteilt. Plötzlich war es einfach da. Breite, selbst öffnenden Türen und riesige Schaufenster zeigen vielen Neugierigen die bunten Inhalte des Geschäftes. Obwohl ... eigentlich ist es ja kein Geschäft, denn die Ware gibt es kostenlos.

Man glaubt es kaum, dieser Schuhladen für Idioten wirbt mit seinem einmaligen Werbespruch „Schuhe kostenlos für jedermann“. Und so wundert es niemanden, dass dieser unendlich große Laden Tag und Nacht geöffnet hat und immer voll ist. Draußen warten lange Schlangen von Menschen, um nur ein einziges Paar Schuhe aus diesem Idiotenladen zu ergattern. Sicher, den einen oder anderen stört der Name. Doch das sind sehr seltene Exemplare Mensch, die sich dem riesigen Laden fern halten.

Ich möchte gern einmal berichten, wie es mir erging, als mich kürzlich eine Bekannte fragte, ob ich sie in diesen Schuhladen begleiten wolle. Nun ja, ich bin ein erfahrener Schuhkäufer und gebe es zu, das Angebot über ein Paar kostenlose Schuhe scheint mir doch recht verlockend. Also betrete ich nach langer Wartezeit vor den breiten Eingängen an der Seite meiner Bekannten das Geschäft. Die Auslagen in den Regalen überwältigen mich schier und von allen Seiten wird geschubst und gedrängt. Die ersten blauen Flecken bekomme ich direkt schon im Eingangsbereich. Ich schaue mich um und finde ein Schild mit der Aufschrift „Schuhe für Schlaumeier“. Daneben hängt ein Schild „Schuhe für beleidigte Leberwürste“ und daneben ein Sonderangebot in schrillen Farben „Schuhe für Leute, die sowieso Scheiße sind“.

Ich wundere mich nun doch etwas über die seltsamen Warengruppen und drücke mich durch die Gänge zwischen den Regalen. Meine Bekannte habe ich schon längst aus den Augen verloren. Ohne es wirklich zu gewünscht zu haben, stehe ich vor dem Regal „Schuhe für Lügner“. Hier gibt es Schuhschachteln bis zur Decke hinauf und einige davon sind schon aus großer Höhe herunter gefallen und aufgeplatzt. Vor mir prügeln sich zwei Männer um den gleichen Schuh mit der Aufschrift „du kannst nicht treu sein“. Daneben greift sich gerade ein kleiner dicker Junge den Schuh „du kriegst nie eine ab“. Allerdings schien mir dieser Schuh aus der nebenan liegenden Abteilung „Beleidigungen“ zu stammen. Glücklich zieht der Kleine Richtung Ausgang davon, den Schuh fest an sich gedrückt.

Ich bücke mich nach einem Schuh mit der Aufschrift "mehr Schein als Sein" und eine Frau mittleren Alters, grell geschminkt und mit langen Fingernägeln, greift nach dem schwarzen Schuh und schreit mich an, das wäre ihr Schuh. Schulterzuckend hebe ich die Hände und signalisiere ihr, dass mich der Schuh ohnehin nicht interessiert hat. Ich gebe lieber nach und ziehe mich zurück, als dass ich mich mit dieser Hexe auf schlimme Diskussionen einlasse. Mir wird das Getümmel zu viel und ich versuche, den Ausgang zu erreichen. Von allen Seiten höre ich Geschrei und sehe in jedem Gang kämpfende und schreiende Menschen. Männer schlagen andere Männer, nur um einen bestimmten Schuh zu ergattern. Frauen werden zu Bestien und reißen sich gleich mehrere Schuhe unter die Nägel. Doch am Ausgang werden sie aufgehalten und dürfen nur ein einziges Paar Schuhe mit hinaus nehmen. Selbst das müssen sie noch vorm Verlassen des Geschäftes anziehen. Ich falle auf, denn ich habe keinen Schuh bei mir. Die Wachleute am Ausgang runzeln die Stirn und ich werde von Kopf bis Fuß durchsucht. Man ruft den Geschäftsführer und ich werde aufgefordert, mir entweder unverzüglich einen Schuh auszusuchen, oder ich bekäme Hausverbot. Wenn ich allerdings am Geschäftsmodell interessiert wäre, so flüstert mir der Chef des Ladens zu, dann könne ich ja eine Bewerbung einreichen. Man würde mich zum Abteilungsleiter machen, wenn ich gegen die Einflüsse der angebotenen Ware resistent wäre.

Ich lehne dankend ab und will nur noch so schnell wie möglich aus diesem seltsamen Gebäude hinaus. Ich bekomme einen Stoß in den Rücken und drehe mich um. Mit gehetztem Blick in den Augen steht da vor mir meine Bekannte und drückt ein Paar rote Schuhe an sich. Auch sie muss diese Schuhe sofort anziehen und ich bemerke, dass sie ihr viel zu klein sind. Ach ja, und der Name dieser Schuhe prangt in weißen Buchstaben die Außenseiten entlang. „Schlampe“ steht da geschrieben. Das ertrage ich nicht, keinesfalls! Mit schnellen Schritten verlasse ich das Haus und hole draußen tief Luft. Meine Bekannte humpelt hinter mir her und bittet mich dann um Hilfe. Ob ich sie wohl ein wenig stützen könne, die Schuhe würden ihr überhaupt nicht richtig passen. Ich fasse sie unter und erleichtert lehnt sie sich an mich. Während wir da so einen Moment lang stehen, fallen mir überall humpelnde und stolpernde Menschen auf. Niemandem scheinen die Schuhe zu passen, die er sich da aus dem „Schuhhaus für Idioten“ kostenlos abgeholt hat.

Ich wende mich meiner Bekannten zu und frage sie neugierig, warum sie sich denn ausgerechnet dieses rote Paar viel zu kleiner Schuhe ausgesucht habe. Noch dazu mit dem Namen „Schlampe“? Ihre Antwort verblüffte mich, denn sie meint, der Schuh wäre doch extra für sie dort ausgelegt worden. Ob sie denn keinen passenderen Schuh gefunden hätte? Zum Beispiel wäre mir eine Abteilung aufgefallen, die völlig menschenleer ist. Dort stehen nämlich Schuhe mit Namen wie „hübsch“, „liebenswert“, „höflich“, „hilfsbereit“ und so weiter. Doch niemand hat auch nur einen Schuh aus dieser Abteilung mitgenommen. Warum sie denn dort nicht einmal nach einem passenden Schuh gesehen habe, so frage ich sie. Da laufen ihr plötzlich die Tränen aus den Augen und sie schluchzt. Sie hat diese Abteilung überhaupt nicht wahrgenommen, im Getümmel der Angebote und inmitten der vielen Konkurrenten um den besten Schuh.

Ich drehe mich noch einmal um und schaue mir den Laden aus der Ferne an. Kaum mag ich meinen Augen trauen, denn unter dem Schriftzug „Schuhhaus für Idioten“ ist noch ein Rest der früheren Bezeichnung des Geschäftes zu erahnen. Dort steht noch ganz schwach zu lesen: „Internet mit Foren, Chats und Websites“

Wie gut, dass ich mir keinen Schuh angezogen habe, den ich dort gefunden habe.

Und neben mir humpelt mit der Nase schniefend, eine liebenswerte junge Frau, die selbst ausgesuchte Schuhe mit der Aufschrift „Schlampe“ trägt. Obwohl sie ihr doch überhaupt nicht passen.



(c) CeKaDo 2008 cheezygrin







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Arno Abendschön
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Re:

von Arno Abendschön (29.03.2008, 16:20)
Der schlagkräftige Titel hat mich angelockt, ich wurde nicht enttäuscht. Amüsant und beziehungsreich. Dennoch hätte ich den aufklärenden Hinweis auf das im Hintergrund tatsächlich gemeinte Milieu weggelassen. Darauf müsste man eigentlich selbst kommen. Obwohl, obwohl ... Ich selbst habe in zwei verschiedenen Foren ähnlich verkappte Schilderungen eingestellt und die Leser schienen mir alles wörtlich genommen zu haben, jedenfalls die kommentierenden. Im Übrigen machte man einen Bogen um den Text.

Arno Abendschön
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Tommy
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Re:

von Tommy (03.04.2008, 11:10)
Ist ja wie eine kleine Antithese zur Redewendung: "Jeder zieht sich den Schuh an, der ihm paßt." Denn die Figuren dieser Parabel ziehen sich durchweg Schuhe an, die ihnen nicht passen. Im Gegensatz zu Arno finde ich schon die Auflösung wichtig, denn von allein wäre ich nicht auf die Idee gekommen, daß es ein Seitenhieb auf die Selbstinszenierungen in den Internet- Foren und Chats ist, sondern hätte es als allgemeine Lebensmetapher verstanden.

Fein, hat Spaß gemacht, der Text.

thumbbup

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Irrlicht
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Re:

von Irrlicht (03.04.2008, 11:32)
Mir hat der Text auch gefallen.

Und was die "Aufklärung" angeht: Die halte ich für erforderlich, falls Du es für wichtig hältst, explizit auf Internet und Foren/Chats hinzuweisen.

Wenn nicht: Dann würde ich es lieber weglassen. So hat jeder Leser die Chance seine eigene Bedeutung hinein zu interpretieren. Das funktioniert meiner Meinung nach sehr gut und zwingt den Leser zu einer ausführlicheren Auseinandersetzung mit dem Geschriebenen.

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Judith
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Re:

von Judith (03.04.2008, 12:29)
Hallo Carsten,

mir hat der Text auch gut gefallen. Zuerst habe ich ihn anders interpretiert als nach der Auflösung, beides gibt zu denken. :P

Grüßle,
Judith
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