Echte Namen oder nur Synonyme der Handelnden im Tagebuch?

Euer Forum rund um kreatives Schreiben, lesergerechtes Texten und spannende Plots.


Benutzeravatar
Thomas Becks
Beiträge: 2747
Registriert: 04.09.2007, 17:47
Wohnort: Ruhrgebiet

Re:

von Thomas Becks (13.06.2010, 19:31)
Hi Matthias und Maryanne,
im Grunde ist die Idee nicht schlecht, zwischen Fiktion und Wirklichkeit zu wechseln.
Doch bei der Recherche, ich habe unter anderem das Geburtshaus besucht und mit den Nachfahren der Anna gesprochen, kam ich zum Schluss, dass die Familie nicht ganz unschuldig an Annas Schicksal war.

Das sagt aber nur mein gesunder Menschenverstand, und der kann es nicht belegen. Den Unehelichen erging es damals ohnehin schlecht und wurden oft vom Hof gejagt, sobald sie einigermaßen erwachsen waren.

Die Großmutter wurde im 30jährigen Krieg vergewaltigt (kein Beleg, die Information habe ich von der Familie). Annas Mutter wollte sich, als sie mit Anna schwanger war, in die Emscher stürzen (nach einer Erzählung v. 1921).

Annas Oma hat eine Wasserprobe nicht bestanden (belegt) und ist ertrunken (meine Schlussfolgerung). Durch den Hexenprozess der Oma, erhält Anna (vielleicht von Kindern) den Spitznamen Hexenänneken (meine Vermutung).

Und so weiter und so fort. Ich muss gestehen, dass die Fakten am Ende dünn ausfallen. Wie gerne würde ich den Kerker im Schloss sehen, oder in die Original-Prozessakten im Schlossarchiv.

Meine Nachforschungen beruhen zum Teil auf alte Nachforschungen.
Wie kann ich den heutigen Graf fragen und später seinen Ahnen niedermachen?
Mir bleiben im Grunde nur zwei Möglichkeiten: Entweder mische ich Fakten mit Behauptungen, oder ich erfinde das Vest Recklinghausen neu. Das erste bringt vielleicht Ärger mit sich, aber auch Publicity.

Im Sinne: FREI NACH THOMAS BECKS
cheezygrin

Noch einmal vielen Dank an Euch beiden. thumbbup

Aber da muss ich jetzt alleine durch. :cry:

Grüße
Thomas

Benutzeravatar
Manu
Beiträge: 1099
Registriert: 08.12.2009, 17:35
Wohnort: die Mords-Eifel

Re:

von Manu (14.06.2010, 14:40)
Hallo Thomas,

ich denke auch, dass du dich da in falscher Rücksichtnahme verrennst. Die geschilderten Ereignisse liegen doch schon über 200 Jahre zurück. Glaubst du ernsthaft, die heute existierenden Familien haben da noch einen emotionalen Bezug zu, so dass sie sich evtl. beleidigt fühlen könnten? Ich nicht.
Es handelt sich um geschichtlich überlieferte Fakten, daher würde ich mich auch an die tatsächlichen Namen halten, möglichst sogar in der Schreibweise, wie sie seinerzeit üblich war. Und keine Pseudonyme verwenden.

Benutzeravatar
mtg
Beiträge: 5677
Registriert: 20.01.2010, 09:59
Wohnort: Berlin

Re:

von mtg (14.06.2010, 14:48)
Naja, der »Graf von Westerholt« ist auch heute noch existent, weil der Titel ja erblich ist – wenn ich Thomas richtig verstanden habe ... und ich würde auch ungerne auf meinem Urgroßvater rumgetrampelt sehen ...

Daher würde ich neben der Ebene »Historie» die zweite Ebene »Fiktion« einziehen ... aber Thomas hat schon ganz recht ... da muss er erst mal selber durch. Wünschen wir ihm das notwendige Glück!

Benutzeravatar
Thomas Becks
Beiträge: 2747
Registriert: 04.09.2007, 17:47
Wohnort: Ruhrgebiet

Re:

von Thomas Becks (14.06.2010, 18:14)
Danke!

Thomas Becks hat geschrieben:
Annas Oma hat eine Wasserprobe nicht bestanden (belegt) und ist ertrunken (meine Schlussfolgerung).

Edit:
Die Großmutter hat die Wasserprobe nicht bestanden und kann deshalb auch nicht ertrunken sein. Da der Teufel das Ertrinken verhinderte, wurde sie wahrscheinlich verbrannt.



Heute habe ich bei meiner Recherche einen interessanten Artikel von 1983 gefunden, der mich veranlasst, alle Beteiligten beim Namen zu nennen.
In den 80er Jahren war das Hexenthema Topaktuell. Der Schreiber, Dr. W. Haneklaus, versucht darin den Grafen reinzuwaschen indem er aus der Anna ein Dummchen macht, das sich um Kopf und Kragen redet.

Die Arme wurde 16! Monate gefoltert und hat sich nur noch den Tod gewünscht. Sie war so kurz an der Kette gelegt, dass sie den Lichtstrahl, der durch das hohe Fenster fiel, nicht erreichte. Nur zum schlafen bekam sie eine längere Kette. Die Tante hat ihre Kleider zerrissen, sodass sie bis zur Hinrichtung nur das Eine trug.

Ich möchte, ehrlich gesagt, die Geständnisse gar nicht lesen. Doch der Herr Doktor hat sich ein paar schöne Geständnisse herausgesucht und sie zum Besten gegeben.
Am Ende des Artikels bedankt er sich brav beim Grafen für die Einsicht der Akten.
Das ganze erinnerte mich an die Judenverfolgung, die waren ja auch selber schuld.

Gruß Thomas

PS:
Hier das Urteil vom 07.01.1706
In peinlicher Inquisitionssache fisci des Freyherrn von Westerholt Klägers – und gegen Annam Spiekermann juniorem – Beklagte anderntheils – ist auf abermaliger Ersuchung der Acten nunmehr geruhsam eingenommener Kundschaft eidlich abgehörter Zeugen Aussag und so freiwillig – als in peinlicher Frage gethaner Bekanntnuß dieser Sache amtshalber vorbeschlossen auf und angenommen, demnächst mit Zuziehung unparteiischer Rechtsgelehrten zu Recht erkannt, daß Beklagte wegen teils gestandener, teils überzeugter Zauberey und dadurch an Menschen und Vieh verübten Schadens mit dem Schwert vom Leben zum Thodt hinzurichten und demnächst deren thodter cörper anderen zum abscheulichen Exempel durch den Scharfrichter öffentlich zu verbrennen sey, inmassen dann also hierauf die Beklagte hinzurichten und zu verbrennen erkandt wird.

Benutzeravatar
mtg
Beiträge: 5677
Registriert: 20.01.2010, 09:59
Wohnort: Berlin

Re:

von mtg (14.06.2010, 18:18)
Wow ... das wird ja immer spannender thumbbup thumbbup thumbbup

Benutzeravatar
Thomas Becks
Beiträge: 2747
Registriert: 04.09.2007, 17:47
Wohnort: Ruhrgebiet

Re:

von Thomas Becks (16.06.2010, 04:58)
Manu hat geschrieben:
Hallo Thomas,

ich denke auch, dass du dich da in falscher Rücksichtnahme verrennst. Die geschilderten Ereignisse liegen doch schon über 200 Jahre zurück. Glaubst du ernsthaft, die heute existierenden Familien haben da noch einen emotionalen Bezug zu, so dass sie sich evtl. beleidigt fühlen könnten? Ich nicht.
Es handelt sich um geschichtlich überlieferte Fakten, daher würde ich mich auch an die tatsächlichen Namen halten, möglichst sogar in der Schreibweise, wie sie seinerzeit üblich war. Und keine Pseudonyme verwenden.

Hallo Manu,
meine Geschichte wird eine Tragödie.
Das heißt, dass die Geschichte sehr fröhlich beginnt. Mein größtes Problem ist die Familie Spiekermann.
Du sagst, nach 300 Jahren hat die Familie keinen emotionalen Bezug mehr dazu.
Hallo? Die Familie leidet seit 300 Jahren unter der Schmach des Verrats.

Die Begegnung mit ihr sagte alles: Wer schickt Sie, der Stern? Der Spiegel? Die Bild?
Als ich erklärte, dass ich freier Buchautor sei, hatte sie sich einigermaßen beruhigt. BoD (grins) habe ich ausgelassen.

Meine Sorge betrifft nicht die Angst vor dem Grafen, nein, ich muss eine Geschichte erfinden, die die Familie beruhigt.
Die Story vorher ist mein größtes Problem.
Ich muss Verwandte erfinden, die meine Geschichte vorwärts bringt ohne die Familie zu verärgern.
Sobald Anna GE- Buer verlässt, läuft alles nach Recherche.
Als möglichen Protagonisten habe ich Pater Damasus, ein Kapuzinermönch aus Essen, der ihr damals als aufgeklärter Christ helfen wollte.
Ein Pater, der die "Cautio Criminalis" von Pater Spee kennt. Das Aufklärungsbuch der damaligen Zeit gegen die Hexenverfolgung.

Mein Happy End wird "nur" das Schwert sein.
Für die damalige Zeit war das tatsächlich ein Happy End. :cry:

Grüße
Thomas

Zurück zu „Textakademie“


Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast

Über BoD

BoD™ ist die führende deutsche Self-Publishing-Plattform. Seit mehr als 20 Jahren sind wir die Anlaufstelle für das einfache, schnelle und verlagsunabhängige Veröffentlichen von Büchern und E-Books. Bereits mehr als 40.000 Autoren haben sich mit uns den Traum vom eigenen Buch erfüllt.