Erzählungen vom Leben

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Jocelyne Lopez
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Re:

von Jocelyne Lopez (03.05.2008, 20:01)
Kinderstreit

Apropos Kinder als Opfer der Gewalt fällt mir ein schweres psychisches Trauma aus meiner Kindheit ein. Ich bin wie gesagt nach der Trennung meiner Eltern zwischen ca. meinen 4. und 13. Lebensjahren vorwiegend in von katholischen Nonnen geführten Internaten großgeworden, zusammen mit meiner um 1 Jahr älteren Schwester Christiane (katholische Internaten fungieren in Frankreich als Kinderheime).

Meine Mutter hat also in der Praxis keine große Einwirkung auf meine Erziehung gehabt. Jedoch hatte sie sozusagen in abstrakter Weise wohl einen sehr großen Einfluss: Wir haben sie angehimmelt und abgöttisch geliebt, sie war für uns die Göttin auf Erde, ich habe nur gelebt, um die Gnade zu haben, ein paar Stunden bei ihr zu sein, was selten genug war. Eine Erziehungsmaßnahme hat sie jedoch auf uns wie ein Leitmotiv ausgeübt: Wir sollen zusammenhalten, wir sollen zusammen bleiben, wir sollen uns lieben, wir sollen solidarisch sein, wir sollen uns nicht streiten. Das haben wir auch einigermaßen gut hingekriegt, bloß das mit "sich nicht streiten", na ja, das ist nicht so selbstverständlich als Kind….

Außer der unendlich langen und intensiven Qual der Trennung habe ich also in meiner Kindheit keinerlei Gewaltanwendungen erfahren, weder von Erwachsenen als auch von anderen Kindern, ich habe weder unter Hunger, noch Kälte, noch bitterer Armut, weder unter körperlichen Ertüchtigungen noch seelischen Grausamkeiten gelitten. Eine Gewaltanwendung habe ich jedoch einmal erfahren, werde ich nie vergessen, und zwar von meiner Mutter, die Göttin auf Erde…

Ich war zu dieser Zeit vielleicht 9-10 Jahre alt. Eine Zeit lang hatten wir sonntags Ausgang und sind zu der Mutter gefahren. Gegen Mittag ist der Vater für eine gemeinsame Mahlzeit dazu gekommen. Es war die Zeit, wo wir die intakte Familie mal kurz gespielt haben, es war die Zeit, wo ich innerlich und heimlich nur gezittert habe. Ich hatte schreckliche Angst vor meinem Vater, er hatte eine oder zwei Mal in Wut vor uns gesagt, er wird eines Tages die Mutter töten, und ich habe es geglaubt.

Wir hatten dann immer die Aufgabe für die gemeinsame Mahlzeit einkaufen zu gehen, und das taten wir auch eben an diesem Tag. Auf den Weg zum Supermarkt haben wir uns gestritten, natürlich. Dieses Geschäft war ziemlich groß, zwei Stockwerke, war lokalisiert auf „La Canebière“, die berühmteste Straße der Welt (so die Marseiller…) und hatte zwei Eingänge: einen Seite Canebière, einen Seite Straße dahinter. Christiane wollte durch den Eingang Seite Canebière und ich durch den Eingang Seite Straße dahinter, oder umgekehrt. Aber im Geschäft haben wir uns nicht mehr gefunden.

Mir blieb also nichts anderes übrig als nach Hause zurückzugehen, schrecklich weinend, ohne die Einkäufe. Mutti: „Und Deine Schwester?“. Ich: „Ich haabe siiie verloooren!!!…“ Zack, eine ausgewischt. Zehn Minuten später kam Christiane, in Tränen aufgelöst, ohne die Einkäufe. Mutti: „Und Deine Schwester?“. Christiane: „Ich haaabe siiie verloooren!!!…“. Zack, eine ausgewischt.

So kam es, dass wir an diesem Sonntag zwei Dosen Raviolis gegessen haben, statt Hähnchen/grüne Erbsen (Mutti kann nicht kochen, das war vielleicht der Grund ihrer Unstimmigkeiten?? Na ja, wir sollten es später verstehen, wenn wir groß sind, jetzt bin ich groß, aber ich habe es immer noch nicht verstanden). Seitdem mag ich keine Raviolis. Mein Vater hat kein Kommentar gemacht, wie es seine Art war, er war schweigsam und verschlossen, spanischer Baske noch dazu. Ich habe die ganze Zeit innerlich nur gezittert.

Jetzt meine Frage: Sind Raviolis schädlich für die psychische Gesundheit?

http://jocelyne-lopez.de/familie/kinderstreit.html

Fabula

Re:

von Fabula (04.05.2008, 13:06)
Hallo Jocelyne!

Wieder eine sehr lebhaft erzählte Geschichte!

Meine Standardeinstellung zu Kindern: Für jeden Beruf muss man drei Jahre und länger lernen, aber Kindererziehung soll man auf Anhieb können.
Es ist schon witzig, welche Einzelheiten in der Erinnerung verankert sind, wenn es um Familie geht. Die Raviolie sind ja eingentlich nur ein Nebenprodukt, aber sie haben ihre Bedeutung nicht verloren.
Trotzdem kannst Du sie ohne Beigeschmack genießen.

Liebe Grüße
Fabula

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Jocelyne Lopez
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Re:

von Jocelyne Lopez (04.05.2008, 13:32)
Hallo Fabula!

Es ist schon witzig, welche Einzelheiten in der Erinnerung verankert sind, wenn es um Familie geht. Die Raviolie sind ja eingentlich nur ein Nebenprodukt, aber sie haben ihre Bedeutung nicht verloren.
Trotzdem kannst Du sie ohne Beigeschmack genießen.


Du hast recht, ich genieße sie jetzt ohne Beigeschmack (aus der Dose aber nicht ;)).

Meine Raviolis sind wohl die berühmten "madeleines" von Marcel Proust in seinem Buch "A la recherche du temps perdu" (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit). Jeder hat seine "madeleines" und seine "raviolis", die "verlorene Zeit" geht wohl irgendwie nie verloren, oder?

Liebe Grüße
Jocelyne

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Jocelyne Lopez
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Re:

von Jocelyne Lopez (05.05.2008, 10:00)
Erste Erinnerung

Wie alt ich war, weiß ich nicht, ich war im Internat, bei Nonnen, die einen schwarzen oder dunkelblauen Schleier trugen, wahrscheinlich in einer Kindergartengruppe. Meine um ein Jahr ältere Schwester Christiane war nicht in meiner Gruppe.

Mitte auf dem Hof stand ein riesiges Ding, aus Metall, schwarz und riesig, nur schwarz und riesig und einsam und aus Metall, wie der Eifelturm. Das war eine Kindermanege, sie konnte sich drehen, in Abständen waren schmale Plattformen auf einer Schiene um dicke Metallstangen angebracht, je zwei Kinder haben sich auf diese Plattformen gestellt, sich an der Stange festgehalten und mit einem Fuß die Manege zum drehen gebracht.

Die Kindergartengruppe wurde wohl immer bei den Pausen vor den größeren Kindern in den Hof rausgelassen, die Manege stand dann immer leer, aber wir durften nicht drauf, es war verboten, sie drehte sich manchmal so schnell, dass Kinder rausflogen.

Meine Schwester hatte mir die Aufgabe gegeben, einen Platz für sie auf der Manege zu halten bis sie auch in die Pause rausgelassen wird. So stand ich auf der schmalen Plattform, habe mich mit vollen Kräften an der Stange festgehalten, so fest und so eng festgeklammert, dass ich noch den Metallgeschmack in dem Mund habe, und ich wartete voller Spannung, dass die größeren Kinder die Manege stürmten. Ich musste den Platz halten und verteidigen. Das habe ich geschafft, ich war glücklich als die Manege sich drehte und Christiane war dabei. Ja, sie war dabei bei meiner ersten Erinnerung, und ich bin mir sicher, sie wird es auch bei meiner letzten sein.

http://www.jocelyne-lopez.de/familie/Christiane.html

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Jocelyne Lopez
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Re:

von Jocelyne Lopez (06.05.2008, 19:43)
Patricia


Es hat sehr dumm angefangen mit meiner Schwester Patricia. Die ganze Kindheit und Teeny-Zeit in Internaten bei katholischen Nonnen: irreversibel falsche Prägung, sie wird nie im Leben etwas begreifen können. Ein klarer Fall. Trotzdem wächst sie schön, scheu und gesund heran, wird zur Gazelle, eine Schönheit, eine Gnade, und vielleicht das Blut ihres Vaters aus Afrika. Mit 18 folgt sie aus Liebe einen Mann aus Italien, treibt ein Kind von ihm ab, er wollte keine Kinder, arbeitet in einer Kachelfabrik wie alle andere dort, lässt sich nach 10 Jahren scheiden, lebt seitdem allein, arbeitet seit 25 Jahren in einer Kachelfabrik, ich kann nichts Anderes als Keramika.

Die Fabrik ist wie die Hölle, die habe ich gesehen. Staub, Lärm, Hitze, wenn Schumacher & Co auf der Ferrari-Rennstrecke direkt gegenüber trainieren bebt die ganze Fabrik samt Arbeiter. Wenn sie alle zu viel Blei im Blut haben, dürfen sie 10 Tage zu Hause bleiben, bis der Spiegel sinkt. Die Duschanlage ist schmutzig, man duscht mit zusammengebissenen Zähnen. Es gibt kein Ruheraum, man isst seine bestellte Pizza vor dem Kaffeeautomat, das ist dumm, man soll bewusst essen und sich lieber frische Gemüse frisch vorbereitet jeden Tag frisch vorbereiten, so kompliziert ist es doch nicht und es ist gesund. Man darf auch da vor dem Kaffeeautomat rauchen, das ist dumm und unverantwortlich, rauchen gefährdet die Gesundheit, außerdem vergiftet das die Luft und die anderen, und außerdem macht es die Krankenkasse Pleite. Sie fährt jeden Tag 60 Kilometer zur Arbeit und zurück, das ist dumm und unverantwortlich, Autofahren vergiftet die Umwelt und die anderen, außerdem ist die Straße hochgefährlich, jeden Monat gibt es wegen den vielen Lastwagen mit Keramika und wegen überhöhter Geschwindigkeit Verkehrstote. Sie arbeitet Schichtarbeit, nachts, das ist dumm, das stört den Biorhythmus und belastet den Organismus.

Die Fabriken schließen und es gibt Kurzarbeit. Der Markt Deutschland ist von der Keramika-Konkurrenz aus Portugal erobert worden, sie arbeiten billiger. Was soll ich machen, wenn die Fabrik schließt? Ich kann nur Keramika. Das ist dumm, man soll sich nicht verrückt machen und sich selbst unter Stress setzen, es ist ungesund, man soll entspannen, wer arbeiten will wird arbeiten. Sie sieht immer noch fantastisch aus, eine Gnade. Die Duschen sind schmutzig, Benzin und Zigaretten immer teuerer. Sie hat manchmal unerträgliche Rückenschmerzen und das linke Bein zieht schrecklich quälend bis in die Fußzehen, dass sie nicht mal gehen kann, da hilft nur heulen. Das ist dumm, man soll für ausgeglichene Bewegung sorgen.

Er sieht ein bisschen aus wie Sean Connery, er schuftet viel, kraftzerrende Arbeit, er ist ein bisschen Macho, nicht viel, er ist schrecklich eifersüchtig, weil die anderen Männer sie angucken, er hat keinen Grund eifersüchtig zu sein, das stimmt. Wenn sie sich ein bisschen schminkt, guckt er schräg, sie hat keinen Grund sich zu schminken, das stimmt allerdings auch.

Vor zwei Jahren schluckt sie Mitte in der Nacht eine Tube Schlaftabletten. Notwagen, pronto secorso, Magen gepumpt, die Rettungs-Perfusion in den Adern, geschlossene Abteilung, keine Gürtel, kein Spiegel, keine Schere, kein Handy. Sediert und mit Antidepressivum versorgt. Das ist dumm und ungesund, Gift, außerdem sehr teuer für die Gesellschaft. Ich habe mein Kind getötet, es wäre jetzt 23. Wieder zur Arbeit. Ein Jahr später wieder geschlossene Abteilung, keine Gürtel, kein Spiegel, keine Schere, kein Handy, Sedierung, Antidepressiva und noch dazu Neuroleptika wegen Schizophrenie. Sie ist nicht mehr Schizophren als Sie und ich. Dumm gelaufen.

Sie arbeitet wieder, sie kann sich nicht leisten zu lange krankgeschrieben zu sein, das Geld wird noch knapper. Das Auto muss abbezahlt werden. Sie hat Nebenwirkungen, Essstörungen, Schlafstörungen, Motorikstörungen, tiefe depressive Schübe. Schumacher trainiert auf der Ferrari-Rennstrecke. Sie kippt ständig um, eine Maschine hat ihr die Hand gebissen, Notwagen, Krankenhaus. Dumm gelaufen. Sie fährt jede Nacht die hochgefährliche Keramika-Straße zur Arbeit. Es ist ungesund und dumm, das vergiftet die Umwelt.

Mein Fazit:
Sorgen Sie dafür, dass Sie sich keine falsche Prägung holen. Es ist ganz dumm.

Jocelyne Lopez

http://www.jocelyne-lopez.de/familie/patricia.html

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