Grenzen - ja oder nein?

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Weasel

Re:

von Weasel (03.03.2008, 12:56)
Zoba, ich verstehe mittlerweile, was du auszusagen versuchts... :wink:

Das erinnert mich an den Aufsatz von irgendeinem amerikanischen Linguisten (ich hab den Namen vergessen). Er meinte, dass unsere Sprache zu grob und ungenau ist, als das wir unsere Gedanken vernünftig ausdrücken können. So können wir z.B. nicht ausdrücken, wie etwas riecht, wie ein Wein schmeckt oder wie sich Schmerz anfühlt. Da unsere Sprache so grob ist, müssen wir alles von vorne herein bewerten und in Kategorien zwängen, wie zum Beispiel "groß" und "Klein" oder eben "gut" und "böse".

ich denke, dass wir uns deshalb auch so schwer tun, zu definieren, was wann wie gut oder eben böse ist.

Gruß Weasel

M-F Hakket
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Re:

von M-F Hakket (03.03.2008, 13:51)
Auch wenn ich Zoba im Grunde zustimme, ist es noch nicht ganz das, was ich meine (oder vielleicht doch blink3 ?)
Die Menschheit versucht seit je her, mit den Dingen, die ihr widerfährt, umzugehen. Oft genug sind dies "böse" Dinge. Was sollen wir also tun? Sollen wir an den "bösen" Dingen verzweifeln oder versuchen, die Dinge so zu sehn, wie sie sind, nämlich immer beides.
Sogar der Nationalsozialismus hatte sein Gutes, was ich hier aber nicht auseinandernehmen werde. Ich lehne ihn auch ab, ganz klar.

Es wird immer davon geredet, dass wir gerne "frei" wären. Tatsächliche Freiheit ist die Lösung von den "bösen" Dingen im Leben.
Ich habe 13 Jahre lang einen guten, toll bezahlten Job gehabt, der mir Spaß gemacht hat. Ich habe ihn auf ziemlich "üble" Art verloren. Kurz danach habe ich fast alles verloren, was ich hatte. Ich war am Ende.
Aber eben dieses "Böse" was mir widerfahren ist, hat mir einen neuen Anfang erlaubt, und im nachhinein muss ich fast sagen, dass das Verlieren meines Arbeitsplatzes das Beste war, was mir passieren konnte.

Ich will und kann nicht behaupten, dass meine Sicht die richtige ist. Ich kann nur sagen, dass diese Sicht mich befreit hat. Warum soll man sich über Dinge ärgern, die nicht zu ändern sind, weil sie so sind wie sie sind? Ärgern ist unproduktiv und verschlechtert die Laune. cheezygrin
Wenn einem schlchtes widerfährt, kann die Suche nach dem "guten" darin das Ganze ins Gegenteil verkehren. Ob andere das als gut oder schlcht sehen mögen ist wurscht. Es geht um die eigene Sicht.

Weasel

Re:

von Weasel (03.03.2008, 13:59)
Klar, aber wenn jeder in allem nur das "gute" suchen würde (und dann ja auch fündig werden würde, da es ja, wie du bereits sagtest, in allem etwas gutes gibt), dann würde sich niemand mehr gegen die Bösen Dinge auflehnen...

M-F Hakket
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Re:

von M-F Hakket (03.03.2008, 15:01)
Weasel ... nicht ganz. Dir ist ja dann bereits klar, dass etwas schlimmes vorraus gegangen ist. Das Schlimme löst sich ja nicht in Luft auf, weil du etwas gutes darin suchst. Natürlich überwiegt bei vielen Dingen das Böse. Dafür können wir ja urteilen. Wenn wir der Meinung sind, hier überwiegt das Schlechte, können wir immer noch versuchen, sofern es in unserer Macht steht, daran etwas zu ändern.
Aber es gibt eben Dinge, auf die wir keinen Einfluss habe, eben z.B. Kriege, Ungerechtigkeiten, Tod, etc. Es geht nur darum, nicht daran zu verzweifeln.

Es gibt drei Arten des Ärgers:
1. Ärger, der nicht wichtig ist. Z.B. jemand nimmt dir die Vorfahrt. Das ist im Moment ärgerlich, sollte dich aber nicht weiter (länger) ärgern.
2. Ärger, an dem du beteiligt warst. Dann hast du Einfluss darauf, und kannst es beim nächsten Mal besser machen.
3. Ärger, auf den du KEINEN Einfluss hast, und der "wichtig" ist. Z.B. Kriege, Hunger in der Welt, etc. Du wirst es nicht ändern können. Und statt daran zu verzweifeln (falls du es tust), versuche dir klarzumachen, dass es "irgendwie" auch sein Gutes haben wird.

Das ist so eine Art "Überlebensstrategie" ... und ein Versuch, das Leben, so wie es ist, zu verstehen.

Weasel

Re:

von Weasel (03.03.2008, 21:16)
Ist ein guter Gedankengang...Aber stell dir mal vor, z.B. Tito hätte während des zweiten Weltkrieges gedacht, "Die Deutschen sind in meinem Land und machen alles kaputt, aber es ist nun mal Krieg, da kann ich nichts dran ändern." Dann hätte sich vielleicht nie eine jugoslawische Armee gegen die deutschen Besatzer erhoben. Ich denke, manchmal kann man eben doch etwas ändern, selbst wenn es sich um Krieg etc handelt. Aber es stimmt natürlich, dass im Falle von z.B. Krieg die Handlungsmöglichkeiten sehr begrenzt sind und man einfach Glück braucht, um etwas zu bewirken.

Gruß Weasel

M-F Hakket
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Re:

von M-F Hakket (04.03.2008, 11:35)
@ Weasel: Klar, du hast recht. Alleine schon darüber nachzudenken, OB man nicht eventuell DOCH etwas ändern könnte (bei Ärger 3.), gehört ja mit zu dem "Spiel". Darüber nachzudenken, inwieweit man "eingreifen" kann, inwieweit man das Geschehen um einen herum beeinflusst (gewollt oder ungewollt - Ärger 2.) lässt einen ja schon wieder viel mehr erkennen und verstehen - sprich: über sieben Ecken denken.
Klar, man kann z.B. für hungerne Kinder spenden. Aber das Problem des Welthungers als solches wird man nicht lösen.
Unsere Regierung ist ein Witz und verärgert einen. Okay, man kann wählen gehen, aber am Problem unserer Politik wird man nichts ändern können, da die Politik ein System ist, das genau nach dem Schema verläuft, in dem es z.Z. verläuft.
(Hier könnte man wieder mit Crowley argumentieren, der meinte: "Nur dadurch, dass man den Menschen in Todesangst versetzt, kann man ein Umdenken erreichen.")
Tito: Hitler hätte den Krieg gewinnen können. Es war seine eigene "Schuld", dass er ihn nicht gewonnen hat.

Gruß
Hakket

frangsen
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Re:

von frangsen (04.03.2008, 15:18)
@ Hakket

Dass die Nazis bzw. ihre Gesellschaftsordnung auch etwas Gutes gehabt hätten und dass Du Hitler - zumindest ein Stück weit - von individueller Schuld freisprichst, ist Unsinn. Nicht zu rechtfertigen ist auch die Pauschalaussage, dass der Krieg etwas Gutes gehabt habe. Das hat er insoweit, als dass er die grausame Herrschaft in Deutschland beendet hat - aber damit ist wenigstens ein Grund benannt, der angibt, warum man insoweit noch von etwas Positivem sprechen kann. Einen Grund für Deine These anzugeben - dazu lässt Du Dich aber erst gar nicht herab. Warum auch vernünftig argumentieren? Man kann ja so schön im "Objektiven" herumeiern - weil man auf jegliche Wertung damit scheinbar verzichtet.
Es ist schon bemerkenswert, wie hier etwas "objektiviert" wird, um noch etwas angeblich Posititves herauszuquetschen. (Richtiger wäre allerdings von "abstrahiert" zu sprechen: Damit kann man eben allgemeiner vom "Krieg" sprechen - und muss nicht über die konkreten Opfer reden.)
Das "objektive" Argument gestattet es, dass Wichtiges von Unwichtigem nicht getrennt wird. Auf diese Weise werden vermeintlich positive Gesichtspunkte wie ein Wirtschaftsaufschwung vor dem Krieg (Kriegsvorbereitung) und nach dem Krieg (Wiederaufbau) scheinbar relevant; sie werden scheinbar relevant und können dann auf diese Weise den vielen (menschlichen) Opfern entgegengehalten werden - in jedem Falle werden die Opfer (Menschenleben) damit relativiert. "Ist halt eine objektive Betrachtung", und wer wollte schon gegen die Logik des Objektiven etwas sagen? Tatsächlich gibt es eine solche objektive Betrachtung nicht - jedenfalls ist sie nicht der Rede wert.

Frank

M-F Hakket
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Re:

von M-F Hakket (04.03.2008, 18:57)
@ Frank:
Habe ich Hitler von irgendeiner Schuld freigesprochen? Ich denke nicht. Im Übrigen dürfte gemeinhin bekannt sein, dass Hitler nicht die Alleinschuld trug, sondern dass der Verlauf der deutschen Geschichte es erst ermöglicht hat, dass jemand wie Hitler an die Macht kam. Aber das ist ein anderes Thema.
Außerdem widersprichst du dir selbst. Warum ein Krieg (nicht DER Krieg) etwas gutes hat, habe ich angeführt.
Im Grunde hat z.B. der Nationalsozialismus dazu geführt, dass etwas Vergleichbares - zumindest hier in Deutschland - nicht wieder auftreten wird. Die Deutschen sind im Bereich Faschismus und Fremdenfeindlichkeit sehr sensibel. Ist das nicht gut? Kaum ein Land setzt sich derart mit seiner (dunklen) Geschichte auseinander. Das sollte ein Vorbild für viele andere Länder sein, die auch so einiges auf dem Kerbholz haben. Sich jedoch aufgrund der deutschen Geschichte zu verkriechen und zu jammern: "Wir sind ja sooo bööse", halte ich für Unsinn.

Natürlich ist zwischen objektiv und subjektiv ein Unterschied. An dem von mir angeführtem Grund, warum Kriege auch etwas gutes haben, ist nichts falsch. Punkt. Ob dir der Grund "gefällt" ist subjektiv. Und du sprichst ja selbst davon, dass man aus diesem und jenen noch etwas gutes herausquetschen kann. Merkst du was? Es ist egal, ob etwas geqetscht werden muss - es ist da. Und nur darum geht es.

Bei der Objektivität muss man erstmal ERKENNEN. Sonst könnte man ja nicht objektiv sein. Danach kann man BEWERTEN. Das ist dann subjektiv.
Genauso wie Gut/Böse zusammengehört, gehört auch objektiv/subjektiv zusammen. Obejktiv zu sein heiß ja, dass man nicht wertet. Erst wenn du obejktiv (wertungsfei) etwas erkennst, erst dann kannst du darüber urteilen, und wahrscheinlich auch dann erst gerecht urteilen. Sollte man das nicht tun, wenn man ein gerechtes Urteil fällen will? BEIDE Seiten kennen? Wenn man nur eine Seite kennt, wie will man dann gerecht urteilen? Ich verurteile Krieg auch. Das ist meine Meinung. Meine Meinung ist aber subjektiv. Ich habe Krieg objektiv erkannt und für mich den Schluss gezogen, dass ich ihn scheiße finde. Nichtsdestotrotz gibt es Gründe, die dafür sprechen.

Du findest an Krieg nichts gutes? Okay, dann frage dich mal, warum Kriege geführt werden. Weil eine Nation meint, eine andere sei komplett böse. Statt zu verstehen, warum eine andere Nation so oder so ist, wird pauschalisiert, wird einfach gesagt: Die essen Schweine, die sind böse, also machen wir die platt. Oder die haben keine Demokratie, alles andere außer Demokratie ist böse, also machen wir die platt.

Zwischen Erkennen/Verstehenwarum und einer persönlichen Wertung ist ein himmelweiter Unterschied. Aber beides gehört zusammen.

Außerdem: Es geht ja nicht nur darum, in allem auf den ersten Blick Schlechtem das Gute zu sehen. Es gilt ja auch andersherum. In allem, was auf den ersten Blick gut ist, ist auch etwas nagatives.

Nochmal: Es ist schwierig zu verstehen, was ich meine. Aber ich denke, ich habe mehrfach versucht, meine These zu belegen. Weasel scheint es ja verstanden zu haben, was ich meine.
Aber vielleicht muss man auch wollen?

Lieben Gruß
Hakket

Weasel

Re:

von Weasel (04.03.2008, 21:22)
Ja, ich verstehe dich, Hakket thumbbup

Aber das mit dem Nationalsozialismus ist einfach ein Minenfeld hier in Deutschland, das war klar, dass sich da irgendjemand zu äußern muss. Wir als Deutschen dürfen unserer Vergangenheit nicht einmal theoretisch oder objektiv gesehen etwas Gutes andichten, denn dann sind wir sofort selbst Nazis. Ist leider so...

Naja, aber im Grunde stimme ich dir vollkommen zu, Hakket. Du bist ein wahrer Philosoph... thumbbup

Grüße Weasel

frangsen
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Re:

von frangsen (04.03.2008, 22:13)
@ Hakket
Ich habe nicht gesagt, Kriege seien immer böse. Das unterstellst Du mir. Gewalt / Krieg kann notwendig sein, um (u.a. das eigene) Leben zu erhalten. Der Unterschied zwischen meiner Position und Deiner ist aber, dass ich einen hinreichenden Grund nenne, weshalb Krieg ausnahmsweise nicht böse sein kann. Du dagegen benennst keinen Grund. Das ist eine sehr bequeme (faule) Position.

@Weasel @Hakket
Das mit dem Nationalsozialismus ist im Grunde kein Minenfeld. Nur gibt es leider einige Leute, die gewaltverherrlichende und /oder Nazi-Argumente /-Ideologie weiter verwenden. Man kann nicht alles vermeintlich nur "objektiv" betrachten, weil es eine derartige Objektivität ohne Wertungen nicht gibt - bzw. zu völlig schiefen Betrachtungen führt. Ein solches Beispiel ist die These, dass 1/3 der Teilnehmer der "bolschewistischen" Revolution jüdischer Herkunft gewesen sei: Diese völkische Betrachtung ist, selbst wenn sie "objektiv" stimmen sollte, was ich nicht weiß, schon deshalb unbedeutend, weil mit hoher Wahrscheinlichkeit dann die restlichen 2/3 der Revolutionäre christlicher Herkunft (zumindest christlich geprägter Abstammung) waren. Es können bei der von Euch propagierten objektiven Betrachtung vollkommen haltlose Dinge herauskommen: Äpfel werden mit Birnen verglichen.

Frank

Weasel

Re:

von Weasel (04.03.2008, 22:55)
Ich finde schon, dass es ein Minenfeld ist, und habe das auch schon oft erlebt. Hier in Deutschland haben anscheinend alle zu viel Angst, sich damit auseinanderzusetzen, darum wird einfach jeder geächtet, der sich in diesem Bereich (meist auch noch unwissentlich) falsch äußert. Der Spiegel hatte dazu mal eine Liste mit Politikern und Fernsehmenschen zusammengestellt, die wegen eines unüberlegten Wortes oder Satzes ihre Karriere vergessen konnten. Jüngstes Beispiel ist dafür ja auch Eva Herrmans (oder wie die heißt, ihr wisst, wen ich meine).

Ich finde es traurig, dass sich niemand wirklich mit diesem Thema befassen mag, Kerner zum Beispiel hat Eva Herrmans ja auch einfach rausgeschmissen, statt mit ihr vernünftig darüber zu diskutieren. Denn die Frau Herrmans wusste anscheinend einfach nicht, wovon sie da sprach. Aber statt etwas gegen die Unwissenheit zu unternehmen, wird einfach jeder geächtet, der was falsches sagt. Erlebe ich auch in der Schule oft genug.
Ich weiß noch, wie böse mein Lehrer geworden ist, als ich einmal meinte, wie effektiv die Deutschen gewesen seien, da sie es geschafft hatten, innerhalb von sechs Jahren (1933-1939) von 100.000 Soldaten ohne schwere Waffen auf eine Armee aufzustocken, die technologisch wie zahlenmäßig allen europäischen Armeen weit überlegen war.

Na ja, sorry, wenn ich vom eigentlichen Thema abweiche, aber ich finde es halt doch immer wieder erstaunlich, wie sehr einem, der sich der Allgemeinmeinung nach Falsch über die Nazi-Zeit äußerst, dafür sofort in den Arsch getreten wird.

Gruß Weasel

frangsen
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Re:

von frangsen (04.03.2008, 23:50)
Dass Dein Lehrer bei der Äußerung böse wurde, kann ich zwar sehr gut nachvollziehen, er hätte aber seine Gefühle im Zaum halten und Dir erklären sollen, dass es keine Kunst ist, diese technische Leistung zu schaffen, wenn ein Staat all seine Konzentration auf eine Kriegsvorbereitung lenkt (während er zu Teilen der eigenen Bevölkerung jegliche Grundfreiheiten und sog. "Nicht-Ariern" das Recht auf Leben von vornherein aberkennt; die "Nicht-Arier" in Deutschland waren übrigens auch in erster Linie Deutsche.)
Beim Fall Eva Herman stimme ich Dir aber zu: Soweit ich mich erinnere, hat sie nur gesagt, dass die Nazis auch die Autobahn benutzt hätten - die Aussage ist als solche nicht zu beanstanden. Die anderen Diskussionsteilnehmer haben aber die Äußerung so verstanden, dass sie angeblich gemeint habe, die Nazis seien insofern "gut" gewesen, weil sie die Autobahn gebaut hätten (was in der Tat völlig schief wäre). Das hat sie aber nicht gesagt und -wie ich es mitbekommen habe- auch gerade nicht gemeint. Daher war die Reaktion, ihr Rauswurf, hysterisch.

Frank

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Zoba
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Re:

von Zoba (05.03.2008, 09:06)
Hi,

um etwas im Vorfeld klarzustellen und meine Äußerungen richtig einzunorden: meine Familie beklagt mehr als ein Dutzend ganz konkrete Morde durch die Nazis, eine nahe Verwandte war ein Mengele-Versuchsopfer, andere wurden vergast oder zu Tode gearbeitslagert, wieder andere verloren Haus und Hof und auf der Flucht auch noch ganz miserabelst das Leben. Von mir gibt es also keinerlei auch irgendwie geartete Sympathie für den Nationalsozialismus.

Jetzt aber zum Thema: bei deiner Grundhaltung, Frank, wärst du im 3. Reich mit allem und jedem einverstanden gewesen, nicht als Mitläufer, nicht als Vorsichtiger, der nicht selbst unter die Räder kommen will, nein, aus voller Überzeugung!

Worüber hier bereits deinerseits mehrfach sehr nonchalant hinweggegangen wurde ist, daß Hitler breitest mögliche Unterstützung der Bevölkerung hatte. Das jubelnde Fußvolk der Parteitage und Massenveranstaltungen brauchte nicht mit der Knute oder den Blockwarts zusammengetrieben werden, wie in der DDR oder zu weiten Teilen auch in der UDSSR unter Stalin, nein, die kamen sehr, sehr lange ganz freiwillig. Hitler hatte beide Kirchen hinter sich, die Großindustrie ebenso wie den Mittelstand und eben auch den kleinen Mann. Das läßt sich übrigens nicht einfach auf seine und Goebbels demagogische Künste abschieben.

Was er tat, was seine Gefolgsleute durchsetzten, was die Gerichte und Polizei, sowohl die normale als auch die Gestapo, umsetzten, das waren damals GÜLTIGE GESETZE und unendlich viele Beamte und einfache Menschen beriefen sich darauf, daß sie nur nach geltendem Gesetz handelten. Es wurde denunziert, was das Zeug hielt, es gab Blockwarte, die allesamt freiwillig tätig waren, es gab Richter und Staatsanwälte, die diese Gesetze radikalst anwandten. Bei uns im Familienaktenschrank lagern Enteignungsurteile aufgrund dieser Gesetze, es finden sich Einweisungen ins Arbeitslager und auch die eine oder andere nach Auschwitz.

Bei deiner Argumentationsweise und Argumentationsketten wäre ich also extremst vorsichtig. Da du dich nach wie vor weigerst, auch nur einzugestehen, daß Gesetze und Rechtsprechung, ebenso Normen und allgemeines Verhalten einer Gesellschaft nicht objektiv und abschließend betrachtet werden kann, sondern sogar ganz konkret hier Beispiele bringst, warum etwas, das gegen geltendes Gesetz geht, allein deshalb ungültig und "böse" ist weil es den geltenden Gesetzen entgegensteht, wärst du im 3. Reich aller Konsequenz nach richtig überzeugt von dem gewesen, was damals geschah. Und so war es ja auch, deine Geisteshaltung ist überhaupt nicht selten oder außergewöhnlich, es gab Millionen Deutsche, die sie damals ebenso hatten, wie du sie heute hast!

Sonst hätte Hitler weder an die Macht kommen können, die gesamte Maschinerie hätte nicht so perfekt laufen können, wie sie es tat, es hätte keine mehr als 10 Millionen Opfer geben können. Hätten nämlich wenigstens 2 von 3 Deutschen damals kritisch reflektiert und unabhängig von geltenden Gesetzen darüber nachgedacht, wie die Handlungen und Anordnungen des Staates gegenüber eben nicht gesetzlich geregelter allgemeiner menschlicher Ethik zu betrachten ist, dann wäre es nie dazu gekommen.

Übrigens steuern wir gerade wieder auf Ähnliches zu, es gibt schon wieder erste Opfer, es gibt schon wieder Menschen, die alles andere als menschenwürdig behandelt und ausgegrenzt werden. Natürlich findet auch dies wieder auf der Basis gültiger Gesetze statt...

Du wirst natürlich nun sagen, daß du das alles so nicht gemeint hast. Ja wie denn sonst? Deine Gesamthaltung und Weigerung, Situation und Staat kritisch zu betrachten, führt unweigerlich dazu, daß du die aktuelle Gesetzgebung und deren Durchsetzung reflektionsfrei unterstützt: gesetzlich = gut, ungesetzlich = böse.

Und hier läßt sich wieder Crowley einwenden, dessen These in einer solchen Reflektion absolute Wahrheiten birgt. Heute feiern wir die Geschwister Scholl, von Stauffenberg oder Schindler, bei Licht betrachtet handelten sie ungesetzlich, sie setzten genau jene Rechte durch bzw. versuchten dies, die Crowley ansprach, und sie begingen damals exakt jenes "Böse", das du als Beispiel brachtest. Es ist lediglich unsere geänderte Sichtweise, die ihr Handeln von "böse" zu "gut" wandelt.

Insofern muß ich Hakket erneut recht geben, ohne jede Reflektion und Graduierung von Gut und Böse ist es unmöglich, "das Richtige" zu tun.

Was Eva Herrmann betrifft, so war der Bohei um sie völliger Schwachsinn und restlos an den Haaren herbeigezogen. Selbstverständlich hatte Hitlers Autobahnbauprojekt nur den Hintergrund, den arbeitslosen Massen Arbeit und Brot und damit *wieder* ein Einkommen zu verschaffen. Unbenommen ist auch, daß ohne Hitlers Autobahnen und deren fast vollständiger verkehrstechnischer Erschließung Deutschlands, die BRD niemals so schnell wieder hätte auf die Beine kommen können. Das kann dir jeder Verkehrstechniker/-wissenschaftler dezidiert vorrechnen. Auch die Befriedung der arbeitslosen und hungernden Massen an sich, durch diese Bauprojekte, kann man nicht als negativ betrachten. Bei den deutschen Eigenarten und in Betrachtung ähnlicher Situationen der Geschichte (30jähriger Krieg, Weberaufstand, Bauernaufstand usw.), wäre eine sonst unweigerlich stattgefunden habende deutsche Revolution sicher auch nicht wirklich witzig gewesen. Solche Zusammenhänge zu negieren, nur weil Hitler hierbei Mitagierender war, ist ein wirklich kindliches Niveau und als restlos kindisch empfand ich diesen Bohei um Herrmann demzufolge auch.
Gruß,

Zoba

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mtg

Re:

von mtg (05.03.2008, 09:12)
So - nun muss ich aber auch mal was loswerden.

Es gibt KEIN absolutes "gut" und "böse", weil jedes in seiner Zeit und an seinem Ort gesehen werden muss.

Wäre Krieg etwas objektiv Schlechtes, wären die USA schon mehrfach geächtet und aus dem Völkerbund (ich verwende bewusst die alte Bezeichnung) ausgeschlossen worden. Wäre Israel isoliert. Ebenso wie einige afrikanische Staaten. Wäre Krieg etwas objektiv Gutes, würde er viel öfter zur Regulierung von Konflikten eingesetzt.

Natürlich sind die Nazis "böse" - sie müssen es seit 1945 sein, damit niemand auf die Idee kommt, es noch einmal mit dieser Ideologie zu versuchen. Wie bitte? Das gilt aber bitte schön nur für Deutschland - denn andere Länder, "Hitler-unverdächtig" dürfen das - zumindest ansatzweise - da ist es dann offensichtlich okay.

2008 sind die Nazis "böse" - waren sie es auch 1933? Da war die "neue Zeit" die Hoffnung, dass alles besser wird. Ich garantiere, dass jeder hier im Forum in einer Zeit, in dem es ihm wirtschaftlich sauschlecht geht, denjenigen unterstützen wird, der Besserung der Lage verspricht und mit Sofortmaßnahmen die ersten Erfolge verzeichnen kann.

Bitte werft mir nicht die Wiederaufrüstung und die Nürnberger Gesetze in einen Topf. Da gibt es nichts zu vergleichen. Objektive Tatsache ist - wie Weasel sagte - dass die Aufrüstung ein technisches Husarenstück gewesen ist. Selbst heute noch. Ebenso objektiv ist aber auch die Tatsache, dass die Aufteilung in "arisch" und "nicht-arisch", in Herrenmenschen und Untermenschen etc. der größte Frevel am Menschenrecht an sich gewesen ist.

Es ist richtig einfach, die Nazis als "böse" zu bezeichnen. Das hat was von "die da" und "wir hier"- von "ich bin nicht schuld, ich bin das arme verführte Opfer".

Pah!

In dem Moment, wo jeder Mensch, Staatsbürger etc. selbst etwas zum Gemeinwesen beiträgt anstatt sich darauf zu verlassen, dass ihm ein anderer das abnimmt, könnte die Welt schon ein wenig "besser" werden. Und das ist mein Wunsch zum Winteranfang - zumindest in Berlin...

Matthias

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Re:

von Zoba (05.03.2008, 09:18)
Hi Matthias,

du sprichst mir aus dem Herzen!
Gruß,



Zoba



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