Hauptfiguren - und was man von ihnen wissen sollte

Euer Forum rund um kreatives Schreiben, lesergerechtes Texten und spannende Plots.


dbs

Hauptfiguren - und was man von ihnen wissen sollte

von dbs (09.06.2007, 23:06)
Hi!

Das Thema, was ich nachfolgend anreißen möchte, ist bei Autoren immer wieder ein heißes Eisen, um das heftige Diskussionen entbrennen:

Was muss ich von meiner Hauptfigur wissen? Muss ich wirklich dieses und jenes wissen? Muss ich von meiner Hauptfigur so viel wissen?

Zunächst einmal ist die Frage zu beantworten, ob eine Figur die Geschichte formt oder eine Geschichte die Figur. Eine eindeutige Antwort auf diese Frage gibt es leider nicht. Denn Figur und Geschichte (in Sinne von Ereignisse) stehen in direkter Wechselbeziehung. Eine Figur unternimmt bestimmte Aktionen, weil gewisse Eigenschaften in der Figur verankert sind. Bestimmte Aktionen lösen bei einer Figur Reaktionen aus, die auf Eigenschaften der Figur beruhen.

Nehmen wir ein Beispiel. Unser Held ist perfekt ausgebildet im Nahkampf. Er wurde über Jahre dazu ausgebildet, Menschen notfalls auch mit der blanken Hand zu töten. Aber jetzt, in der Gegenwart der Handlung, hat er sich in sein Privatleben zurückgezogen, eine Familie gegründet und versucht, ein einfaches, normales Leben zu führen. Bei einem Überfall werden er und seine Familie als Geiseln genommen.

Der Autor muss nun festlegen, ob unser Held ein Getriebener der Ereignisse ist, wobei der Held sich in seinen Charaktereigenschaften ändert, oder ob der Held auf seine ihm zugeordneten Fähigkeiten zugreifen darf.

Ich persönlich bin der Auffassung, dass eine Figur die Geschichte macht. Andere mögen das vermutlich anders sehen.

Um einen Held durch einen Roman von 200 oder 300 Seiten zu bringen, muss er für den Leser glaubwürdig sein. Helden, die alles können und jeden Gegner aus dem Handgelenk erledigen, sind stinklangweilig.

Also: Eine gute Hauptfigur in einem Roman muss mehrdimensional sein.

Was aber ist eine mehrdimensionale Hauptfigur?

Mehrdimensionalität erreicht man, wenn man seine Hauptfigur mit mehr ausstattet, als sie eigentlich für ihre Aufgaben im Roman benötigt. Eine gute Hauptfigur muss in der Lage sein, den Leser zu überraschen, und zwar ohne, dass es gekünstelt oder herbeigezaubert wirkt (das bekannte "deus ex machina"-Problem). Alles, was eine Hauptfigur tut (oder auch sein lässt), muss in den Charaktereigenschaften definiert sein.

Wenn der Held einem Konflikt ausweicht, dann muss das begründet sein. Genau so muss aber auch das Annehmen und Aufkämpfen eines Konfliktes in der Figur begründet sein (Kernfrage eines jeden Kampfes: "Warum läuft der Held nicht einfach weg, anstatt Gesundheit oder Leben zu riskieren?" - diese Frage gilt übrigens auch für jedes Streitgespräch: "Warum lässt sich der Held auf einen Streit mit seiner Frau ein, anstatt einfach in die nächste Kneipe zu gehen und sich einen hinter die Binde zu gießen?")

Mehrdimensionalität und Glaubwürdigkeit erreicht ein Autor bei seinen Figuren, wenn er sie von allen Seiten beleuchtet. Der Leser muss zur Erkenntnis kommen: "Genau so würde ich mich da auch verhalten" oder "Das Verhalten verstehe ich, auch wenn ich das nicht so machen würde". Die Motivation der Figur muss stimmen und auch die Details dazu. Wenn ein Held mutig sein soll, dann darf der Autor das nicht nur behaupten, er muss es in der Handlung auch zeigen.

Was also muss der Autor über seine Hauptfigur wissen?

Die Eigenschaften einer guten Romanfigur lassen sich in sechs Blöcke aufteilen.

Block 1: die persönlichen Daten

Vor- und Nachname;
Spitzname;
Geburtsdatum oder Alter, Geburtsort;
Geschlecht;
Nationalität;
Beruf;
Wohnort, Adresse, Kontaktdaten

Block 2: die Physis

Größe, Gewicht;
Hautfarbe und -beschaffenheit;
Haarfarbe und -wuchs (ggf. Bart);
Augenfarbe und -form;
Gesichtsform (bis ins Detail, also Stirn, Wangen, Nase, Mund, Kinn);
Hände und Finger;
Körperbau und -haltung;
Entstellungen (Warzen, Narben, usw.);
Gebrechen und Behinderungen;
Krankheiten und Allergien;
Stimmlage;
kleinere körperliche Defekte und Neigungen (Mundgeruch, Schwitzen, Rot werden)
Nervöse Ticks oder individueller Gesten;
Sexuelle Neigungen, Erfahrungen, Werte;
Sicht auf sich selbst;


Block 3: die Sozialisation

aktuelle Gesellschaftsschicht;
Gesellschaftsschicht der Herkunft;
Umgang mit Freunden, Geschwistern, Eltern;
Bildung (Schule, Beruf, Studium, Berufsweg);
Politische und religiöse Ansichten, selbst gläubig;
Verhaltensweisen und Rituale;
Soziales Engagement;
Personengruppen, die er meidet (inkl. Begründung);
Beziehung zu seinen Eltern (Gemeinsamkeiten, Kontakte, Probleme);
Verhältnis der Eltern zu Geld, Gewalt, Sex, Karriere;
persönliches Umfeld (Ehe, Partner/in, Kinder, Nachbarn, beste/r Freund/in);
eigene Sicht auf sein soziales Umfeld;


Block 4: die Psyche

Vorlieben (Essen, Trinken, Kunst, Literatur, Musik, Kleidung, Einrichtung usw.);
Hobbys und Gewohnheiten;
Besondere Fähigkeiten und Talente;
Intelligenz und Ehrgeiz;
Hemmungen und Komplexe;
Ängste, Phobien, Schuldgefühle;
Sehnsüchte und Phantasien;
innigster Wunsch;
Sprache, Ausdruck, Stil, Sprechtempo;
Humor;
Erregbarkeit und Empfindlichkeiten;
was macht ihn/sie unruhig, verwirrt, kopflos, zufrieden, glücklich;
größte Stärke/Schwäche;
größte Leidenschaft;
größte Enttäuschung/Abweisung;
schönstes Erlebnis;
Ansichten und Haltung zu Leben/Tod;
Lebensphilosophie (in einem Satz);

Block 5: figurenspezifische Details

entscheidendes Erlebnis in der Kindheit;
stärkste Beeinflussung (Person);
allgemeine regelmäßige Tagesaktivitäten;
was gibt er/sie zu, nicht zu;
wem will er/sie was beweisen;
was würde er/sie niemals tun;


Block 6: die Figur in der Geschichte

Funktion in der Geschichte;
Erster/letzter Auftritt;
Ziel der Figur;
Motive;
was riskiert die Figur;
wie entwickelt sich die Figur (Zustand am Anfang, Zustand am Ende);
Gegner und Widersacher;
Verbindung zum Antagonisten;
Helfer und Verbündete;
Verhältnis zu den anderen wichtigen Figuren;
was soll der Leser von der Figur denken


Ich nehme mal an, dass dies eine Menge Holz ist. Und vermutlich ist der eine oder andere genau bei dem Punkt angekommen, den ich ganz am Anfang geschildert habe:

Was muss ich von meiner Hauptfigur wissen? Muss ich wirklich dieses und jenes wissen? Muss ich von meiner Hauptfigur so viel wissen?

Was ihr mit diesem sechsteiligen Fragebogen macht, bleibt natürlich euch selbst überlassen. Es ist ein Werkzeug, um eure Hauptfiguren besser kennenzulernen. Nichts davon ist "muss" - alles ist "kann".

Grüße
Siegfried

hwg
Beiträge: 6034
Registriert: 24.04.2007, 16:39

Re:

von hwg (10.06.2007, 15:25)
"Alles kann - nichts muss" unterstreiche ich doppelt. Grau ist alle Theorie. Dein Vorschlag mag stimmen, wenn man ein "Monsterwerk" schreiben möchte. Für mich gilt folgende Überlegung:

Die beste Beschreibung der Figuren - ob "Haupt- oder Nebendarsteller" - erreicht man mit und in Dialogen. - "Wieso würfelst du mit der linken Hand?"- ""Was glaubst du?". Jim zeigte Bob seine Prothese. - Das erspart lange Beschreibungen, und dass die Prothese rechts ist, erfährt man aus dem Dialog (um ein spontan hingetipptes Beispiel anzuführen).

Ebenso ist es mit den meist öden Landschaftsbeschreibungen in Romanen. "Paß auf, dass du nicht hinunterkollerst!" - "Glaubst du, ich will ertrinken?". Dabei ist es voerst egal, wo die Handlung spielt. Kann am Steilhang einer Meeresbucht genau so gut sein wie an einem Gebirgsbach. Details ergeben sich aus dem Handlungsverlauf.

Ich denke, ich habe mich einigermaßen allgemeinverständlich ausgedrückt... :lol:

g.c.roth

Re:

von g.c.roth (10.06.2007, 21:14)
Hallo Siegfried,
ziemlich viele Punkte die es da zu beachten gilt. Da ich bisher nur Kurzgeschichten und Lyrik geschrieben habe, ist diese Aufstellung eine gute Hilfe an der ich mich entlang hangeln kann. Ich kann's gut gebrauchen! Vor allem, wenn ich mir Figuren zurecht bastel. Die aus dem richtigen Leben brauche ich mir nur anzusehen, da habe ich alle wichtigen Daten über die Personen.:wink:

Schöne Woche und ein dickes DANKE! für Deine Mühe!!!
LG Grete

dbs

Re:

von dbs (17.06.2007, 17:22)
hwg (Moderator) hat geschrieben:
"Alles kann - nichts muss" unterstreiche ich doppelt. Grau ist alle Theorie. Dein Vorschlag mag stimmen, wenn man ein "Monsterwerk" schreiben möchte. Für mich gilt folgende Überlegung:

Die beste Beschreibung der Figuren - ob "Haupt- oder Nebendarsteller" - erreicht man mit und in Dialogen. - "Wieso würfelst du mit der linken Hand?"- ""Was glaubst du?". Jim zeigte Bob seine Prothese. - Das erspart lange Beschreibungen, und dass die Prothese rechts ist, erfährt man aus dem Dialog (um ein spontan hingetipptes Beispiel anzuführen).


Sorry, wenn ich es jetzt sehr direkt sage, aber da hast du den "Charakterisierungs-Fragebogen" gänzlich missverstanden. :cry: :wink:

Es ging nicht darum, Situationen innerhalb eines Romanes mit einer Stichwortliste festzuhalten (was man besser durch "Beschreibung der Figuren durch Dialog" darstellt, wie du richtigerweise sagst), sondern um das Grundgerüst, damit mir als Autor das Verhalten der Figur in einer bestimmten Situation plausibel erscheint.

Ich versuche das mal an einem Beispiel klar zu machen:

Meine Hauptfigur (männlich) wurde in Laufe der Handlung auf eine Dienstreise geschickt. Im Hotel lief ihm eine sehr selbstbewusste Frau über den Weg (diese Begegnung war von mir in der Handlung so geplant). Nun zeigte sich das Selbstbewusstsein dieser Frau aber auch in einer gewissen sexuellen Aggressivität (im Klartext: sie hat ihm ein ziemlich eindeutiges Angebot für eine Nacht gemacht).

Nun stand ich da mit meiner Hauptfigur und war am Überlegen: Lässt er sich darauf ein? Wenn ja, hat er nachher ein schlechtes Gewissen? Bleibt er emotional an der Frau hängen Faszinieren ihn sexuell aggressive Frauen? Wie äußert sich diese Faszination später in der Nacht im Bett?
Oder lehnt er das Angebot ab (wenn ja, wie? Schnell und robust? Wankelmütig? Kann er trotzdem überredet/verführt werden)? Wie steht meine Hauptfigur zu solch fordernd auftretenden Frauen? Und woher kommt diese Haltung (Kindheit/Eltern? Jugend? Erste Erfahrungen? Schlechte Erfahrungen?)?

Diese Dinge sollte man in einem Roman vor dem Schreiben der Szene wissen, weil jede Szene ein bestimmtes Ziel hat. Wenn ich erst beim Schreiben der Szene festlege, wie die Figur auf bestimmte Situationen reagiert, dann läuft mir u.U. die Handlung aus dem Ruder. Außerdem laufe ich Gefahr, dass sich meine Romanfigur in einer ähnlichen Situation plötzlich völlig anders verhält - was sie schließlich unglaubwürdig werden lässt.

Wie gesagt:
- es ist ein Grundgerüst, um die Handlungen seiner Figuren besser verstehen zu können
- und ja, es ist eine Methode für das Romanschreiben (wer Short Stories schreibt von 10 oder 20 Seiten, der braucht so etwas nicht - aber meine Hinweise hier zielen primär immer auf das Romanschreiben ab).

Grüße
Siegfried

Susanne Henke

Re:

von Susanne Henke (29.06.2007, 17:59)
Hallo Siegfried,

ein tolles Tool stellst du hier allen zur Verfügung! Elizabeth George beschreibt dies in ihrem "Wort für Wort" ganz ähnlich. Sie arbeitet mit einem, wie sie es nennt, Soufflierblatt, auf dem sie die wichtigsten Fakten noch einmal notiert und das sie bei der Arbeit am Roman stets griffbereit hat.
Ich schreibe zwar "nur" short stories, aber auch da ist es gut zu wissen, wie der Prot z.B. auf die aggressive Sexualtität der Schönen reagiert ;-)

@hwg
Um diese Dialoge schreiben zu können, musst du aber schon wissen, dass Jim würfelt, eine Prothese trägt, und vielleicht sogar, wo der rechte Arm geblieben ist ;-) Tragische Folge des Den-Hang-Hinunterkollerns...

Benutzeravatar
Randall Flagg
Beiträge: 31
Registriert: 27.05.2007, 19:49
Wohnort: NRW

Re:

von Randall Flagg (29.06.2007, 19:47)
es kommt doch eher auf die Geschichte an wie man die Hauptfigur (und auch weitere Protagonisten) beschreiben muss. Man sollte immer nur soviel sagen wie man muss (Ausnahme sind hier außergewöhnliche Sachen wie Prothesen, seltene Augenfarbe oder extrem auffallende Frisur)
Dazu kommt noch, ob und wieviel man dem Leser überlassen will sich die Figur vorzustellen. Hab Bücher gelesen wo die Hauptfigur fast gar nicht beschrieben wurde (außer vielleicht eine große Schätzung seines Alters) und Bücher, wo die bis ins kleinste Detail beschrieben wurden. Ich bevorzuge anfürsich ersteres, ist aber bei jedem anders.

Ich persönlich würde so einen Fragebogen für meine Hauptfigur (in meinen momentanen Projekt gibt es sogar insgesamt 6, sind zumindest geplant) auszufüllen, denn ich selber lerne meine figuren erst während des Schreibens kennen... und weiß meist erst am Schluss alles wissenswerte über sie ;)
Meine Homepage: www.bad-dreams.de.gg

Susanne Henke

Re:

von Susanne Henke (01.07.2007, 09:42)
Hallo Randall,

es geht dabei nicht darum, wie du die Figuren beschreibst, sondern darum, was du über sie weißt. Den Figuren die Handlung zu überlassen, ist natürlich auch eine Methode, aber eigtenlich bist du doch der Chef, oder nicht ;-)

Benutzeravatar
Randall Flagg
Beiträge: 31
Registriert: 27.05.2007, 19:49
Wohnort: NRW

Re:

von Randall Flagg (02.07.2007, 13:42)
hallo Susanne,

ich glaube, dass ich Geschichten anders schreibe als die meisten anderen. Wenn mir eine Idee zu einer Geschichte kommt, dann ist das meist ein grober Umriss einer Situation, einer Person oder die Tat einer Person. Daraus entwickle ich dann langsam die Geschichte, allerdings während ich schreibe. Wenn ich mir vorher notizen zu einer Geschichte machen würde oder eine genaue Vorgehensweise haben müsste, wäre das für mich zu unflexibel, denn während ich schreibe fallen mir häufiger noch ein paar Sachen ein welche die, wenn vorhanden, Planung über den Tisch wirft und eine ganz neue Situation heraufbeschwören könnte. Hat allerdings auch nachteile, z.B. sitze ich seit gut einer Woche an einer Geschichte und hab grade mal das erste Kapitel fertig und weiß jetzt absolut nicht weiter. Ich habe millionen Vorstellungen davon was die Helden der Geschichte jetzt machen könnten aber ich kann mich nicht entscheiden :lol:
Außerdem passiert es häufig, dass man inhaltliche Fehler macht die man später wieder ausmerzen muss (was bei mir schonmal den kompletten Umbau einer Geschichte erfordert hat^^)
Meine Homepage: www.bad-dreams.de.gg

dbs

Re:

von dbs (02.07.2007, 20:05)
Hi!

Randall Flagg hat geschrieben:
ich glaube, dass ich Geschichten anders schreibe als die meisten anderen.


Ich sage dazu mal ganz frech: Nö! :lol:

Vermutlich arbeiten 90% aller Hobbyautoren mit genau der gleichen Methode, wie du sie benutzt. In Schreiberkreisen schimpfen sich diese beiden Methoden als "Bauchschreiben" (aus dem Moment heraus) und "Kopfschreiben" (einer Planung folgend).

Randall Flagg hat geschrieben:
Wenn mir eine Idee zu einer Geschichte kommt, dann ist das meist ein grober Umriss einer Situation, einer Person oder die Tat einer Person.
Daraus entwickle ich dann langsam die Geschichte, allerdings während ich schreibe.


Dazu hätte ich mal eine Frage:
Wie kannst anhand deiner Idee abschätzen, ob sie für einen Roman von sagen wir mal 300 Seiten trägt?

Randall Flagg hat geschrieben:
Wenn ich mir vorher notizen zu einer Geschichte machen würde oder eine genaue Vorgehensweise haben müsste, wäre das für mich zu unflexibel, denn während ich schreibe fallen mir häufiger noch ein paar Sachen ein welche die, wenn vorhanden, Planung über den Tisch wirft und eine ganz neue Situation heraufbeschwören könnte.


Genau das passiert dir doch beim "Bauchschreiben" auch. Du fängst mit einer bestimmten Idee an, schreibst den Anfang. Hast drei Kapitel fertig, also etwa 60 Seiten. Dann fällt dir was Neues ein. Das passt aber vielleicht nicht zum Anfang. Oder das Thema des ganzen Romanes kippt plötzlich durch einen Einfall (am Anfang ging es um Mord und Totschlag in Berlin, am Ende um die große Liebe von Held und Heldin, die sich in eine glückliche Zukunft auf eine Hazienda in Argentinien verabschieden, ohne je den Mord aufgeklärt zu haben - kommt vor, so was).

Randall Flagg hat geschrieben:
Hat allerdings auch nachteile, z.B. sitze ich seit gut einer Woche an einer Geschichte und hab grade mal das erste Kapitel fertig und weiß jetzt absolut nicht weiter. Ich habe millionen Vorstellungen davon was die Helden der Geschichte jetzt machen könnten aber ich kann mich nicht entscheiden :lol:


Das ist genau die Gefahr, in die man durch ein nicht-geplantes Schreiben gerät. Am Anfang ist der Enthusiasmus da, man will nur schreiben, schreiben, schreiben, bis der Rücken schmerzt. Dann kommt die Ernüchterung, und irgendwann steckt man fest. Mögliche Gründe: die auslösende Idee zum Roman trägt nicht über 200 oder 300 Seiten. Anderer Grund: auf den ersten 60 Seiten hat man sein ganzes Pulver verschossen und man weiß nicht mehr, wie es weitergehen soll.

Einfache Übungen für jeden, der längere Texte schreiben will:

1. Fasse den Inhalt des Romanes in ein bis zwei Sätzen zusammen, wobei die nicht mehr als 20 Wörter lang sein dürfen

2. Schreibe einen Werbetext für dein Buchprojekt, der in einem Buchjournal oder so (gibt es in den Buchhandlungen) erscheinen könnte

3. Beschreibe auf einer halben Seite in einer Textverarbeitung, wie das Ende deines Romanes aussehen soll.

4. Nimm ein Tonaufzeichnungsgerät (Cassettenrecoder, PC-Tonaufnahme o.ä.) und erzähl den Inhalt deines Romanes innerhalb von 90 Sekunden so, als würdest du dein Buch einem Verleger anbieten, der gerade auf dem Weg in eine Besprechung ist.

Wenn du alle vier Übungen erfolgreich erledigt hast, dann weißt du, worüber du schreiben willst. Ansonsten begibst du dich auf ein Abenteuer, von dem du nicht weißt, wie es ausgehen wird. Meine Vermutung: die allermeisten, die diese vier Übungen nicht machen, werden mit ihrem Romanprojekt scheitern, entweder bereits im ersten Draft nach 60 bis 80 Seiten (ein oft genannte Schallmauer) oder beim dritten Draft, weil das Ende der Romanarbeit einfach nicht absehbar ist (man schreibt und schreibt und schreibt, weil einem andauernd was Neues einfällt).

Ich habe früher auch so gearbeitet - einfach drauflos schreiben, es wird schon was rauskommen. Ich habe stapelweise angefangene Romane herumliegen (virtuell natürlich, auf CD). 300 Seiten schreiben ohne Plan, das wird nicht funktionieren, das ist zumindest meine Erkenntnis.

Derzeit sitze ich an mehreren Beiträgen zum Thema Romanplanung, wie es ein echter Profi macht. Ich habe die Absicht, dies nach und nach hier vorzustellen. Einfach, um mal einem Profi über die Schulter auf den Schreibtisch zu schauen. Mir sind vor Jahren bei der Lektüre die Augen aufgegangen. Vielleicht hilft es ja auch dem einen oder anderen hier.

Grüße
Siegfried
Zuletzt geändert von dbs am 03.07.2007, 12:37, insgesamt 1-mal geändert.

Susanne Henke

Re:

von Susanne Henke (02.07.2007, 20:54)
@ Randall
Außerdem passiert es häufig, dass man inhaltliche Fehler macht die man später wieder ausmerzen muss (was bei mir schonmal den kompletten Umbau einer Geschichte erfordert hat^^)


genau darum geht's ;-) Mit Siegfireds "Bring-es-auf-den-Punkt-Tipps", die übrigens auch gut ins Survivalkit jedes Drehbuchautors passen, kannst du dir ne Menge Arbeit ersparen, und viel mehr Spaß beim Schreiben haben, weil du dann nicht zusammen mit deinen Figuren ratlos vor der nächsten Entscheidung stehst, sondern das Ganze eine Eigendynamik bekommt, die, wenn du Glück hast, so viel Kreativität freisetzt, dass du den Musenkuss spürst.

Benutzeravatar
Randall Flagg
Beiträge: 31
Registriert: 27.05.2007, 19:49
Wohnort: NRW

Re:

von Randall Flagg (02.07.2007, 22:20)
dbs (Moderator) hat geschrieben:
Dazu hätte ich mal eine Frage:
Wie kannst anhand deiner Idee abschätzen, ob sie für einen Roman von sagen wir mal 300 Seiten trägt?

gar nicht :mrgreen: Ehrlich, das kann ich meist nie so richtig abschätzen. Hab schonmal nen Roman geschrieben, von dem ich mir auch 300 (Taschenbuch) Seiten erhofft hatte (ca. 100 "normale" Seiten). Hinterher wurdens auch nur 200 oder so.


@Susanne
joa, damit hast du so ziemlich Recht, wenn ich es mir so Recht überlege. Probieren kann man solche Sachen ja mal, kostet ja nichts ;) Ich probiere die "charakter Tabelle" (so nenne ich das jetzt einfach mal) aus, mal gucken ob es was bringt und mir raus hilft aus der schreibblockade ;)
Meine Homepage: www.bad-dreams.de.gg

Jakob W.
Beiträge: 530
Registriert: 13.04.2007, 15:58

Re:

von Jakob W. (21.07.2007, 20:30)
Mal eine Frage nebenbei, um nicht einen neuen Thread aufmachen zu müssen: Wie beschreibt Ihr eure Charaktere in den Büchern? Kurz und knackig, oder länglich und datailreich?
Tips wären hilfreich! :)

...eine kleine Variante von mir, ein frei erfundenes Beispiel ...
Er stand stolz an der Klippe des Nordberges, der Krieger, das lange braune Haar wirbelte in der Südbrise und ließ ihn erschaudern. Er seufzte. Ewig geprägte Narben zeichneten das Anlitz seiner blauen Augen. Einen blinden Veteranen, nannte man ihn im vorherigen Leben. Dieses schien längst verwegen zu sein. Ein Lederbrustharnisch schützte ihn über dem Kettenhemd, braune ritterliche Hosen und schwarze Lederschuhe, hüteten ihn vor den Gefahren in den Sümpfen und Bergwäldern.
Er war ein Mann geworden.

Nur ein Beispiel.


Lieben Gruss,
Jakob
Beste Grüße
******
Jakob
******
www.buch.de , www.amazon.de

Rita Hajak

Re:

von Rita Hajak (21.07.2007, 23:47)
Hallo Jakob,

wenn Deine Beispielfigur die Hauptperson im Buch ist, dann finde ich diese Beschreibung sehr gut. Für eine kleine Nebenrolle genügt auch z.B.:

...Ihre wuscheligen, blonden Haare, passten gut zu ihrer hellen Haut und ihren blauen Augen.

Nächtle Rita

hwg
Beiträge: 6034
Registriert: 24.04.2007, 16:39

Re:

von hwg (22.07.2007, 06:57)
Guten Morgen Siegfried!

Offensichtlich habe ich Deine lobenswerten Bemühungen, die ich aufmerksam lese, im ersten Moment tatsächlich missverstanden.
Sorry!

Ein Hinweis, wie ich auf die zugegebener Maßen altbackene Aussage
"Grau ist alle Theorie" in diesem Zusammenhang gekommen bin:

Die Lektüre von "Wie sie schreiben - Interviews mit E. M. Forster, Francois Mauriac, Joyce Cary, Dorothy Parker, James Thurber, Thornton Wilder, William Faulkner, Georges Simenon, Frank O'Connor, Robert Penn Warren, Alberto Moravia, Nelson Algren, Angus Wilson, William Styron, Truman Capote und Francoise Sagan (rororo, erschienen 1963) - hat mir gezeigt, wie problematisch jede Art von "Vorgaben" an Autoren sein kann.

Selbstverständlich sind Grundvoraussetzungen erforderlich, der kreative Prozess sollte jedoch nicht durch ein Reglement eingeengt werden. Das - und nichts anderes - wollte ich mit meinem Beitrag andeuten.

Kollegialen Gruß!

dbs

Re:

von dbs (23.07.2007, 00:35)
Jakob W. (Moderator) hat geschrieben:
Mal eine Frage nebenbei, um nicht einen neuen Thread aufmachen zu müssen: Wie beschreibt Ihr eure Charaktere in den Büchern? Kurz und knackig, oder länglich und datailreich?
Tips wären hilfreich! :)


Ich beschreibe meine Figuren gar nicht. Jedenfalls versuche ich, Beschreibungen zu vermeiden. Weil Beschreibungen in den allermeisten Fällen die Erzählperspektive auseinander reißen oder "kameramäßig" von außen erzählt wirken.

Jakob W. (Moderator) hat geschrieben:
...eine kleine Variante von mir, ein frei erfundenes Beispiel ...
Er stand stolz an der Klippe des Nordberges, der Krieger, das lange braune Haar wirbelte in der Südbrise und ließ ihn erschaudern. Er seufzte. Ewig geprägte Narben zeichneten das Anlitz seiner blauen Augen. Einen blinden Veteranen, nannte man ihn im vorherigen Leben. Dieses schien längst verwegen zu sein. Ein Lederbrustharnisch schützte ihn über dem Kettenhemd, braune ritterliche Hosen und schwarze Lederschuhe, hüteten ihn vor den Gefahren in den Sümpfen und Bergwäldern.
Er war ein Mann geworden.


Genau das meine ich damit. Eine Beschreibung, die von außen kommt. Diese Beschreibung kommt nicht aus der Figur, die gerade die Erzählperspektive hat, sondern vom Autor. ist also weit weg von der Figur.

Ich will damit nicht sagen, dass man das so nicht machen darf, aber es verhindert beim Leser Empathie für die handelnde Figur zu entwickeln. Oftmals rutschen solche Beschreibungen in Behauptungen ab, die durch nichts in Text bewiesen sind. Außerdem stellt sich bei Beschreibungen immer die Frage, ob man wirklich alles aufzählen muss. Ist es wichtig, ob die Hosen braun oder grün, ob die Schuhe aus Leder oder Holz sind?

Ich habe mal einen Kurs "Dramaturgisches Schreiben" mitgemacht, da hat der Dozent uns Autoren immer wieder einen Satz um die Ohren gehauen: "Stell dir vor, du bist nicht Autor, sondern Bühnenregisseur, und was du schreibst, sind Anweisungen an Schauspieler, wie sie sich auf der Bühne verhalten sollen, was sie tun und was sie sagen. Du kannst einem Schauspieler nicht sagen: 'Jetzt sei mal dies oder sei mal das'. Du musst ihm schon sagen, wie er dies oder das darstellen soll".

Wir haben im Kurs damals lange darüber diskutiert, bis wir es endlich begriffen hatten. Ein Satz wie "Er stand stolz an der Klippe des Nordberges" funktioniert nicht auf der Bühne. Ein Regisseur kann seinem Schauspieler nicht sagen: "Nun stell dich mal stolz da an diese Stelle hin". Der Schauspieler wird fragen: "Wie soll ich das machen - stolz stehen?" Und genau das muss der Regisseur dem Schauspieler (oder in unserem Falle der Autor seiner Figur) beibringen: Wie sieht es aus, wenn sich jemand stolz an die Klippe stellt? Wie ist seine Körperhaltung, wie hält er den Kopf? Was sagt er? Was denkt er (letzteres ist der entscheidende Unterschied zwischen dem Bühnenregisseur und dem Autor - der Autor kann die Gedanken der Figur aufs Papier bringen, dem Bühnenregisseur bleibt nur der Monolog).

Und gerade weil der Autor in die Figur hineinschlüpfen kann, wirken von außen beschriebene Dinge einfach nicht. Beschreibungen können sehr sinnlich sein (und der Mensch hat bekanntlich fünf Sinne und nicht nur die Augen!). Wie fühlt sich ein Kettenhemd an? Welche Geräusche hört der Krieger? Klirrt oder knarzt etwas? Was sind seine ganz ureigenen Gedanken in diesem Moment? Woran denkt er in seinem Stolz?

Mein Versuch, selbe Szene:

Der Krieger stand an der Klippe des Nordberges. Er hob den Kopf, drückte seine Schultern zurück und schloss die Augen. Er spürte den Südwind, der ihm die langen Haare ins Gesicht peitschte. Tief atmete er ein. Die Luft roch nach feuchtem Moos. Für einen Moment dachte er an die Prüfungen, die hinter ihm lagen, und reflexartig wollte er mit der rechten Hand nach den Narben fassen, die sich jetzt über sein Gesicht erstreckten, doch auf halbem Wege erstarrte die Bewegung. Er legte die flache Hand auf den Brustharnisch, und trotz des dicken Leders und des darunter liegenden schweren Kettenhemdes glaubte er, mit den Fingern seinen Herzschlag zu spüren. Er atmete wieder tief ein und aus. Dann hob er beide Arme bis auf Schulterhöhe, streckte sie seitlich aus, holte erneut tief Luft und schrie. Es war ein langer, aus seinem tiefsten Inneren kommender Schrei. Endlich war er ein Mann geworden.

Grüße
Siegfried

Zurück zu „Textakademie“


Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 0 Gäste

Über BoD

BoD™ ist die führende deutsche Self-Publishing-Plattform. Seit mehr als 20 Jahren sind wir die Anlaufstelle für das einfache, schnelle und verlagsunabhängige Veröffentlichen von Büchern und E-Books. Bereits mehr als 40.000 Autoren haben sich mit uns den Traum vom eigenen Buch erfüllt.