Leidenschaft, die Leiden schafft

Präsentiert euren Roman, Thriller, Fantasy-, Science-Fiction-, Romance-Titel oder euer Kinderbuch.


Detlef Schumacher
Beiträge: 1318
Registriert: 01.09.2008, 21:15

Leidenschaft, die Leiden schafft

von Detlef Schumacher (15.06.2013, 18:45)
Ich fahre leidenschaftlich gern Fahrstuhl. Dieser aber blieb ausgerechnet zwischen der fünften und sechsten Etage stecken. Wenn er es zwischen anderen Etagen getan hätte, wäre mir weniger Verdruss geworden. So aber brachte mich sein Stillstand in arge Gewissensnöte.
Die beiden jungen Damen, die mit mir den engen Raum teilten, zeigten solche seelische Belastung nicht. Im Gegenteil, sie plapperten munter fort, so, als wäre ein zum Stillstand gekommener Fahrstuhl das Normalste von der Welt. Von der Redseligkeit des weiblichen Geschlechts wusste ich, dass sich deren Unterhaltung nun aber auf die sechste Etage konzentrierte, verwunderte mich denn doch. Zunächst vermutete ich, sie sei das angestrebte Ziel ihrer Fahrstuhlfahrt. Meine Annahme zerschlug sich jedoch, als beide die Ziffer Sechs zum Begriff Sex umfunktionierten. Hierzu wussten sie kleine amouröse Geschichtchen – sicherlich aus eigenem Erleben – zu erzählen. Sie taten das sehr offen, denn die heutige Jugend kennt kaum noch sittliche Grenzen. Außerdem war nur ich zugegen. Von mir erwarteten sie sicherlich keinen Protest wegen ihre Freizügigkeit, die sie mit Kichern garnierte.
Weil sich in mir die Vernunft zu regen begann, drückte ich auf den Knopf des Notrufs. Nach geraumer Zeit meldete sich eine männliche Stimme und fragte, was mein Begehr sei.
„Ich stecke fest!“ vermeldete ich.
„Wo?“
„Im Fahrstuhl!“
„Wer noch?“
„Zwei …“ – ich zögerte, weil mir die passende Beschreibung der beiden Mitinsassinnen nicht leicht fiel, „… zwei junge Frauen.“
„Sind sie hübsch?“
Die beiden Mitzwanzigerinnen, jünger waren sie auf keinen Fall, schauten mich
erwartungsvoll an. Da ich wusste, dass falsch beurteilte Frauen sehr heftig reagieren können, sagte ich galant genug: „Sie sind es.“
„Und in denen stecken Sie fest?“
„Nicht in denen, sondern im Fahrstuhl, Sie Rindv …“ – den Rest der Diffamierung
unterdrückte ich aus Gründen des Anstands, von dem beide Damen Gewinn haben sollten.
„Deshalb betätigen Sie den Notruf? Seien Sie froh, dass Sie mit zwei Hübschen einige Zeit allein sein dürfen. Ich wollte, ich hätte so ein Glück.“
„Wie lange währt in etwa der Stillstand des Fahrstuhls?“ fragte ich ungehalten.
„Wie lange möchten Sie’s denn haben?“
Erbost ließ ich den Finger vom Notrufknopf und schüttelte verständnislos mein Haupt.
„Danke!“ wisperte die eine Schöne.
„Wofür?“ fragte ich ergrimmt, noch im Schwange meines Unmuts.
„Dass Sie uns hübsch finden.“
„Was finden Sie an uns hübsch?“ wollte die andere wissen.
Ich geriet in Bedrängnis. Erneut bedachte ich, dass ein Fehlurteil zu unangenehmen
Konsequenzen für mich führen könnte. Deshalb ließ ich einen raschen, scheuen Blick über ihre Gesamtstatur – bei der einen von oben nach unten und bei der anderen von unten nach oben – gleiten.
„Alles!“ erwiderte ich präzise.
Neben den ausgesprochen hübschen Gesichtszügen beider gefiel mir auch deren Bekleidung. Jede trug einen Minirock. Kein Kleidungsstück regt die Vorstellungskraft eines Mannes mehr an als ein so knapp bemessenes Röckchen. In solcher Fummelkürze hatte ich meine ehemalige Verlobte und jetzige Ehefrau im Stadium ihrer einstigen Jungfräulichkeit kennen gelernt.
Jawohl, ich war verheiratet und hatte deshalb hier im engen Fahrstuhlraum die verdammte Pflicht, Distanz zu wahren. Meine Verehelichung verschwieg ich den Beiden jedoch, weil ich fürchtete, sie würden indiskret werden und mich über den Zustand meiner Ehe, den Charakter meiner Gattin und die Anzahl meiner Kinder befragen.
Um aus der Not eine Tugend zu machen, sagte ich, dass die Piercings, die sie an Ohren, Lippen und Nase befestigt hatten, von Geschmack zeugen. In Wahrheit hasse ich diese Schönheitsbremsen.
„Wir tragen auch an anderen Körperstellen Piercings“, griff die eine meine Moral schamlos an.
„Wollen Sie mal sehen?“
Selbstverständlich würde ich mal sehen wollen, erwiderte jedoch: „Der Fahrstuhl könnte sich überraschend in Bewegung setzen und ließe auch andere sehen, was ich zu sehen gebeten bin. Das könnte einen falschen Eindruck erwecken.“
„Da seien Sie unbesorgt, der Fahrstuhl wird sich in der nächsten halben Stunde nicht von der Stelle bewegen.“
Erstaunt fragte ich: „Woher wissen Sie das?“
„Wir fahren mit diesem maroden Ding nicht zum ersten Mal. Heute haben wir Glück, dass er zwischen der fünften und sechsten Etage hängen geblieben ist. Neulich war das zwischen der Vierzehnten und Fünfzehnten der Fall. Das Unangenehme ist, dass er abstürzen kann. Von ganz oben fällt man nämlich tiefer als von dieser Stelle aus.“
„Das stellen Sie ohne jegliche Anzeichen von Furcht fest?“ fragte ich, von aufkommender Angst bedrängt.
„Das Leben steckt voller Tücken“, meinte die andere gelassen. „Auch das Überqueren einer Straße kann zum Tode führen.“
„Oder der Sturz von einem Stuhl, wie das meiner Oma passiert war und wir sie deshalb zu Grabe tragen mussten“, setzte die andere fort.
„Oder …“ –
„Halten Sie ein!“ sagte ich entschlossen. „Hier ist nicht der Ort für solche schaurigen
Geschichten.“
„Da haben Sie recht. Deshalb sollte man sich vor dem überraschenden Tod noch einmal so richtig an die Wäsche gehen.“
Weil mir schwante, dass beiden Dämchen ihren apokalyptischen Schlussakkord in die Tat umsetzen würden, nahm ich Zuflucht zum Hinweis, mal nachzusehen, wie weit die Reparaturarbeiten am Fahrstuhl gediehen seien. Ich wies zum Notausstieg an der
Kabinendecke.
„Prima!“ befanden Beide wie aus einem Munde.
Sodann die eine: „Sie machen die Räuberleiter, ich besteige sie und gucke oben durch die Luke.“
Diese Absicht entsprach nicht der meinen, weshalb ich den Vorschlag machte, mich nach oben steigen zu lassen.
Wie ich mir das vorstelle, fragte die andere. Zarte Frauenhände seien für harte Männerfüße nicht geeignet. Ob ich etwa zu geringen Respekt vor dem anderen Geschlecht besitze.
Diese Frage brachte mich etwas aus dem Gleichgewicht. Um nicht den Verdacht aufkommen zu lassen, ich sei ein Emanzipationsgegner, erklärte ich mit einem gewissen Pathos, dass es mir ein Vergnügen sein werde, zarten Frauenfüßen festen Halt zu geben.
„Na bitte, weshalb nicht gleich so“, meinte die, die mich besteigen wollte.
Ich formte beide Hände zur Räuberleiter, schloss züchtig die Augen und fühlte den Aufstieg der leichten Person. Es hätte mich auch schlimmer treffen können, bedachte ich froh. Eine Unmenge deutscher Mädchen und Frauen leidet nämlich an Übergewicht.
„Weshalb halten Sie ihre Augen geschlossen?“ fragte mich die neben mir Stehende. „Haben Sie etwa Angst, Susi fallen zu lassen?“
„Ich habe keine Angst“, erwiderte ich tapfer, „nur kann ich nicht länger als fünf Sekunden nach oben sehen. Bei Überschreitung dieser Zeitdauer wird mir schwindlig.“
Eine Notlüge – na und?
„Scheiße“, ertönte es plötzlich über mir, „ich kann die Klappe nicht öffnen! Sie ist
verklemmt!“
Ich schaute nach oben und sah … -
In diesem Moment setzte sich der Fahrstuhl in Bewegung, hielt kurz darauf mit einem Ruck und öffnete die Tür. Vor dieser standen mehrere Personen, die erstaunt sahen, wie ich eine junge Frau mit Minirock auf Händen hielt. Die zweite wartete vermutlich darauf, ebenfalls gehoben zu werden.
Eine ältere Frau bemerkte verächtlich: „Die Mini-Mode verleitet Männer ständig zur Unzucht!“

Benutzeravatar
Grit
Beiträge: 702
Registriert: 25.05.2011, 13:30
Wohnort: Hannover

Re:

von Grit (18.06.2013, 15:24)
Herrlich amüsant! :lol: thumbbup

Detlef Schumacher
Beiträge: 1318
Registriert: 01.09.2008, 21:15

Re:

von Detlef Schumacher (18.06.2013, 18:23)
Grit, auch dich hebe ich empor - aus Dankbarkeit.

Zurück zu „Buchvorstellung: Belletristik“


Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 0 Gäste

Über BoD

BoD™ ist die führende deutsche Self-Publishing-Plattform. Seit mehr als 20 Jahren sind wir die Anlaufstelle für das einfache, schnelle und verlagsunabhängige Veröffentlichen von Büchern und E-Books. Bereits mehr als 40.000 Autoren haben sich mit uns den Traum vom eigenen Buch erfüllt.